{"id":1436,"date":"2012-06-19T18:47:19","date_gmt":"2012-06-19T17:47:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1436"},"modified":"2012-06-19T18:47:27","modified_gmt":"2012-06-19T17:47:27","slug":"schamanen-im-parlament","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1436","title":{"rendered":"Schamanen im Parlament"},"content":{"rendered":"<p><b>In Ungarn wird eine Politik der Volksgemeinschaft verfolgt, die die gesamte Gesellschaft durchdringt. F\u00fcr Linke und Oppositionelle ist es schwer, dem v\u00f6lkischen Kult entgegenzuwirken.<\/b><\/p>\n<p>\u00bbEuropa\u00a0\u2013 schaust du auf uns? H\u00f6rst du das Nazi-Gejole in Budapest? Mittlerweile wird jeder, der nicht zu den Seilschaften der Regierung oder der Nazi-Parteien geh\u00f6rt, als \u203aJude\u2039, \u203aZigeuner\u2039, \u203aStinkender\u2039 und \u203aVerfaulter\u2039 beschimpft. Nicht nur einmal in der Woche, nicht nur alle zwei oder drei Tage, nicht nur st\u00fcndlich, nein, in jedem Augenblick sind Menschen gef\u00e4hrdet, die von der unversch\u00e4mten Bosheit und dem offenen Hass der Machthaber gebrandmarkt werden. Es sind nicht nur die genehmigten Versammlungen der Nazi-Parteien und rechtsradikalen Gruppen, auf denen gegen Juden gehetzt wird. Auch im Vorzimmer des Kanzlers und F\u00fchrers\u00a0\u2013 genannt Parlament\u00a0\u2013 bereitet man sich auf die \u203aunvermeidbare Abrechnung\u2039 vor. (\u2026) Europa, wo bist du? Wir sehen dich nicht mehr.\u00ab<\/p>\n<p>Diese verzweifelten Worte stammen aus einem Facebook-Eintrag des ber\u00fchmten ungarischen Schriftstellers Mih\u00e1ny Kornis vom 5.\u2009Juni. An diesem Tag war Professor J\u00f3zsef Schweitzer, der ehemalige Oberrabbiner von Budapest, auf offener Stra\u00dfe verbal attackiert worden. Die Attacke wird in den demokratisch denkenden Teilen der Gesellschaft als ein neuer H\u00f6hepunkt des zunehmenden Rassismus gedeutet, und obwohl alle Parteien\u00a0\u2013 sogar Jobbik\u00a0\u2013 die Attacke verurteilten, ist die Faschisierung des Landes kaum zu \u00fcbersehen.<\/p>\n<p>Die Hasskultur in Ungarn ist gleicherma\u00dfen antisemitisch, antiziganistisch und homophob. Es handelt sich um Tendenzen, die in der Forschung mit Stichworten wie \u00bbKultur des Faschismus\u00ab, \u00bbEthnopluralismus\u00ab, \u00bbEthnonationalismus\u00ab, \u00bbNeue Rechte\u00ab und \u00bbradikaler Rechtspopulismus\u00ab beschrieben werden.<\/p>\n<p>Die Parlamentswahlen 2010 werden in der offiziellen Rhetorik als \u00bbrevolution\u00e4rer Akt\u00ab beschrieben, als eine \u00bbBefreiung\u00ab vom \u00bbJoch\u00ab der Links\u00adliberalen, Kosmopoliten und Universalisten, die im gesamtgesellschaftlichen kulturellen Diskurs eindeutig als \u00bbdie Verjudeten\u00ab verstanden werden. Die eigentliche Wende habe demnach nicht 1990, sondern erst vor zwei Jahren stattgefunden, durch die \u00bbKonservative Revolution\u00ab, wie auch von namhaften Intellektuellen propagiert wird, allen voran dem Wittgenstein-Forscher und ehemaligen Direktor des Philosophischen Institutes der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Professor J\u00e1nos Ny\u00edri.