{"id":1586,"date":"2012-10-15T20:26:13","date_gmt":"2012-10-15T19:26:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1586"},"modified":"2012-10-15T20:26:13","modified_gmt":"2012-10-15T19:26:13","slug":"die-ruckeroberung-des-tahrir-%e2%80%93-revolution-3-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1586","title":{"rendered":"Die R\u00fcckeroberung des Tahrir \u2013 Revolution 3.0"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die gesch\u00e4tzten GenossInnen des Unsichtbaren Komitees behaupteten, der Erst\u00fcrmung des Winterpalais wohne heutzutage keine revolution\u00e4re Notwendigkeit mehr innne, ja mehr noch, es sei sogar nicht anzuraten, seine Energie an den Zentren der Macht zu verschwenden .<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tahrir.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-1587\" title=\"tahrir\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tahrir.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"165\" \/><\/a>Jenseits der Fragestellung, wo und wie das zu Beseitigende am verwundbarsten sei, ist Politik, ist aufst\u00e4ndische Politik, auch immer noch eine Angelegenheit der Symbole.<br \/>\nDer Tahrir Platz, der sich schon in seinem Namen bedeutungsschwanger gibt, ist ohne Zweifel ein solches Symbol.<br \/>\nBis auf die Puerta del Sol, bis auf den Syntagma, ja selbst bis vor den Sitz der Europ\u00e4ischen Zentralplatz reichten die Schockwellen der Kundgebungen und K\u00e4mpfe, die auf und um ihn herum gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Heute nun hat sich die Kommune des Tahrir diesen Platz, ihren Platz zur\u00fcckerobert.<br \/>\nAlle waren sie da, wieder da.<br \/>\nDie M\u00fctter, V\u00e4ter, Geschwister und Liebsten der Gefallenden der Revolution, die immer noch Gerechtigkeit fordern und immer noch darum k\u00e4mpfen, wenigsten nicht mit einer besch\u00e4mend geringen Entsch\u00e4dgung abgespeist zu werden.<\/p>\n<p>Die Angeh\u00f6rigen der diversen linken Gruppen und Gr\u00fcppchen, von der Kommunistischen Partei bis hin zu den \u00e4gyptischen Sozialdemokraten, die in ihrer Radikalit\u00e4t selbst vor dreissig Jahren keine Heimat bei den deutschen Jusos gefunden h\u00e4tten.<br \/>\nDie in die Jahre gekommenen Aktivisten (in Zeiten der Revolte altert man \u00fcber Nacht) der Jugendbewegungen, die Syndikalisten der zahlosen neugegr\u00fcndeten Basisgewerkschaften, die Menschenrechtler und Feministinnen und nat\u00fcrlich die Ultras von Al Ahly, die bereits am Donnerstag mit ihren Gef\u00e4hrten zu Tausenden auf die Strasse gegangen waren, um das immer gleiche unerm\u00fcdlich zu skandieren: No Justice No Peace !<\/p>\n<p>Diese Ultras, die f\u00fcr ihren Anteil an der Revolution einen blutigen Preis haben zahlen m\u00fcssen.<br \/>\nAllein an einem Tag, bei der Abwehr der vom Mubarak Regime gedungenen Schl\u00e4ger, am Tag der sogenannten Kamel Schlacht, verlorenen dutzende Ultras ihr Leben.<br \/>\nIm Stadion von Port Said wurde ihnen sp\u00e4ter die blutige Rechnung f\u00fcr ihre Verdienste um die \u00e4gyptische Revolution pr\u00e4sentiert. W\u00e4hrend also am Mittwoch einige Hinterm\u00e4nner der m\u00f6rderischen Attacke der Mubarakgetreuen am \u201eTag der Kamele\u201c freigesprochen wurden, waren diese Ultras auch heute wieder in vorderster Front im Kampf gegen den islamistischen Mob zu finden.<br \/>\nSie waren es auch, die, nachdem der islamistische Mob hatte weichen m\u00fcssen, \u00fcber twitter die frohe Kunde von der R\u00fcckeroberung des Tahrir verk\u00fcndeten, w\u00e4hrend sich prominente Aktivisten in Belehrungen der Moslembr\u00fcder \u00fcber altes Verbindendes und Apelle zur M\u00e4\u00dfigung ergingen.<\/p>\n<p>Der heutige Tag, der Tag der R\u00fcckeroberung des Tahrir, weist aber \u00fcber das Symbolische hinaus.<\/p>\n<p>In ihm b\u00fcndelt sich erneut der soziale Gehalt der \u00e4gyptischen Revolution. Bevor heute die diversen Demonstrationsz\u00fcge den Tahrir Platz erreichten, und ihren Gef\u00e4hrten zuhilfe eilen konnten, die sich dort gegen den islamistischen Mob zu behaupten hatten, waren sie durch die Strassen Kairos gezogen.<br \/>\nIhre Parolen, Transparente und Ges\u00e4nge k\u00fcndeten vom gemeinsamen Widerstand und der Unerbitterlichkeit ihrer Forderungen. \u201eBrot und Freiheit\u201c \u201eMursi, Erf\u00fcllungsgehilfe des IWF und der USA\u201coder einfach nur \u201eFuck Mursi\u201c.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund anhaltender Streikwellen, die weder der SCAF noch die Moslembr\u00fcder in den Griff bekommen, anstehender massiver Einschnitte bei den staatlichen Subventionen f\u00fcr Grundnahrungsmittel, Heiz\u00f6l und Kraftstoffen (Die IWF Chefin war erst vor ein paar Wochen pers\u00f6nlich nach Kairo gereist, um die Einzelheiten der Vernichtung der Existenzgrundlage der \u00c4rmsten der Armen abzusprechen), stehen soziale Konflikte an, die die Auseinandersetzungen der letzten 1,5 Jahre noch in den Schatten stellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend an vielen Stellen schon das Ende des arabischen Fr\u00fchlings besungen, ja sogar schon ein islamistischer Herbst verk\u00fcndet wurde, hat sich das Modell des \u201egem\u00e4ssigten Islamismus\u201c in Regierungsverantwortung erwartungsgem\u00e4\u00df relativ schnell selbst entzaubert.