{"id":1648,"date":"2012-12-24T11:06:51","date_gmt":"2012-12-24T10:06:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1648"},"modified":"2012-12-24T11:06:51","modified_gmt":"2012-12-24T10:06:51","slug":"brief-aus-thessaloniki","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1648","title":{"rendered":"Brief aus Thessaloniki"},"content":{"rendered":"<p>von Kaki Bali<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/democracy.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1649\" title=\"democracy\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/democracy-300x174.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"174\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/democracy-300x174.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/democracy.jpg 720w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Thessaloniki im Winter ist ohnehin eine melancholische Stadt, die  Stimmung mutet eher balkanisch an als mediterran. Grau und Mattsilber  sind ihre dominanten Farben: dunkle Wolken \u00fcber dem meistens  aufgew\u00fchlten Meer. Dazu feuchte K\u00e4lte und verdreckte Luft.<\/p>\n<p>Der Dreck kam fr\u00fcher von den Abgasen der Autos, die in der Innenstadt  f\u00fcr einen Dauerstau sorgten. Heute stehen viele dauerparkend am Rand  der schmalen Stra\u00dfen, weil Benzin f\u00fcr ihre Besitzer unbezahlbar geworden  ist. Die Luft in diesem Winter stinkt anders. Fr\u00fcher heizten die  meisten Haushalte mit Heiz\u00f6l. Das ist im Oktober um 50 Prozent teurer  geworden, deshalb riecht Thessaloniki im November 2012 wie das  winterliche Berlin der 1980er Jahre: nach Briketts.<\/p>\n<p>\u00dcber Wochen roch es noch strenger, nachdem die M\u00fcllm\u00e4nner lange  gestreikt hatten, um gegen die K\u00fcrzung ihrer Geh\u00e4lter und Entlassungen  zu protestieren. In den Stra\u00dfen wuchsen die M\u00fcllberge, an denen die  Menschen einfach vorbeiliefen, als ob der Dreck verschwinden w\u00fcrde, wenn  man ihn lange genug ignoriert.<\/p>\n<p>Nachts sind die meisten Wohnviertel stockfinster. In den Stra\u00dfen sind  viele Leuchtk\u00f6rper ausgefallen, weil die Stadtkasse kein Geld mehr hat,  um die kaputten Lampen zu ersetzen. Selbst der weihnachtliche  Lichterschmuck in der Stadtmitte wirkt dieses Jahr funzelig und stimmt  eher melancholisch \u2013 als ob die wenigen leuchtenden Sterne fehl am Platz  w\u00e4ren. Nur die Platia Aristotelous, der gro\u00dfe, ovale Platz im Zentrum  von Thessaloniki, hat sich auch im dritten Winter der Krise ihre fast  aristokratische Sch\u00f6nheit bewahrt: ein hinrei\u00dfendes Ensemble aus dem  silbernen Meer, dem wei\u00dfen Marmor der neoklassizistischen Geb\u00e4ude und  der r\u00f6mischen Ruinen.<\/p>\n<p>Die Stimmung der Menschen ist d\u00fcster wie die unbeleuchteten Stra\u00dfen.  Wenn man einen Bekannten auf der Stra\u00dfe trifft, sagt man auf Griechisch:  \u201cTi kanis?\u201d, wie geht\u2019s? Zu normalen Zeiten ist das eine reine Floskel,  und die Antwort lautet routinem\u00e4\u00dfig: \u201cDanke, gut.\u201d In den Tagen der  Krise ist die Frage ernst gemeint, und man bekommt eine pers\u00f6nliche und  meist sehr ehrliche Antwort: \u201cSehr schlecht, ich finde keinen Job\u201d, oft  auch: \u201cIch komme gerade so durch.