{"id":1470,"date":"2012-07-13T16:27:19","date_gmt":"2012-07-13T15:27:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1470"},"modified":"2012-07-13T16:27:19","modified_gmt":"2012-07-13T15:27:19","slug":"auf-der-mulldeponie-des-fiktiven-kapitals","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1470","title":{"rendered":"Auf der M\u00fclldeponie des fiktiven Kapitals"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial; font-size: x-small;\">1.<\/p>\n<p>In den letzten drei Jahrzehnten hat                          sich das Gesicht des Kapitalismus vor allem in einer                          Hinsicht dramatisch ver\u00e4ndert: noch nie in seiner                          Geschichte hatte der Finanzsektor auch nur ansatzweise                          das Gewicht innerhalb der Gesamtwirtschaft, wie in der                          gegenw\u00e4rtigen Epoche. In den 1970er Jahren waren                          Derivate noch so gut wie unbekannt. Heute liegt das                          Gesamtvolumen allein dieses neuen Typs von                          Finanzmarktprodukten nach Sch\u00e4tzungen der Bank f\u00fcr                          Internationalen Zahlungsausgleich bei 600 Billionen                          Dollar und erreicht damit ungef\u00e4hr das F\u00fcnzehnfache der                          weltweiten Summe der Bruttoinlandsprodukte. Im Jahr 2011                          belief sich der t\u00e4gliche Umsatz auf den                          Weltdevisenm\u00e4rkten auf 4,7 Billionen Dollar. Weniger als                          1 Prozent ging auf Transaktionen auf den G\u00fcterm\u00e4rkten                          zur\u00fcck. Der Kauf und Verkauf von Aktien, Schuldtiteln                          und anderen Zahlungsversprechen ist ins Zentrum der                          Kapitalakkumulation ger\u00fcckt und die \u201eRealwirtschaft\u201c ist                          zu einem blo\u00dfen Anh\u00e4ngsel der \u201eFinanzindustrie\u201c                          geworden.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit das Platzen der                          US-Immobilienblase die rasanteste Talfahrt der                          Weltwirtschaft seit 1930 ausl\u00f6ste, wird diese                          Entwicklung von allen Seiten vehement beklagt. Die                          Aufbl\u00e4hung des Finanz\u00fcberbaus soll f\u00fcr die Malaise                          verantwortlich sein. Nach dem Crash von 2008 richtete                          sich der Zorn vor allem gegen Banken und andere private                          Finanzmarktakteure, die, wie es hie\u00df, in ihrer                          \u201eProfitgeilheit\u201c risikoblind geworden seien.                          Mittlerweile hat sich der Fokus zur Staatsschuldenkrise                          hin verschoben und es stehen nun verst\u00e4rkt die angeblich                          verschwendungss\u00fcchtigen staatlichen Kreditnehmer am                          Pranger. Die Grundvorstellung aber ist hier wie dort die                          gleiche: Alles tr\u00e4umt von der R\u00fcckkehr zu einem                          \u201egesunden\u201c, auf \u201eehrlicher Arbeit\u201c gegr\u00fcndeten                          Kapitalismus, einem Kapitalismus, in dem die                          \u201eRealwirtschaft\u201c den Ton angibt und die Finanzwirtschaft                          jene nachgeordnete, dienende Rolle spielt, die ihr die                          volkswirtschaftlichen Lehrb\u00fccher andichten.<\/p>\n<p>Gerade in der Krise treten die                          Widerspr\u00fcche und Verr\u00fccktheiten des Kapitalismus                          sch\u00e4rfer denn je hervor. Das herrschende Denken jedoch                          will davon nichts wissen und redet nur von angeblichen                          \u201eFehlentwicklungen\u201c und \u201espekulativen \u00dcbertreibungen\u201c in                          einer besonderen Abteilung des Systems. Das aber kommt                          nicht nur einem Generalfreispruch f\u00fcr die angeblich                          alternativlose marktwirtschaftliche Ordnung gleich,                          sondern verbindet sich reibungslos mit einer                          Personifizierung der gesellschaftlichen \u00dcbel, die den                          \u201eBankern\u201c und \u201eSpekulanten\u201c \u2013 wenn nicht gleich \u201eder                          amerikanischen Ostk\u00fcste\u201c \u2013 angelastet werden. Die                          \u00fcberall grassierende einseitige Kritik am                          Spekulationskapital und an den sich immer h\u00f6her                          t\u00fcrmenden Schuldenbergen ist aber nicht nur ideologisch                          verquer bis gemeingef\u00e4hrlich, sie stellt gleichzeitig                          den realen \u00f6konomischen Zusammenhang auf den Kopf. Dass                          die manifesten Krisensch\u00fcbe von der Finanzsph\u00e4re ihren                          Ausgang nehmen, hei\u00dft in keiner Weise, dass dort die                          grundlegenden strukturellen Krisenursachen zu suchen                          sind.<\/p>\n<p>Die Verwechslung von Ausl\u00f6ser und                          Ursache ist keine Erfindung unserer Tage Schon 1857 beim                          ersten gro\u00dfen Weltmarktcrash, machten solche                          Pseudoerkl\u00e4rungen die Runde. Ein gewisser Karl Marx                          spottete damals: \u201e<em>Wenn Spekulation gegen Ende einer                          bestimmten Handelsperiode als unmittelbarer Vorl\u00e4ufer                          des Zusammenbruchs auftritt, sollte man nicht vergessen,                          da\u00df die Spekulation selbst in den vorausgehenden Phasen                          der Periode erzeugt worden ist und daher selbst ein                          Resultat und eine Erscheinung und nicht den letzten                          Grund und das Wesen darstellt. Die politischen \u00d6konomen,                          die vorgeben, die regelm\u00e4\u00dfigen Zuckungen von Industrie                          und Handel durch Spekulation zu erkl\u00e4ren, \u00e4hneln der                          jetzt ausgestorbenen Schule von Naturphilosophen, die                          das Fieber als den wahren Grund aller Krankheiten                          ansehen.\u201d (MEW 12, S. 336f.)<\/em><\/p>\n<p>2.<\/p>\n<p>Die kapitalistische Produktion                          verfolgt nur einen Zweck: die Verwandlung von Geld in                          mehr Geld. Kommt dem Kapital die Aussicht auf Verwertung                          abhanden, h\u00f6rt es auf Kapital zu sein. Deshalb ist das                          kapitalistische System zur Expansion verurteilt. Es muss                          sich immer neue Verwertungsfelder erschlie\u00dfen, immer                          mehr lebendige Arbeit einsaugen und immer h\u00f6here                          Warenberge auft\u00fcrmen. Schon im 19. Jahrhundert kam es                          immer wieder zu Unterbrechungen dieses                          Ausdehnungsprozesses. Gemessen an den aufgeh\u00e4uften                          Massen von Kapital herrschte periodisch Mangel an                          profitablen \u201erealwirtschaftlichen\u201c Anlagem\u00f6glichkeiten.                          So oft sich solche \u00dcberakkumulationskrisen anbahnten,                          dr\u00e4ngte verst\u00e4rkt Kapital in den Finanz\u00fcberbau, wo es                          sich eine zeitlang als \u201efiktives Kapital\u201c (Marx), also                          durch die Akkumulation von monet\u00e4ren Anspr\u00fcchen,                          vermehren konnte. Erst wo diese Kapitalvermehrung ohne                          Verwertung an ihre Grenzen stie\u00df, kam es dann zu                          manifesten Krisensch\u00fcben.<\/p>\n<p>Im Krisenprozess unserer Tage                          wiederholt sich dieses Grundmuster \u2013 allerdings in ganz                          neuen Dimensionen. Schon die zeitliche Dauer spricht                          B\u00e4nde. Einst ein kurzfristiges, h\u00f6chstens ein bis zwei                          Jahre w\u00e4hrendes Ph\u00e4nomen am Vorabend der zyklischen                          Kriseneinbr\u00fcche, ist die Vermehrung des fiktiven                          Kapitals zum Hauptmerkmal einer ganzen Epoche geworden.                          