{"id":1194,"date":"2012-01-25T12:13:00","date_gmt":"2012-01-25T11:13:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1194"},"modified":"2012-01-25T12:13:00","modified_gmt":"2012-01-25T11:13:00","slug":"zypern-grenze-besetzt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1194","title":{"rendered":"Zypern: Grenze besetzt!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Grenzcamp der besonderen Art steht seit inzwischen mehr als drei Monaten in der &#8220;Toten Zone&#8221;, der UN-Pufferzone zwischen den beiden  Teilen von Nikosia, der Hauptstadt Zyperns.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/zypern.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1195\" title=\"zypern\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/zypern.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/zypern.jpg 640w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/zypern-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a>Erst mal was zur Vorgeschichte dieser Grenze. Zypern ist seit 1974  in einen t\u00fcrkischsprachigen, muslimischen Norden und einen  griechischsprachigen, christlich-orthodoxen S\u00fcden geteilt. Nach dem  zweiten Weltkrieg stand die Insel unter britischer Verwaltung, gegen die sich jedoch Widerstand entwickelte. Vor allem die griechische  Bev\u00f6lkerung wollte nach dem Vorbild Kretas den Anschluss an Griechenland und begann schlie\u00dflich einen bewaffneten Aufstand. Die t\u00fcrkische  Minderheit war dagegen, da sie sich weder unter griechischer  Vorherrschaft noch durch einen eventuellen Anschluss an die T\u00fcrkei eine  Verbesserung ihrer Lebensumst\u00e4nde erhoffte und ihr deswegen die  britische Besatzung als kleinstes \u00dcbel erschien. Der Aufstand war  erfolgreich, auf Druck der T\u00fcrkei wurde die Insel jedoch ein  unabh\u00e4ngiger Staat und durfte nicht Teil Griechenlands werden.<\/p>\n<p>Das Klima zwischen den ethnischen Gruppen auf der Insel war seither  vergiftet, es kam zu Gewalt, Ghettoisierung und Vertreibung der  jeweiligen Minderheiten. In Nikosia konnten ChristInnen nicht mehr im  Norden leben und Moslems nicht mehr im S\u00fcden. Dieser Konflikt eskalierte im Zypernkrieg von 1974. Die griechische Milit\u00e4rdiktatur versuchte (vor allem, um mit einer &#8220;patriotischen&#8221; Aktion von ihren innenpolitischen  Problemen abzulenken) den Anschluss der Insel an Griechenland  durchzusetzen, die t\u00fcrkische Armee besetzte den Nordostteil Zyperns und  schlie\u00dflich musste die UNO die Waffenstillstandslinie sichern, die  mitten durch die Hauptstadt Nikosia (griechisch Levkosia \/ t\u00fcrkisch  Lefkosa) verlief. Positiver Nebeneffekt war nur, dass wegen dieser  Pleite letztlich die griechische Milit\u00e4rdiktatur st\u00fcrzte.<\/p>\n<p>Die  verbliebenen Minderheiten wurden nun jeweils in &#8220;ihre&#8221; Zone umgesiedelt  (was nochmal mit sehr viel Gewalt und Pogromen einherging), und nur alte Ortsnamen und verwilderte Friedh\u00f6fe zeugen noch davon, wer fr\u00fcher  einmal wo gelebt hatte. Im Norden wurde die &#8220;unabh\u00e4ngige t\u00fcrkische  Republik Nordzypern&#8221; ausgerufen. Diese steht allerdings unter starkem  Einfluss des t\u00fcrkischen Staates, deswegen erkennt auch nur die T\u00fcrkei  sie als unabh\u00e4ngigen Staat an, der Rest der Welt h\u00e4lt sie schlicht f\u00fcr  eine t\u00fcrkische Besatzungszone (dort wird auch mit t\u00fcrkischen Lira  bezahlt). Der S\u00fcden, ein unabh\u00e4ngiger Staat und mittlerweile  EU-Mitglied, ist heute ein boomendes Ferienparadies, verhunzt von  touristischen Gro\u00dfprojekten und hemmungsloser Bauwut, das sich momentan  zu einer Art russischem Mallorca entwickelt. Bezahlt wird in Euro, und  zwar schweineteuer.