{"id":1378,"date":"2012-05-16T11:42:09","date_gmt":"2012-05-16T10:42:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1378"},"modified":"2012-05-16T11:49:56","modified_gmt":"2012-05-16T10:49:56","slug":"die-rache-der-berner-stubenhockerinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1378","title":{"rendered":"Die Rache der Berner StubenhockerInnen"},"content":{"rendered":"<p><b>In Bern streitet man sich mal wieder um die Reitschule. L\u00e4rmklagen brachten den Berner Statthalter Christoph Lerch dazu, den Vorplatz sperren zu wollen. Und Bern freut sich \u00fcber die gr\u00f6sste Nachtdemo seit den achtziger Jahren.<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03_bern_reitschule_tk.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/03_bern_reitschule_tk.jpg\" alt=\"\" title=\"03_bern_reitschule_tk.jpg\" width=\"380\" height=\"271\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wer regiert eigentlich unsere St\u00e4dte? Es ist nicht die Mauch Corine, nicht der Morin Guy, nicht der Maudet Pierre und auch nicht der Tsch\u00e4pp\u00e4t Alexander. Es sind auch nicht die Pharmaindustrie, die Bankenwelt, Glencore oder Swatch. Nein. Wir werden regiert von Menschen, die ein allzu unbeschwertes Verh\u00e4ltnis zu ihrem Telefonh\u00f6rer pflegen. Sie tippen die 117 ein, weil sie die Feierlust der anderen nicht aushalten: Unsere St\u00e4dte werden regiert von L\u00e4rmkl\u00e4gerInnen.<\/p>\n<p>Meistens bleiben sie anonym. Und es reicht, wenn die vielen Melodien der Nacht nur sie ganz allein st\u00f6ren. L\u00e4rm ist, wenn L\u00e4rmkl\u00e4gerInnen sagen, es sei L\u00e4rm. M\u00e4chtig sind sie mit ihren Telefonh\u00f6rern und ihrer leisen Stimme, die sagt: \u00abEs st\u00f6rt mich.\u00bb Diese Macht ist der LustfeindInnen Lust. Die Rache der StubenhockerInnen, die Antwort der Zur\u00fcckgelassenen. Manchmal rufen sie dreimal an pro Nacht, viermal, f\u00fcnfmal, zehnmal. Was anderen die \u00abs\u00e4\u00e4xs\u00e4\u00e4xs\u00e4\u00e4xdreimaldies\u00e4\u00e4chs\u00bb, ist ihnen die 117: ihre liebste Servicenummer. Stadtpolitik ist L\u00e4rmpolitik, \u00abErlaubt ist, was nicht st\u00f6rt\u00bb, schrieb sich die Stadt Z\u00fcrich einst auf die Fahnen. Es war die Kapitulation einer demokratisch gew\u00e4hlten, rot-gr\u00fcnen Regierung vor den anonymen L\u00e4rmkl\u00e4gerInnen\u00a0\u2013 Pardon, vor den \u00abArbeitst\u00e4tigen, die Ruhe verdienen\u00bb.<\/p>\n<p>In Bern, Hauptstadt des konsequent angewendeten Wegweisungsartikels und viktorianischer Parkordnungen sowie Besitzerin eines rigiden Bahnhofsreglements, das weder Bettlerinnen noch Abh\u00e4nger duldet, gabs mal eine L\u00e4rmkl\u00e4gerin, die nicht anonym blieb. Man nannte sie \u00abFrou M\u00fcller\u00bb. Charlotte M\u00fcller ist Soziologin an der P\u00e4dagogischen Hochschule in Bern und wohnt \u00fcber dem ehemaligen Berner Club \u00abSous Soul\u00bb. Dreimal wechselte sie im selben Haus die Wohnung, am Ende zog sie im Parterre ein. \u00abDort, wo die B\u00e4sse wummern\u00bb, wie sie sagte. Umso n\u00e4her Frau M\u00fcller dem \u00abSous Soul\u00bb r\u00fcckte, desto aussichtsloser wurde dessen Lage: Am 30. Dezember 2011 musste das Konzertlokal schliessen, die L\u00e4rmklagen der Nachbarin hatten es zu Fall gebracht. Frau M\u00fcller sagte: \u00abDer L\u00e4rm dringt in meine Tr\u00e4ume ein.