{"id":1981,"date":"2013-12-23T12:07:25","date_gmt":"2013-12-23T11:07:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=1981"},"modified":"2013-12-23T12:07:25","modified_gmt":"2013-12-23T11:07:25","slug":"eskalation-in-der-schanze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1981","title":{"rendered":"Eskalation in der Schanze"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mehrere Tausend Menschen haben sich am Sonnabend im Hamburger  Schanzenviertel versammelt, um f\u00fcr den Erhalt der Roten Flora und der  \u201cEsso\u201d-H\u00e4user auf der Reeperbahn zu protestieren. Doch die Polizei lie\u00df  den Demonstrationszug nur wenige Meter gehen. Die Begr\u00fcndung und der  Einsatz an sich geben Grund zur Annahme, dass es sich um ein geplantes  Ende handelte.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/hamburg.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-1982\" title=\"hamburg\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/hamburg-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/hamburg-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/hamburg.jpg 1000w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>\u00dcber der Hamburger Innenstadt kreisten  bereits am fr\u00fchen Nachmittag Hubschrauber, Spezialeinheiten der Polizei  gingen in den Nebenstra\u00dfen schon in Stellung. Rund 2000 Beamte hat die  Hamburger Polizei aus mehreren Bundesl\u00e4ndern zusammengezogen, um die \u2013  wie in mehreren Medien ausf\u00fchrlichst dargestellt \u2013 bef\u00fcrchteten  Ausschreitungen zu verhindern.<\/p>\n<p>In St. Pauli und der Schanze waren  bereits am Vormittag zahlreiche Linke und Autonome unterwegs,  offenkundig aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland angereist. Vor  der Roten Flora selbst stand bereits ein alter Wasserwerfer, den sich  Leute aus der FC St. Pauli-Fanszene als eine Art Maskottchen zugelegt  haben.<\/p>\n<p>Rund 6000 bis 7000 Menschen versammelten  sich ab 14.00 Uhr am Schulterblatt, um f\u00fcr den Erhalt der Flora sowie  der \u201cEsso\u201d-H\u00e4user zu demonstrieren. Zahlreiche schwarz gekleidete  Autonome waren dabei. Um 15.10 Uhr setzte sich der Demonstrationszug  \u00a0schlie\u00dflich in Richtung Eimsb\u00fcttel in Bewegung. Die  Demonstrationsspitze passierte nach wenigen Metern eine  Bahn-Unterf\u00fchrung, als Polizisten auf die Protestler zuliefen und diese  stoppten. Grund sei, dass \u201cBeamte schon gleich zu Beginn mit Steinen von  einer Br\u00fccke beworfen worden seien, sagte ein Polizeisprecher der <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Demo-fuer-Erhalt-der-Roten-Flora\/%21129830\/\" target=\"_blank\">taz<\/a>. Mittlerweile hei\u00dft es auch, die Demonstration sei \u201czu fr\u00fch\u201d losgelaufen.<\/p>\n<p>In einer <a href=\"http:\/\/www.presseportal.de\/polizeipresse\/pm\/6337\/2626510\/pol-hh-131222-1-demonstrationen-in-hamburg\" target=\"_blank\">Pressemitteilung<\/a> aus  der Nacht bleibt die Polizei bei der Darstellung, sie sei um 14:09 Uhr  (die Demonstration setzte sich erst nach 15:00 Uhr in Bewegung) bereits  aus der Demo-Spitze angegriffen worden:<\/p>\n<p>\u201cGegen 14:09 Uhr liefen zahlreiche Personen an der Spitze des  Aufzuges unvermittelt und ohne Absprache los in Richtung Sternbr\u00fccke.  Aus der Personengruppe wurden Steine und Flaschen sowie entz\u00fcndete  Pyrotechnik gezielt auf Polizeibeamte geworfen. Daraufhin wurde der  Aufzug aufgestoppt. Die eingesetzten Polizeibeamten wurden weiter massiv  mit Steinen beworfen, sodass Wasserwerfer eingesetzt wurden. Vermummte  Personen bewarfen Polizeibeamte von der Sternbr\u00fccke herab mit Steinen,  sodass der Schienenverkehr eingestellt werden musste.