<\/p>\n<p>Den Worten des f\u00fcr die nationale Integration zust\u00e4ndigen stellvertretenden Ministerpr\u00e4sidenten, Zsolt Semj\u00e9n, ist zu entnehmen, dass wir es mit der Wiedergeburt der \u00bborganisch gewachsenen Nation\u00ab zu tun haben, welche die Schaffung einer \u00bbuniversalen magyarischen Volksgemeinschaft\u00ab im Sinne hat. Dazu ist inzwischen auch eine \u00bbinternationale Zentraldatenbank f\u00fcr ethnische Magyaren\u00ab eingerichtet worden. Die magyarische Volksgemeinschaft brauche einen \u00bbwirtschaftlichen Lebensraum im Karpatenbecken\u00ab (Viktor Orb\u00e1n). Um dies zu erreichen, sei es wichtig, die im \u00bbFriedensdiktat von Trianon\u00ab erniedrigte Nation \u00bb\u00fcber die Grenzen hinweg\u00ab wieder zu vereinen.<\/p>\n<p>Die Magyaren werden nicht nur als eine kulturelle, sondern auch als eine Abstammungsgemeinschaft verstanden, wof\u00fcr auch das neue Staatsb\u00fcrgerschaftsgesetz nach dem v\u00f6lkischen Prinzip des ius sanguinis steht. F\u00fcr dieses Gesetz stimmten fast alle Angeordneten im neu gew\u00e4hlten Parlament. Wie wichtig das Abstammungsprinzip ist, wird auch \u00f6ffentlich deklariert. Ministerpr\u00e4sident Viktor Orb\u00e1n bedauerte 2008 noch als Oppositionsf\u00fchrer, dass die Wende 1989\u201390 keine richtig \u00bbv\u00f6lkische\u00ab gewesen sei. Die Ethnisierung, die aus Individuen Teile einer \u00bbKulturgemeinschaft\u00ab macht, wird seit 2002 auch in der Praxis umgesetzt, in dezentralen \u00bbB\u00fcrgerkreisen\u00ab, in die auch die Partei Jobbik eingebunden wurde.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden war der Sieg der \u00bbnational gesinnten\u00ab Kr\u00e4fte 2010 vorauszusehen. Dieser hatte weniger mit der vermeintlichen Misswirtschaft der vorherigen sozialliberalen Regierung zu tun, als vielfach behauptet wird. Vielmehr wurden die Linksliberalen seit der Wende mit Hilfe der national gesinnten Medien permanent antisemitisch kriminalisiert.<\/p>\n<p>In der fast g\u00e4nzlich durchethnisierten Gesellschaft ist der Okkultismus inzwischen zu einer Massenbewegung ausgeartet. Dieser wird von den christlichen Kirchen weitgehend geduldet, ja nicht selten legitimiert. Die \u00bbUrschrift\u00ab, die altungarische Runenschrift, und das ungarische \u00bbUrvolk\u00ab werden verherrlicht, der Schamanismus bl\u00fcht. Selbst im Parlament ist im M\u00e4rz ein schamanisches Tanzritual zum Schutz der \u00bbHeiligen ungarischen Krone\u00ab durchgef\u00fchrt worden. Im Januar trat zudem die neue Verfassung in Kraft, in der Nation und Glaube in der Formulierung \u00bbnationales Glaubensbekenntnis\u00ab vereint werden.