{"id":1959,"date":"2013-11-30T19:56:38","date_gmt":"2013-11-30T18:56:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1959"},"modified":"2013-11-30T19:56:38","modified_gmt":"2013-11-30T18:56:38","slug":"von-der-revolte-zur-katastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1959","title":{"rendered":"Von der Revolte zur Katastrophe"},"content":{"rendered":"<p>In Beiruts Innenstadt steigen die Wohnungspreise, in Bulgarien wird  eine lange Grenzmauer gebaut und die T\u00fcrkei meldet sich mehrende  Typhuserkrankungen, auch die Masern tauchen wieder auf. Was das alles  miteinander zu tun hat? Es ist der Krieg in Syrien, der diese Vorg\u00e4nge  verbindet. Im ersten Fall ist der Grund die steigende Zahl der  Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, in letzteren sind es  die syrischen Fl\u00fcchtlinge selbst. Der Konflikt in Syrien hat sich im nun  anstehenden dritten Kriegswinter erneut versch\u00e4rft. Was als  vermeintliche Revolution im Zuge des \u00bbarabischen Fr\u00fchlings\u00ab begonnen  hat, ist zur gr\u00f6\u00dften humanit\u00e4ren Katas\u00adtrophe geworden, die der Nahe  Osten bisher erlebt hat.<\/p>\n<p>Als vor zweieinhalb Jahren, im Fr\u00fchling 2011, Syrerinnen und Syrer  begannen, in Massen friedlich eine Ver\u00e4nderung des politischen Systems  einzufordern, reagierte die Diktatur auf ihre Art konsequent: Sie  versuchte einzusch\u00fcchtern und schoss auf die Demonstrierenden, bis der  Konflikt sich schlie\u00dflich militarisierte. Die friedlichen Ak\u00adtivistinnen  und Aktivisten wichen den bewaffneten K\u00e4mpfern, die B\u00fcrgerkomitees den  Milizen, aus der \u00bbRevolution\u00ab wurde ein B\u00fcrgerkrieg\u00a0\u2013 gemacht, denn  unausweichlich war diese Entwicklung nicht.<\/p>\n<p>Verdeutlicht wird sie in drei Dokumentarfilmen, die auf Festivals und  im Fernsehen gerade ein gewisses Publikum finden: Da ist Iara Lees  Dokumentation \u00bbThe Suffering Grasses\u00ab, gedreht Anfang 2012, die bereits  r\u00fcckblickend den Beginn des syrischen Aufstands beschreibt. Aktivisten  sprechen \u00fcber ihre Hoffnungen, noch hat der bewaffnete Kampf die  Erinnerung an die erste Phase des Aufstands, an die Aktivistenkomitees  und Demonstrationen, nicht verdr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>So wie Lees Film keine neutrale Dokumentation ist, sondern Sympathie  mit den Aufst\u00e4ndischen bezeugt, so will Matthew VanDykes nun auch bei  Youtube eingestellter kurzer Film \u00bbNot Anymore: A Story of Revolution\u00ab  ausdr\u00fccklich um Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Kampf in Syrien werben. Aber hier  ist die Szenerie bereits eine ganz andere. Die zwei Protagonisten des  Films, ein Kommandeur der Free Syrian Army und eine junge Syrerin, die  Fotografin auf Seiten der Aufst\u00e4ndischen ist, bewegen sich durch die  umk\u00e4mpften Stra\u00dfen Aleppos. Der Tod ist allgegenw\u00e4rtig, die Stimmung der  Protagonisten wechselt zwischen Zynismus, Trauer und dem Ringen um  Hoffnung.<\/p>\n<p>Man kann nun noch die BBC-Dokumentation \u00bbSyriens Kinder\u00ab von Ian  Pannell und Darren Conway heranziehen, die Mitte November 2013 im  deutschen Fernsehen lief. Der Film begleitet zwei \u00c4rztinnen auf ihrem  Weg durch Fl\u00fcchtlingslager und Behelfskrankenh\u00e4user. Es ist eine Tour  des Schreckens, das Gesundheitssystem ist zusammengebrochen, f\u00fcr die  Versorgung von Kranken und Verwundeten mangelt es am grundlegenden  Material, zu der st\u00e4ndigen Angst vor Luftangriffen, die gezielt die  Lazarette treffen sollen, kommt die Unsicherheit hinter den Frontlinien,  seit sich Rebellengruppen auch untereinander bek\u00e4mpfen. Der furchtbare  H\u00f6hepunkt des Films ist erreicht, als ein Pausenhof voller Kinder und  Jugendlicher von einer Brandbombe getroffen wird und die \u00c4rzte im  notd\u00fcrftig ausgestatteten Hospital nur unzureichende Erste Hilfe leisten  k\u00f6nnen. Aus dem Krieg in Syrien ist l\u00e4ngst eine humanit\u00e4re Katastrophe  geworden.<\/p>\n<p><strong>Als die arabischen Revolten Syrien erreichten,<\/strong> war klar, dass  eine entscheidende Weichenstellung bevorstand. In Damaskus herrschte  nach dem Sturz Saddam Husseins die letzte verbliebene Ba\u2019ath-Diktatur,  hier traten die Konflikte in der Region besonders deutlich zutage. Hier  traf der neue auf den alten Nahen Osten, mit direkten Auswirkungen auf  die Nachbarstaaten.