{"id":1742,"date":"2013-03-13T10:52:57","date_gmt":"2013-03-13T09:52:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1742"},"modified":"2013-03-13T10:52:57","modified_gmt":"2013-03-13T09:52:57","slug":"%e2%80%9eport-said-sterbende-stadt%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1742","title":{"rendered":"\u201ePort Said, sterbende Stadt\u201c"},"content":{"rendered":"<div>\n<p><strong>Die L\u00e4den sind zu, die Polizeizentrale brennt, seit Wochen  demonstrieren Mursis Gegner. Unsere letzte Option, sagen sie, ist die  Blockade des Sueskanals.<\/strong><\/p>\n<p><object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" width=\"560\" height=\"315\" codebase=\"http:\/\/download.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=6,0,40,0\"><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\" \/><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\" \/><param name=\"src\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/meJ5NnSUsPM?version=3&amp;hl=de_DE\" \/><param name=\"allowfullscreen\" value=\"true\" \/><embed type=\"application\/x-shockwave-flash\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/meJ5NnSUsPM?version=3&amp;hl=de_DE\" allowscriptaccess=\"always\" allowfullscreen=\"true\"><\/embed><\/object><br \/>\nIhre Mienen sind d\u00fcster. Schweigend stehen die Halbw\u00fcchsigen an der  Stra\u00dfenecke herum. Einer rollt seinen Motorroller in die Mitte, dreht  die Lautsprecher auf. Koranges\u00e4nge schallen durch die Gasse im  Kuwait-Viertel von Port Said.<\/p>\n<p>Hier lebte Abdulrahman al-Arabi. \u201eErmordet von der Polizei\u201c, steht  auf dem Fotoplakat, das jemand neben einem Laternenpfahl angebracht hat.  Mit gegelter Frisur, wie ein Kinoheld die Faust unterm Kinn geballt  l\u00e4chelt der 17-J\u00e4hrige in die Kamera. In einem Jahr wollte er mit der  Schule fertig sein und studieren. Jetzt ist er tot. Vor einigen Tagen  hebelten Uniformierte eine schwere Marmorplatte vom Dach des  Polizeihauptquartiers herunter auf die Demonstranten. Sie zerschmetterte  Abdulrahman den Kopf. Seine Mitsch\u00fcler haben die T\u00e4ter anschlie\u00dfend  jubeln sehen und mit obsz\u00f6nen Gesten die schockierte Menge unten  verspotten.<\/p>\n<p>Seitdem ist die Situation in Port Said vollends eskaliert. Noch in  derselben Nacht z\u00fcndeten Demonstranten den acht Stockwerke hohen  B\u00fcrokasten an, der nun seit Tagen brennt. Immer wieder facht der Seewind  die Flammen an. Rund um den gro\u00dfen M\u00e4rtyrer-Platz im Stadtzentrum mit  seinem Obelisken riecht es nach Tr\u00e4nengas, Rauch und verfaultem Fisch.  Immer wieder sind Sch\u00fcsse und die Sirenen der Krankenwagen zu h\u00f6ren. Ein  alter Peugeot rast zu einem nahen Krankenhaus, auf dem R\u00fccksitz einen  Mann, den eine Kugel getroffen hat. Er schreit auf vor Schmerz, als ihn  die Helfer vom R\u00fccksitz in einen Rollstuhl hieven und eilig im Inneren  verschwinden. \u201eDie Armee muss uns helfen, Mursi zu st\u00fcrzen\u201c, steht auf  einem meterhohen Plakat, das von einem Wohnhaus herabh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Das \u00f6ffentliche Leben steht still<\/p>\n<p>Isayyed al Arabi fallen die Worte schwer. Abdulrahman al-Arabi war  sein Sohn. Der 50-J\u00e4hrige arbeitet normalerweise als Z\u00f6llner im Hafen.  Noch nie in seinem Leben hat er an einer Demonstration teilgenommen,  selbst vor zwei Jahren nicht bei der Revolution gegen Hosni Mubarak.  \u201eMein Sohn war ein Sch\u00fcler und kein Schl\u00e4ger\u201c, sagt er. Immer wieder  habe er ihn beschworen, nicht dorthin zu gehen, vorsichtig zu sein.  \u201eJetzt habe ich Abdulrahman in einem schwarzen Plastiksack  zur\u00fcckbekommen und in einem zweiten Plastiksack sein Gehirn.\u201c Noch nie  habe er Port Said in einem solchen Zustand gesehen, sagt er leise. Er  hat Tr\u00e4nen in den Augen.<\/p>\n<p>Seit vier Wochen existiert das \u00f6ffentliche Leben in der Sues-Stadt  praktisch nicht mehr. Lehrer gehen nicht mehr in die Schulen, Banken  sind geschlossen, Hafenarbeiter entladen Schiffe nur noch sporadisch,  selbst im Amtssitz des Gouverneurs erscheint niemand zur Arbeit. Allein  die Durchfahrt der Ozeanriesen durch den Sueskanal funktioniert noch \u2013  \u201ebis jetzt f\u00fcr uns eine rote Linie\u201c, sagt ein Koordinator aus den  Streikkomitees. Alles andere steht still in dieser Kampagne des \u201ezivilen  Ungehorsams\u201c, die sich inzwischen auch auf andere St\u00e4dte wie Mansoura  und Alexandria ausgeweitet hat.<\/p>\n<p>Denn l\u00e4ngst geht es in dem Konflikt nicht mehr nur um den  fragw\u00fcrdigen Strafprozess nach dem Massaker im Erstligaspiel zwischen  dem Kairoer Klub Al Ahly und Lokalmatador Al Masry vor einem Jahr, als  72 Ahly-Fans im Stadion von Port Said starben. Der Protest hat sich  ausgeweitet zu einem immer verbisseneren Aufbegehren von Teilen der  Bev\u00f6lkerung gegen die gesamte Richtung, die das Land unter den  Muslimbr\u00fcdern eingeschlagen hat.<\/p>\n<p>Die politische L\u00e4hmung ist allgegenw\u00e4rtig, an der Spitze des Staates  agiert eine kopflose Regierung unter der Regie eines gleicherma\u00dfen  machtbesessenen wie \u00fcberforderten Pr\u00e4sidenten. Die Wirtschaft stagniert,  die \u00f6ffentliche Ordnung zerf\u00e4llt, die Armut w\u00e4chst rasant.<\/p>\n<p>In keiner Stadt \u00c4gyptens ist diese post-revolution\u00e4re Mixtur aus  Verzweiflung, Ratlosigkeit und Anarchie so pr\u00e4sent wie in Port Said,  einst multikultureller Knotenpunkt zwischen Mittelmeer und Rotem Meer.  An den Ausfallstra\u00dfen und vor Tankstellen hat die Armee Sch\u00fctzenpanzer  postiert, umringt von Stacheldraht und Sandsackbarrikaden. In dem  abgeriegelten Viertel rund um das Stadtgef\u00e4ngnis, in dem die  Massaker-Angeklagte einsa\u00dfen, bevor sie weggebracht wurden, sieht es aus  wie bei einem milit\u00e4rischen Gro\u00dfman\u00f6ver.<\/p>\n<p>Sechs Wochen ist es jetzt her, seit das Kairoer Strafgericht am 26.  Januar in einem ersten Urteilsspruch 21 Angeklagte mit dem Tode  bestrafte und damit schweren Aufruhr in allen drei Sueskanal-St\u00e4dten  ausl\u00f6ste. Allein in Port Said starben 53 Menschen, zuletzt der  17-j\u00e4hrige Abdulrahman. Am kommenden Samstag sollen nun die Begr\u00fcndungen  der Todesurteile folgen sowie die Strafen f\u00fcr die \u00fcbrigen 54  Angeklagten, darunter neun Polizisten und drei  Al-Masry-Vereinsfunktion\u00e4re.<\/p>\n<p>Der Tag k\u00f6nnte die \u00f6ffentliche Ordnung in \u00c4gypten endg\u00fcltig zum  Kollaps bringen. In Kairo setzten Ultra-Fans von Al-Ahly bereits die  Privatwohnung im Stadtteil Dokki des fr\u00fcheren Innenministers in Brand,  der vor einem Jahr w\u00e4hrend des Massakers im Amt war. Vor der Villa des  jetzigen Innenministers in Nasr City konnte die Polizei die  aufgewiegelte Menge nur mit massivem Einsatz von Schlagst\u00f6cken  vertreiben.