{"id":1009,"date":"2011-11-11T16:34:35","date_gmt":"2011-11-11T14:34:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1009"},"modified":"2011-11-11T16:34:35","modified_gmt":"2011-11-11T14:34:35","slug":"biografie-von-marco-camenisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1009","title":{"rendered":"Biografie von Marco Camenisch"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/strommasten.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-1010\" title=\"strommasten\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/strommasten-300x137.png\" alt=\"\" width=\"370\" height=\"168\" \/><\/a><\/p>\n<p>Marco Camenisch wurde am 21. Jan. 1952 im Kanton Graub\u00fcnden geboren. Nach dem Abbruch des Gymnasiums (Evang. Mittelschule Schiers) begann er eine Lehre auf dem Plantahof, konnte sich jedoch mit der dort praktizierten modernen Tierzucht nicht anfreunden und zog auf eine Alp.<\/p>\n<p>In den 70ern wurde er zum \u00d6ko-Aktivist und zum engagierten, bald auch zum militanten AKW-Gegner.<br \/>\n1979 versuchten Camenisch und einige Mitstreiter, die Anlagen der Atomlobby zu sabotieren, indem sie u.a. in Graub\u00fcnden Sprengstoffanschl\u00e4ge auf Hochspannungsmasten der NOK (Nordostschweizerische Kraftwerke) ver\u00fcbten.<br \/>\nIm Januar 1980 wurde er zusammen mit einem Mitstreiter verhaftet und wegen Sachbesch\u00e4digung, begangen an einem NOK-Mast bei Bad Ragaz durch das Kantonsgericht Chur zu 10 Jahren Zuchthaus verurteilt (das Strafmass widerspiegelt sowohl die damalige aus Deutschland importierte Terror-Hysterie, sowie die harte Linie gegen alles, was sich nicht den Normen unterordnen wollte, bzw. was nach &#8220;militanter Jugendbewegung&#8221; aussah).<br \/>\nIm Dezember 1981 floh Camenisch zusammen mit 5 Mitgefangenen aus der Strafanstalt Regensdorf (ZH). Dabei wurde ein W\u00e4rter erschossen, ein weiterer verletzt, was die Angelegenheit zu einem Medienereignis werden liess. Obwohl M.C. nachweislich nicht in derjenigen Gruppe war, aus der geschossen wurde, handelte er sich doch den Ruf in der b\u00fcrgerlichen Presse, eines &#8220;gef\u00e4hrlichen Terroristen&#8221; ein.<br \/>\nIn den folgenden 10 Jahren geh\u00f6rte er zu den meistgesuchten Personen der Schweiz. Ger\u00fcchte besagten, dass er sich in den s\u00fcdlichen Alpent\u00e4lern Graub\u00fcndens versteckt halte; andere Quellen glaubten zu wissen, dass er sich in Italien einer militanten Anti-AKW-Gruppe angeschlossen habe &#8230; genaueres wusste niemand.<br \/>\nErst am 3. Dezember 1989 wurde Marco Camenisch wieder gesichtet, als er in Brusio (GR) das Grab seines k\u00fcrzlich verstorbenen Vaters, eines Zollbeamten besuchte. Nur wenige hundert Meter vom Friedhof entfernt wurde kurz darauf ein Z\u00f6llner erschossen aufgefunden. Sensationspresse und Staatsschutz verd\u00e4chtigten (selbstverst\u00e4ndlich) Camenisch der Tat.<\/p>\n<p>Im November 1991 wurde Camenisch in der Toscana von der italienischen Polizei verhaftet. Beim Schusswechsel anl\u00e4sslich der Festnahme wurde ein Polizist leicht und M.C. schwer verletzt (die Schusswunden in Beine und Knie sind nie ausgeheilt).<br \/>\nEin italienisches Gericht (Massa Carrara) verurteilte ihn 1993 wegen schwerer K\u00f6rperverletzung und wegen Sabotage-Aktionen gegen die Elektrizit\u00e4tswirtschaft (Anschl\u00e4ge auf Strommasten) zu zw\u00f6lf Jahren Zuchthaus. Zudem stimmte es einem Gesuch der Schweizer Beh\u00f6rden nach Auslieferung zu, diese sollte aber erst nach Teilverb\u00fcssung der Strafe erfolgen.<br \/>\nIn den folgenden Jahren sass M.C. in Hochsicherheitsgef\u00e4ngnissen und teilweise in Isolationshaft. Aus dem Gef\u00e4ngnis heraus setzte er seinen politischen Kampf fort und engagierte sich f\u00fcr Menschenrechte.<br \/>\nAm 18. April 2002 wurde Camenisch an die Schweiz ausgeliefert, wo ihn eine Reststrafe von 8 Jahren (Gerichtsurteil Chur), ein Haftbefehl im Zusammenhang mit der Flucht aus Regensdorf (BA Dielsdorf) und ein weiterer der Stawa Graub\u00fcnden (Verdacht auf T\u00f6tung des Grenzw\u00e4chters in Brusio, 1989) erwartete.