{"id":1529,"date":"2012-09-07T13:57:47","date_gmt":"2012-09-07T12:57:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1529"},"modified":"2012-09-07T13:57:47","modified_gmt":"2012-09-07T12:57:47","slug":"mit-bier-und-guter-laune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1529","title":{"rendered":"Mit Bier und guter Laune"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sommerzeit ist Abschiebezeit in Frankreich. Auch die neue linke Regierung geht derzeit gegen Roma vor.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/roma.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1530\" title=\"roma\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/roma.jpg\" alt=\"\" width=\"475\" height=\"356\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/roma.jpg 475w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/roma-300x224.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 475px) 100vw, 475px\" \/><\/a>\u00bbDen Wechsel jetzt\u00ab\u00a0\u2013 le changement maintenant\u00a0\u2013 lautete das  Wahlkampfversprechen Fran\u00e7ois Hollandes. Die im Lande lebenden Roma  sollten dies so verstehen, dass es um einen notfalls unfreiwilligen  Ortswechsel gehe, spottete am Montag vergangener Woche eine  Satiresendung im franz\u00f6sischen Fernsehen. Sie machte sich auch bitter  \u00fcber die \u00bbAbschiebungen mit Bier und guter Laune\u00ab lustig, die die  Abschiebungen unter der linken Regierung von jenen der rechten  Vorg\u00e4ngerregierung unterscheide.<\/p>\n<p>Um die 30 der campements genannten Siedlungen von Roma, die mal aus  Wohnwagen und mal aus Holzh\u00fctten, Baracken und einfachen H\u00e4usern  bestanden, wurden seit Anfang August ger\u00e4umt. Zun\u00e4chst im Raum Lyon, in  La Courneuve bei Paris, in Marseille und in der N\u00e4he von Lille. Sp\u00e4ter  auch in Evry, Cr\u00e9teil und Stains, also Trabantenst\u00e4dten rund um Paris.  Dadurch verloren rund 3\u2009000 Menschen vor\u00fcbergehend ihre Bleibe. Die  meisten der Betroffenen mussten sich nach neuen Unterk\u00fcnften umsehen und  hatten oft einen Teil ihres Hab und Guts durch die Bulldozer verloren.  Etwa ein Zehntel der Betroffenen wurde nach S\u00fcdosteuropa abgeschoben.  Allein 240 Menschen auf einmal wurden durch einen Sonderflug, der am  9.\u2009August in Lyon abhob, nach Bukarest ausgeflogen.<\/p>\n<p>Die Bilder \u00e4hnelten vordergr\u00fcndig jenen vom Sommer 2010. Damals waren  innerhalb weniger Wochen 300 Romasiedlungen aufgel\u00f6st worden, rund  8\u2009000 Personen wurden abgeschoben.<\/p>\n<p>Die diesj\u00e4hrige Sommerkampagne der franz\u00f6sischen Beh\u00f6rden gegen die  im europ\u00e4ischen Vergleich relativ wenigen Roma im Land \u2013 offiziell ist  von etwa 15\u2009000 die Rede\u00a0\u2013 hat also nicht dieselbe Intensit\u00e4t erreicht  wie die damalige. Auch war der offizielle Diskurs seitens der Regierung,  mit dem die Zwangsr\u00e4umungen und Abschiebungen begleitet wurden, nicht  der gleiche. Vor zwei Jahren hielt der damalige Pr\u00e4sident Nicolas  Sarkozy Ende Juli eine veritable Brandrede, seine \u00bbRede von Grenoble\u00ab.  Darin behandelte er in einem Aufwasch das vorgebliche Problem in Gestalt  der Roma, jenes der \u00bbAusl\u00e4nderkriminalit\u00e4t\u00ab und das der doppelten  Staatsb\u00fcrgerschaft\u00a0\u2013 und setzte zum Generalangriff auf alle Minderheiten  an, die der Nation angeblich nur Schwierigkeiten bereiteten.<\/p>\n<p>Von einer solchen Brandrede sind die Regierenden in Frankreich heute  weit entfernt. Gleichwohl sieht man wieder Menschen nach dem Einsatz des  Bulldozers ohne Bleibe und oft auch ohne Hab und Gut auf der Stra\u00dfe  sitzen.<\/p>\n<p><strong>Die \u00c4hnlichkeit der Bilder<\/strong> h\u00e4tte Innenminister Manuel Valls  wohl intendiert. Denn dem Mann, der sich erst im August das Ziel setzte,  \u00bbdie Erfolge der Rechtsregierung bei der inneren Sicherheit zu  \u00fcbertreffen\u00ab, kommen Autorit\u00e4tsbeweise gelegen. In einem Interview vom  14.\u2009August in der Tageszeitung Lib\u00e9ration antwortete der Innenminister  zudem auf jene, die monierten, die Roma w\u00fcrden oft mit der Begr\u00fcndung  ger\u00e4umt, in ihren Siedlungen herrschten schlechte hygienische  Verh\u00e4ltnisse, es werde ihnen aber keinerlei bessere Alternative  angeboten: \u00bbDie L\u00f6sung liegt vor allem in den Herkunftsl\u00e4ndern.\u00ab Also in  S\u00fcdosteuropa, wo die Roma seit langem besonders krasser Diskriminierung  ausgesetzt sind.<\/p>\n<p>Im Laufe der Wochen vermischte das Regierungslager in seiner Politik  allerdings zwei unterschiedliche Aspekte, einen repressiven und einen  eher integrativen. Am 29.