Seit den fr\u00fchen 1980er Jahren nimmt die Gesamtmasse an                          auf den Finanzm\u00e4rkten gehandelten Eigentumstiteln                          ununterbrochen und exponentiell zu. Zwar wechselten die                          prim\u00e4ren Tr\u00e4ger dieser Dynamik mehrfach (Staatsanleihen,                          Aktien, Hypothekenkredite, Derivate etc.), doch stets                          bildete die \u201eFinanzindustrie\u201c das Zentrum, von dem die                          globale Kapitalvermehrung abhing. Das kommt nicht von                          ungef\u00e4hr. Anders als in fr\u00fcheren Stadien                          kapitalistischer Entwicklung ist das Ausweichen in den                          Finanz\u00fcberbau in den letzten drei\u00dfig Jahren nicht mehr                          das Resultat eines nur vor\u00fcbergehenden Fehlens                          ausreichender realwirtschaftlicher                          Verwertungsm\u00f6glichkeiten. Vielmehr ist seit dem Ende des                          fordistischen Nachkriegsbooms eine selbsttragende                          realwirtschaftliche Akkumulation ein f\u00fcr allemal                          unm\u00f6glich geworden. Denn der enorme Produktivit\u00e4tssprung                          im Gefolge der dritten industriellen Revolution f\u00fchrte                          zur massenhaften Verdr\u00e4ngung von Arbeitskraft aus den                          wertproduktiven Sektoren und damit zum Abschmelzen der                          einzigen Grundlage der Wertverwertung: der Vernutzung                          lebendiger Arbeitskraft in der Warenproduktion. Deshalb                          kann die globale Akkumulationsbewegung schon seit                          Jahrzehnten nur weiterlaufen, weil die Finanzsph\u00e4re \u00fcber                          die fortw\u00e4hrende Erzeugung neuer monet\u00e4rer Anspr\u00fcche zum                          zentralen Motor der Kapitalvermehrung geworden ist.                          Ger\u00e4t dieser finanzindustrielle \u201eProduktionsprozess\u201c ins                          Stocken, ist ein katastrophaler Absturz der                          Weltwirtschaft unvermeidbar.<\/p>\n<p>3.<\/p>\n<p>Im g\u00e4ngigen B\u00f6rsenjargon ist immer                          wieder die Rede davon, in Wertpapierkursen seien                          Erwartungen \u201eeingepreist\u201c und es w\u00fcrde an den                          Finanzm\u00e4rkten mit der \u201eZukunft\u201c gehandelt. In solchen                          Formeln scheint \u2013 wenn auch unbegriffen \u2013 das                          Grundgeheimnis des heutigen Kapitalismus auf. Bei der                          Schaffung von Eigentumstiteln geschieht etwas                          Verr\u00fccktes, das in der Welt der realen G\u00fcter, des                          sinnlich-stofflichen Reichtums, v\u00f6llig undenkbar ist.                          Sinnlich-stofflicher Reichtum, muss vor seiner Nutzung                          erst einmal vorhanden sein. Noch nie hat beispielsweise                          ein Mensch auf einem Stuhl Platz genommen, dessen                          Herstellung erst geplant war. Beim finanzindustriellen                          Reichtum ist diese zeitliche Logik auf den Kopf                          gestellt. Noch gar nicht geschaffener Wert, Wert der                          m\u00f6glicherweise nie entstehen wird, verwandelt sich vorab                          schon in Kapital \u2013 in fiktives Kapital. Bei jedem Ankauf                          von Staatspapieren und Unternehmensanleihen, bei jeder                          Aktienemission und Schaffung neuer Derivate wird ein in                          den H\u00e4nden des K\u00e4ufers befindliches Geldkapital gegen                          ein Zahlungsversprechen getauscht. Der K\u00e4ufer l\u00e4sst sich                          auf dieses Gesch\u00e4ft in der Erwartung ein, dass ihm die                          Einl\u00f6sung des Zahlungsversprechens sp\u00e4ter mehr Geld                          einbringt, als er jetzt f\u00fcr dessen Ankauf an den                          Verk\u00e4ufer weggibt. Diese Perspektive macht das                          Zahlungsversprechen zur aktuellen Gestalt seines                          Kapitals.