\u201d Oder im besten Fall: \u201cIch habe  wenigstens noch meinen Job. Und Gott sei Dank werde ich noch bezahlt.\u201d<\/p>\n<p>Der zweite Satz ist l\u00e4ngst nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich. Wer als  Arbeitnehmer noch regelm\u00e4\u00dfig Lohn ausbezahlt bekommt, kann sich  gl\u00fccklich sch\u00e4tzen. Zwei oder drei Monate Verzug gelten als ertr\u00e4glich,  wenn es l\u00e4nger dauert, wird die Lage verzweifelt, h\u00e4ufig f\u00fcr die ganze  Familie. Dennoch arbeiten die meisten Leute unbezahlt weiter, denn wer  den Job verliert, findet keinen anderen.<\/p>\n<p>In Thessaloniki begann die Krise schon lange vor der Krise. Bereits  in den 90er Jahren verschwand die Industrie. Fast alle Textilfabrikanten  zogen nach Bulgarien, wo niedrige L\u00f6hne, niedrige Steuern und gro\u00dfe  Gewinne lockten. Zur selben Zeit starb auch die l\u00e4ngst moribunde  Tabakindustrie. Immerhin erlebte damals die Dienstleistungsbranche einen  kleinen Boom, hinzu kam eine ganze Reihe von Infrastrukturprojekten:  der Bau einer U-Bahn-Linie wurde begonnen, Stra\u00dfen wurden ausgebaut,  Glasfaserkabel verlegt.<\/p>\n<p>Und viele Leute konnten noch mit einer Stelle im \u00f6ffentlichen Dienst  rechnen. Wer das nicht schaffte, machte ein Caf\u00e9 auf oder eine Kneipe  oder eine Boutique. An keinem Ort der Welt gibt es so viele Caf\u00e9s pro  Einwohner wie in Thessaloniki; daher der Name \u201cdie Stadt des Frapp\u00e9s\u201d.  So hei\u00dft bei uns der aufgesch\u00e4umte, kalte Kaffee, der \u00fcberall im Sitzen,  Stehen oder Liegen geschl\u00fcrft wird. Vor allem von den vielen Studenten,  von denen es \u2013 bei zwei Universit\u00e4ten und einer Fachhochschule \u2013 etwa  100 000 in der Stadt gibt.<\/p>\n<p>Aber dann bekam Athen die Olympischen Spiele f\u00fcr 2004 zugeschlagen,  und seit den sp\u00e4ten 1990er Jahren flossen fast alle \u00f6ffentlichen Gelder  nur noch nach Athen. Hier in der Stadt eine Arbeit zu finden, wurde  immer schwieriger. 2008, ein Jahr vor Beginn der Krise, lag die  Arbeitslosenquote im Gro\u00dfraum Thessaloniki schon bei 17 Prozent, mehr  als doppelt so hoch wie im griechischen Durchschnitt. Die Kaufkraft sank  entsprechend, Gesch\u00e4fte machten reihenweise dicht. Es begann mit den  M\u00f6bell\u00e4den, dann schlossen viele Boutiquen auf der Vassilissis Olgas,  der Hauptstra\u00dfe im Osten der Stadt. In letzter Zeit haben auch viele  Kaufh\u00e4user in der Stadtmitte aufgegeben, wie auch fast jedes dritte  Einzelhandelsgesch\u00e4ft. Tausende Verk\u00e4uferinnen haben ihren Job verloren.<\/p>\n<p>Und die Infrastrukturprojekte? Die Egnatia, die griechische  Hauptautobahn, die von Westen bis zur t\u00fcrkischen Grenze nach Osten  f\u00fchrt, wurde vor der Krise gerade noch fertig. Aber der Bau der U-Bahn  geriet ins Stocken, heute liegen die Bauarbeiten still. Eigentlich  sollte die geplante U-Bahn-Linie 2010 in Betrieb gehen; dann wurde es  2012, jetzt verspricht die Regierung die Fertigstellung bis 2016. An den  Termin glauben nicht einmal die Baustellenleiter, die schon seit  Monaten nicht mehr bezahlt werden. \u201cEher 2026, wenn es \u00fcberhaupt was  wird\u201d, meinte einer von ihnen neulich bei einer \u00f6ffentlichen Versammlung  im Rathaus.