<\/p>\n<p>Aus dem Konflikt in Syrien ist daher schnell ein komplexer  Stellvertreterkrieg geworden. Dabei hat die Zur\u00fcckhaltung des Westens  und vor allem der US-amerikanischen Regierung eine nicht weniger  unheilvolle Rolle gespielt als die milit\u00e4rische und politische  Unterst\u00fctzung des syrischen Regimes durch Russland, Iran und ihre  Verb\u00fcndeten. Weitere regionale Akteure wie die Golfstaaten und die  T\u00fcrkei haben indirekt interveniert und Jihadisten konnten die  entstandenen Freir\u00e4ume nutzen; sie sind nun ein Machtfaktor in Syrien  geworden\u00a0\u2013 sie waren es zu Beginn des Konflikts nicht.<\/p>\n<p>Der August 2013 mit dem Giftgasangriff bei Damaskus, dem vermutlich  \u00fcber 1\u2009000\u00a0Menschen zum Opfer fielen und auf den Europa und die USA  nicht reagierten, war ein Wendepunkt. F\u00fcr kurze Zeit, als ein  Milit\u00e4rschlag der USA wahrscheinlich schien, verfiel das syrische Regime  in Panik, bis klar wurde, dass die westlichen Staaten dem weiteren  Geschehen tatenlos zusehen w\u00fcrden. Die Armee Bashar al-Assads konnte nun  nicht zuletzt durch die direkte Intervention der Hizbollah und mit  iranischer Waffenhilfe die Situation f\u00fcr sich nutzen und ihre Positionen  festigen. Das hei\u00dft aber nicht, dass ein milit\u00e4rischer Sieg Assads, wie  er schnell bei Erfolgsmeldungen des Regimes in der westlichen Presse  herbeianalysiert wird, auch nur ann\u00e4hernd m\u00f6glich w\u00e4re. Es geht allein  da\u00adrum, den Krieg in die L\u00e4nge zu ziehen und zu brutalisieren,  langfristige politische, milit\u00e4rische oder \u00f6konomische Erfolgsaussichten  hat Assad nicht.<\/p>\n<p>Paradoxerweise hat das Regime allerdings durch seinen Giftgaseinsatz  internationales Renommee gewonnen, es gilt wieder als Partner, nun bei  der Giftgasvernichtung. Assad hat auf diese Weise etwas Singul\u00e4res  vollbracht: Er hat es, rund 100\u00a0Jahre nach dem Einsatz von Giftgas im  Ersten Weltkrieg, als erster geschafft, diese Massenvernichtungswaffe  politisch nutzbringend einzusetzen.<\/p>\n<p>Da man sich im Westen entschieden hat, den Konflikt in Syrien als  scheinbar unabwendbares Schicksal zu betrachten, bleibt der Blick auf  eine Katastrophe: Die Dynamik des Kriegs l\u00e4sst sich an den  Fl\u00fcchtlingszahlen ablesen; innerhalb des Jahres 2012 stiegen diese von  ein paar tausend auf fast eine halbe Million an, im April 2013  \u00fcberschritt die Anzahl der von der Uno registrierten syrischen  Fl\u00fcchtlinge bereits die Millionengrenze, ein halbes Jahr sp\u00e4ter waren es  schon zwei Mil\u00adlionen. Die Zahl steigt weiter, bis Mitte November sind  wieder 200\u2009000 dazugekommen; und das sind nur die im Ausland  registrierten Fl\u00fcchtlinge, nach Sch\u00e4tzungen der Uno kommen dazu \u00fcber  vier Millionen Syrerinnen und Syrer, die der Krieg aus ihren Wohnungen  vertrieben hat, die aber im Land geblieben sind.<\/p>\n<p>Die Lage der syrischen Fl\u00fcchtlinge, die in der internationalen  Berichterstattung bemerkenswert wenig Aufmerksamkeit erf\u00e4hrt, droht auch  die politische Situation in den Aufnahmel\u00e4ndern weiter zu  verschlechtern. Die T\u00fcrkei und Jordanien haben jeweils \u00fcber eine halbe  Million Syrer aufgenommen, im Libanon mit seinen rund 4,5\u00a0Millionen  Einwohnern halten sich nach offiziellen Angaben mehr als 800\u2009000\u00a0Syrer  auf. Die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte jordanische Stadt ist mittlerweile das in der W\u00fcste  gelegene Fl\u00fcchtlingslager Zaatari, das zeitweise bereits \u00fcber  200\u2009000\u00a0Fl\u00fcchtlinge z\u00e4hlte.<\/p>\n<p><strong>Das Auftreten von Krankheiten wie Kinderl\u00e4hmung, Masern und Typhus<\/strong> \u00fcberrascht in dieser Situation genauso wenig wie die einzig  bemerkenswerten europ\u00e4ischen Reaktionen auf den Krieg in Syrien: der Bau  von Grenzanlagen und die noch bessere \u00dcberwachung des Mittelmeers. Die  \u00fcberlebenden Opfer des Giftgasangriffs vom August haben weiterhin keinen  Zugang zu me\u00addizinischer Hilfe; sie leben in den Gebieten rund um  Damaskus, die einer Hungerblockade und st\u00e4ndigen Boden- und  Luftangriffen der Armee Assads unterliegen. Insgesamt, so die Sch\u00e4tzung,  befinden sich, je nachdem, von welcher Bev\u00f6lkerungszahl man ausgeht,  mindestens ein Viertel, vielleicht aber auch ein Drittel aller  Syrerinnen und Syrer auf der Flucht. Welche anderen politischen oder  milit\u00e4rischen Handlungen h\u00e4tten ein verheerenderes Ergebnis bringen  k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/48\/48903.html\" target=\"_blank\">http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/48\/48903.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Aufstand gegen die syrische Diktatur ist ein komplexer Stellvertreterkrieg geworden. 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