\u201d<\/p>\n<p><strong>Keine Angriffe zu sehen<\/strong><\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndungen erscheinen wenig  verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig bzw. fragw\u00fcrdig. Nach meiner Wahrnehmung war  m\u00f6glicherweise eine Person auf der Br\u00fccke, allerdings an der Seite zur  Flora, wo die Demonstration begann. Weiterhin passierten immer wieder  Z\u00fcge die Br\u00fccke, wobei ein ICE hupte, was daf\u00fcr spricht, dass  tats\u00e4chlich eine oder mehrere Personen auf oder an der Br\u00fccke waren.<\/p>\n<p>Ein Foto von Publikative.org zeigt, dass  an der Br\u00fccke ein Transparent hing und auf der Seite zur Flora einige  Personen am Aufgang zur Br\u00fccke stehen, die aber offenkundig die  Demonstration beobachteten bzw. fotografierten.<\/p>\n<p>Es erscheint aber ausgeschlossen, dass  sich Personen auf der Br\u00fccke aufgehalten haben, da \u2013 wie erw\u00e4hnt \u2013 ein  reger Zugverkehr \u00fcber die Br\u00fccke l\u00e4uft \u2013 S-Bahn, G\u00fcterz\u00fcge, ICEs und  weitere Fernbahnen.<\/p>\n<p>Weiterhin sind auf zwei Videos schlicht  und ergreifend keine Angriffe auf Polizisten zu erkennen.\u00a0Ein Video  zeigt den Beginn der Demonstration und das abrupte Ende an der  Unterf\u00fchrung. Das zweite Video zeigt die Br\u00fccke von der n\u00f6rdlichen  Richtung, also aus der Sicht der Polizei. Es sind weder Personen auf der  Br\u00fccke, geschweige denn Angriffe zu erkennen.<\/p>\n<p>Nach dem Stopp der Demonstration ging  die Polizei mit zwei Wasserwerfern gegen die Demonstranten vor, die  wiederum mit Steinen, B\u00f6llern und Flaschen warfen. Bei den  Auseinandersetzungen d\u00fcrfte es zahlreiche Verletzte gegeben haben. In  Medien ist von 22 verletzten Polizisten die Rede.<\/p>\n<p><strong>Ganzes Viertel abgeriegelt<\/strong><\/p>\n<p>Derweil riegelten Polizeieinheiten  s\u00e4mtliche Seitenstra\u00dfen zum Schulterblatt ab, so dass mehrere Tausend  Menschen fest sa\u00dfen. Auch vollkommen Unbeteiligte konnten das Viertel  nicht mehr verlassen oder betreten; einige Anwohner durften die  Polizeiketten immerhin passieren, als sie ihre Ausweise vorlegten. In  der Juliusstra\u00dfe, direkt neben der Roten Flora, waren mehrere Hundert  Personen in einem kleinen Kessel gefangen, in dem beachtliches Gedr\u00e4ngel  herrschte. Einige Demonstranten versuchten, \u00fcber ein Bauger\u00fcst auf  H\u00e4userd\u00e4cher zu gelangen, um aus dem Kessel zu entkommen. Andere  versuchten, eine Polizeikette zu durchbrechen, woraufhin Wasserwerfer  und R\u00e4umpanzer aufgefahren wurden.<\/p>\n<div id=\"attachment_40472\"><a href=\"http:\/\/www.publikative.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/wawe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.publikative.org\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/wawe-300x225.jpg\" alt=\"Polizeieinsatz im Schanzenviertel, Foto: Publikative.org\" width=\"300\" height=\"225\" \/><\/a>Polizeieinsatz im Schanzenviertel, Foto: Publikative.org<\/p>\n<\/div>\n<p>Die Demonstration wurde von der Polizei  aufgel\u00f6st, nach rund zwei Stunden durften die eingekesselten  Demonstranten dann das Schanzenviertel verlassen; viele zogen in  Richtung Reeperbahn zu den \u201cEsso\u201d-H\u00e4usern und lieferten sich dort  weitere Auseinandersetzungen mit der Polizei. Am Freitagabend hatten  bereits Dutzende Personen die Davidwache auf der Reeperbahn attackiert  und mehrere Polizeiwagen demoliert.