{"id":2180,"date":"2014-10-09T11:18:41","date_gmt":"2014-10-09T10:18:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2180"},"modified":"2014-10-09T11:18:41","modified_gmt":"2014-10-09T10:18:41","slug":"allein-gegen-den-terror","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2180","title":{"rendered":"Allein gegen den Terror"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im nordsyrischen Koban\u00ea sind die Kurdinnen und Kurden in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat auf sich allein gestellt. Die konservative t\u00fcrkische Regierung versucht, von dem Konflikt zu pro\u00adfitieren.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/kobane.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-2181\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/kobane.jpg\" alt=\"kobane\" width=\"499\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/kobane.jpg 618w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/kobane-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 499px) 100vw, 499px\" \/><\/a>In einem Video auf Youtube ist Leyla, eine K\u00e4mpferin der syrisch-kurdischen Miliz YPG im Krankenhaus ein paar Stunden vor ihrem Tod zu sehen. Sie wurde beim Kampf um Koban\u00ea (Jungle World 40\/2014) schwer verwundet. Sie singt davon, dass ihr Sterben nicht sinnlos sei. Sie k\u00e4mpfte f\u00fcr eine autonome Zone in Syrien, in der die Kurdinnen und Kurden sich selbst verwalten k\u00f6nnen. \u00bbUnterst\u00fctzt uns, wir wollen ein Modell f\u00fcr den Nahen und Mittleren Osten sein. Teilt dieses Video, es ist unserem Kampf gewidmet\u00ab, hei\u00dft es im Video. Es hinterl\u00e4sst ein beklemmendes Gef\u00fchl: weitgehend unbemerkt von der Welt\u00f6ffentlichkeit tobt in Nordsyrien ein erbitterter Kampf. Es ist ersch\u00fctternd zu sehen, wie in den Mainstream-Medien die deutschen Waffenlieferungen an die Peshmerga der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP) von Massoud Barzani als ernsthafte Ma\u00dfnahme pr\u00e4sentiert werden. Die YPG und die PKK waren es, die die Yeziden vom Berg Sinjar im Nordirak durch Rojava leiteten. Rojava ist eine Region in Nordsyrien, die noch von den Kurdinnen und Kurden kontrolliert wird, die Stadt Koban\u00ea liegt im Zentrum Rojavas. Die KDP beteuerte stets, Christen, Yeziden oder derzeit eben die YPG unterst\u00fctzen zu wollen, hat sich aber oft zur\u00fcckgezogen, sobald der Islamische Staat (IS) auftauchte. Die KDP nennt sich zwar demokratisch, doch schon immer ging es Barzani vor allem um seine eigene Bereicherung und seinen Machterhalt.<\/p>\n<p>Ende der neunziger Jahre schaute die KDP seelenruhig zu, wie die Truppen Saddam Husseins das Gebiet der mit ihr rivalisierenden kurdischen Partei \u00bbPatriotische Union Kurdistans\u00ab (PUK) von Jalal Talabani durchzogen und die Peshmerga vor sich her trieben. Der 2006 hingerichtete ira\u00adkische Diktator hatte eine Absprache mit Barzani getroffen, unterst\u00fctzte ihn und machte mit ihm Gesch\u00e4fte beim \u00d6lschmuggel, um das Embargo zu umgehen. Es kam dann zu einem Friedensvertrag zwischen KDP und PUK. Die PUK kontrolliert seither den an den Iran grenzenden Teil des Nordirak, ihre Hauptstadt ist Suleymaniah. Die KDP sitzt in Selahaddin bei Erbil. Beide Parteien haben sich immer wieder mit anderen Partnern gegen\u00adeinander, gegen die irakische Regierung oder gegen die der Nachbarl\u00e4nder verb\u00fcndet. Derzeit will die KDP die Verbindungen zur t\u00fcrkischen Regierung bewahren. Deswegen kooperiert sie anscheinend beim Kampf gegen den IS. Eine Abkehr von dieser Politik ist aber jederzeit m\u00f6glich. Selbst die Christinnen und Christen, die zu Tausenden aus der Ninive-Ebene im Nordirak vertrieben wurden, haben mittlerweile eine eigene Miliz gegr\u00fcndet, weil sie der KDP beim Kampf gegen den IS nicht vertrauen.<\/p>\n<p><b>Der IS hat Koban\u00ea fast umzingelt. Die Jihadisten greifen mit schwerer Artillerie von drei Seiten aus an,<\/b> die Kurden haben nur noch die t\u00fcrkische Grenze im R\u00fccken, von der aus sie nicht angegriffen werden. Hunderte Kurdinnen und Kurden, die der YPG von der T\u00fcrkei aus zur Hilfe eilen wollten, wurden von t\u00fcrkischen Sicherheitskr\u00e4ften mit Tr\u00e4nengas daran gehindert. Die t\u00fcrkische Regierung behauptet, den IS nun bek\u00e4mpfen zu wollen. In Wahrheit wartet sie wohl auf eine Gelegenheit, um eine \u00bbPufferzone\u00ab in Syrien einzurichten. