{"id":1889,"date":"2013-09-06T17:44:05","date_gmt":"2013-09-06T16:44:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1889"},"modified":"2013-09-06T17:44:05","modified_gmt":"2013-09-06T16:44:05","slug":"%c2%bbfrauen-im-widerstand-musten-kampfe-radikaler-fuhren%c2%ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1889","title":{"rendered":"\u00bbFrauen im Widerstand mu\u00dften K\u00e4mpfe radikaler f\u00fchren\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Die 70j\u00e4hrige Franz\u00f6sin Anne Urtubia hat im Mai 1968 in Paris in der  Frauenbewegung mitgewirkt, um die Gesellschaft im feministischen Sinn  zu ver\u00e4ndern. Sp\u00e4ter hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem spanischen  Anarchisten Lucio Urtubia, und anderen europ\u00e4ischen Rebellen den  Widerstand gegen die Franco-Diktatur gest\u00e4rkt. Sie hat mitgeholfen, die  spanische anarchistische Bewegung im Exil mit Geld, falschen Dokumenten,  Wohnungen etc. zu versorgen.<\/p>\n<div>\n<p><strong><em>Anarchistinnen, die Widerstand gegen autorit\u00e4re Regime  geleistet haben, verschwinden in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung oft hinter  m\u00e4nnlichen Vorbildern. Sie selbst haben sehr pr\u00e4zise Vorstellungen, wie  Sie die Gesellschaft ver\u00e4ndern wollen. Was hat Sie damals, 1968 in  Paris, bewegt, bevor Sie den spanischen Anarchisten, Geldf\u00e4lscher und  Rebellen Lucio Urtubia, Ihren sp\u00e4teren Ehemann, kennengelernt und sich  dem anarchistischen Widerstand gegen Franco angeschlossen haben?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es war eine Zeit, in der alles im Aufbruch war, um eine  gesellschaftliche und politische Ver\u00e4nderung zu schaffen. Wir haben  damals alle geglaubt, eine Revolution beginnen zu k\u00f6nnen, um die  verstaubten Werte der Vergangenheit aufzuweichen. Die Gesellschaft war  von einem traditionell rechten Establishment gepr\u00e4gt und organisiert,  das wir ablehnten. Das fing in der Schule an: M\u00e4dchen auf der einen  Seite im Klassenraum, Jungs auf der anderen. Alles restriktiv geregelt!  Wir wollten den Esprit und die Lebensweise grunds\u00e4tzlich \u00e4ndern. Zwar  m\u00fcssen wir im R\u00fcckblick eingestehen: Die Revolution\u00e4re der 68er Zeit  waren nicht wirklich einflu\u00dfreich. Aber wir haben darauf gedr\u00e4ngt,  unsere Tr\u00e4ume die wir in diesem Moment hatten, in die Realit\u00e4t zu  \u00fcbertragen. 1968, Paris im Mai, war die Gelegenheit, unsere Utopien zu  verteidigen. Die Frauen haben sich als Bewegung formiert; vor allem mit  dem Ziel, das Recht auf Abtreibung durchzusetzen \u2013 auch um eine  aufgezwungene Rolle des Heimchens am Herd loszuwerden. Wir hatten Lust,  all die alten Traditionen, die uns in unserem pers\u00f6nlichen Leben  einengten, einfach \u00fcber Bord zu werfen. In dieser Zeit, im Mai 1968,  hatte ich Lucio kennengelernt. Er war vom spanischen Milit\u00e4r desertiert,  begann im Pariser Exil Kontakt zu anarchistischen Gruppen aufzubauen,  um von hier aus den Widerstand gegen die Franco-Diktatur zu  organisieren.<strong><em>War Ihre Rebellion in Ihrer Familie schon angelegt?