{"id":1861,"date":"2013-08-05T14:54:01","date_gmt":"2013-08-05T13:54:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1861"},"modified":"2013-08-05T14:54:01","modified_gmt":"2013-08-05T13:54:01","slug":"auf-die-harte-tour-ins-abseits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1861","title":{"rendered":"Auf die harte Tour ins Abseits"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Tayyip Erdogan l\u00e4sst immer heftiger  pr\u00fcgeln \u2013 so sehr steckt er in der Klemme. Denn seine KritikerInnen von  der Taksim-Solidarit\u00e4t lassen nicht locker.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tuerkei.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1862\" title=\"tuerkei\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tuerkei-300x181.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"181\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tuerkei-300x181.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/tuerkei.jpg 580w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Es war wie bei einem Schlag gegen al-Kaida: Am Dienstag im  Morgengrauen st\u00fcrmten Antiterroreinheiten in neunzehn Istanbuler  Stadtteilen die Wohnungen von hundert AktivistInnen der  Taksim-Solidarit\u00e4t (Taksim Dayanisma). 30 Personen wurden festgenommen.  In Izmir sitzen bereits 37 in Haft. Die meisten sind wegen Gr\u00fcndung  einer terroristischen Vereinigung angeklagt worden, sogar von der  \u00abVorbereitung eines Putschs\u00bb ist die Rede. Ihnen drohen mindestens zehn  Jahre Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<h4>H\u00e4ssliche Schikanen<\/h4>\n<p>Es war nicht die erste Polizeiaktion dieser Art gegen die  Protestbewegung in der T\u00fcrkei. Trotzdem waren auch am vergangenen  Wochenende wieder einige Tausend in Istanbul, Ankara und Hatay auf der  Strasse. Anlass f\u00fcr den Protest war die Verhaftung f\u00fchrender Mitglieder  der t\u00fcrkischen Vereinigung der Ingenieure und Architekten, die die  Taksim-Solidarit\u00e4t unterst\u00fctzt. Die Festgenommenen beklagten sich auch  \u00fcber h\u00e4ssliche Schikanen und Misshandlungen in Polizeigewahrsam. So  seien der Pr\u00e4sidentin der Istanbuler Architektenkammer, M\u00fccella Yapici,  die an Diabetes erkrankt ist, ihre Medikamente erst nach Stunden  zur\u00fcckgegeben worden.<\/p>\n<p>Schon am 20. Juni hatte der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Tayyip  Erdogan vor seiner Fraktion in Ankara den \u00abSieg\u00bb \u00fcber die \u00abgewaltt\u00e4tigen  Chaoten\u00bb in Istanbul und Ankara ausgerufen\u00a0\u2013 eine grobe  Fehleinsch\u00e4tzung. Trotzdem: Der t\u00fcrkische Regierungschef will der neuen  B\u00fcrgerInnenbewegung nach wie vor \u00abauf die harte Tour\u00bb beikommen, so wie  bisher noch jede Regierung in Ankara gegen missliebige Proteste  vorging\u00a0\u2013 mit einer Eskalation staatlicher Gewalt, mit Angst und  Einsch\u00fcchterung. So soll der zivile Protest an R\u00fcckhalt in der  Bev\u00f6lkerung verlieren.<\/p>\n<p>\u00c4rztInnen, die verletzten DemonstrantInnen halfen, werden bedroht.  Der Druck auf die Presse nimmt weiter zu. Der t\u00fcrkische  Nachrichtensender NTV musste vor wenigen Tagen sogar eine Chronik der  Ereignisse um den Gezipark in Istanbul aus dem Programm nehmen und im  Internet entsorgen. Neben Gr\u00fcndungsmitgliedern der Taksim-Solidarit\u00e4t  wurden auch Anw\u00e4lte, Ingenieurinnen und Architekten festgenommen, die  sich kritisch zu den Neubauprojekten der Regierung ge\u00e4ussert hatten.  