{"id":1807,"date":"2013-06-03T16:54:21","date_gmt":"2013-06-03T15:54:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1807"},"modified":"2013-06-03T16:54:21","modified_gmt":"2013-06-03T15:54:21","slug":"im-zweifel-links-im-zweifel-zuschlagen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1807","title":{"rendered":"Im Zweifel links: Im Zweifel zuschlagen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn die Staatsmacht Demonstrationen gewaltsam aufl\u00f6st, hat das vor allem einen Sinn: Der Protest soll kriminalisiert werden. Aber das funktioniert nicht mehr. In Frankfurt so wenig wie in Istanbul.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/frankfurt1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-1808\" title=\"Blockupy-Proteste in Frankfurt am Main\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/frankfurt1.jpg\" alt=\"\" width=\"850\" height=\"566\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/frankfurt1.jpg 850w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/frankfurt1-300x199.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 850px) 100vw, 850px\" \/><\/a>Am Wochenende kam es in Frankfurt zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und antikapitalistischen Demonstranten. Es gab  laut Veranstaltern mehr als 200 Verletzte. Das sind weniger als in  Istanbul, wo die Demonstrationen gegen den selbstherrlichen Premier Erdogan inzwischen mehr als tausend Verletzte gefordert haben sollen.  Aber das Muster ist in beiden St\u00e4dten dasselbe: Die Polizei kn\u00fcppelt  den b\u00fcrgerlichen Protest nieder. Und es liegt die Vermutung nahe, dass  auch das Kalk\u00fcl der Polizei dasselbe ist: Die Bilder der Gewalt sollen  die Demonstranten diskreditieren. Aber das funktioniert nicht mehr.<\/p>\n<div id=\"spArticleColumn\">\n<div id=\"spArticleSection\">\n<p>In Frankfurt trennte die Polizei 900 Menschen vom Zug der etwa  zehntausend Demonstranten ab, noch bevor das Ziel erreicht war, die <a title=\"Europ\u00e4ische Zentralbank\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/thema\/europaeische_zentralbank\/\">Europ\u00e4ische Zentralbank<\/a>.  Die Leute wurden umzingelt. Viele Stunden mussten die B\u00fcrger im Kessel  ausharren. Die &#8220;Frankfurter Allgemeine Zeitung&#8221; schreibt: &#8220;Am Abend  l\u00f6ste die Polizei die Veranstaltung schlie\u00dflich auf, indem  Hundertschaften in die Menschenmenge dr\u00e4ngten und die Teilnehmer  herauszogen.&#8221; Frankfurts Polizeipr\u00e4sident Achim Thiel argumentiert mit  einem Schulterzucken: Das Verhalten einiger &#8220;St\u00f6rer&#8221; habe seinen Leuten  keine andere Wahl gelassen, als die Demonstranten anzuhalten und ihre  Identit\u00e4t festzustellen. Den gleichen Legalismus &#8211; und noch viel mehr  Gewalt &#8211; f\u00fchrt auch Premierminister Erdogan ins Feld. Er m\u00fcsse f\u00fcr seine  Projekte nicht &#8220;einige Marodeure&#8221; um Erlaubnis fragen.<\/p>\n<p>Die Frankfurter Polizei hatte sich schon 2012 im Kampf gegen die  antikapitalistischen Proteste durch besondere Unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit  hervorgetan. Erst im Februar war bekannt geworden, dass das Land Hessen  Teilnehmern der Blockupy-Proteste aus dem vergangenen Jahr je 500 Euro  Schmerzensgeld zahlen musste, weil die Demonstranten zu Unrecht  stundenlang in Gewahrsam genommen worden waren. Das Gie\u00dfener Amtsgericht  hatte die Polizei dazu verurteilt. Das war der deutsche Rechtsstaat in  seiner ganzen Ehrfurcht gebietenden Effizienz. Die Leute wollen  demonstrieren &#8211; der Staat unterbindet das. Die Demonstranten werden  eingesperrt. Und nachher bekommen sie als Entsch\u00e4digung daf\u00fcr, dass man  sie ihrer Grundrechte beraubt hat: Geld.