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eher nicht! Mein Vater hatte ein mittelst\u00e4ndisches Unternehmen in  Troyes, einem Dorf 150 Kilometer von Paris entfernt. Er war Gaullist,  also ein Konservativer. Wir waren sechs Kinder. Ich bin am 2. Dezember  1942, mitten im Zweiten Weltkrieg geboren. Ich und meine Schwestern  haben Berufe gelernt: Eine ist Krankenschwester, die andere Professorin,  ich bin Biologin geworden. Ich hatte ein fast zweij\u00e4hriges Praktikum  von Anfang 1965 bis 1967 in Kambodscha absolviert, als die USA  milit\u00e4risch in Vietnam intervenierten. Weil ich dort in einer historisch  turbulenten Periode war, wurde ich fr\u00fch politisiert. Ich las  Schriftsteller wie Albert Camus und Jean Paul Sartre, h\u00f6rte Chansons von  politisch linken Liedermachern. Ich interessierte mich f\u00fcr Philosophie.  Wir waren alle dabei, uns auf diese Weise zu bilden und zu  reflektieren; ohne jedoch ein wirkliches Konzept zu haben, wie wir die  Gesellschaft haben wollten.<strong><em>Wie haben Sie Lucio Urtubia kennengelernt?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich wohnte in dieser Zeit im Studentenviertel Quartier Latin. \u00dcber  Freunde haben wir uns kennengelernt und \u2013 wie damals \u00fcblich \u2013 viel  diskutiert. Er hat alles getan, um mich wiederzusehen; aber wir haben  uns sowieso st\u00e4ndig gesehen, bei Polit-Meetings an der Universit\u00e4t. Wir  haben uns freilich auch gestritten; vor allem nach einer Demonstration.  Wie die meisten der Leute haben wir dabei st\u00e4ndig Probleme mit der  Polizei bekommen. An diesem Tag hatten wir uns in ein Kino gefl\u00fcchtet;  ich war am Fu\u00df verletzt. Die Polizei hatte uns verfolgt. Lucio und ich  hatten es ins Auto geschafft, fuhren aber auf eine Polizeisperre zu. Ich  war damals jung, exaltiert und etwas verr\u00fcckt: Insofern habe ich ihn  gedr\u00e4ngt, geradezu maltr\u00e4tiert, er solle schneller fahren und die Sperre  durchbrechen: \u00bbGib Gas, gib Gas.\u00ab Lucio war zu dieser Zeit ein  spanischer Fl\u00fcchtling; froh, es ins Exil nach Frankreich geschafft zu  haben. Er hatte deshalb verst\u00e4ndlicherweise wegen so einer Banalit\u00e4t  nicht die geringste Lust, sich \u00c4rger mit der Polizei einzuhandeln. Er  hatte nat\u00fcrlich recht \u2013 aber ich wollte es nicht einsehen. Er war damals  erfahrener und viel pragmatischer: Wenn man ein Risiko auf sich nimmt,  mu\u00df es sich f\u00fcr die Bewegung lohnen. Er war sauer und hat mich aus dem  Auto geschmissen. Ich bin die ganze Nacht zur\u00fcckgelaufen. Sp\u00e4ter haben  wir uns vers\u00f6hnt. Klar.<strong><em>Wie ist denn all das in Ihrem famili\u00e4ren Umfeld angekommen \u2013 auch, da\u00df Sie im November 1969 einen Anarchisten geheiratet haben?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Meine Eltern waren sauer, da\u00df ich diese Beziehung eingegangen bin. Mir  war das aber v\u00f6llig egal. Davor war ich mit einem wohlerzogenen  Mediziner zusammen, dann pl\u00f6tzlich mit diesem Anarchisten. Das war  damals, in dieser Epoche gar nicht einfach.<strong><em>Wie sind Sie in Kontakt mit der libert\u00e4ren Bewegung gekommen?