\u00bb Man hasst das, was man insgeheim am meisten liebt, sagen die PsychoanalytikerInnen.<\/p>\n<p>\u00abFigg di, Frou M\u00fcller\u00bb war ein kleiner \u00abShitstorm\u00bb im Netz, es folgten ein paar Partys. Nun aber hat das Feindbild M\u00fcller einen prominenteren Nachfolger gefunden: Chris\u00adtoph Lerch, kantonaler Regierungsstatthalter f\u00fcr die Stadt Bern und Sozialdemokrat, hat vor zwei Wochen verf\u00fcgt, dass auf dem Vorplatz der Reitschule ab halb ein Uhr \u2028nachts Schluss sein muss mit Feiern. Die Massnahmen scheinen unter den gegebenen Verh\u00e4ltnissen illusorisch: Der Vorplatz sollte von der Reitschule um diese Zeit ger\u00e4umt, die Leute weggewiesen, der Getr\u00e4nkeausschank auf dem Vorplatz und der Verkauf \u00fcber die Gasse im Innern der Reithalle eingestellt, der Innenhof ruhig sein. Zu viele L\u00e4rmneurotikerInnen hatten zu oft ihre \u00adliebste Servicenummer gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p><b>Dieser Vorplatz ist eine Legende<\/b><\/p>\n<p>Aber die Reitschule, das letzte Autonome Jugendzentrum (AJZ) aus den wilden 80ern, das anders als etwa die Rote Fabrik in Z\u00fcrich bis heute nicht in den Organen der Stadtbeh\u00f6rden verdaut wurde und eigentlich noch immer besetzt ist, ist nicht das \u00abSous Soul\u00bb. Nur schon ihr Vorplatz ist eine Legende: 1981, bei der ersten Besetzung, ein Rausch der Drogen und der Gewalt, grillierten ein paar Punks einen gestohlenen Kranich aus dem Tierpark D\u00e4hlh\u00f6lzli. F\u00fcr die Stadt war das damals zu viel: Die Reitschule wurde ger\u00e4umt und mit Stacheldraht umz\u00e4unt. Nach der R\u00e4umung des Kulturzentrums Zaff und des \u00abfreien Landes Zaffaraya\u00bb wurde die Reitschule 1987 erneut besetzt. Ihr Vorplatz hat seitdem mehrere offene Drogenszenen, Angriffe der Stadtbeh\u00f6rden mit Beton aller Art, Nazi\u00fcberf\u00e4lle und Strassenschlachten \u00fcberlebt. Heute tummeln sich dort an sch\u00f6nen Wochenenden bis zu 2000 Menschen und feiern.<\/p>\n<p>So ereilte Christoph Lerch dasselbe Schicksal wie Charlotte M\u00fcller: Bern war zugepflastert mit seinem Konterfei, \u00fcberall hiess es: \u00abFigg di, Herr Lerch\u00bb. Auf Facebook sah man ihn am Telefonh\u00f6rer in seinem B\u00fcro, die linke Hand vor der Kameralinse, die Finger zu einer schr\u00e4g aufw\u00e4rts gerichteten Pistole geformt. Die Berner Juso-Stadtr\u00e4tin Tanja Walliser kommentierte: \u00abLerchs berufliche Umorientierung: telefonische Mas\u00adturbationsberatung f\u00fcr Frauen.\u00bb Die Stadt kannte f\u00fcr ein paar Tage kein anderes Thema mehr als Lerchs Verf\u00fcgung. Christian Pauli, Pr\u00e4sident von \u00abbekult\u00bb, dem Verband der Berner VeranstalterInnen, sagt darauf der WOZ: \u00abWir erwarten von einer rot-gr\u00fcnen Stadtregierung, dass sie sich hinter die Reitschule stellt. Das entspricht der Mehrheit der Stadtbev\u00f6lkerung, die Reitschule wurde schon f\u00fcnfmal an der Urne best\u00e4tigt.\u00bb Rahel Ruch, die Stadtr\u00e4tin (Legislative) der Jungen Alternativen, sagt: \u00abWir fordern erstens die R\u00fccknahme der Verf\u00fcgung. Zweitens muss der Gemeinderat endlich ein Nachtlebenkonzept vorlegen, drittens m\u00fcssen die andauernden Kampagnen gegen die Reitschule aufh\u00f6ren, und viertens m\u00fcssen wir endlich wieder ernsthaft \u00fcber den Wegweisungsartikel, die Parkordnung und das Bahnhofsreglement diskutieren.