{"id":1904,"date":"2013-09-27T12:04:47","date_gmt":"2013-09-27T11:04:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1904"},"modified":"2013-09-27T12:04:47","modified_gmt":"2013-09-27T11:04:47","slug":"das-ging-ins-auge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1904","title":{"rendered":"Das ging ins Auge"},"content":{"rendered":"<p><strong>Was ist los in Winterthur? Die Polizei stoppt eine Tanzdemo mit Gewalt.  Tags darauf lehnen die Stimmberechtigten einen Millionendeal f\u00fcr  Luxuswohnungen ab. Eine Collage \u2013 in der erstmals auch die  Demo-OrganisatorInnen sprechen.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/winterthurdemo.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1905\" title=\"winterthurdemo\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/winterthurdemo-300x214.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"214\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/winterthurdemo-300x214.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/winterthurdemo.jpg 580w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Mario Rinderknecht, Architekt<\/strong>: \u00abEs ist wichtig, den  Vorspann zur Geschichte zu kennen. Winterthur war die einzige  Industriestadt auf dem europ\u00e4ischen Kontinent, die keinen kommunalen  Wohnungsbau kannte, im Gegensatz zu Wien mit dem Karl-Marx-Hof oder zu  Z\u00fcrich.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Das Organisationskomitee der Demonstration (OK):<\/strong> \u00abWir wollten mit der Tanzdemo \u2039Standortfucktor\u203a am Samstag gegen die  Stadtaufwertung protestieren. In unserem Aufruf haben wir als Beispiel  das Volkshaus erw\u00e4hnt: Das Haus, das allen offen stand, wurde  abgerissen. Auf dem Grundst\u00fcck wurde der Konsumtempel Archh\u00f6fe mit  Luxuswohnungen gebaut. Eine 3,5-Zimmer-Wohnung kostet bis zu 5600  Franken im Monat. Es ging uns also um einen klar politischen Inhalt,  nicht um hedonistische Spasskultur. Wir hatten vier Soundmobile und eine  rollende Bar vorbereitet. Doch die Polizei kontrollierte uns schon vor  Beginn und zog die Autoschl\u00fcssel ein. Wir hatten keine Chance, uns  auszudr\u00fccken. Die Dimension des Polizeiaufgebots und die H\u00e4rte zeigen  die Relevanz unserer Inhalte und die Notwendigkeit des Protests.\u00bb<\/p>\n<p><strong>David Berger, Gemeinderat, AL:<\/strong> \u00abIch kam kurz nach 21  Uhr zum Bahnhofplatz. Zack, da war der erste Polizeikessel schon da.  Vor dem Konzertlokal Salzhaus gelang es einer Band zu spielen. Doch  schon tauchten von allen Seiten Polizeikordons mit Wasserwerfern auf.  Ein zweiter Kessel wurde errichtet. Ich bin an die Tanzdemo gegangen,  weil ich ihre Forderungen teile. Geblieben bin ich, weil ich als  Parlamentarier das Geschehen beobachten wollte.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Ein Verhafteter:<\/strong> \u00abEinzelne provozierten die Polizei  mit Knallk\u00f6rpern oder Bierflaschen. Aber es gab keinen Anlass daf\u00fcr,  dass sie blind in die Menge schoss und auf Unschuldige: mit Gummischrot  aus wenigen Metern Distanz. Die Eingeschlossenen waren verzweifelt,  darunter junge Frauen oder Familienv\u00e4ter. Wir duckten uns, hielten uns  die Arme \u00fcber den Kopf. F\u00fcr mich war das eine kriegs\u00e4hnliche Situation.  Einzelne kamen schliesslich aus dem Kessel raus, wenn sie die  Identit\u00e4tskarte zeigten, andere wurden verhaftet. Bei der Auswahl haben  auch T\u00fcrsteher eines Clubs mit entschieden. Sie geschah willk\u00fcrlich: Ein  rotes Halstuch oder ein schwarzer Rucksack konnte den Ausschlag f\u00fcr die  Verhaftung geben. Ich wurde gefesselt und nach Z\u00fcrich gebracht. In der  Kaserne war ein Verh\u00f6rsaal eingerichtet. Es wirkte wie eine Verhaftung  auf Vorrat, um allf\u00e4llige Delikte zuweisen zu k\u00f6nnen. Insgesamt wurden  93 Personen verhaftet. Um halb drei in der Nacht wurde ich  freigelassen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>OK:<\/strong> \u00abWir wollen uns nicht \u00fcber die Polizeigewalt  beklagen, weil wir damit rechnen mussten. Aber in dieser Heftigkeit hat  sie uns \u00fcberrascht: Die Polizei sagte im Vorfeld, sie handle mit  Augenmass. Stattdessen ist ihr Einsatz ins Auge gegangen: Wir wissen von  einer Frau, die einen Direktschuss ins Auge bekommen hat und operiert  werden musste. Es gab zahlreiche Verletzte.