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Vor dem Kennenlernen mit Lucio hatte ich keinen Kontakt mit radikalen  Anarchisten. Wir waren an der Pariser Universit\u00e4t Sorbonne eher  b\u00fcrgerlich, haben mit Kommunisten sympathisiert. Daniel Cohn Bendit war  dort der gro\u00dfe Sprecher. Ich war sehr interessiert, als mir Freunde  einen der K\u00f6pfe der Libert\u00e4ren vorstellen wollten. Wir hatten dann  Aktionskomitees gegr\u00fcndet. In Nanterre gr\u00fcndete eine Gruppe von 142  linken Studenten verschiedenster politischer Herkunft an der  philosophischen Fakult\u00e4t die radikale \u00bbBewegung 22. M\u00e4rz\u00ab. Wir besetzten  damals das Verwaltungsgeb\u00e4ude, um etliche hochschulpolitische Ziele  durchzusetzen, unter anderem die Aufhebung der Geschlechtertrennung in  den Studentenheimen. Das waren unsere Aktivit\u00e4ten. Lucio hat mir den  Eintritt in die libert\u00e4re Bewegung geebnet. Ich hatte eine ganz andere  Sozialisation als er: Er war arm, ich hatte studieren k\u00f6nnen. Die  Anarchisten in Spanien hatten mehr Routine, sozialen Widerstand zu \u00fcben.  Wir hatten dies als Modell f\u00fcr uns angesehen \u2013 ohne wahrzunehmen, da\u00df  es sich um den Kampf der Anarchisten gegen ein totalit\u00e4res Regime  handelte. Wir hatten jedoch Faszinierendes \u00fcber den Kampf der  Anarchistinnen f\u00fcr ihre Emanzipation geh\u00f6rt. Das pa\u00dfte bei uns alles  rein: freie Liebe etc. Was die spanische Geschichte des Diktators Franco  und den Widerstand gegen ihn betraf, waren wir eher naiv. Auswirkungen  des Franquismus hatte ich mir gar nicht vorstellen k\u00f6nnen \u2013 somit auch  nicht die radikalen Formen der Gegenwehr.<strong><em>Es hei\u00dft, die spanischen Anarchisten waren Machos?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Na klar, sie kamen aus einer Gesellschaft, die katholischer,  restriktiver und autorit\u00e4rer gepr\u00e4gt war als unsere: patriarchalisch bis  zur Tyrannei. M\u00e4dchen erhielten kaum Bildung. Die Frauen im Widerstand  mu\u00dften ihre K\u00e4mpfe insofern radikaler f\u00fchren, sich ganz anders behaupten  \u2013 nicht nur gegen die Staatsgewalt. Bei den Internationalen Brigaden im  B\u00fcrgerkrieg haben viele von ihnen wie die M\u00e4nner gek\u00e4mpft. Priorit\u00e4t  war aber, haupts\u00e4chlich das Regime und den Kapitalismus zu bek\u00e4mpfen.  F\u00fcr die Emanzipation der Frauen blieb keine Zeit. In Frankreich waren  wir hingegen stark in feministischen Fragen engagiert. Wir wollten den  Frauen endlich mehr Rechte verschaffen. Auch in sozialistischen und  linken Kreisen war die allgemeine Stellung der Frau nicht  gleichberechtigt. M\u00e4nner bestimmten diese Bewegungen und f\u00fchrten das  gro\u00dfe Wort.<strong><em>Welche Aufgaben hatten Sie in der anarchistischen Bewegung, die  auch von Frankreich aus den Kampf gegen das Franco-Regime f\u00fchrte?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich war der Draht der Bewegung in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft hinein.  Ich hatte den Gestus eines Bildungsb\u00fcrgers; konnte mit einem L\u00e4cheln  Wohnungen f\u00fcr gefl\u00fcchtete Anarchisten mit falschen Papieren anmieten.  Ich konnte Bankkonten er\u00f6ffnen, auf denen Gelder f\u00fcr die Bewegung  geparkt wurden, aus Bank\u00fcberf\u00e4llen oder Scheckf\u00e4lschungen \u2013 zur  Umverteilung von Reich nach Arm. Ich konnte Autos mieten oder Maschinen  leihen; chemische L\u00f6sungen besorgen, um falsche P\u00e4sse zu fertigen. Bei  mir sch\u00f6pfte niemand Verdacht, man hat mir schnell Vertrauen geschenkt.  