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gesamtkapitalistische                          Reichtumsbilanz ist aber weniger die Einl\u00f6sung der                          springende Punkt, als vielmehr eine f\u00fcr den Zeitraum                          zwischen Ausgabe und Einl\u00f6sung des Eigentumstitels                          charakteristische Merkw\u00fcrdigkeit. Solange dieses                          Zahlungsversprechen g\u00fcltig und glaubw\u00fcrdig bleibt, tritt                          es als Zusatzkapital neben das Ausgangskapital. Das                          Kapital verdoppelt sich also durch die blo\u00dfe Schaffung                          eines verbrieften monet\u00e4ren Anspruchs. Und dieses                          Zusatzkapital existiert keineswegs nur auf dem Papier                          als Bilanzposten des Geldkapitalisten, sondern f\u00fchrt ein                          selbstst\u00e4ndiges Leben. In der Gestalt des                          Eigentumstitels zirkuliert es auf dem Markt und geht                          genauso in den Wirtschafts- und Verwertungskreislauf ein                          wie das tats\u00e4chlicher Verwertung entstammende                          Geldkapital. Nicht anders als dieses kann es f\u00fcr den                          Kauf von Konsumg\u00fctern ebenso verausgabt werden wie f\u00fcr                          Investitionen. Seine Herkunft sieht man ihm nicht an.<\/p>\n<p>4.<\/p>\n<p>Im Zeitalter der dritten                          industriellen Revolution kann der Kapitalismus nur                          \u00fcberleben, soweit es ihm gelingt, in immer gr\u00f6\u00dferem                          Ausma\u00df zuk\u00fcnftigen Wert in die Gegenwart zu pumpen. <em> Deshalb<\/em> sind die Finanzmarktprodukte inzwischen zum                          mit Abstand wichtigsten Warentypus geworden. Nur die                          Verwandlung des Kapitalismus in ein auf der Vorwegnahme                          von Wert beruhendes System hat ihm in den letzten drei                          Jahrzehnten einen neuen Entwicklungsspielraum                          verschafft, obwohl die Wertbasis permanent schrumpft.                          Doch die finanzindustrielle Expansion st\u00f6\u00dft zunehmend an                          ihre Grenzen. Keinesfalls ist die \u201eRessource Zukunft\u201c so                          unersch\u00f6pflich wie es scheinen mag. Logisch ergibt sich                          dies daraus, dass die Akkumulation von fiktivem Kapital                          durch finanzindustrielle Spiegelungen gegen\u00fcber der auf                          Wertproduktion beruhenden Kapitalakkumulation einige                          Besonderheiten aufweist. Eine wurde schon genannt: Die                          begrenzte Lebensdauer dieser Art von Kapitalvermehrung.                          Mit der Einl\u00f6sung von Eigentumstiteln (der Tilgung eines                          Kredits, der F\u00e4lligkeit eines Futures etc.) verschwindet                          auch das durch sie repr\u00e4sentierte fiktive Zusatzkapital                          wieder im Orkus. Dieses muss erst einmal durch neue                          Eigentumstitel ersetzt werden, bevor es zu einer                          Expansion kommen kann. Daher kann die Produktion von                          Eigentumstiteln die Rolle des Ersatzmotors f\u00fcr den                          kapitalistischen Gesamtbetrieb nur ausf\u00fcllen, wenn der                          Aussto\u00df dieser Art von Waren sehr viel schneller w\u00e4chst                          als die Produktion in den realwirtschaftlichen                          Schl\u00fcsselbranchen fr\u00fcherer Epochen. Sie unterliegt einem                         <em>potenzierten<\/em> Wachstumszwang, weil sie nicht nur                          immer wieder frischen k\u00fcnftigen Wert                          vorabkapitalisieren, sondern auch noch rastlos Ersatz                          f\u00fcr die auslaufende vergangene Wertantizipation schaffen                          muss. Dass sich das fiktive Kapital jahrzehntelang                          explosionsartig vermehrt hat, war also keine                          Fehlentwicklung, die sich zur\u00fcckdrehen lie\u00dfe; f\u00fcr einen                          Kapitalismus, der auf dem Vorgriff auf k\u00fcnftige                          Wertproduktion beruht, war es systemnotwendig.