<br \/>\nZur Zeit sitzt Marco Camenisch im Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis Pf\u00e4ffikon (ZH) ein. Seine Gesundheit ist schwer angeschlagen, zur Teilinvalidit\u00e4t durch die Schussverletzungen sind u.a. noch ein Tumor an der rechten Nebenniere sowie ein Blutgef\u00e4sstumor der Leber gekommen.<br \/>\nAm 14.12.2002 wird M.C. nach Krauchtal (BE) in das Zuchthaus Thorberg verlegt,- angeblich in \u00abNormalvollzug\u00bb. Wie aus seinen Briefen hervorgeht, wird er jedoch auch hier als Hochsicherheits-H\u00e4ftling mit speziell strengem Haftregime behandelt. Er protestiert und tritt am 18.01.03 in einen Hungerstreik. Vier Tage darauf wird er wieder in das Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis Pf\u00e4ffikon zur\u00fcckverlegt.<br \/>\nIm Januar 03 finden weltweit Solidarit\u00e4tskundgebungen f\u00fcr M.C. statt. Die spektakul\u00e4rsten Aktionen ver\u00fcben, von der herrschenden Porpagandamschinerie sog. \u00ab\u00d6ko-Terroristen\u00bb in Italien, wo u.a. eine Relaisstation der RAI in Bergamo sowie die Talstation der Gondelbahn in Abetone zerst\u00f6rt werden (Slogan: \u00abFeuer f\u00fcr die Zerst\u00f6rer, Freiheit f\u00fcr Marco\u00bb).<br \/>\nDas zweitinstanzliche Schwurgericht in Rom verk\u00fcndet am 1. Februar 2003 die Urteile in einem Prozess gegen 46 Anarchisten: ein Angeklagter bekommt lebensl\u00e4nglich, 7 weitere werden zu insgesamt 95 Jahren Haft verurteilt, die Restlichen werden freigesprochen.<br \/>\nUnter den Freigesprochenen ist auch Marco Camenisch. Der Generalstaatsanwalt Antonio Marini hatte f\u00fcr ihn eine Freiheitsstrafe von 6 Jahren gefordert. Camenisch war angeklagt, Angeh\u00f6riger der Kerngruppe der &#8220;aufst\u00e4ndischen revolution\u00e4r-anarchistischen Organisation&#8221; von Alfredo Maria Bonanno zu sein. Diese sollten laut Anklage Sabotageakte gegen Sachen und Personen, Geiselnahmen, Raub\u00fcberf\u00e4lle und weiteres ver\u00fcbt haben.<br \/>\nIn der Schweiz wird M.C. indes von Gef\u00e4ngnis zu Gef\u00e4ngnis verschoben &#8230;<br \/>\nIm Mai\/Juni 2004 findet in Z\u00fcrich der Geschworenenprozess gegen M.C. statt. Die Anklage lautet auf Beteiligung an der Ermordung eines Aufsehers anl\u00e4sslich des Ausbruchs von 1981 (s.o) sowie auf Mord an einem Z\u00f6llner in Brusio (1989).<br \/>\nBez\u00fcglich des ersten Falles verneint das Gericht eine aktive Mitschuld von M.C. am Tod des Aufsehers. Beim Z\u00f6llnermord hingegen erachtet es M.C. f\u00fcr \u00abzweifelsfrei\u00bb schuldig. Dies, obwohl die Indizienkette l\u00fcckenhaft war und von den Zeugen widerspr\u00fcchliche Angaben gemacht wurden.<br \/>\nDas Strafmass ist exemplarisch hoch: 17 Jahre Zusatzstrafe zu den 12 Jahren, zu welchen er in Italien verurteilt worden war (die Arithmetik besagt, dass er mit dem Urteil \u00abLebensl\u00e4nglich\u00bb weniger lang sitzen m\u00fcsste!).<br \/>\nAm 12. und 13. M\u00e4rz 2007 hat das Z\u00fcrcher Geschworenengericht ein weiteres mal \u00fcber den anarchistischen Gefangenen Marco Camenisch befunden; denn das Bundesgericht hat das Strafmass des letzten Prozesses im Sommer 04 als zu hoch zur\u00fcckgewiesen. der zust\u00e4ndige Staatsanwalt Ulrich weder verlangte eine psychiatrische Begutachtung von Marco, damit er verwahrt werden kann. Die Staatsanwaltschaft vertreten durch Herr Weder stellte den Antrag um Marco Camenisch zwangs begutachten zu lassen. Um ihn dann sp\u00e4ter auf Lebenszeit zu verwahren. Dem Antrag wurde nicht statt gegeben. Die Strafe musste auf die im spezifischen Fall juristisch m\u00f6gliche H\u00f6chstbemessung von 8 Jahren herabgesetzt werden, was insgesamt 30 Jahre Knast mit Strafende Mai 2018 bedeutet.