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Barbara G\u00fcnthard-Maier, Polizeivorsteherin, FDP:<\/strong> \u00abIch war vor Ort und habe die Gewaltbereitschaft einzelner Demonstranten  mit eigenen Augen gesehen: Ich stand mehrmals direkt daneben, als  Polizisten in \u00fcbelster Weise beschimpft wurden. Ich musste mich vor  Pyrofeuer und Scherben in Sicherheit bringen. Wer vor Ort war oder  Videomaterial gesehen hat, der weiss: Die Polizei hat nicht agiert, sie  hat ausschliesslich reagiert.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Ein Verhafteter:<\/strong> \u00abEs war eine Machtdemonstration.\u00bb<\/p>\n<p><strong>David Berger:<\/strong> \u00abEs war eine massive Machtdemonstration.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Manuel Lehmann, Kulturveranstalter und Stadtbeobachter:<\/strong> \u00abIn den letzten Monaten hat in Winterthur der Wind gedreht. Fr\u00fcher gab  es eine Wertsch\u00e4tzung der Kulturbetriebe. Pl\u00f6tzlich folgten Kontrollen.  Eine solche Polizeigewalt wie am Samstag habe ich allerdings nicht  erwartet. Die alternative Szene ist schockiert. Die Art und Weise, wie  der Polizeieinsatz erfolgte, h\u00e4ngt f\u00fcr mich mit dem neuen  CVP-Stadtpr\u00e4sidenten Mike K\u00fcnzle und der neuen Polizeivorsteherin  zusammen. Doch es gibt auch noch tiefere Ursachen. Winterthur musste  sich in den neunziger Jahren wandeln, von der Industrie auf  Dienstleistungen, Bildung und Kultur. Es herrschte eine  Aufbruchstimmung, viele Familien zogen her. Doch die linke  Stadtregierung hat es verpasst, eine Wohnbaupolitik zu betreiben. Sie  hoffte einfach auf reiche Steuerzahler. Das hat sich als Illusion  erwiesen. Jetzt muss gespart werden, Geld f\u00fcr Investitionen fehlt. Es  drohen Stagnation und Repression in Winterthur. Die Stadt befindet sich  auf unsicherem Terrain. Diese Unsicherheit und Angst kommen f\u00fcr mich im  Polizeieinsatz zum Ausdruck.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Mario Rinderknecht:<\/strong> \u00abAm Sonntag fand die Abstimmung  \u00fcber den Verkauf des Zeughausareals statt. Als ich zum Abstimmungstreff  kam, h\u00f6rte ich die Leute schon von weitem rufen: \u2039Mario, Mario, wir  haben gewonnen!\u203a Niemals h\u00e4tten wir mit diesem Erfolg gerechnet. Unser  Komitee war ein Gemischtwarenladen: AL, Gr\u00fcne, Mieterverband, Juso,  gegen alle Parteien, auch gegen die SP. Wir wehrten uns gegen den  Verkauf des Areals, weil sich die Stadt als Spekulantin bet\u00e4tigte, statt  g\u00fcnstigen Wohnraum zu f\u00f6rdern. Sie schrieb einen Investorenwettbewerb  f\u00fcr attraktive Wohnungen im oberen Preissegment aus, was den Bodenpreis  in die H\u00f6he trieb. Der Verkauf einer der wichtigsten Landreserven der  Stadt w\u00e4re \u00f6konomisch und \u00f6kologisch unsinnig gewesen.\u00bb<\/p>\n<p><strong>David Berger:<\/strong> \u00abEs ist superironisch, dass die  Polizei am Samstag eine Kundgebung verhinderte, bei der es um g\u00fcnstigen  Wohnraum gehen sollte, und die Bev\u00f6lkerung am Tag darauf ein Projekt f\u00fcr  Luxuswohnungen ablehnt. F\u00fcr die Stadtregierung ist das eine doppelte  Blamage.