\u2009August ver\u00f6ffentlichte das Kabinett einen  Verordnungstext, der von sechs Ministern unterzeichnet war, darunter die  f\u00fcr Inneres und f\u00fcr Soziales. Darin werden Zwangsr\u00e4umungen von  Romasiedlungen grunds\u00e4tzlich nicht ausgeschlossen. Es wird allerdings  auch bef\u00fcrwortet, zuvor m\u00f6glichst eine Konzertation mit den betroffenen  Kommunen sowie mit Solidarit\u00e4tsvereinigungen und NGOs zu suchen, um den  betroffenen Menschen eventuell vorab alternative Unterk\u00fcnfte zu sichern.<\/p>\n<p>Zudem hebt die Verordnung bisherige Arbeitsmarktbeschr\u00e4nkungen f\u00fcr  rum\u00e4nische und bulgarische Staatsb\u00fcrger weitgehend auf. Die  Staatsangeh\u00f6rigen dieser im Jahr 2007 der Europ\u00e4ischen Union  beigetretenen L\u00e4nder h\u00e4tten normalerweise noch bis Anfang 2014 in  Frankreich nur eine begrenzte Anzahl von Arbeitspl\u00e4tzen aus einer Liste  von 150 Berufen annehmen k\u00f6nnen. Eine solche M\u00f6glichkeit zur teilweisen  Abschottung des Arbeitsmarkts gegen die Neub\u00fcrger der EU hatten sich  Frankreich, Deutschland und andere Staaten vor dem EU-Beitritt von  Rum\u00e4nien und Bulgarien ausbedungen. Die Vereinbarungen erlauben die  Aufrechterhaltung dieses Sonderstatus allerdings nur noch anderthalb  Jahre lang, danach schreibt das EU-Recht die Arbeitnehmerfreiz\u00fcgigkeit  auch f\u00fcr Rum\u00e4nen und Bulgaren vor. Nach dem j\u00fcngsten Beschluss tritt  diese nun anderthalb Jahre fr\u00fcher in Kraft.<\/p>\n<p><strong>Durch die Mischung aus Repression und einem, jedenfalls vordergr\u00fcndigen, Integrationsangebot<\/strong> auf dem Weg \u00fcber die Lohnarbeit versucht Valls, sich als einen auf  Gerechtigkeit ebenso wie auf Staatsautorit\u00e4t pochenden Politiker zu  pr\u00e4sentieren. In anderem Zusammenhang geriet er indessen unter  Handlungsdruck.<\/p>\n<p>Seit Jahresbeginn finden in den \u00e4rmeren n\u00f6rdlichen Stadtteilen  Marseilles Auseinandersetzungen zwischen Dealerbanden statt. Anders als  in anderen zu Drogensuperm\u00e4rkten verkommenden sozialen Brennpunkten  werden solche Streitigkeiten in den Nordvierteln der Stadt seit einigen  Monaten mit Kriegswaffen ausgetragen. Seit Anfang des Jahres sind 14  Tote durch Sch\u00fcsse aus Kalaschnikows zu verzeichnen. Der Hauptgrund  daf\u00fcr ist, dass sich zwei geopolitische Einflusssph\u00e4ren von Mafiagruppen  dort \u00fcberschneiden\u00a0\u2013 die der untereinander rivalisierenden  italienischen Mafia-Organisationen einerseits, der f\u00fcr Drogennachschub  aus Marokko und Lateinamerika sorgenden und expandierenden spanischen  Mafia andererseits.<\/p>\n<p>Eine sozialdemokratische B\u00fcrgermeisterin in den betroffenen  Nordvierteln und Senatsabgeordnete, Samia Ghali, forderte Ende August  sogar den Einsatz der Armee, um die K\u00e4mpfe zwischen den rivalisierenden  Banden zu beenden. Dies wurde allgemein zur\u00fcckgewiesen, von Pr\u00e4sident  Fran\u00e7ois Hollande und Innenminister Valls ebenso wie von den  Konservativen und sogar offiziell vom Front National, auch wenn in  manchen rechtsextremen Kreisen nunmehr munter Phantasien \u00fcber  milit\u00e4rische \u00bbL\u00f6sungen\u00ab verbreitet werden. Die Forderung Ghalis ist  dabei einerseits als echter emp\u00f6rter Aufschrei zu werten. Andererseits  hat Ghali auch taktische Motive, da sie bei der Kommunalwahl Anfang 2014  als Oberb\u00fcrgermeisterin von Marseille kandidieren m\u00f6chte. Und da sie es  als Immigrantentochter bislang nachweislich besonders schwer hatte,  auch in ihrer eigenen Partei, kam ihr die Gelegenheit, sich relativ  spektakul\u00e4r zu profilieren, nicht ungelegen.<\/p>\n<p>Manuel Valls hat es nun ziemlich leicht, durch seine Zur\u00fcckweisung  des Armeeeinsatzes als besonnener Politiker zu erscheinen. Wie zum  Ausgleich gibt er sich aber auch als harter Polizeipolitiker. Das  Wahlversprechen Fran\u00e7ois Hollandes, eine Kennzeichnungspflicht f\u00fcr  Polizeibeamte einzuf\u00fchren sowie schikan\u00f6sen und auf sogenannte ethnische  Minderheiten zielenden Kontrollpraktiken einen Riegel vorzuschieben,  lehnt Valls inzwischen offen ab. Auch Hollandes Anregung, die Bewohner  von sozialen Brennpunkten sollten bei ihrer ersten Kontrolle an einem  Tag eine Art Quittung ausgestellt bekommen, um andere\u00a0\u2013 nicht durch  einen konkreten Anlass gerechtfertigte\u00a0\u2013 Personalienfeststellungen in  den darauffolgenden Stunden zu vermeiden, will Valls nicht aufnehmen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2012\/36\/46192.html\" target=\"_blank\">http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2012\/36\/46192.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sommerzeit ist Abschiebezeit in Frankreich. 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