Dar\u00fcber hinaus hat die AKP-Mehrheit im Parlament in aller Eile ein  Gesetz verabschiedet, das der Architektenvereinigung k\u00fcnftig die  Mitsprache an staatlichen Grossbauprojekten verbietet.<\/p>\n<h4>Erdogans absurde Angriffe<\/h4>\n<p>Das martialische Vorgehen zeigt auch: Tayyip Erdogan ist in die Defensive geraten wie noch nie in seiner politischen Laufbahn.<\/p>\n<p>Seine absurden Angriffe auf ausl\u00e4ndische Medien (\u00abHandlanger der  internationalen Zinslobby, die das Land schw\u00e4chen wollen\u00bb) belegen: Er  weiss, wie schwer ihm sein Krisenmanagement in den letzten Wochen im  Ausland geschadet hat. Wer mag jetzt noch vom \u00abModell T\u00fcrkei\u00bb reden?  Erdogan wird k\u00fcnftig bei einer Auslandsreise nicht mehr nur als der  Vertreter einer wirtschaftlich immer st\u00e4rker werdenden T\u00fcrkei empfangen  werden. Selbst die Bewerbung Istanbuls f\u00fcr die Olympischen Spiele 2020  kann das beeinflussen.<\/p>\n<p>Viel schwerwiegender noch trifft ihn der Ansehensverlust im Inland.  Einer der bekanntesten Kommentatoren des Landes, Cengiz Candar, erkl\u00e4rte  k\u00fcrzlich in der Zeitung \u00abRadikal\u00bb: \u00abWieso ich nun gegen Tayyip Erdogan  bin\u00bb. Cengiz Candar ist kein jugendlicher Hitzkopf, er ist 65 Jahre alt  und war fr\u00fcher Berater von Erdogan. Obwohl er diesen Posten schliesslich  aufgab, unterst\u00fctzte er weiter viele Massnahmen der Regierung\u00a0\u2013 und  zwar immer mit demselben Spruch: \u00abEvet\u00a0\u2013 ama yetmez\u00bb, \u00abJa, aber das ist  noch nicht genug\u00bb. Viele dachten bislang wie er: besser jetzt einen  kleinen konkreten Schritt vorw\u00e4rts als gar keinen.<\/p>\n<p>F\u00fcnfzig Prozent Zustimmung f\u00fcr Erdogan? Das Wahlergebnis war nicht  gef\u00e4lscht, aber das waren nicht nur Stimmen von beinharten  AKP-Anh\u00e4ngerInnen. Es war schon immer eine Koalition aus verschiedenen  Gruppen der Gesellschaft, die die AKP-Regierung unterst\u00fctzte oder  tolerierte, weil es zu ihr keine Alternative gab. Dazu geh\u00f6rten auch  konservative Gesch\u00e4ftsleute und m\u00e4chtige UnternehmerInnen, die den  islamisch-konservativen Politikern in Ankara gegen\u00fcber immer kritisch  distanziert blieben. Ihre\u00a0erfolgreiche Wirtschaftspolitik honorierten  sie mit Stillschweigen auf der politischen B\u00fchne.<\/p>\n<p>Aber nun droht auch noch der bislang unaufhaltsam scheinende  wirtschaftliche Aufschwung wegzubrechen. Mit dem einst so engen  Wirtschaftspartner Syrien hat sich Ankara krass verspekuliert. Schon vor  einem Jahr setzte die t\u00fcrkische Regierung auf den raschen Zusammenbruch  des Regimes von Baschar al-Assad. Der Sturz des \u00e4gyptischen  Staatspr\u00e4sidenten Muhammad Mursi kostet Erdogan ausserdem einen seiner  wichtigsten neuen Verb\u00fcndeten im Nahen Osten\u00a0\u2013 und einen der  bedeutendsten Handelspartner (Handelsvolumen: 5,2 Milliarden US-Dollar).<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkische Lira hat seit Anfang Mai gegen\u00fcber dem US-Dollar mehr  als acht Prozent an Wert verloren. Die internationalen InvestorInnen  erwarten steigende Zinsen in den USA\u00a0\u2013 und ziehen ihr Geld aus vielen  Schwellenl\u00e4ndern ab. Die politisch un\u00fcbersichtliche Lage am Bosporus  verst\u00e4rkt diesen Trend. Allein im Juni schafften AnlegerInnen innerhalb  von vierzehn Tagen acht Milliarden US-Dollar aus der T\u00fcrkei. Dabei ist  die t\u00fcrkische Wirtschaft besonders auf Devisen angewiesen, um ihre  negative Leistungsbilanz (mehr Importe als Exporte) auszugleichen.