<\/p>\n<p>Aber selbst der Busverkehr ist gef\u00e4hrdet. Seit Anfang des Jahres  bekommt die lokale Busgesellschaft keine Zusch\u00fcsse mehr vom  Verkehrsministerium; jetzt hat sie kein Geld mehr f\u00fcr den Sprit und  droht, die Busse im Depot zu lassen. Die Millionenstadt ohne \u00f6ffentliche  Verkehrsmittel ist ein Albtraum. Am Tag, als die Nachricht auf den  Titelseiten der \u2013 sterbenden \u2013 Lokalzeitungen stand, diskutierten die  Leute vor den Kiosken, emp\u00f6rt und verzweifelt.<\/p>\n<p>In der Regel bleibt die Verzweiflung stumm. Man kann sie t\u00e4glich  sehen: an den gesenkten K\u00f6pfen der Passanten, am fehlenden L\u00e4cheln. Aber  man h\u00f6rt sie selten. Demonstrationen und Kundgebungen gegen die  Regierung, gegen die immer neuen Sparma\u00dfnahmen, gegen die Troika gibt es  fast jeden Tag, es sind ein paar tausend Leute. Die gro\u00dfe Mehrheit  bleibt zu Hause, verst\u00f6rt und traurig und voller Angst. Viele reden sich  noch ein, dass die Krise ein langer Albtraum ist, aus dem sie  irgendwann erwachen. Und alles ist genauso wie fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Doch in dieser kollektiven Depression gibt es auch Lichtblicke. Die  kr\u00e4ftigsten Zeichen der Hoffnung setzen die vielen lokalen  Solidarit\u00e4tsinitiativen, an denen immer mehr Leute teilnehmen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel ist die Sozialklinik von Thessaloniki. Gegr\u00fcndet wurde  sie vor sieben Jahren von linken \u00c4rzten, die sich um kranke Migranten  ohne Papiere k\u00fcmmerten. Die Krise machte diese bescheidene private  Institution zu einer wichtigen Anlaufstelle f\u00fcr alle, die keinen Zugang  mehr zu den staatlichen Krankenh\u00e4usern haben: legale Migranten,  einheimische Arbeitslose ohne Krankenversicherung, viele Rentner. Seit  einem Jahr machen immer mehr Freiwillige mit. Fast 150 \u00c4rzte, Zahn\u00e4rzte  und Krankenschwestern leisten ein- bis zweimal die Woche eine volle  Schicht. Ausgebildete Ingenieure, die keine Bauauftr\u00e4ge mehr bekommen,  halten das Sekretariat zwanzig Stunden am Tag ge\u00f6ffnet. Die Fanklubs der  Fu\u00dfballvereine Paok und Iraklis sammeln Medikamente f\u00fcr die Apotheke  der Sozialklinik; eine krebskranke Zahn\u00e4rztin hat der dentistischen  Abteilung ihre ganze klinische Ausr\u00fcstung \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Die Sozialklinik erf\u00e4hrt so viel Unterst\u00fctzung, dass sie das Projekt  der ganzen Stadt zu sein scheint. An einem Montagabend im Olympion, dem  gr\u00f6\u00dften Kinosaal der Stadt, geben vier alte Rocker um die 60 ein  Solidarit\u00e4tskonzert. Die Band nennt sich The Presidents und besteht aus  gestandenen Professoren, die alle mal Rektoren ihrer Fakult\u00e4t waren. Sie  mimen Jimi Hendrix und spielen Led Zeppelin, der Saal ist voll, eine  Mischung aus akademischer Nomenklatura, Studenten, Sch\u00fclern und ganz  normalen Fans von Rockmusik. Die Akustik ist lausig, aber die vier  spielen wirklich gut. Und das Beste kommt zum Schluss: \u201cAlways look at  the bright side of life\u201d. Ein Schuss Optimismus \u2013 das, was hier jeder  braucht. Sogar \u00e4ltere Leute im Anzug summen mit, der ganze Saal l\u00e4chelt.  