<\/p>\n<p><strong>Jeder Widerstand ist dem Staat verd\u00e4chtig<\/strong><\/p>\n<p>Alles im Rahmen des Gesetzes. Alles hat seine Ordnung. Aber das ist  eine sonderbare Ordnung, die eine Bedrohung sieht, wo Menschen ihre  Rechte wahrnehmen und ihnen diese dann abkaufen will. Weil man mit 500  Euro auch Grundrechte kaufen kann. &#8220;Antikapitalismus&#8221; schrieb die  Polizei in Frankfurt im Jahr 2012 an die Stelle, wo auf dem Formblatt  der &#8220;polizeiliche Anlass&#8221; zur Festnahme einzutragen ist.<\/p>\n<p>Aber ganz gleich, ob der Staat die Demonstranten kauft oder  verpr\u00fcgelt &#8211; er sch\u00e4tzt sie nicht. Er misstraut ihnen. Er diskreditiert  sie. Der US-Ethnologe David Graeber hat beschrieben, wie die  Globalisierungsgegner von Seattle wahlweise als Kinder reicher Eltern  mit Treuhandfonds oder als gewaltbereite Chaoten verunglimpft worden  waren. Jeder Widerstand ist dem Staat verd\u00e4chtig. Dem Gesetz ist Folge  zu leisten. Das Gesetz hat recht. Wer es \u00e4ndern will, dem stehen die  entsprechenden Verfahren zur Verf\u00fcgung. Zwar ist das Recht auf  Demonstration Teil des Verfahrens. Aber es ist ein widerwillig  zugestandenes Recht. Es widerspricht der Ideologie des Gehorsams, die  immer noch viel st\u00e4rker ist als das Ideal der Verantwortung.<\/p>\n<p>Dabei gilt f\u00fcr Frankfurt und f\u00fcr Istanbul: Die Staatsm\u00e4chtigen irren,  wenn sie meinen, dass die Bilder der Gewalt die Demonstrationen  diskreditieren. Sie diskreditieren vielmehr den Staat, der die Gewalt  ausl\u00f6st, sie nicht unter Kontrolle bringt, sie am Ende selbst aus\u00fcbt.  Das Bild des aus beiden Augen blutenden damals 66 Jahre alten Ingenieurs  Dietrich Wagner, der w\u00e4hrend der Demonstrationen zu Stuttgart 21 von  einem Wasserwerfer schwer verletzt wurde, d\u00fcrfte gro\u00dfen Anteil daran  gehabt haben, dass der baden-w\u00fcrttembergische Ministerpr\u00e4sident Mappus  sein Amt verlor.Die brutalen Bilder aus Istanbul besch\u00e4digen das Image der T\u00fcrkei als  wirtschaftliches Kraftzentrum der Levante. Und die Bilder der mit  Pfefferspray schie\u00dfenden Polizisten aus Frankfurt diskreditieren die  gemeinsame europ\u00e4ische W\u00e4hrung, die immer mehr Menschen nicht als  verbindendes, sondern als trennendes Element in Europa wahrnehmen.<\/p>\n<p>Ein Staat, der seiner Demonstranten nur mit Gewalt Herr werden kann,  verliert vor den Augen der \u00d6ffentlichkeit seine Legitimation. Der  gewaltt\u00e4tige Staat ist der schwache Staat. In Frankfurt und in Istanbul.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/augstein-kolumne-im-zweifel-zuschlagen-a-903393.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/augstein-kolumne-im-zweifel-zuschlagen-a-903393.html<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Staatsmacht Demonstrationen gewaltsam aufl\u00f6st, hat das vor allem einen Sinn: Der Protest soll kriminalisiert werden. Aber das funktioniert nicht mehr. In Frankfurt so wenig wie in Istanbul. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1807\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[14,10,6,18],"tags":[310,533,532,113],"class_list":["post-1807","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitskampf","category-aus-aller-welt","category-news","category-squat-the-world","tag-frankfurt","tag-istanbul","tag-kriminalisierung","tag-proteste"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1807"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1810,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1807\/revisions\/1810"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}