Ich hatte auch im Labor gearbeitet, gelernt, sehr pr\u00e4zise zu arbeiten  und die dort gefertigten falschen P\u00e4sse und Schecks dann verteilt.<strong><em>Umverteilung im Robin-Hood-Stil ist eine feine Sache. Aber  angesichts dessen, da\u00df da gro\u00dfe Summen in die anarchistische Bewegung  umverteilt wurden: Wie konnten Sie sicher sein, da\u00df das Geld stets in  die richtigen H\u00e4nde von politischen Freunden gelangt?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Das ist eine Frage, die ich mir selbst h\u00e4ufig gestellt habe. Das Geld  sollte in die spanische Widerstandsbewegung gegen Franco flie\u00dfen, aber  auch nach Chile, um dort den Widerstand gegen die Diktatur Augusto Jos\u00e9  Ram\u00f3n Pinochets zu st\u00e4rken. Wir waren sicherlich \u00fcberfordert, alles  wirklich zu kontrollieren. Es ging nat\u00fcrlich immer an Organisationen und  Gruppen. Einerseits ist es eine St\u00e4rke, da\u00df der Anarchismus auch sehr  individuell verankert ist, weil es freiheitlicher ist \u2013 andererseits  eine Schw\u00e4che, weil sich vieles der Kontrolle entzieht. Es ist schwer,  \u00fcber die Bewegung den \u00dcberblick zu bekommen \u2013 auch intern. Sie arbeitet  im Vertrauen aufeinander. Doch das Problem gibt es auch bei Benefiz.<strong><em>Waren Sie im Gef\u00e4ngnis?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Einmal, als der Direktor der Banco de Bilbao in Frankreich, Baltasar  Suarez, 1974 entf\u00fchrt wurde, hatte man mich festgenommen und im  Gef\u00e4ngnis Fleury-Merogis mehrere Wochen festgehalten.<strong><em>Anarchisten haben die Idee: Es m\u00fcssen zun\u00e4chst alle  Institutionen der jetzigen b\u00fcrgerlichen kapitalistischen Gesellschaft  zerst\u00f6rt, Polizei, Justiz, Gef\u00e4ngnisse abgeschafft werden und so weiter,  um danach Neues aufbauen zu k\u00f6nnen\u2026<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Diese Ideen, das ganze System zu zerst\u00f6ren, gelten mir gegenw\u00e4rtig als  Utopie. Heute ist das \u00f6konomische System global verankert. Einzelne  Nationalstaaten k\u00f6nnen nichts mehr ausrichten. Wir k\u00f6nnen deshalb  sowieso keine Transformation in dieser Form erreichen. Ich finde, da\u00df  Anarchisten heutzutage zu sehr in ihrem eigenen Saft schmoren. Es geht  darum, eine Massenbewegung zu erreichen, nicht in einzelnen Gruppen zu  agieren. Sinnvoll ist, sich mit anderen Bewegungen zusammenzutun \u2013 zum  Beispiel mit den Flughafenausbaugegnern oder der \u00d6kobewegung. 1970  konnten wir sehr radikal sein, weil eine Massenbewegung hinter uns  stand. M\u00f6glicherweise kann \u00bbOccupy\u00ab einen solchen Proze\u00df mit Aktionen  des zivilen Ungehorsams in Gang setzen. Wir m\u00fcssen das System  verunsichern, um einen humanit\u00e4ren Weg gehen zu k\u00f6nnen.<strong><em>Im Gespr\u00e4ch mit junge Welt am 1. Juni des Jahres, meinte Lucio  Urtubia man m\u00fcsse naiv sein, um zu ver\u00e4ndern: Mit intellektuellem  R\u00e4sonieren w\u00fcrden die Dinge zu kompliziert, um \u00fcberhaupt etwas erreichen  zu k\u00f6nnen. Wie sehen Sie das?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Mag sein, aber die Gefahr ist, sich zu stark zu individualisieren. Wir  m\u00fcssen diesen Weg kollektiv gehen, gemeinsam mit internationalen  Bewegungen; beispielsweise auch die afrikanischen L\u00e4nder integrieren.