Und die Kasse stimmt. Fast 4 000 Euro haben The Presidents am Schluss  gesammelt und auch noch ein paar Freiwillige rekrutiert, die in der  Sozialklinik mitarbeiten wollen.<\/p>\n<p>Aber die freiwilligen \u00c4rzte kennen ihre Grenzen. Entz\u00fcndungen,  Knochenbr\u00fcche, faule Z\u00e4hne, da k\u00f6nnen sie helfen. Aber Krebs? Was  passiert, wenn ein Krebspatient keine Krankenversicherung mehr hat, kein  Geld und keine Familie? Neulich erz\u00e4hlte mir Katharina, eine  befreundete \u00c4rztin, die in einem Bewilligungsausschuss der staatlichen  Krankenkasse IKA sitzt, eine Horrorgeschichte. \u201cVor dem Ausschuss  erschien eine 40-j\u00e4hrige Frau, kahl nach einer Chemotherapie. Sie hatte  keine Per\u00fccke, nicht mal ein Tuch auf dem Kopf. Junge Frauen behalten ja  immer einen Rest Eitelkeit, egal wie krank sie sind, aber die war am  Ende.\u201d<\/p>\n<p>Als der Ausschuss sie f\u00fcr drei Monate in den Krankenstand schicken  wollte, brach sie in Tr\u00e4nen aus. \u201cSie bat uns, sie gesundzuschreiben.  Sie m\u00fcsse dieses Jahr unbedingt noch zehn Tage arbeiten, sonst h\u00e4tte sie  keine Versicherung.\u201d<\/p>\n<p>Kaki Bali ist freie Journalistin in Thessaloniki und Mitarbeiterin der linken Tageszeitung \u201cAvgi.<br \/>\n\u00a9\u201d Le Monde diplomatique, Berlin<\/p>\n<p>Le Monde diplomatique Nr. 9982 vom 14.12.2012, 255 Zeilen, Kaki Bali<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.die-plattform.ch\/2012\/12\/brief-aus-thessaloniki\/#more-2717\" target=\"_blank\">http:\/\/www.die-plattform.ch\/2012\/12\/brief-aus-thessaloniki\/#more-2717<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thessaloniki im Winter ist ohnehin eine melancholische Stadt, die Stimmung mutet eher balkanisch an als mediterran. Grau und Mattsilber sind ihre dominanten Farben: dunkle Wolken \u00fcber dem meistens aufgew\u00fchlten Meer. Dazu feuchte K\u00e4lte und verdreckte Luft.<\/p>\n<p>Der Dreck kam fr\u00fcher von den Abgasen der Autos, die in der Innenstadt f\u00fcr einen Dauerstau sorgten. Heute stehen viele dauerparkend am Rand der schmalen Stra\u00dfen, weil Benzin f\u00fcr ihre Besitzer unbezahlbar geworden ist. Die Luft in diesem Winter stinkt anders. Fr\u00fcher heizten die meisten Haushalte mit Heiz\u00f6l. Das ist im Oktober um 50 Prozent teurer geworden, deshalb riecht Thessaloniki im November 2012 wie das winterliche Berlin der 1980er Jahre: nach Briketts. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1648\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,10,6,18,108],"tags":[431,37,430],"class_list":["post-1648","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitskampf","category-aus-aller-welt","category-news","category-squat-the-world","category-wirtschaftskrise","tag-arbeitslosigkeit","tag-krise","tag-thessaloniki"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1648","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1648"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1648\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1650,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1648\/revisions\/1650"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1648"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1648"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1648"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}