<\/p>\n<p>(Diese Geschichte kann man sicher auch ganz  anders erz\u00e4hlen; in griechischen und t\u00fcrkischen Schulb\u00fcchern findet Ihr  Darstellungen, die mit dieser hier nur entfernt zu tun haben und  einander sowieso diametral widersprechen. Das hier ist meine Version,  die ich vor Ort aufgeschnappt habe &#8212; haupts\u00e4chlich von nicht ganz  patriotischen jungen Leuten auf beiden Seiten der Grenze.)<\/p>\n<p>Proteste gegen die Grenze hatte es schon seit einiger Zeit gegeben. Im Rahmen  sozialer Proteste und mehrerer Generalstreiks letzten Winter gegen  Sparpl\u00e4ne der Regierung im t\u00fcrkischen Nordteil war auch die Forderung  nach echter Unabh\u00e4ngigkeit von der T\u00fcrkei und dem Abzug der t\u00fcrkischen  Armee aufgekommen. Im griechischsprachigen S\u00fcden gab es parallel dazu  ebenfalls Demonstrationen gegen die Teilung.<\/p>\n<p>Inspiriert durch  die Occupy-Bewegung begann eine Handvoll AnarchistInnen am 15. Oktober  zun\u00e4chst mit w\u00f6chentlichen Treffen zwischen den beiden Grenzposten im  Zentrum Nikosias, mehr spa\u00dfeshalber wurde das ganze gleich &#8220;Occupy  Buffer Zone&#8221; bzw. &#8220;Occupy Dead Zone&#8221; genannt. Mit der Zeit hatten diese  &#8220;Asambleas&#8221; dann immer mehr Zulauf von beiden Seiten der Grenze. Im  November wurde schlie\u00dflich ein permanentes No-Border-Camp daraus, es  wurden Zelte aufgestellt, eine K\u00fcche eingerichtet usw.<\/p>\n<p>Die Forderungen der CamperInnen lauten wie folgt:<\/p>\n<ul>\n<li>1. Keine Polizei, kein Milit\u00e4r, keine Grenzen.<\/li>\n<li>2. Umverteilung des Eigentums der Institutionen mit Grundbesitz (einschlie\u00dflich der Kirche) an die Menschen.<\/li>\n<li>3. L\u00f6sung der &#8220;Zypernfrage&#8221;.<\/li>\n<li>4. Zugang zu Wohlfahrt f\u00fcr alle (angemessene Unterkunft, Gesundheitsversorgung, unparteiische Erziehung).<\/li>\n<\/ul>\n<p>In einer ausf\u00fchrlicheren Form macht das Manifest dazu konkrete Vorschl\u00e4ge  und befasst sich zudem mit Themen wie Umwelt, Kapitalismus und  Einwanderung; das englische Original findet Ihr unter diesem Artikel.<\/p>\n<p>Die Pufferzone ist ein 100 Meter breiter Streifen quer durch das Zentrum  der geteilten Stadt. Ein kompletter Stra\u00dfenzug einschlie\u00dflich der  H\u00e4userblocks rechts und links davon ist ger\u00e4umt und wird von der UNO  kontrolliert. Die leeren H\u00e4user stehen seit dem Ende des B\u00fcrgerkriegs  vor 40 Jahren praktisch unver\u00e4ndert da &#8212; die Fenster mit allm\u00e4hlich  zerbr\u00f6selnden Sands\u00e4cken gef\u00fcllt, mit kleinen Schie\u00dfscharten f\u00fcr die  Scharfsch\u00fctzen, als k\u00f6nnte es jeden Augenblick wieder losgehen. Weil  auch politisch in den letzten Jahren einiges in Bewegung gekommen ist  und ein Ende der Teilung nicht mehr vollkommen utopisch erscheint,  stehen allerdings auch schon die Immobilienhaie in den Startl\u00f6chern; die Situation ist ein bisschen mit Berlin zu vergleichen. S\u00fcdnikosia ist ja relativ reich, mehrere Dutzend Hektar potentielles Bauland mitten in  der k\u00fcnftigen gemeinsamen Hauptstadt wecken da bereits jetzt  Begehrlichkeiten.