<\/p>\n<p>Je schwerer die Last der schon vorab                          verbrauchten kapitalistischen Zukunft aber wird, desto                          schwerer f\u00e4llt es auch die Dynamik der fiktiven                          Kapitalsch\u00f6pfung in Gang zu halten. Das gilt umso mehr,                          als das Ansaugen zuk\u00fcnftigen Werts nur dann                          funktioniert, wenn die angebotenen Eigentumstitel sich                          auf realwirtschaftliche Hoffnungstr\u00e4ger beziehen, die                          zuk\u00fcnftigen Gewinn versprechen. Unter den Reaganomics                          waren dies vornehmlich US-Staatsanleihen, in Zeiten der                          New Economy Aktien von Internet-Unternehmen und in den                          Nullerjahren die scheinbar endlos steigenden                          Immobilienpreise. Fehlen aber solche Hoffnungstr\u00e4ger,                          st\u00f6\u00dft der auf der best\u00e4ndigen Neueinspeisung k\u00fcnftigen                          Werts beruhende Kapitalismus an seine Schranke.<\/p>\n<p>Dieser kritische Punkt ist inzwischen                          erreicht. Zwar ging auch nach dem Einbruch von 2008 die                          Expansion der finanzindustriellen Produktion weiter;                          aber diese Dynamik wird nicht mehr von                          privatwirtschaftlichen Gewinnhoffnungen in irgendwelchen                          Wachstumssektoren getragen, sondern von den staatlichen                          Haushalten und den Zentralbanken. Im Bem\u00fchen, den                          augenblicklichen Kollaps des Finanzsystems zu                          verhindern, hat die \u00f6ffentliche Hand als traditionell                          verl\u00e4sslichster aller Schuldner die Altlasten                          \u00fcbernommen. Noch einen Schritt weiter sind die                          Zentralbanken gegangen. Sie gew\u00e4hren nicht nur den                          Gesch\u00e4ftsbanken in einem historisch beispiellosen Umfang                          Kredite zu faktischen Nullzinsen, sondern fungieren                          au\u00dferdem noch als \u201eBad Banks\u201c, als Sonderm\u00fclldeponien                          der verbrannten kapitalistischen Zukunft. Zum einen                          akzeptieren sie als Sicherheit bei ihrer Kreditvergabe                          auf dem Markt nicht mehr absetzbare Eigentumstitel, zum                          anderen kaufen sie zur Refinanzierung der \u00f6ffentlichen                          Hand Anleihen ihrer eigenen Staaten an. Der                          Krisenprozess l\u00e4sst sich mit solchen Ma\u00dfnahmen auf Dauer                          selbstverst\u00e4ndlich nicht stoppen, er wird nur verlagert                          und gewinnt eine neue Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>5.<\/p>\n<p>F\u00fcr die l\u00e4ngerfristige Entwicklung                          ist die Mutation der Zentralbanken zu \u201eBad Banks\u201c                          entscheidend. Denn die W\u00e4hrungsh\u00fcter k\u00f6nnen zwar durch                          den Aufkauf notleidender Eigentumstitel die Dynamik                          fiktiver Kapitalsch\u00f6pfung einstweilen aufrechterhalten,                          aber nur, indem sie ein riesiges Inflationspotential                          aufstauen. Die Entwertung des fiktiven Kapitals muss                          fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch in den USA und Europa in eine                          Entwertung des Geldmediums umschlagen. In China deutet                          sich dieser Prozess bereits an.<\/p>\n<p>Pr\u00e4gender f\u00fcr die augenblickliche                          Situation ist freilich der paradoxe Doppelkurs aus                          Sparpolitik und Verschuldung, den die Regierungen der                          f\u00fchrenden kapitalistischen L\u00e4nder eingeschlagen haben.                          Um Kreditw\u00fcrdigkeit zu demonstrieren und sich auf den                          Finanzm\u00e4rkten frisches Geld besorgen zu k\u00f6nnen, werden                          massive Sparanstrengungen f\u00fcr die Zukunft beschlossen.                          