<\/p>\n<p>Im Oktober 2010 wurde Marco ein weiteres mal verlegt. Seit seinem Prozess (vor 8Jahren) war er in P\u00f6schwies. Kurz vor seiner Versetzung gab es eine Kampagne f\u00fcr die Freiheit revolution\u00e4rer Langzeitgefangener, in der Marco einen kollektiven Hungerstreik mit den seit dem 15. April 2010 in der Schweiz inhaftierten italienischen \u00d6koanarchistInnen Silvia, Billy und Costa gemacht hat. In dieser Zeit gab es eine Demos und viele verschiedene Aktionen zum Hungerstreik.<\/p>\n<p>Zu seiner Verschleppung schrieb Marco:<br \/>\nLiebe GenossInnen<br \/>\nDo. 7.10.10.10 vor Arbeitsbeginn nachmittags wurde ich ich \u00fcber die Gegensprechanlage der Zelle \u201einformiert\u201c es habe keine Arbeit, ich k\u00f6nne auf der Zelle bleiben (in 6 Jahren nie dagewesen. Ha, ha&#8230;), dann wurde ich ins Abteilb\u00fcro gerufen, \u201e Herr Hauenberger (Chef Abteile 5-8) wollte mich sprechen\u201c, da war er aber nicht und zwei Pr\u00e4torianer-W\u00e4rter (gross, nach viel Muskel- und wenig Hirnmasse ausgew\u00e4hlt) brachten mich zum Umkleide- und Effektendienst (\u201eder Hatschier muss Ihnen etwas zeigen\u201c, \u00fcbliche Masche..) Dort weitere Pr\u00e4torianer, mir wurde die Versetzungsverf\u00fcgung von Herrn Thomas Noll, sattsam bekannter \u201eVollzugschef\u201c Direktionsmitglied und ehemaliger Notfallpsychiater P\u00f6schwies, vorgelegt. Versetzung wegen \u201eGef\u00e4hrdung der Anstalt wegen Demos\u201c und \u201eGef\u00e4hrdung des Personals\u201c. Entzug der aufschiebenden Wirkung aus \u201eSicherheitsgr\u00fcnden\u201c der 10-t\u00e4gigen Rekursfrist, und Orbe habe sich zu meiner Weiterinternierung bereit erkl\u00e4rt. Musste mich umkleiden und ohne effekten \u201ekommen nach\u201c mit einschneidenden Kabelbindern an den Handgelenken am Gurt befestigt und Fussketten, an der Klappenkiste befestigt, mit 4 ZH Bullen losfliegen. Landung Yverdon les Bains auf einem von vermummten Bullen abgesperrten Industrieparkplatz. Die brachten mich mit Transporter rasch hierher, wo ich im \u201eEintrittsabteil\u201c neugierig auf meine \u201eWare\u201c warte. Immerhin in \u201ePrivatkleidern\u201c Uniform gelte f\u00fcr die Arbeit. Auch sonst sieht es so aus, als werde hier Perfidie und Schwachsinn etwas weniger auf die Spitze getrieben als im Avantgardeknast P\u00f6schwies des Justizabschaums ZH.<br \/>\nIst aber soweit irrelevant, relevant hingegen ist die eindeutige politische Repressalie und Geiselstatus-Dynamik als politischer bzw. Kriegsgefangener vom Staat und Kapital, und Verantwortlichkeit der Kantone bzw. Institutionen Z\u00fcrich\/Vaud. Nun nehme ich aber keinesfalls an, dass sich militanter Widerstand durch kopflose und schw\u00e4che beweisende Symptom Bek\u00e4mpfung seitens der Repression so billig ins Bockshorn jagen, einsch\u00fcchtern und erpressen l\u00e4sst&#8230; (smiley)<br \/>\nSondern im Gegenteil, dass sie ihre Lage nur noch ein klein wenig verschlimmert haben, dass auch diese weitere kleine Entlarvung ihrer paranoiden Verkommenheit wieder um zu auch grundlegender militanter Reflexion, Analyse und theoretisch-praktischer Entwicklung und St\u00e4rkung als korrekte Richtung weit \u00fcber den spezifischen (Fall, Repression) hinaus bewirken kann.<br \/>\nSeid herzlichst umarmt, a pesto Marco.<\/p>\n<p>Im Januar 2011 wurde Marco erneut verlegt, nach Lenzburg im Aargau.<\/p>\n<p>Marco hat sich bis heute nie brechen lassen, auch von den harten Gef\u00e4ngnisbedingungen in Regensdorf. Er ist ein aufst\u00e4ndischer Gr\u00fcn- Anarchist geblieben. Es gab und gibt immer wieder Knastspazierg\u00e4nge und Soliaktionen f\u00fcr ihn. Diese werden auch nicht aufh\u00f6ren bis Marco endlich frei ist. K\u00e4mpfen wir daf\u00fcr. Schreibt Marco, solidarisiert euch mit ihm:<\/p>\n<p>Marco Camenisch<br \/>\nPostfach 75<\/p>\n<p>5600 Lenzburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marco Camenisch wurde am 21. Jan. 1952 im Kanton Graub\u00fcnden geboren. Nach dem Abbruch des Gymnasiums (Evang. 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