<\/p>\n<p>Die Zelte wurden nun zun\u00e4chst in dieser  gesperrten Stra\u00dfe zwischen den ger\u00e4umten H\u00e4userblocks aufgestellt. Die  traditionelle &#8220;Winter Street Parade&#8221;, die seit einigen Jahren jeden  Dezember durch den S\u00fcdteil Nikosias zieht und heuer auf den 24.12. fiel, startete diesmal direkt am Grenzcamp. Es war weniger lustig als auch  schon, erstens regnete es in Str\u00f6men und zweitens meinte offenbar der  neue konservative B\u00fcrgermeister sich mit einem stressigen Bulleneinsatz  profilieren zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Das neue Jahr wurde abseits vom Zugriff  der Cops beider Seiten direkt im Camp gefeiert. Eine Teilnehmerin  schildert es so: &#8220;Das Protestcamp ist das lustigste und chilligste von  allen, die ich bisher mitbekommen habe. Auf der Silvesterparty wurde um  Feuertonnen herumgetanzt, in der ganzen Pufferzone wurde Reggae gespielt &#8212; und nebenbei besetzten ein paar Leute heimlich ein angrenzendes  Geb\u00e4ude.&#8221; In den gesquatteten R\u00e4umen, einem Laden und einer Werkstatt,  entsteht nun ein autonomes Kulturzentrum mit Infoladen. Jeden Tag ist um 19 Uhr Plenum, und es gibt viele weitere Angebote, donnerstags gibt es  abends immer einen Tango-Workshop, entlang der gesperrten Stra\u00dfe wird  ein bisschen &#8220;guerilla gardening&#8221; betrieben, Protestaktionen in beiden  Teilen der Stadt werden organisiert usw.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch  Konflikte mit der Obrigkeit. &#8220;Eigentlich&#8221; sympathisiert die UNO ja mit  den CamperInnen, weil die f\u00fcr die Wiedervereinigung sind. In der Praxis  sieht es manchmal anders aus. Zum Beispiel, als t\u00fcrkischsprachige  CamperInnen ein Soli-Transpi f\u00fcr Halil Savda (Kriegsdienstverweigerer in der T\u00fcrkei) und gegen Folter in der Armee aufh\u00e4ngten. Nach Neujahr  besuchten, offenbar zur Einsch\u00fcchterung, Soldaten des t\u00fcrkischen Nordens das Camp (was eigentlich vollkommen illegal ist, die demilitarisierte  Pufferzone ist f\u00fcr das Milit\u00e4r beider Seiten absolut tabu). Auf Wunsch  des nordzyprischen Milit\u00e4rs entfernte die UN-Truppe schlie\u00dflich das  Transparent. Die CamperInnen kritisierten, dass diese Form der Zensur  eigentlich nicht zu den Aufgaben der UNO geh\u00f6rt, und h\u00e4ngten stattdessen ein Transparent auf, das der UNO vorwirft, Folter in der t\u00fcrkischen  Armee zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Die Geschichte k\u00f6nnt Ihr auf den Internetseiten von Occupy Bufferzone weiterverfolgen (das meiste auf Englisch):<\/p>\n<p>HP (Facebook): <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/de.indymedia.org\/img\/extlink.gif\" alt=\"\" \/> <a href=\"http:\/\/www.occupybufferzone.info\/\">http:\/\/www.occupybufferzone.info<\/a><br \/>\nBlog: <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/de.indymedia.org\/img\/extlink.gif\" alt=\"\" \/> <a href=\"http:\/\/occupybufferzone.wordpress.com\/\">http:\/\/occupybufferzone.wordpress.com\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Grenzcamp der besonderen Art steht seit inzwischen mehr als drei Monaten in der &#8220;Toten Zone&#8221;, der UN-Pufferzone zwischen den beiden Teilen von Nikosia, der Hauptstadt Zyperns.  <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1194\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,6,18],"tags":[223,222,156,221],"class_list":["post-1194","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aus-aller-welt","category-news","category-squat-the-world","tag-besetzt","tag-grenze","tag-occupy","tag-zypern"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1194","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1194"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1194\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1197,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1194\/revisions\/1197"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}