{"id":1854,"date":"2013-07-29T13:48:53","date_gmt":"2013-07-29T12:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1854"},"modified":"2013-07-29T13:48:53","modified_gmt":"2013-07-29T12:48:53","slug":"nicht-das-schwachste-glied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1854","title":{"rendered":"Nicht das schw\u00e4chste Glied"},"content":{"rendered":"<p>K\u00f6ln, 31.\u2009August 1986. Ein Anschlag zerst\u00f6rt das Geb\u00e4ude des  Bundesverwaltungsamtes in der Barbarastrasse. In einem Bekennerschreiben  der \u00bbRevolution\u00e4ren Zellen\u00ab hei\u00dft es: \u00bbIm Ausl\u00e4nderzentralregister beim  Bundesverwaltungsamt in K\u00f6ln ist das gesamte Herrschaftswissen \u00fcber  alle Nichtdeutschen, die in der BRD \u203aaufh\u00e4ltig\u2039 sind oder es jemals  waren, in einem gigantischen Pool konzentriert (\u2026) Das  Ausl\u00e4nderzentralregister ist ein rassistisches und totalit\u00e4res Register.  Es muss deshalb weg.\u00ab<\/p>\n<p>Berlin-Wedding, 18.\u2009Juli 2013. Unbekannte lassen sich in das  Rathausgeb\u00e4ude in der M\u00fcller\u00adstra\u00dfe einschlie\u00dfen. Sie hebeln die T\u00fcren  zweier B\u00fcros auf, in denen \u00fcber Geld- und Sachleistungen f\u00fcr  Asylbewerber und geduldete Fl\u00fcchtlinge entschieden wird, und legen  Feuer. Um 19.56\u2009Uhr wird die Feuerwehr alarmiert. Als sie den Brand  gel\u00f6scht hat, sind 1\u2009000\u00a0Akten verkohlt, 200 v\u00f6llig zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Gleiche Aktion, gleiche Sto\u00dfrichtung. Doch w\u00e4hrend es in den  achtziger Jahren in Deutschland zwar Fl\u00fcchtlinge, aber keine  Fl\u00fcchtlingsbewegung gab, ist es heute schwierig, den \u00dcberblick \u00fcber die  Proteste von Asylsuchenden und Geduldeten zu behalten. Durststreikende  \u00bbNon-Citizens\u00ab in M\u00fcnchen; aus Ungarn weiter geflohene \u00bbDublin II\u00ab-F\u00e4lle  in Karlsruhe; Hungerstreik in Eisenh\u00fcttenstadt; Afrikaner, die von  Lampedusa aus nach Hamburg gekommen sind und wochenlang dort in den  Stra\u00dfen campieren; von Abschiebung bedrohte Roma auf bundesweiter  Protesttour; K\u00e4mpfe der Bewohner von ostdeutschen Fl\u00fcchtlingsheimen wie  Marken und Bitterfeld.<\/p>\n<p>Einen Schub erfuhr die Bewegung im Fr\u00fchjahr vergangenen Jahres, als  erstmals Iranerinnen und Iraner in Nordbayern mit der \u00bbRefugee Tent  Action\u00ab auf die Stra\u00dfe gingen. Die Forderungen der Fl\u00fcchtlingsk\u00e4mpfe  sind seit den neunziger Jahren die gleichen, die Formen sind jedoch  \u00adandere.<\/p>\n<p>Die Bewegung hat sich de-ethnisiert. Fr\u00fchere Fl\u00fcchtlingsk\u00e4mpfe waren  h\u00e4ufig das Projekt einzelner Exil-Communities, die sich angesichts ihres  je eigenen, nationalen Verfolgungsschicksals zusammenschlossen. Sie  \u00fcbten Solidarit\u00e4t vor allem untereinander und kritisierten die  Verharmlosung der Regime in ihren Herkunftsl\u00e4ndern durch den deutschen  Staat. Oppositionelle Exilparteien spielten dabei eine gro\u00dfe Rolle: Sie  k\u00e4mpften entweder f\u00fcr das Bleiberecht einzelner Personen oder forderten  einen Abschiebestopp. Ein Versuch, ethnische Trennlinien angesichts  drohender Abschiebung zu durchbrechen, war die Geburt des Netzwerks  \u00bbKarawane f\u00fcr die Rechte der Fl\u00fcchtlinge und MigrantInnen\u00ab im Jahr 1998.<\/p>\n<p>Dieser Prozess ging einher mit einem Bedeutungsverlust formaler  Organisierung. W\u00e4hrend Bleiberechtsk\u00e4mpfe sich lange Zeit auf einzelne  Gruppen konzentrierten und oft langwierig in B\u00fcndnistreffen mit  deutschen Linken vorbereitet wurden, kommt es in den letzten zwei Jahren  eher eruptiv zu Aktionen.<\/p>\n<p><strong>Die ver\u00e4nderte Abschiebepraxis d\u00fcrfte dazu beigetragen haben.<\/strong> Aufgrund der Dublin-II-Verordnung wird heute schneller innerhalb Europas  zur\u00fcckgeschoben, als dies fr\u00fcher bei Abschiebungen direkt in die  Heimatl\u00e4nder der Fall war. Die Fluktuation in den Heimen ist gr\u00f6\u00dfer, die  Aufenthaltsdauer in Deutschland k\u00fcrzer, eine langfristige Organisation  wird damit schwieriger. Gleichzeitig ist die Notwendigkeit, sich schnell  und effektiv gegen Dublin-II-Abschiebungen zu wehren, gr\u00f6\u00dfer geworden:  Rechtsmittel stehen kaum zur Verf\u00fcgung, die Frist, bis etwa ein Iraner  nach Ungarn oder Italien zur\u00fcckgeschickt wird, ist oft viel k\u00fcrzer als  die Zeit, die fr\u00fcher verging, bis eine Abschiebung ins Heimatland  wirklich stattfand.