Bezeichnend daf\u00fcr ist die in Deutschland mitten im                          Krisenjahr 2009 von allen gro\u00dfen Parteien beschlossene                          \u201eSchuldenbremse\u201c ab 2016, die inzwischen nach halb                          Europa exportiert wurde. Es ist jetzt schon klar, dass                          sie zum gegebenen Zeitpunkt wieder ausgebaut oder                          \u201evor\u00fcbergehend ausgesetzt\u201c wird, \u00e4hnlich wie im                          letztj\u00e4hrigen US-Budgetstreit, weil alles andere                          wirtschaftlich katastrophale Konsequenzen h\u00e4tte. Vorerst                          aber beruhigt die Ank\u00fcndigung die Gem\u00fcter an den                          Finanzm\u00e4rkten und in der aufgescheuchten \u00d6ffentlichkeit                          und tr\u00e4gt so dazu bei, dass<em> <\/em>Deutschland seine                          Schuldner-Bestnote beh\u00e4lt und neue Kredite zu g\u00fcnstige                          Konditionen aufnehmen kann.<\/p>\n<p>Trotzdem bleibt die proklamierte                          Politik des Schuldenstopps keinesfalls folgenlos. Der                          Sparwille wird n\u00e4mlich demonstrativ an den Teilen der                          Gesellschaft exekutiert, die als \u201enicht-systemrelevant\u201c                          eingestuft werden. Ihnen wird noch das letzte Butterbrot                          genommen, nicht um damit die Schulden zu bezahlen,                          sondern damit die \u00f6ffentliche Hand gegen\u00fcber den Geld-                          und Kapitalm\u00e4rkten ein bisschen l\u00e4nger den Schein der                          Kreditw\u00fcrdigkeit aufrechterhalten kann. Genau das macht                          auch den zynischen Charakter der aktuellen Sparprogramme                          vor allem in den s\u00fcdlichen Eurostaaten und Irland aus.                          Nur damit der Euro-Raum noch eine Weile die                          R\u00fcckzahlf\u00e4higkeit seiner Schulden simulieren kann, wird                          die Masse der Bev\u00f6lkerung ins Elend getrieben.<\/p>\n<p>6.<\/p>\n<p>Wie dieses Verelendungsprogramm                          legitimiert wird, ist allgemein bekannt. Der                          griechischen Rentnerin kratzen die Sparideologen das                          sp\u00e4rliche Mahl vom Teller, weil die Gesellschaft                          angeblich \u201e\u00fcber ihre Verh\u00e4ltnisse\u201c gelebt habe. Der                          Aberwitz dieser Begr\u00fcndung \u00fcbersteigt noch deren                          Unversch\u00e4mtheit. Sie stellt das Grundproblem auf den                          Kopf, vor dem die Weltgesellschaft heute steht. Denn                          diese Gesellschaft lebt schon lange quantitativ und                          qualitativ <em>weit<\/em> <em>unterhalb<\/em> der                          Verh\u00e4ltnisse, die bei einer vern\u00fcnftigen Anwendung der                          Produktivit\u00e4tspotentiale, die der Kapitalismus selbst                          hervorgebracht hat, m\u00f6glich w\u00e4ren. L\u00e4ngst schon k\u00f6nnte                          mit weniger als f\u00fcnf Stunden produktiver T\u00e4tigkeit pro                          Woche und Person ein Reichtum produziert werden, der                          allen \u2013 und zwar wirklich allen \u2013 Menschen auf dieser                          Welt ein gutes Leben erlauben w\u00fcrde; und dies ohne die                          nat\u00fcrlichen Lebensgrundlagen zu zerst\u00f6ren. Dass diese                          M\u00f6glichkeit nicht l\u00e4ngst verwirklicht wurde, liegt                          einfach daran, dass unter kapitalistischen Bedingungen                          aller G\u00fcterreichtum nur eine Daseinsberechtigung hat,                          wenn er sich dem Zweck der Kapitalvermehrung unterordnet                          und als abstrakter Reichtum darstellen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Mit der dritten industriellen                          Revolution aber hat die Gesellschaft eine Schwelle                          erreicht, an der sie zu produktiv f\u00fcr den armseligen                          Selbstzweck der Wertverwertung geworden ist. Nur der                          best\u00e4ndig erweiterte Vorgriff auf k\u00fcnftige                          Wertproduktion, die Vorabkapitalisierung von Wert, der                          nie