<\/p>\n<p>Die Mehrheit in Port Said stimmte nicht f\u00fcr Mursi<\/p>\n<p>Die Gassen des Marktviertels von Port Said dagegen sind wegen der  permanenten Stra\u00dfenk\u00e4mpfe fast menschenleer. Die H\u00e4ndler sitzen zwischen  ihren Waren, neben sich volle Aschenbecher und leere Teegl\u00e4ser. Vor  zehn Jahren waren es 10.000 Besucher am Tag, vor einem Jahr noch 1.000  und jetzt kommt niemand mehr, sagen sie. Dekaden ist es her, dass Mahmut  Awat Mode aus Italien von der gegen\u00fcberliegenden Seite des Mittelmeers  im Angebot hatte. Livorno steht immer noch in geschwungenen Buchstaben  \u00fcber seinem Laden, als verblasste Erinnerung aus den siebziger Jahren,  als der Handel noch boomte.<\/p>\n<p>\u201eDie Leute m\u00fcssen Mursi mehr Zeit geben\u201c, meint der 63-J\u00e4hrige mit  wei\u00dfem Stoppelbart, der sein Geld stets mit Herrenanz\u00fcgen verdiente.  \u201eDas Volk hatte 30 Jahre Geduld mit Mubarak, dann sollte es wenigstens  30 Monate Geduld mit Mursi haben\u201c, sagt er. Probleme wie  Arbeitslosigkeit, Armut und fehlende Investitionen lie\u00dfen sich nun mal  nicht \u00fcber Nacht l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Im letzten Sommer hat er f\u00fcr Mursi gestimmt. Damit geh\u00f6rte er in  Port Said zur Minderheit. Hier gab es keine Erdrutschsiege von  Muslimbr\u00fcdern und Salafisten wie sonst im Land. In der ersten Runde der  Pr\u00e4sidentenwahl votierte die Stadt f\u00fcr den Linkspolitiker Hamdeen  Sabbahi, Mursi landete abgeschlagen auf Platz drei. In der zweiten Runde  war dann Mubaraks Expremier Ahmed Shafiq vorn. Bei den Parlamentswahlen  gingen von den sechs Mandaten der 750.000 Einwohner lediglich zwei an  die Muslimbr\u00fcder.<\/p>\n<p>\u201eDie Muslimbr\u00fcder sollen wissen, \u00c4gypten ist mehr als ihre  Muslimbruderschaft. Sie k\u00f6nnen \u00c4gypten nicht allein regieren\u201c, sagt  Mohammed Zakareia, Vizechef der Partei Sozialistische Volksallianz und  gleichzeitig Vorsitzender der unabh\u00e4ngigen Lehrergewerkschaft am Ort.  Sein Lieblingsplatz ist das El-Fellah-Teehaus, was sich unter alten  Kolonnaden aus kolonialer Zeit befindet, die der Mittelmeer-Stadt ihr  besonderes Flair geben. Mit allen Streikkomitees steht der 51-J\u00e4hrige in  Verbindung, auch der Belegschaft der Sueskanal-Gesellschaft, die nach  dem Zusammenbruch des Tourismus inzwischen der wichtigste Devisenbringer  \u00c4gyptens ist. Bisher seien die beiden H\u00e4fen und ihre Werften  lahmgelegt, erl\u00e4utert einer der Streikf\u00fchrer, der f\u00fcr einen schnellen  Mokka vorbeischaut. Die ber\u00fchmte Wasserstra\u00dfe zwischen den Kontinenten  zu sperren, das sei bisher tabu, sagt er. Doch sollte das \u00e4gyptische  Volk sagen, es wolle dieses Regime nicht mehr, sei nichts mehr  auszuschlie\u00dfen. \u201eDann ist die Blockade des Sues-Kanals unsere letzte  Option.\u201c<\/p>\n<p><strong>Quelle: <\/strong><a href=\"http:\/\/uprising.blogsport.de\/\" target=\"_blank\">http:\/\/uprising.blogsport.de\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div id=\"_mcePaste\" style=\"position: absolute; left: -10000px; top: 0px; width: 1px; height: 1px; overflow: hidden;\">&lt;iframe width=&#8221;560&#8243; height=&#8221;315&#8243; src=&#8221;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/meJ5NnSUsPM&#8221; frameborder=&#8221;0&#8243; allowfullscreen&gt;&lt;\/iframe&gt;<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die L\u00e4den sind zu, die Polizeizentrale brennt, seit Wochen demonstrieren Mursis Gegner. 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