Die Geister des Faschismus

15/08/2018

Angesichts der Krise der liberalen Demokratie und der Bedrohung durch einen neuen Faschismus hilft auf Dauer nur die Überwindung des Kapitalismus.

Europa wird von einer Regression mit faschistischen Dispositionen heim­gesucht. Sie fällt nicht zufällig zusammen mit dem Ausklingen der Dominanz des Westens, der starken Migration sowie den Niederlagen und Deformationen von Befreiungsvisionen, wegen derer das Korrektiv fehlt, welches Ressentiments und autoritäre Führungen aufhalten könnte. Medien und ­Parteien kolportieren die Migration, nicht etwa die Enthumanisierung ­Europas als Problem, im Netz nehmen antisemitische Kommentare überhand und bei Wahlen hat die schnelle Vertreibung von Menschen soziale Themen verdängt.

In Deutschland wäre die Bundeskanzlerin wegen ihrer humanistischen ­Umtriebe fast gestürzt worden. In Italien grassiert der Mussolini-Kult, der Mit­begründer der Regierungspartei Fünf-Sterne-Bewegung, Guiseppe Grillo, setzt Fremde mit »TBC, Krätze, Aids und Cholera« gleich, Victór Orban will ­Ungarn von »artfremden Kulturen« säubern.

Andererseits zieht der Bürger den Verwaltungsakt einem Pogrom vor und es fehlt zu einem kompletten Faschismus an Führerkult und an einer Mehrheit, die Parlamente und Gewerkschaften beseitigen, kritische Intellektuelle verhaften, Ökonomie und Kultur nationalisieren und die Gesellschaft rassistisch säubern will. Aber die Kooperation mit den Massen, auf die der Faschismus angewiesen ist, ist weit fortgeschritten. Nationen schotten sich gegen die Interessen des Kapitals ab, das die Fesseln der Nationalstaaten sprengt und offene Grenzen benötigt. Die Zeit druckt einen Kommentar, der sich gegen die Seenotrettung ausspricht, weil sie die Flüchtlingskrise nur verschlimmere. 25 Prozent der Deutschen sind dafür, an Grenzen auch auf Kinder zu schießen.

Alexander Gauland (AfD): »Wir müssen (…) die grausamen Bilder ­aushalten, wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.« Hier ­äußert sich ein psychischer Totalitarismus, der für Unschuldige die Höchststrafe vorsieht: den Tod.

Ein wichtiges Kriterium für den Quantensprung ist die Ersetzung materi­eller Bedürfnisse durch Parolen. Der Faschismus hat die delikate Aufgabe, praktisch denkende Menschen zu einem irrationalen Verhalten zu bewegen, zum Verzicht fürs Vaterland. Faschismus läuft stets auf die Senkung des Konsums hinaus. Anders funktioniert er nicht, weil die Profite des nationalen Kapitals, das Luxusleben der Führungen, Vettern und Begünstigten, die Militarisierung, die Kriege, Beamtenheere und Spitzelsysteme Unsummen verschlingen. Der NS-Staat war am Ende mit 500 Prozent des Sozialprodukts verschuldet. Dagegen ist der griechische Schuldenberg ein Witz.

 

Motivation

Die Führer lassen sich Villen überschreiben, für andere liegt die Attraktivität des Faschismus in dem Versprechen, mit Fremden tabularasa zu machen, im Mord ohne Schuldgefühl und in der völkischen Kameradschaft. Sie blenden aus, was sie der Ausplünderung des Südens und der Einwanderung zu verdanken haben, oder fürchten sich vor der Rechnung. Ohne Polen keine Stahlindustrie, ohne 13 Millionen Ost-Flüchtlinge kein Wirtschaftswunder, das dann von Millionen Südeuropäern und Türken (und nicht von Keynes) in Schwung gehalten wurde.

Bitter ist, dass Linke seit geraumer Zeit Kriege, Eroberungen und Krisen nicht mehr dem Kapitalismus und dem Mehrwertraub der Nationen zuschreiben, sondern fälschlich der Globalisierung und antisemitisch konnotierten Finanzen. Wenn der Kapitalismus durch das Globale und die Finanzen erst böse geworden sein soll, ist der nationale, »schaffende« Kapitalismus gut und die Sehnsucht nach Nation und Heimat mit ihren ethnischen, rassis­tischen und faschistischen Bindungen und Wahnvorstellungen wächst.
Eine andere Theorie geht von der Verderbtheit des Proletariats durch das Ende der Wertproduktion aus. Micha Brumlik schreibt: »Hier der Pöbel, dort exzessiver, dekadenter Reichtum: Das genau ist die Lage, in der sich westliche, postindustrielle Gesellschaften derzeit befinden (…) in derart zugespitzter Form, dass eine neue Form des ­Faschismus nicht mehr ausgeschlossen erscheint. Motor dieses Abgleitens (…) ist die durch Digitalisierung und Globalisierung ›objektiv‹ überflüssig werdende Arbeiterklasse.« (Blätter für Deutsche und internationale Politik 8/18). Das Abgleiten erfasst alle Gruppen. Die AfD bekommt 19 Prozent der Stimmen von Arbeitern – so groß ist deren Anteil an der Bevölkerung. In den USA haben das Proletariat im Rostgürtel, Bibel­treue, Nationalkeynesianer, Teaparty-Republikaner, der Ku-Klux-Klan und die Alt-Right-Bewegung gemeinsam Donald Trump zum Sieg verholfen.