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Barbara G\u00fcnthard-Maier:<\/strong> \u00abIm Vorfeld wurde die  Veranstaltung in keiner Weise mit dem Thema \u2039Stadtentwicklung\u203a oder  \u2039Wohnbaupolitik\u203a in Verbindung gebracht. Jedoch h\u00f6rte ich Forderungen  nach mehr Freir\u00e4umen f\u00fcr Jugendliche. F\u00fcr solche Anliegen habe ich  grosses Verst\u00e4ndnis. Ich freue mich, wenn sich die Menschen in  Winterthur m\u00f6glichst frei entfalten k\u00f6nnen. Um ein m\u00f6glichst gutes  Miteinander und Zusammenleben organisieren zu k\u00f6nnen, braucht es aber  gewisse Regeln und die Bereitschaft zum konstruktiven Dialog. Ich m\u00f6chte  betonen: Ich habe ein offenes Ohr f\u00fcr alle.\u00bb<\/p>\n<p><strong>Mario Rinderknecht:<\/strong> \u00abDie Stadt muss endlich das  Problem erkennen: Es braucht mehr Wohnungen f\u00fcr die unteren und  mittleren Einkommen, mit innovativen Wohnformen. Ich m\u00f6chte allerdings  anf\u00fcgen, dass \u2039Stadtentwicklung\u203a ein grosses Wort ist: Der Spielraum ist  beschr\u00e4nkt, solange das Privateigentum dermassen gesch\u00fctzt ist wie in  der Schweiz.\u00bb<\/p>\n<p><strong>OK:<\/strong> \u00abWir haben bewusst auf eine Bewilligung  verzichtet. Unser Widerstand richtet sich auch gegen die zunehmende  Repression. Es w\u00e4re ein Witz, die Verantwortlichen zu fragen, ob gegen  sie protestiert werden darf. Wir werden uns weiter gegen eine  gewinnorientierte Stadt wehren, jetzt erst recht. Alle, die das \u00e4hnlich  sehen, sollen sich ausdr\u00fccken. In welcher Form, mit welchen Mitteln auch  immer: Wir sind die Stadt!\u00bb<\/p>\n<p><strong>David Berger: <\/strong>\u00abAm Sonntagmorgen klingelten  \u2039Blick\u203a-Reporter an meiner Haust\u00fcr, bei meinen Eltern, riefen mich aufs  Handy an. Sie h\u00e4tten ein Foto, das zeige, dass ich auch verhaftet worden  sei. Sie fragten nach einem Fototermin. Ansonsten m\u00fcssten sie das Foto  der Verhaftung bringen. So willigte ich ein. Am Montag waren dann beide  Fotos auf der Titelseite. Ich f\u00fchle mich hereingelegt.\u00bb<\/p>\n<p><strong>\u00abBlick\u00bb-Redaktion: <\/strong>Keine Antwort auf Fragen zu diesem Vorgehen.<\/p>\n<p><strong>David Berger:<\/strong> \u00abSo an den Pranger gestellt zu werden,  hinterl\u00e4sst kein gutes Gef\u00fchl. Die Leute, die mich kennen, haben mich  unterst\u00fctzt. Auch am Arbeitsplatz, ich bin Programmierer in einem KMU.  Ich hoffe, dass es jetzt eine Diskussion um die Inhalte gibt: Warum  st\u00f6rt so vieles? Ist es tats\u00e4chlich der L\u00e4rm? Oder ist er nur ein  Ventil? Sind es wirtschaftliche Frustrationen? Was bedeutet \u00f6ffentlicher  Raum? Was heisst Freiheit?\u00bb<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.woz.ch\/1339\/stadtentwicklung\/das-ging-ins-auge\" target=\"_blank\">http:\/\/www.woz.ch\/1339\/stadtentwicklung\/das-ging-ins-auge<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist los in Winterthur? Die Polizei stoppt eine Tanzdemo mit Gewalt. Tags darauf lehnen die Stimmberechtigten einen Millionendeal f\u00fcr Luxuswohnungen ab. Eine Collage \u2013 in der erstmals auch die Demo-OrganisatorInnen sprechen.  <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1904\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[49,16,18],"tags":[233,571,24,186,471],"class_list":["post-1904","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antirep","category-schweiz","category-squat-the-world","tag-gewalt","tag-industrie","tag-polizei","tag-tanzdemo","tag-winterthur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1904","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1904"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1904\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1907,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1904\/revisions\/1907"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1904"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1904"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1904"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}