\u00bb Im Herbst seien Wah\u00adlen, dann k\u00f6nne man diesen \u00abAmok-Stadtrat\u00bb, das Stadtparlament mit vier gr\u00fcnen Parteien und seinen unberechenbaren Mehrheiten, endlich anders zusammenw\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Stadtpr\u00e4sident Alexander Tsch\u00e4pp\u00e4t, SP, beschwichtigt: \u00abWir wissen, was wir an der Reitschule haben. Der Gemeinderat steht hinter ihr. Aber das Nachtleben l\u00e4sst sich meiner Meinung nach nicht verkonzepten.\u00bb In einer Medienmitteilung von vergangener Woche hatte der Gemeinderat Lerchs Verf\u00fcgung allerdings noch begr\u00fcsst. Weiter hiess es dort: \u00abWer sich ans Gesetz h\u00e4lt, darf sich jederzeit im \u00f6ffentlichen Raum aufhalten.\u00bb F\u00fcr Tom Locher, Reitsch\u00fcler der ersten Stunde und in der Reitschulmediengruppe t\u00e4tig, ist deshalb klar: \u00abEs geht wie immer auch um die Kontrolle des \u00f6ffentlichen Raums. Und auf dem Vorplatz l\u00e4sst sich eben nicht immer alles kontrollieren. Das passt der sonst allgegenw\u00e4rtigen Polizei nicht\u00a0\u2013 vor allem nicht den Ruhe- und Ordnungstrategen in der F\u00fchrungsetage, die medial und auf politischer Ebene vermehrt Stimmung gegen die Reitschule machen.\u00bb<\/p>\n<p><b>\u00abDann nehmen wir uns die Stadt\u00bb<\/b><\/p>\n<p>Vergangene Freitagnacht dann, es war die zweite Nacht, in der die Verf\u00fcgung von Statthalter Lerch in Kraft war, erlebte Bern die gr\u00f6sste Nachtdemo seit den glorreichen Tagen der achtziger Jahre, 3000 Leute tanzten vergn\u00fcgt durch die fr\u00fchmorgendliche Stadt. Der Vorplatz der Reitschule wurde kurzerhand auf den Valser Gneis des Bundesplatzes verlegt: \u00abNehmt ihr uns den Vorplatz, nehmen wir uns die Stadt\u00bb war das Motto. Weiter stand auf einem Flugblatt: \u00abUnser Lebensraum soll nicht von Politik, Beh\u00f6rden und Polizei verplant, reglementiert und \u00fcberwacht werden, um im Standortwettbewerb gut abzuschneiden.\u00bb CVP-Gemeinderat und Berner Sicherheitsdirektor Reto Nause sagt der WOZ: \u00abWir haben das Signal verstanden.\u00bb In der Berner Zeitung sagte er, der Grossteil an der Demo sei spontan anwesendes Partyvolk gewesen. Ob Nause wirklich verstanden hat?<\/p>\n<p>Am Montagabend dann, es war schon ziemlich sp\u00e4t, meldete sich auch noch Statthalter Lerch bei der WOZ. Er war fix und fertig: \u00abSachlicher Kritik h\u00e4tte ich mich immer gestellt, aber mit diesen Angriffen auf meine Person habe ich nicht gerechnet.\u00bb Ansons\u00adten kein Kommentar. Nur noch eins: \u00abIch bin seit 30 Jahren Mitglied im F\u00f6rderverein ProWOZ.\u00bb F\u00fcr den 2. Juni ist in Bern schon die n\u00e4chste Nachtdemo angek\u00fcndigt. Einige meinen, es k\u00f6nnte ein heisser Berner Sommer werden.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/1220\/reitschule-bern\/die-rache-der-berner-stubenhockerinnen\"  alt=\"\"><\/a>http:\/\/www.woz.ch\/1220\/reitschule-bern\/die-rache-der-berner-stubenhockerinnen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bern streitet man sich mal wieder um die Reitschule. L\u00e4rmklagen brachten den Berner Statthalter Christoph Lerch dazu, den Vorplatz sperren zu wollen. Und Bern freut sich \u00fcber die gr\u00f6sste Nachtdemo seit den achtziger Jahren. 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