<br \/>\nIn \u00c4gypten ist eine \u00e4hnliche Entwicklung wie in Tunesien zu beobachten.<br \/>\nDie \u201egem\u00e4ssigten Islamisten\u201c haben wirtschaftpolitisch wenig Spielraum. Sie setzen nur die Wirtschaftpolitik der alten Eliten, teilweise im B\u00fcndnis mit eben jenen, fort. Trotz diverser Programme von EU, IWF, den USA und den Golfstaaten sind grosse Spr\u00fcnge im Wachstum nicht zu erreichen, eine st\u00e4rkere Beteiligung der Klasse am Erwirtschafteten steht allein deshalb nicht zur Diskussion.<br \/>\nDie \u201egem\u00e4ssigten Islamisten\u201c, die sich ihr Ansehen bei den Massen vor allem durch eine jahrzehntelange Wohlfahrtsarbeit erworben haben, verspielen eben jenen Kredit, weil sie gezwungen sind, als Regierungspartei die Interessen ihrer Anh\u00e4nger in der Klasse systematisch zu verraten.<br \/>\nViele f\u00fchrende Funktion\u00e4re der \u00e4gyptischen Moslembr\u00fcder sind \u00fcbrigens wohlhabende Unternehmer, dies sei nur nebenbei bemerkt.<\/p>\n<p>Ideologisch sind die Moslembr\u00fcder gezwungen, einen Drahtseilakt zu vollziehen. Auf der einen Seite sich (auch in wahltaktischer Konkurenz)abzugrenzen von salafistischen und anderen \u201eextremislamistischen\u201c Parteien und Organisationen, auf der anderen Seite aber trotzdem eine \u201eIslamisierung\u201c der Gesellschaft voranzutreiben (siehe die Vorstellung der Verfassungsentw\u00fcrfe am Mittwoch in \u00c4gypten, die u.a. die Beschneidung der Rechte von Frauen, sowie eine teilweise \u201eislamische\u201c Rechtssprechung vorsehen).<br \/>\nGleichzeitig muss diese \u201eIslamisierung\u201c der Gesellschaft im Einklang gebracht werden mit vitalen Interessen des Westens, sowie binnenwirtschaftlichen Notwendigkeiten (Stichwort Wirtschaftsfaktor Tourismus).<\/p>\n<p>So oder so, stehen den neuen\/alten Eliten in den Ursprungsl\u00e4ndern des Aufbruches in Nordafrika, \u00c4gypten und Tunesien, schwierige Zeiten bevor.<br \/>\nIn Tunesien kommt es immer wieder zu (bisher weitgehend lokal begrenzten) sozialen Unruhen und Generalstreiks, die verhasste (alte) Aufstandspolizei bekommt es bei jeder Gelegenheit (Busfahrerstreik, Hausr\u00e4umungen, Wassernot,\u2026) mit massenhaften militanten Widerstand zu tun.<br \/>\nIm Kampf gegen eine Islamisierung der Gesellschaft finden sich Menschenrechtler, Feministinnen und Gewerkschaftler zusammen. Der alte Ausnahmezustand aus den Zeiten Ben Alis ist gerade zum sechsten, siebten \u2026? mal verl\u00e4ngert worden.<\/p>\n<p>Der heutige Tag in Kairo hat erneut aufgezeigt, dass die sozialen Frage eine der Haupttriebfedern des Aufstandes in Nordafrika und Nahost gewesen ist.<br \/>\nDas es der Kommune vom Tahrir heute gelungen ist, den islamistischen Mob aus dem Herzen der \u00e4gyptischen Revolution zu vertreiben, mag ebenso pathetisch klingen wie wegweisend sein.<br \/>\nDas eben jener Mob zu grossen Teilen aus eben Jenen besteht, die morgen oder \u00fcbermorgen Leidtragende der Politik von Mursi und IWF sein werden, ist ebenso wahnsinnig wie vertraut. Es bleibt die berechtigte Hoffung, dass sich ihre Zahl in der nahen Zukunft mindern wird.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/uprising.blogsport.de\/2012\/10\/13\/die-rueckeroberung-des-tahrir-revolution-3-0\/\">http:\/\/uprising.blogsport.de\/2012\/10\/13\/die-rueckeroberung-des-tahrir-revolution-3-0\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenseits der Fragestellung, wo und wie das zu Beseitigende am verwundbarsten sei, ist Politik, ist aufst\u00e4ndische Politik, auch immer noch eine Angelegenheit der Symbole.<br \/>\nDer Tahrir Platz, der sich schon in seinem Namen bedeutungsschwanger gibt, ist ohne Zweifel ein solches Symbol.<br \/>\nBis auf die Puerta del Sol, bis auf den Syntagma, ja selbst bis vor den Sitz der Europ\u00e4ischen Zentralplatz reichten die Schockwellen der Kundgebungen und K\u00e4mpfe, die auf und um ihn herum gef\u00fchrt wurden. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1586\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,14,10,6,18,108],"tags":[31,395,32,89],"class_list":["post-1586","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antifa","category-arbeitskampf","category-aus-aller-welt","category-news","category-squat-the-world","category-wirtschaftskrise","tag-agypten","tag-komitee","tag-revolution","tag-tahrir"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1586","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1586"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1586\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1589,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1586\/revisions\/1589"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1586"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1586"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1586"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}