{"id":1221,"date":"2012-02-05T22:13:36","date_gmt":"2012-02-05T21:13:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1221"},"modified":"2012-02-05T22:13:36","modified_gmt":"2012-02-05T21:13:36","slug":"%c2%bbassad-spielt-nicht-er-totet-uns%c2%ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1221","title":{"rendered":"\u00bbAssad spielt nicht, er t\u00f6tet uns\u00ab"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anders als in \u00c4gypten und Tunesien sind die Proteste in Syrien \u00fcber das ganze Land verteilt \u2013 koordiniert von Basiskomitees<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/syrienstein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1222 alignleft\" style=\"border: 0pt none; margin: 10px;\" title=\"syrienstein\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/syrienstein-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/syrienstein-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/syrienstein.jpg 735w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>An diesem Freitag versammeln sich in der Moschee von Al Moadamyeh  deutlich mehr Menschen als noch an jedem Freitag vor einem Jahr. Der  gro\u00dfe, mit Teppichen ausgelegte Betraum ist bis auf den letzten Platz  gef\u00fcllt. Auch die Empore, wo sich die Frauen zum Gottesdienst  versammeln, ist gut gef\u00fcllt. Und wie in dem Damaszener Vorort sieht es  heute in vielen Moscheen in ganz Syrien aus.<\/p>\n<p>\u00bbSyrien ist heute nicht gl\u00e4ubiger als vor dem 15. M\u00e4rz vergangenen  Jahres\u00ab, erkl\u00e4rt Hozan Ibrahim, ein 29-j\u00e4hriger Aktivist, der jetzt in  Berlin lebt und engen Kontakt zu den Aktivisten vor Ort h\u00e4lt. \u00bbDie  Menschen nutzen die Moscheen als Versammlungsorte, weil alle anderen  M\u00f6glichkeiten, sich zu versammeln, untersagt sind. Selbst alle  Fu\u00dfballspiele, die in gro\u00dfen Stadien stattfinden sollten, sind verboten,  weil zu viele Menschen kommen k\u00f6nnten. Dabei wollen die Menschen nur  ihr Recht auf Meinungs- und Versammlungsfreiheit nutzen.\u00ab<\/p>\n<p>Es sind bei Weitem nicht nur Muslime, die zum Freitagsgebet  erscheinen, auch zahlreiche Christen und Drusen str\u00f6men in das gro\u00dfe  Geb\u00e4ude mitten im Stadtteil. Auch S\u00e4kulare, die vielleicht formell den  Sunniten angeh\u00f6ren, der gr\u00f6\u00dften Religionsgemeinschaft in Syrien, f\u00fcllen  die Moschee.<\/p>\n<p><strong>Videos dokumentieren Angriffe auf Proteste<\/strong><\/p>\n<p>In der Mittagszeit, nach dem Gebet, str\u00f6men die Menschen gemeinsam auf  die Stra\u00dfe, und hier erf\u00fcllt sich f\u00fcr viele der Zweck, warum sie  gekommen sind: Mit Parolen fordern sie Demokratie und Menschenrechte,  einige ziehen Papierschilder hervor, die den R\u00fccktritt von Pr\u00e4sident  Bashar al-Assad verlangen. Passanten schlie\u00dfen sich an, sodass die  Demonstration in ihrer Gr\u00f6\u00dfe w\u00e4chst. Zu den politischen Forderungen  kommt an diesem Freitag als Motto die Solidarit\u00e4t mit den Einwohnern von  Homs hinzu. In der Industriestadt mit rund einer halben Million  Einwohnern wurden im Lauf der letzten Woche mehr als 45 Zivilisten auf  Demonstrationen von Sicherheitskr\u00e4ften erschossen.