<\/p>\n<p>In dieser hochgradig mystifizierten Gesellschaft gibt es auch unter den demokratisch denkenden oppositionellen Gruppen kaum eine, die die Ideologie der ethnischen Kulturnation dezidiert hinterfragen w\u00fcrde. Hinzu kommt, dass viele linke Gruppen den Feind vor allem im \u00bbinternationalen raffenden Kapital\u00ab sehen, was aus der realsozialistischen Tradition resultiert. Im Parlament ist die aktivste demokratische Oppositionspartei die neue Demokratische Koalition (DK) von Ferenc Gyurcs\u00e1ny. Den gr\u00f6\u00dften au\u00dferparlamentarischen Widerstand konnten bis jetzt die Gruppen Szolidarit\u00e1s (Solidarit\u00e4t) und Milla (Eine Million f\u00fcr die Pressefreiheit) organisieren. Dabei ist jedoch eher ein Stellungskampf als ein Einsatz f\u00fcr die Demokratie zu beobachten, zudem eint die Basis von Milla weniger eine demokratische Gesinnung als vielmehr der Entt\u00e4uschung \u00fcber die Politik. Die kleine au\u00dferparlamentarische liberale Partei Szema (Partei Freiheitlicher Menschen f\u00fcr Ungarn), die sich insbesondere der Integration der Roma verschrieben hat, und die kleine Polg\u00e1rjogi Mozgalom a K\u00f6zt\u00e1rsas\u00e1g\u00e9rt (B\u00fcrgerrechtsbewegung f\u00fcr die Republik), die sich vor allem gegen den Antiziganismus einsetzt und f\u00fcr die Opfer von Diskriminierung und Gewalt aktive Hilfe leistet, sind praktisch machtlos.<\/p>\n<p>Sehr viel tun die unabh\u00e4ngige Organisation Tasz (Gesellschaft f\u00fcr die Freiheitsrechte) und das Ungarische Helsinki-Komitee, die vor allem bei Rechtsverst\u00f6\u00dfen den Opfern zur Seite stehen. \u00c4u\u00dferst wichtig sind die reformierten Gemeinden von L\u00e1szl\u00f3 Don\u00e1th und G\u00e1bor Iv\u00e1nyi, die wegen ihrer universalistischen und antiv\u00f6lkischen Positionen die offizielle Rhetorik besonders st\u00f6ren. Iv\u00e1nyis Gemeinde wurde j\u00fcngst der Kirchenstatus aberkannt. Zudem musste er Hunderte Bewohner der von ihm gegr\u00fcndeten Armen- und Obdachlosenheime wieder auf die Stra\u00dfe setzen. Die Unterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzer des immer wieder vor der Schlie\u00dfung bedrohten \u00bbKlubradio\u00ab stellen oftmals die einzige demokratische \u00d6ffentlichkeit her. Ansonsten sind es vor allem einzelne Menschen, die sich gegen die allt\u00e4gliche Diskriminierung von Roma einsetzen und Hilfsprojekte organisieren. Viele von ihnen sind inzwischen pleite.<\/p>\n<p>Wer sich in Ungarn f\u00fcr die Demokratie einsetzt, h\u00e4tte zum jetzigen Zeitpunkt kaum eine Chance, ins Parlament gew\u00e4hlt zu werden\u00a0\u2013 auch weil das neue Wahlgesetz kleine Parteien stark benachteiligt. Zudem kann der Wahlsieger auch dann den Sieg f\u00fcr sich beanspruchen, wenn er nur einen Vorsprung von einer einzigen Stimme hat. Das ist das \u00bbzentrale Kraftfeld\u00ab, das Viktor Orb\u00e1n 2009 in einer Rede als \u00bbKonjunktur der Rechten\u00ab beschrieb. Damals wusste er wohl schon, dass das neue Wahlgesetz bei den Wahlen 2014 nur Fidesz bevorzugen wird.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2012\/24\/45628.html\"  alt=\"\">http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2012\/24\/45628.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Ungarn wird eine Politik der Volksgemeinschaft verfolgt, die die gesamte Gesellschaft durchdringt. F\u00fcr Linke und Oppositionelle ist es schwer, dem v\u00f6lkischen Kult entgegenzuwirken. \u00bbEuropa\u00a0\u2013 schaust du auf uns? H\u00f6rst du das Nazi-Gejole in Budapest? 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