<\/p>\n<p><strong>Eskalation<\/strong><\/p>\n<p>Die Situation in Hamburg ist seit Wochen  angespannt: Der Konflikt um die Lampedusa-Fl\u00fcchtlinge hat der  regierenden SPD sehr viel Ablehnung bis Hass eingebracht. Die  Zwangsr\u00e4umung der \u201cEsso\u201d-H\u00e4user auf der Reeperbahn hat die Lage weiter  versch\u00e4rft \u2013 und die heutige Demonstration d\u00fcrfte die Stimmung weiter  anheizen. Denn bereits gestern waren Ger\u00fcchte im Umlauf, dass die  Demonstration nach nur wenigen Metern gestoppt werden solle. Genauso ist  es gekommen \u2013 und die Begr\u00fcndung der Polizei ist alles andere als  \u00fcberzeugend. Daf\u00fcr spricht auch der Ablauf des Einsatzes eher f\u00fcr eine  geplante Beendigung der Demonstration.<\/p>\n<p>Eine Entwicklung, die zum Einen die  Fronten verh\u00e4rtet, zum Anderen zur Radikalisierung beitr\u00e4gt, wie heute  gesehen. Eigentlich soll ein Polizeieinsatz daf\u00fcr sorgen, dass  beispielsweise bei Demonstrationen m\u00f6glichst wenig passiert, m\u00f6glichst  wenige Personen verletzt werden, m\u00f6glichst wenig kaputt geht. Von einem  erfolgreichen Einsatz kann also keine Rede sein.<\/p>\n<p>Dass zudem eine genehmigte Demonstration  von mehreren Tausend Menschen kurzerhand und mit fragw\u00fcrdiger  Begr\u00fcndung gestoppt und aufgel\u00f6st wird, w\u00e4hrend beispielsweise 2012 und  2008 alles in Bewegung gesetzt wurde, um Neonazis marschieren zu lassen,  weil sonst die Demonstrationsfreiheit in Gefahr sei, ist wirklich ein  besorgniserregender Umgang mit Grundrechten. Man muss die Forderungen  der Demonstranten nicht teilen, man muss das martialische Auftreten von  Schwarzen Bl\u00f6cken und Bengalos kein bisschen m\u00f6gen \u2013 aber ein Grundrecht  auf Demonstrationsfreiheit gibt es dennoch.<\/p>\n<p><strong>Die Zeit der Hardliner<\/strong><\/p>\n<p>Die Eskalationsstrategie der vergangenen  Woche hat daf\u00fcr gesorgt, dass Flora, \u201cEsso\u201d-H\u00e4user und  Lampedusa-Fl\u00fcchtlinge zu wichtigen Symbolen der linksradikalen Szene  geworden sind. Ein Dialog erscheint mittlerweile unrealistisch, auf  beiden Seiten setzen sich die Hardliner zunehmend durch. Eine  Entwicklung, die zu weiteren Demonstrationen und auch Gewalt f\u00fchren  d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Der Hamburger SPD-Senat hat in den  vergangenen sechs Monaten viel Porzellan zerschlagen, Vertrauen  zerst\u00f6rt, Gr\u00e4ben aufgerissen. Eine Stadt wie Hamburg braucht aber eine  Politik, die Menschen, Gruppen und Milieus verbindet, keine, die die  Stadt weiter spaltet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehrere Tausend Menschen haben sich am Sonnabend im Hamburger Schanzenviertel versammelt, um f\u00fcr den Erhalt der Roten Flora und der \u201cEsso\u201d-H\u00e4user auf der Reeperbahn zu protestieren. Doch die Polizei lie\u00df den Demonstrationszug nur wenige Meter gehen. Die Begr\u00fcndung und der Einsatz an sich geben Grund zur Annahme, dass es sich um ein geplantes Ende handelte. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=1981\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[49,6,18],"tags":[485,145,608,610,24,609,611,612],"class_list":["post-1981","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antirep","category-news","category-squat-the-world","tag-autonome","tag-demonstration","tag-esso","tag-hamburg","tag-polizei","tag-rote-flora","tag-schanze","tag-wasserwerfer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1981","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1981"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1981\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1983,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1981\/revisions\/1983"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1981"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1981"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1981"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}