<\/p>\n<p>Die Moschee von Al Moadamyeh galt im letzten Sommer als Schwerpunkt  der Proteste, bis sie mehrfach angegriffen wurde: Polizisten und  halboffizielle Pr\u00fcgeltrupps, sogenannte Schabiha, st\u00fcrmten die Moschee  und schlugen auf die Versammelten ein. Auch die gesamte Einrichtung  wurde zerst\u00f6rt. In den vergangenen Wochen kamen wieder mehr Aktivisten \u2013  doch die Demonstration kommt nicht weit. Auf Videos, die sp\u00e4ter auf  Youtube, Facebook und Twitter die Runde gemacht haben, ist zu sehen, wie  Sicherheitskr\u00e4fte die Demonstranten mit Holzlatten verpr\u00fcgeln. M\u00e4nner  des Geheimdiensts schlagen auf friedliche Demonstranten ein,  blut\u00fcberstr\u00f6mte K\u00f6rper werden \u00fcber die Stra\u00dfe geschleift und in  Polizeifahrzeuge bugsiert. \u00dcber 80 Menschen werden hier festgenommen und  landen mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Folterkellern des  Assad-Regimes.<\/p>\n<p>\u00bbEs hat mich so hilflos gemacht mit anzusehen, wie wir angegriffen  wurden\u00ab, sagt sp\u00e4ter Perwin Omar (Name ge\u00e4ndert). Die 28-j\u00e4hrige  Aktivistin vom Koordinationskomitee Al Moadamyeh, das die Demonstration  vorbereitet hatte, konnte die Szene auf Video festhalten. \u00bbIch fl\u00fcchtete  mich in einen Hausflur, als Polizisten mit erhobenen Holzst\u00f6cken auf  uns zu gerannt kamen. Jemand \u00f6ffnete mir schnell die T\u00fcr und heimlich  konnte ich aus dem Fenster filmen, wie brutal sie auf die Demonstranten  einschlugen und eintraten, auch nachdem diese l\u00e4ngst auf dem Boden  lagen. Ich habe gesehen, wie sie versucht haben, besonders diejenigen  festzunehmen, die Handykameras oder Schilder dabei hatten.\u00ab<\/p>\n<p>Wie in Al Moadamyeh gibt es insgesamt \u00fcber 300 lokale Komitees in  ganz Syrien, die vor Ort Demonstrationen organisieren, sich um die  Verwundeten und Gefangene k\u00fcmmern und die Menschenrechtsverletzungen der  Regierung dokumentieren. Von ihnen stammen die tausenden Clips im  Internet, auf denen zu sehen ist, wie auf Demonstrationen eingepr\u00fcgelt  oder sogar geschossen wird, wie Panzer durch die Innenst\u00e4dte fahren und  versuchen, Versammlungen aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Auf den Stra\u00dfen sind Menschen fast aller Altersgruppen zu sehen, und  so heterogen wie die Demonstranten sind auch die Komitees, die den  Protest koordinieren. Angetrieben von der Ungerechtigkeit der Diktatur,  dem Frust \u00fcber Vetternwirtschaft und absolute Kontrolle durch die 16  verschiedenen Geheimdienste im Land, haben sich breite Koalitionen  gebildet, die in ihrer Zusammensetzung fast immer verschiedene  Geschlechter, Religionsgemeinschaften und Ethnien umfassen. Diese  Unterschiede werden vom gemeinsamen Wunsch nach einer neuen,  emanzipatorischen Politik \u00fcberbr\u00fcckt, die eine freiere, offenere  Gesellschaft erm\u00f6glichen soll.<\/p>\n<p>\u00bbDie Komitees leisten die Hauptarbeit im Aufstand gegen das  Assad-Regime. Ich finde es beeindruckend, dass sie sich von diesen  Gewaltszenen nicht aufstacheln lassen\u00ab, sagt Ibrahim, nachdem er sich in  seiner Berliner Wohnung wieder und wieder das Video aus Al Moadamyeh  angeschaut hat. \u00bbSie sind es, die verhindern, dass sich die Menschen  gewaltsam gegen die Schergen des Assad-Clans wehren \u2013 und das ist auch  gut so. Die internationale Gemeinschaft sollte auch dar\u00fcber nachdenken,  wie die Menschen gesch\u00fctzt und der unbewaffnete Aufstand unterst\u00fctzt  werden k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p>Nach mehr als zehn Monaten regelm\u00e4\u00dfiger Proteste sind die eigenen  Ressourcen der Nachbarschaftsinitiativen, aus denen viele der Komitees  entstanden sind, weitgehend aufgebraucht, auch weil sich die \u00f6konomische  Lage in Syrien st\u00e4ndig verschlechtert. Zwar sollen die  Handelssanktionen vor allem das Regime treffen, doch auch die Aktivisten  sind betroffen. Vor allem die Mitglieder der Komitees, die in den  Untergrund gehen mussten, um der Verfolgung der Geheimdienste zu  entgehen, ben\u00f6tigen Hilfe. Etwa 450 Euro kosten eine geheime Wohnung und  Lebensmittel f\u00fcr drei Untergetauchte. Aber auch die  Kommunikationsmittel wie Internetanschl\u00fcsse oder Telefone sind teuer,  wenn sie zugleich Schutz vor staatlicher Kontrolle bieten sollen.