<\/p>\n<p>Selbst die Einnahmen aus dem Tourismusgesch\u00e4ft k\u00f6nnten dieses Jahr  weit hinter den Erwartungen zur\u00fcckbleiben, vor allem beim  St\u00e4dtetourismus in Istanbul. Nicht die All-inclusive-UrlauberInnen auf  den Klubgel\u00e4nden der K\u00fcste bringen die Devisen\u00a0\u2013 es sind die  St\u00e4dtereisenden, die einkaufen gehen und im Restaurant speisen. Schon  Anfang Juni blieben 80\u2009000 Hotelbetten um den Istanbuler Taksimplatz  leer, weil sich keine UrlauberInnen mehr durch dichte Tr\u00e4nengasschwaden  k\u00e4mpfen wollten.<\/p>\n<h4>Jede Woche tiefer gespalten<\/h4>\n<p>Alarmstimmung in Ankara: Der Regierungschef rief Anfang der Woche zu  einer Krisensitzung in Sachen Wirtschaft. Die t\u00fcrkische Zentralbank warf  in den letzten zwei Wochen 6,5 Milliarden US-Dollar auf den Markt, um  den weiteren Verfall der t\u00fcrkischen W\u00e4hrung zu verhindern. Jetzt geht  auch noch die Angst vor der Inflation wieder um. Dabei hatte sich der  Regierungschef auf seinen Kundgebungen immer wieder damit ger\u00fchmt, er  habe die horrende Inflation, die Ende der neunziger Jahre bei bis zu  hundert Prozent lag, erfolgreich bek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Tayyip Erdogan weiss, dass ein wirtschaftlicher Abschwung seine  Regierung ernsthaft gef\u00e4hrden k\u00f6nnte. Deshalb wettert er bei jeder  seiner Reden gegen die \u00abausl\u00e4ndische Zinslobby\u00bb, die hinter der  Protestbewegung gegen eine starke T\u00fcrkei die F\u00e4den ziehe. Ob es ein  Zufall war, dass letztes Wochenende zum ersten Mal mit Kn\u00fcppeln  bewaffnete H\u00e4ndler und Restaurantbesitzer auf Demonstrantinnen und  Journalisten losgingen? Wie aber soll in einem Land, das von Woche zu  Woche tiefer gespalten wird, ein Konsens \u00fcber eine neue Verfassung  entstehen? Ohne eine neue Verfassung aber wird es auch keine L\u00f6sung der  Kurdenfrage geben.<\/p>\n<h4>Foren unter freiem Himmel<\/h4>\n<p>Die AKP droht abzurutschen in das grosse Becken, in dem all die  anderen abgehalfterten Parteien der T\u00fcrkei rudern, deren  Unglaubw\u00fcrdigkeit einst den Aufstieg der AKP erst erm\u00f6glichte.  Gleichzeitig beginnt sich die neue B\u00fcrgerInnenbewegung zu organisieren.  Mehrmals in der Woche finden etwa in f\u00fcnfzig verschiedenen Istanbuler  Stadtteilen abends unter freiem Himmel Versammlungen der  Taksim-Solidarit\u00e4t statt. Jeder kann kommen, jede kann das Wort  ergreifen. Besprochen wird, mit welchen Forderungen und wie sich die  Taksim-Solidarit\u00e4t in sieben Monaten an den Kommunalwahlen beteiligen  k\u00f6nnte. An manchen Abenden nehmen allein in Istanbul bis zu 10\u2009000  Menschen an diesen Foren teil. Mehr als zwanzig solcher Foren gibt es  auch in Ankara und weitere in f\u00fcnfzehn anderen St\u00e4dten. Sieben Ausgaben  einer Internetzeitung der Taksim-Solidarit\u00e4t sind bisher erschienen.  \u00dcberall entstehen Karikaturen, Aufkleber, Bildergeschichten und Slogans,  alle bunt, lustig oder ironisch\u00a0\u2013 eine Form der politischen  Auseinandersetzung, die es am Bosporus noch nie gegeben hat.<\/p>\n<p>Dabei wissen die meisten AktivistInnen der Taksim-Solidarit\u00e4t, dass  dies allenfalls die ersten Meter auf einem langen Weg sind. Wohl deshalb  h\u00e4lt sie die islamisch-konservative Regierung auch f\u00fcr so bedrohlich.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/1329\/tuerkei\/auf-die-harte-tour-ins-abseits\" target=\"_blank\">http:\/\/www.woz.ch\/1329\/tuerkei\/auf-die-harte-tour-ins-abseits<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der t\u00fcrkische Ministerpr\u00e4sident Tayyip Erdogan l\u00e4sst immer heftiger pr\u00fcgeln \u2013 so sehr steckt er in der Klemme. 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