produziert werden wird, hat drei Jahrzehntelang die                          Aufrechterhaltung der kapitalistischen Dynamik                          erm\u00f6glicht. Diese verr\u00fcckte Aufschubstrategie steckt                          jedoch inzwischen selbst in einer heillosen Krise. Das                          ist aber weder ein Grund, den \u201eG\u00fcrtel enger zu                          schnallen\u201c noch in den regressiven Phantasien eines                          \u201egesunden\u201c, auf \u201eehrlicher Arbeit\u201c gegr\u00fcndeten                          Kapitalismus zu schwelgen. Eine emanzipatorische                          Bewegung gegen \u201eSparpolitik\u201c und repressive                          Krisenverwaltung muss vielmehr darauf zielen, die                          zwangsweise Kopplung von stofflicher Reichtumsproduktion                          und Wertproduktion ganz <em>bewusst<\/em> zu kappen. Es                          gilt, die Frage der \u201eFinanzierbarkeit\u201c offensiv                          durchzustreichen. Ob Wohnungen gebaut, Krankenh\u00e4user                          betrieben, Nahrungsmittel produziert oder Bahnlinien                          unterhalten werden, darf nicht davon abh\u00e4ngen, ob die                          n\u00f6tige \u201eKaufkraft\u201c vorhanden ist. Kriterium daf\u00fcr kann                          einzig und allein die Befriedigung konkreter Bed\u00fcrfnisse                          sein. Wenn Ressourcen stillgelegt werden sollen, weil                          \u201edas Geld fehlt\u201c, m\u00fcssen diese eben angeeignet und in                          bewusster Frontstellung gegen die fetischistische Logik                          der Warenproduktion transformiert und betrieben werden.                          Ein gutes Leben f\u00fcr alle kann es nur jenseits der                          abstrakten Reichtumsform geben.<\/p>\n<div id=\"sdfootnote1\">\n<p><a name=\"sdfootnote1sym\" href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd5612\/t615612.html#sdfootnote1anc\"> 1<\/a> Der Text fasst grundlegende Thesen des Buches                            der beiden Autoren zusammen, das soeben im                            Unrast-Verlag erschienen ist: <em>Die gro\u00dfe Entwertung.                            Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die                            Ursachen der Krise sind<\/em>,<\/p>\n<\/div>\n<p><\/span><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd5612\/t615612.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.trend.infopartisan.net\/trd5612\/t615612.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten drei Jahrzehnten hat sich das Gesicht des Kapitalismus vor allem in einer Hinsicht dramatisch ver\u00e4ndert: noch nie in seiner Geschichte hatte der Finanzsektor auch nur ansatzweise das Gewicht innerhalb der Gesamtwirtschaft, wie in der gegenw\u00e4rtigen Epoche. In den 1970er Jahren waren Derivate noch so gut wie unbekannt. Heute liegt das Gesamtvolumen allein dieses neuen Typs von Finanzmarktprodukten nach Sch\u00e4tzungen der Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich bei 600 Billionen Dollar und erreicht damit ungef\u00e4hr das F\u00fcnzehnfache der weltweiten Summe der Bruttoinlandsprodukte. Im Jahr 2011 belief sich der t\u00e4gliche Umsatz auf den Weltdevisenm\u00e4rkten auf 4,7 Billionen Dollar. Weniger als 1 Prozent ging auf Transaktionen auf den G\u00fcterm\u00e4rkten zur\u00fcck.  <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1470\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,108],"tags":[348,347,349,76,346],"class_list":["post-1470","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitskampf","category-wirtschaftskrise","tag-bank","tag-derivate","tag-finanzindustrie","tag-kapitalismus","tag-wirtschaft"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1470","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1470"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1470\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1472,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1470\/revisions\/1472"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1470"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1470"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1470"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}