<\/p>\n<p>Bislang tr\u00e4gt vor allem das individuelle Bekanntschafts- und  Verwandtschaftsnetz der Aktivisten die Kosten, oder Nachbarn gehen das  gro\u00dfe pers\u00f6nliche Risiko ein und gew\u00e4hren Unterschlupf in der eigenen  Wohnung. Doch auch wenn die meiste Hilfe von au\u00dfen humanit\u00e4rer Natur  ist, unterst\u00fctzen inzwischen private Initiativen aus anderen L\u00e4ndern  auch die politische Arbeit der Komitees.<\/p>\n<p><strong>Untertauchen \u2013 wegen der Geheimdienste<br \/>\n<\/strong><br \/>\nNeben den Demonstrationen und Protestaktionen geh\u00f6rt zur politischen  Arbeit auch die Reaktion auf die Propaganda der Regierung. Staatliche  Medien verbreiten st\u00e4ndig, bei den Aktivisten w\u00fcrde es sich um  bewaffnete Terroristen handeln, deren einzige Ziele B\u00fcrgerkrieg und  Separatismus seien. Die beiden gr\u00f6\u00dften Aktivisten-Netzwerke halten  dagegen, dass sie ein s\u00e4kulares, integrales Syrien wollten, das  Menschen- und Minderheitenrechte wahrt. Diskussionen \u00fcber diese Rechte  und die Rolle der Religion im Staat fangen in Syrien gerade erst an \u2013  auch hier spielen die Aktivisten in den Komitees eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>In einem Bericht aus dem Untergrund schreibt die bekannte  Menschenrechtsaktivistin Kahwla Dunia: \u00bbEs ist inzwischen nicht mehr  ungew\u00f6hnlich, wenn eine s\u00e4kulare und eine religi\u00f6se Frau gemeinsam  demonstrieren gehen, wenn ein religi\u00f6ser Prediger mit einem Linken  komplexe gesellschaftliche Debatten f\u00fchrt oder wenn sich Menschen aus  st\u00e4dtischen und l\u00e4ndlichen Gebieten in einem Privathaus treffen,  au\u00dferhalb der Sicht- und Reichweite der Sicherheitsdienste, um sich \u00fcber  Demokratie und einen zivilen Staat zu unterhalten. Doch obwohl Syrien  heute ein Land ist, das zum ersten Mal so etwas wie eine  zivilgesellschaftliche \u00d6ffentlichkeit erlebt, m\u00fcssen wir Aktivistinnen  und Aktivisten im Geheimen und aus dem Untergrund heraus arbeiten. Zu  viel Offenheit m\u00fcssten wir mit unserem Leben bezahlen.\u00ab<\/p>\n<p><em>Unser Autor Aktham Abazid kam 1999 aus Syrien zum Studium nach  Deutschland und ist hier geblieben. In Berlin hat er den  deutsch-syrischen Sozialverein Lien e.V. aufgebaut und h\u00e4lt enge  Kontakte zu Verwandten und Aktivisten in sein Herkunftsland<\/em>.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/uprising.blogsport.de\/2012\/02\/05\/assad-spielt-nicht-er-toetet-uns\/#more-1466\" target=\"_blank\">http:\/\/uprising.blogsport.de\/2012\/02\/05\/assad-spielt-nicht-er-toetet-uns\/#more-1466<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anders als in \u00c4gypten und Tunesien sind die Proteste in Syrien \u00fcber das ganze Land verteilt \u2013 koordiniert von Basiskomitees<\/p>\n<p>An diesem Freitag versammeln sich in der Moschee von Al Moadamyeh deutlich mehr Menschen als noch an jedem Freitag vor einem Jahr. Der gro\u00dfe, mit Teppichen ausgelegte Betraum ist bis auf den letzten Platz gef\u00fcllt. Auch die Empore, wo sich die Frauen zum Gottesdienst versammeln, ist gut gef\u00fcllt. 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