<\/p>\n<p><strong>Das erkl\u00e4rt auch die Radikalisierung der Proteste.<\/strong> Den  Hungerstreik als Mittel des Protests gab es auch bei fr\u00fcheren K\u00e4mpfen  gegen Sachleistungen und Essenspakete, gegen Lagerunterbringung oder  Abschiebehaft. Doch nie entschieden sich Fl\u00fcchtlinge an so vielen Orten  f\u00fcr den Hungerstreik wie in den vergangenen 18\u00a0Monaten. Der unter  Unterst\u00fctzern umstrittene Durststreik von fast 50\u00a0Fl\u00fcchtlingen in  M\u00fcnchen ist hingegen ein neues Ph\u00e4nomen. Auch in Eisenh\u00fcttenstadt zogen  in der vergangenen Woche hungerrstreikende Fl\u00fcchtlinge diese Form des  Protestes, der schnell t\u00f6dlich enden kann, in Betracht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich das Grenzregime modernisiert hat, scheint die Zeit in  vielen Heimen stehengeblieben zu sein. Trotz des Urteils des  Bundesverfassungsgerichts, das 2012 Asylsuchenden ann\u00e4hernd gleiche  Sozialleistungen wie Deutschen zusprach, leben viele noch immer von  Sachleistungen und ohne Arbeitserlaubnis in Heimen, die in erster Linie  dazu dienen, den Bewohnern die Lust am Leben in Deutschland zu nehmen.  Seit den neunziger Jahren haben die K\u00e4mpfe in diesen Heimen eine Reihe  von Experten in eigener Sache hervorgebracht, die vertraut mit dem  deutschen Recht und erfahren als Campaigner sind. Von ihnen profitieren  die nun an Orten wie Bitterfeld oder Eisenh\u00fcttenstadt aufkeimenden  K\u00e4mpfe, bei denen sich frisch politisierte Fl\u00fcchtlinge mit langj\u00e4hrig  Aktiven treffen und so den Aktionen auf Anhieb eine Durchschlagskraft  verleihen, die die Bewegung in ihrer Fr\u00fchzeit kaum je erreicht hat.<\/p>\n<p>Linke Protestbewegungen sind in den vergangenen Jahren pragmatischer  geworden. Bei der Fl\u00fcchtlingsbewegung kann hingegen von einer  Entideologisierung keine Rede sein. Weder in ihrer fr\u00fchen Phase noch im  derzeitigen Zyklus verzichtete sie auf eine internationalistische  Grundierung und Kapitalismuskritik. Die Forderungen der Fl\u00fcchtlinge sind  teils pragmatisch, aber sie argumentieren in aller Regel nicht auf  rechtspositivistischer Ebene (\u00bbDer Staat muss sich an seinen eigenen  Gesetze halten und deshalb netter zu uns sein\u00ab). Das Motto der Karawane  lautete: \u00bbWir sind hier, weil ihr unsere L\u00e4nder zerst\u00f6rt.\u00ab Auch die  \u00bbNon-Citizens\u00ab erkl\u00e4ren, wie sie ihre Aktionen politisch verstanden  wissen wollen: \u00bbWir sind nicht das schw\u00e4chste Glied in der Gesellschaft,  sondern die unterste Schicht der Arbeiterklasse\u00ab, sagte etwa der Iraner  Arash Dosthosseini nach dem von der Polizei unterbundenen Durststreik  von Fl\u00fcchtlingen in M\u00fcnchen Anfang Juli. Er sei im Iran mit Ger\u00e4ten aus  Deutschland gefoltert worden: \u00bbWenn Deutschland Waffen in alle Welt  exportiert, muss es darauf gefasst sein, dass Betroffene hierher kommen,  die unter menschenw\u00fcrdigen Bedingungen leben wollen.\u00ab<\/p>\n<p>Quelle: h<a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/30\/48140.html\" target=\"_blank\">ttp:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/30\/48140.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Entwicklung der Fl\u00fcchtlingsproteste in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1854\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,406,18],"tags":[549,1160,30],"class_list":["post-1854","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aus-aller-welt","category-migration","category-squat-the-world","tag-fluchtlingsbewegung","tag-migration","tag-solidaritat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1854","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1854"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1854\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1856,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1854\/revisions\/1856"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1854"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1854"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1854"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}