<strong><em>Wie war das Konzept des Zusammenlebens mit Ihrem Mann Lucio und Ihrer im Februar 1970 geborenen Tochter Julieta?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten zwar traditionell geheiratet \u2013 f\u00fcr Anarchisten un\u00fcblich, aber  eine freiheitliche Verbindung miteinander praktiziert.  Erstaunlicherweise war es Lucio, der heiraten wollte. Ich hielt die  b\u00fcrgerliche Ehe f\u00fcr ein eher bourgoises Konzept. Mein Interesse war  vorrangig, Lucios Aufenthalt in Frankreich abzusichern. Er war  Fl\u00fcchtling; eine Auslieferung nach Spanien h\u00e4tte schlimme Folgen haben  k\u00f6nnen. Nachdem wir ein Kind zusammen hatten, gab es diesen Grund zu  heiraten, nicht mehr \u2013 er h\u00e4tte dann nicht mehr abgeschoben werden  k\u00f6nnen. Wir haben kurz vor ihrer Geburt, November 1969, geheiratet.<strong><em>Hatten Sie Bef\u00fcrchtungen, als verheiratete Frau in alte Rollenmuster zu fallen?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Nein, wenn man einen unabh\u00e4ngigen Esprit und st\u00e4ndig mit militanten  Aktivisten Umgang hat, existiert diese Gefahr nicht wirklich. Wir hatten  radikale Freunde, die eine Heirat stark kritisierten; ich war alles  andere als stolz darauf. \u00d6konomisch war ich immer unabh\u00e4ngig: Wie Lucio  als Mauerer, so habe ich mein ganzes Leben lang als Biologin gearbeitet.  Lucio hatte sp\u00e4ter einen kollektiven Betrieb gegr\u00fcndet, Verantwortung  f\u00fcr ein Unternehmen gehabt. Nat\u00fcrlich hatte sich in bezug auf unsere  illegalen Aktivit\u00e4ten als verheiratetes Paar vieles einfacher gestaltet:  Wir waren unauff\u00e4llig.<strong><em>Hatten Sie nie ein schlechtes Gewissen, weil Sie illegale Dinge gemacht haben, die anderen als kriminell gelten?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich habe meiner Familie vieles nicht erz\u00e4hlt. Das war nicht schwer, weil  wir augenscheinlich ein ganz normales Leben f\u00fchrten. Als ich im  Gef\u00e4ngnis war, hat aber meine Mutter unseren Widerstand gegen Franco  gegen\u00fcber anderen gerechtfertigt. Da\u00df dabei auch Banken um ihr Geld  erleichtert worden waren, kam allerdings eher nicht zur Sprache. Gegen  die Franco-Diktatur waren viele \u2013 kein Thema! Wenn damals Banken  ausgeraubt oder Schecks gef\u00e4lscht wurden, gab es daf\u00fcr einen gewichtigen  Grund. Es traf auf breite Zustimmung, auch bei Konservativen: Ein  Regime, das foltert und die Bev\u00f6lkerung unterdr\u00fcckt, mu\u00df weg!<strong><em>Leben Anarchisten eine grunds\u00e4tzliche andere Form der Beziehung \u2013 und wie sieht das in Ihrem pers\u00f6nlichen Fall heute aus?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Ich wohne in direkter Nachbarschaft von Lucio. Wir sind schon lange  getrennt, haben aber eine sehr innige Beziehung. Wir haben es nicht f\u00fcr  notwendig gehalten, uns vor einem Richter scheiden zu lassen. Wir m\u00fcssen  das nicht legalisieren lassen, es ist unsere Entscheidung. Wir brauchen  kein Papier dar\u00fcber, und es uns qua staatlicher Autorit\u00e4t bescheinigen  lassen: wozu? Viele sagen, es kann doch gar nicht funktionieren, da\u00df Du  T\u00fcr an T\u00fcr mit Deinem Ex lebst. Wirst Du nicht in alte Muster und  Abh\u00e4ngigkeiten zur\u00fcckfallen? Aber Lucio und ich verstehen einander gut;  auch wenn wir nicht mehr in der herk\u00f6mmlichen Form miteinander verbunden  sind. Wenn einer von uns der spontanen Solidarit\u00e4t des anderen bedarf,  wird er sie erhalten. Aber wir sind beide sehr unabh\u00e4ngig voneinander.  