{"id":1346,"date":"2012-04-18T12:07:54","date_gmt":"2012-04-18T11:07:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1346"},"modified":"2012-04-18T12:07:54","modified_gmt":"2012-04-18T11:07:54","slug":"die-wahrheit-hinter-der-schlagzeile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1346","title":{"rendered":"Die Wahrheit hinter der Schlagzeile"},"content":{"rendered":"<div>\n<div>\n<div>\n<h3><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/mentor.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1347\" title=\"mentor\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/mentor.jpg\" alt=\"\" width=\"380\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/mentor.jpg 380w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/mentor-300x213.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/a>Ein Junge, der eine Pistole auf uns richtet:  So hat die \u00abWeltwoche\u00bb ein Foto f\u00fcr eine Anti-Roma-Kampagne  instrumentalisiert. Die WOZ hat den Jungen, Mentor M., und seine Familie  vor Ort im Kosovo besucht und zeigt, wer und was hinter dem Bild  steckt. Eine Reportage \u00fcber die wahre Situation der Roma und die  schamlose Manipulation der \u00abWeltwoche\u00bb.<\/h3>\n<p>Vor  einer Woche ist er mir das erste Mal begegnet: ein kleiner Junge,  dunkle Haut, dunkle Augen, dunkle Haare\u00a0\u2013 in der Linken hielt er eine  Spielzeugpistole und zielte auf mich, auf uns, auf jeden, der in der  Schweiz an einem Kiosk vorbeiging. Sein Blick: War er ernst? Traurig?  Bedrohlich? Der Junge zielte nicht auf uns. Die Zeitschrift, die das  Foto ver\u00f6ffentlichte, zielte auf ihn\u00a0\u2013 und auf seine Gemeinschaft. Unter  dem Bild titelte sie: \u00abDie Roma kommen: Raubz\u00fcge in die Schweiz\u00bb.<\/p>\n<p>Jetzt schaut Mentor M. etwas ratlos in die Runde: der Haarwirbel \u00fcber  dem rechten Auge, die fallenden Augenwinkel, der leichte  Silberblick\u00a0\u2013\u00a0er ist ohne Zweifel der Junge vom \u00abWeltwoche\u00bb-Titelbild.<\/p>\n<p>Es ist Freitagnachmittag, der 13. April, kurz nach vier Uhr, als wir  das kleine Haus von Mentors Familie betreten. Vater Rexhep und Mutter  Teuta begr\u00fcssen uns herzlich, Mentor und seine Schwestern Sinita und  Shkurte setzen sich sch\u00fcchtern neben ihre Eltern. Wir hocken in einem  knapp zw\u00f6lf Quadratmeter grossen Raum im Roma-Ghetto vor Gjakova im  Westen Kosovos. Die W\u00e4nde sind rosafarben gestrichen, ein Herd steht in  der Ecke, im Hintergrund l\u00e4uft ein kleiner Fernseher, ein alter  Computerbildschirm flimmert. Als wir dem Vater die Zeitschrift geben,  schl\u00e4gt er die H\u00e4nde vors Gesicht, im Bewusstsein, dass eine Kamera auf  ihn gerichtet ist, und sagt dann: \u00abIch bin schockiert. Mein Sohn auf  dieser Zeitschrift\u00a0\u2013 jeder kann ihn so sehen, mit einer Pistole in der  Hand. Die Leute werden denken, wir seien Kriminelle, Diebe.\u00bb Rexhep  zeigt Mentor das Heft: Er sieht uns fragend an, unsicher, versch\u00e4mt  vielleicht und sch\u00fcttelt dann den Kopf. Am n\u00e4chsten Tag wird mir seine  Tante Shyhrete erz\u00e4hlen, dass Mentor deswegen in der Nacht geweint habe.  \u00abWir sind keine Verbrecher\u00bb, sagt Rexhep. Mentors j\u00fcngere Schwester  Sinita lutscht an einem Plastikst\u00e4ngel, den sie zuvor in ein T\u00fctchen mit  Zucker gesteckt hat. Rexhep zeigt mit der Hand in den mit Teppichen  ausgelegten Raum, der der f\u00fcnfk\u00f6pfigen Familie als Wohn- und  Schlafzimmer dient: \u00abWir sind ehrliche, einfache Leute. Sie sehen ja,  wie wir hier leben: Wir haben kaum zu essen, keine Arbeit, nichts \u2026\u00bb<\/p>\n<h4>Am Ende der Siedlung<\/h4>\n<p>Der Italiener Livio Mancini hatte 2008 als eingebetteter Fotograf der  KFOR-Truppen die Roma-Siedlung vor Gjakova besucht. Er fotografierte  Mentor mit einer Spielzeugpistole. Ein Sujet, das nach Kriegen in allen  L\u00e4ndern leicht zu finden ist. Auch wir begegnen w\u00e4hrend unserem  zweit\u00e4gigen Aufenthalt in der Siedlung einem Jungen, der ein  Spielzeuggewehr auf uns richtet. Die \u00abWeltwoche\u00bb verwendete Mancinis  Bild als Illustration f\u00fcr einen Artikel \u00fcber kriminelle Roma in der  Schweiz. Nur: Weder der abgelichtete Mentor (der laut Autor Philipp Gut  als Symbol daf\u00fcr stehe, \u00abdass Roma-Banden ihre Kinder f\u00fcr kriminelle  Zwecke missbrauchen\u00bb) noch dessen Familie haben den Kosovo je verlassen.  Als Mancini das Foto schoss, war Mentor gerademal vier Jahre alt. Am 9.  M\u00e4rz dieses Jahres feierte er seinen achten Geburtstag. An den Tag, an  dem er mit der Spielzeugpistole in der Hand fotografiert wurde, erinnert  er sich nicht mehr. Er war zu jung damals.<\/p>\n<p>Anfang letzter Woche fand die WOZ heraus, dass der Slum vor Gjakova  teilweise noch immer existiert, aber die Roma unter anderem vom  Schweizer Hilfswerk Caritas, der Gemeinde Gjakova, der Regierung des  Kosovo und anderen Hilfswerken unterst\u00fctzt werden: Die rund 800 Roma in  der \u00abKolonie\u00bb, wie die BewohnerInnen die illegale Siedlung nennen,  sollen in neue H\u00e4user umziehen, auf eine Landparzelle in unmittelbarer  N\u00e4he, die die Stadt zur Verf\u00fcgung gestellt hat. Insgesamt 120 H\u00e4user  sollen in drei Phasen gebaut werden: Die ersten 29 H\u00e4user stehen schon,  die n\u00e4chste Bauetappe soll demn\u00e4chst beginnen und bis im Herbst  abgeschlossen sein.<\/p>\n<p>Der Fotograf Fabian Biasio und ich entschieden, in den Kosovo zu  fahren, um den Jungen zu suchen, und baten Caritas um Hilfe. Am Tag vor  unserer Abreise in den Kosovo teilte mir die lokale  Caritas-Mitarbeiterin am Telefon mit, ein Kollege habe die Familie  gefunden. Sie sei bereit, uns zu empfangen.<\/p>\n<p>Erste Tropfen fallen, als wir kurz vor Gjakova sind. Am Strassenrand  steht ein altes Postauto mit eingeschlagenen Scheiben. Eine Abzweigung  f\u00fchrt uns nach \u00abAli Ibra\u00bb, so nennt die Caritas die neue Siedlung, die  derzeit gebaut wird. Die geteerte Strasse ist hier zu Ende. Petflaschen,  Plastiks\u00e4cke, Papierschnipsel s\u00e4umen den schmalen Streifen Schlamm, der  uns in die Kolonie bringt.<\/p>\n<p>Der achtj\u00e4hrige Mentor lebt mit seiner Familie am Ende der Siedlung,  dahinter liegt eine grosse Wiese, ein ehemaliges Tabakfeld, und alle  paar Meter: nasse Kartons, zerrissene S\u00e4cke, rostende B\u00fcchsen. Gleich  neben dem Haus befindet sich das M\u00fclldepot K-Ambienti, wo Papier,  Petflaschen und Plastik sortiert, gepresst und geb\u00fcndelt werden. Mentor  arbeitet nicht dort. Hat er nie. Fr\u00fcher h\u00e4tten die Kinder jeweils bei  der alten Deponie am anderen Ende der Siedlung gespielt, sagt Rexhep,  der dreissigj\u00e4hrige Vater von Mentor. Aber seit einem Jahr besucht  Mentor eine \u00f6ffentliche Schule in Gjakova, keine zwanzig Minuten von der  Kolonie entfernt. Zuvor hat er den Kindergarten der Caritas in Ali Ibra  besucht.