Immer wieder wird das Ende der Wertproduktion verkündet. 1899 ­weissagte Rosa Luxemburg den Kollaps. Der SDS meinte 1967, dass »die Tota­lität des Maschinenwesens das Wertgesetz abgeschafft« habe. Heute soll das Kapital sich erneut »der wertbildenden Arbeit« beraubt haben. In Wahrheit ­erleben wir keine Postindustrie, sondern den größten Industrieschub aller ­Zeiten. Als Marx den Kapitalismus anhand der Daten von 1861 analysierte, gab es in der führenden Industrienation England 1,7 Millionen Industriearbeiter. Heute sind es in China 300 Millionen. In den führenden Industrieländern ist die Zahl der Industriearbeiter in 150 Jahren um 17 000 Prozent gestiegen – am stärksten in den vergangenen 20 Jahren. Die Annahme, dass diese Menschenmasse keinen Mehrwert produziere, also nicht ausgebeutet werde, ist ebenso esoterisch wie die Andeutung, dass der Mensch ohne Ausbeutung verrückt (pöbelig) werde.

Motoren des Abgleitens sind – neben Dummheit, Ideologie und teuflischen Traditionen – die Marktwirtschaft, die Staaten, Unternehmen und Indivi­duen permanent nach »produktiv« und »unproduktiv« selektiert und ent­sprechend Bewusstsein prägt, sowie die Entfremdung in der Arbeit. Arbeit hat die Menschheit vorangebracht, sie macht aber auch »stumpfsinnig und einfältig« (Adam Smith), konfisziert alle »geistige Tätigkeit« (Friedrich Engels), schafft »Paläste«, aber auch »Blödsinn, Kretinismus für den Arbeiter« (Karl Marx). Der Mensch, der durch die Betriebsdiktatur, in die er jeden Morgen fährt, und andere Zwänge um sein Leben betrogen wird, sucht, sofern er seine Lage nicht kritisch reflektiert, nach einem Objekt, an dem er sich schadlos halten kann.

In Hoyerswerda wurden brandschatzende Männer 1991 nach Motiven ­gefragt. »Neger zwingen ihre Frauen zu Sextänzen in Kellerkneipen«, sagte einer. Ein anderer giftete: »Der hat wahrscheinlich im Heim drei Frauen.« Ein Dritter: »Zigeunerinnen tragen ­keine Unterhosen.« Die »Neger standen nur immer da mit ihrer unverschämten Lässigkeit, selbst nach der Arbeit, wenn sie kaputt waren«, sagte ein ­Arbeiter. Die Verkümmerten projizieren das ihnen abhanden gekommene lebendige Leben in entstellter Form auf Fremde und können erst ruhig schlafen, wenn jene vertrieben oder tot sind. Daran knüpft Björn Höcke (AfD) an, wenn er über den hiesigen »Platzhaltertyp«, der sich nicht vermehre, »und den afrikanischen Ausbreitungstyp«, der sich rasant vermehre, sinniert und sagt: »Das drängendste Problem unserer Zeit ist der Verlust der Männlichkeit. Nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, ­werden wir mannhaft.« Die doppelte Vermannung weist auf Defizite hin.

 

Dichter und Denker

Auch Intellektuelle, die das große Brimborium erregt, sind dabei. 1993 machte der Spiegel-Essay »Anschwellender Bocksgesang« des Dichters Botho Strauß Furore: »Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaubten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.« Was sonst? Man war ­wieder beim Menschenopfer angelangt, das Gott schon im Alten Testament durch das Schaf ersetzt hatte. Martin Walser klagte über die »Moralkeule Auschwitz« und der Philosoph Peter Sloterdijk rühmte Heidegger, der die Epochenfrage gestellt habe: »Was zähmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenzähmung scheitert?« Der Nationalsozia­lismus, meinte Heidegger. Die Aufklärung begreife nicht, »dass nicht der Mensch das Wesentliche ist, sondern das Sein als die Dimension des Eksta­tischen der Eksistenz«. Das Brimborium also. Sodann pries er die »innere Wahrheit und Größe der nationalsozialistischen Bewegung«.

Heute legen Politologen, Psychologen und Robert Habeck uns im Fernsehen ein offenes Ohr für Pegida und die Heimat als Grundbedürfnis nahe. Habeck will sogar allen Menschen, »die sich wegen der Globalisierung heimatlos ­fühlen«, eine »Heimat« spendieren. Die Wirkung ist fatal. Wenn Verblendete annehmen dürfen, dass ihr Wahn sachlich zu erörtern sei oder alle so dächten wie sie, verwandeln sich Vorurteile in Gewissheiten.

 

Die »Lösung«

Das System produziert und reproduziert das Böse. Dagegen ist jede Bewegung wertvoll, die faschistisches Agieren riskant macht und Solidarität aufblitzen lässt. Auf Dauer hilft nur die Überwindung des Kapitalismus, der pausenlos Empathie killen muss, um zu funktionieren. In der neidvollen Projektion, dass Arbeitslose ihre Tage wohl genießen, liegt verschüttet das Fundament der Befreiung. Erwerbstätige müssten nur noch so leben, wie sie es Arbeits­losen neiden, und die vom Sockel stürzen, die ihnen den Weg dahin vesperren, statt ihre Entbehrung an Arbeitslosen, Ausländern und Juden auszu­lassen, die ihnen nichts tun. Arbeitslose wiederum müssten tun, was Erwerbstätige ihnen unterstellen. Auf diese Weise könnte der auf Entbehrung beruhende Anteil am Rassismus und Antisemitismus sinken.

Quelle: https://www.jungle.world/artikel/2018/32/die-geister-des-faschismus

 

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