F\u00fcr uns ist eine gro\u00dfe pers\u00f6nliche Freiheit wichtig, wie sich auch immer  unsere Beziehung gestaltet. Nat\u00fcrlich ist es f\u00fcr mich schwierig, weil  Lucio eine faszinierende und bekannte Pers\u00f6nlichkeit ist. Ich bin  distanzierter und diskreter; Medien gegen\u00fcber weniger offen; demzufolge  weniger gefragt. F\u00fcr ihn ist \u00d6ffentlichkeit wichtig, um seine Ziele zu  verwirklichen. Wenn es wichtig ist, \u00fcber eine Dokumentation im Fernsehen  etwas f\u00fcr die Bewegung zu erreichen \u2013 und es daf\u00fcr wichtig ist, da\u00df  auch ich gemeinsam mit ihm auftrete, entscheide ich das jedes Mal neu.  Feminismus und Anarchismus sind jedoch am eigenen Beispiel gut zu  vermitteln.<strong><em>Was denken Sie \u00fcber den franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Francois Hollande?<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Es war ein Erfolg, da\u00df der Kandidat der Parti socialiste (PS) Hollande  sich gegen Nicolas Sarkozy von der konservativen gaullistischen Union  pour un mouvement populaire (UMP) durchsetzen konnte. Als Sarkozy 2012  die Pr\u00e4sidentschaftswahl verlor, wurde gefeiert. Aber letztlich ist er  wie Jean-Luc M\u00e9lenchon, der die Parti de Gauche, anf\u00fchrt, von  pers\u00f6nlichem Karrierestreben beherrscht. Sie alle sind Populisten,  werden keine international weiterf\u00fchrende Projekte angehen. Das k\u00f6nnen  nur Aktivisten an der Basis erreichen, keine Vertreter im Parlament.<\/p>\n<h5>\u00dcber Anne Urtubias Geschichte ist im Buch \u00bbLucio Urtubia \u2013 Baustelle  Revolution\u00ab (Verlag Assoziation A) ein Kapitel ver\u00f6ffentlicht<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2013\/09-07\/001.php\" target=\"_blank\">http:\/\/www.jungewelt.de\/2013\/09-07\/001.php<\/a><\/h5>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gespr\u00e4ch mit Anne Urtubia. \u00dcber die Unterst\u00fctzung des spanischen Widerstands gegen die Franco-Diktatur, den feministischen Aufbruch im Mai 1968 in Paris und Heiraten unter Anarchisten <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1889\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[242],"tags":[565,39,1157,564,68],"class_list":["post-1889","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-emanzipation","tag-anne-urtubia","tag-diktatur","tag-emanzipation","tag-franco","tag-widerstand"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1889","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1889"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1889\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1891,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1889\/revisions\/1891"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1889"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1889"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1889"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}