<\/p>\n<p>Mentors 9-j\u00e4hrige Schwester Shkurte schneidet Scherenschnitte und  gibt ihrem Bruder die restlichen Schnipsel, die er bemalt. Mentor geht  gern zur Schule, sagt er. Sein Lieblingsfach sei Zeichnen. Aber wenn es  nach dem Vater geht, soll Mentor diese Woche zu Hause bleiben. Rexhep  sagt, er bef\u00fcrchte, dass Mentor geh\u00e4nselt und als Krimineller beschimpft  werde. \u00ab\u00dcber das Internet kann jeder das Bild sehen und den Titel  \u00fcbersetzen.\u00bb In der Siedlung haben einige das Bild gesehen. Sie wundern  sich auch dar\u00fcber, was die ausl\u00e4ndischen Journalisten bei der Familie  tun. Die ganze Geschichte macht Rexhep w\u00fctend. Er sagt, er wolle Klage  gegen die Verantwortlichen einreichen, die das Bild missbraucht h\u00e4tten.  Daf\u00fcr ben\u00f6tigt er die Hilfe der Caritas, alleine wird er das kaum machen  k\u00f6nnen. Allein schon des Geldes wegen.<\/p>\n<h4>Auf Arbeitssuche<\/h4>\n<p>Rexhep erh\u00e4lt monatlich 75 Euro Sozialhilfe vom Staat, allerdings nur  noch zwei Monate lang. Danach ist Schluss. Seine j\u00fcngste Tochter ist  eben sechs geworden, und der Staat zahlt nur f\u00fcr Kinder bis f\u00fcnf Jahre.  Jeden Tag f\u00e4hrt Rexhep fr\u00fchmorgens in die Stadt und sucht Arbeit. Er hat  einen Kredit aufgenommen f\u00fcr ein kleines, offenes Gef\u00e4hrt, auf das  hinten eine Kreiss\u00e4ge montiert ist. Damit f\u00e4hrt er ins Zentrum und  wartet, bis er einen Auftrag erh\u00e4lt. Oder er hilft einem Kollegen, wenn  gerade Arbeit anf\u00e4llt. So l\u00e4ppert sich immer wieder ein wenig Geld  zusammen. Mal verdiene er drei Euro am Tag, mal f\u00fcnf, sagt Rexhep. Ein  Arbeitskollege von Rexhep, den ich sp\u00e4ter in der Stadt treffe, erz\u00e4hlt  mir, dass es manchmal auch mehr sei: Zehn, f\u00fcnfzehn Euro k\u00f6nnten es an  einem guten Tag sein\u00a0\u2013 ein durchschnittlicher Monatslohn in Kosovo  betr\u00e4gt 200 Euro. Allerdings, sagt der Kollege, h\u00e4tten sie meistens nur  etwa zwei Tage die Woche Arbeit.<\/p>\n<p>Und trotzdem: Als ich Mentor frage, was er sp\u00e4ter arbeiten m\u00f6chte,  z\u00f6gert er erst, zeigt dann auf Rexhep und sagt: \u00abIch will mit Holz  arbeiten, wie mein Vater.\u00bb Am n\u00e4chsten Tag, als wir durch die  Roma-Siedlung spazieren und seine Verwandten besuchen, scheint Mentor  Gefallen an meinem Notizblock gefunden zu haben. Seine Pl\u00e4ne haben sich  ge\u00e4ndert. Er sagt, er wolle \u00abGazetar\u00bb werden\u00a0\u2013 Journalist.<\/p>\n<p>Die ganze Reportage lesen Sie am Donnerstag, 19. April, in der WOZ.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/node\/10678\" target=\"_blank\">http:\/\/www.woz.ch\/node\/10678<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Junge, der eine Pistole auf uns richtet: So hat die \u00abWeltwoche\u00bb ein Foto f\u00fcr eine Anti-Roma-Kampagne instrumentalisiert. Die WOZ hat den Jungen, Mentor M., und seine Familie vor Ort im Kosovo besucht und zeigt, wer und was hinter dem Bild steckt. 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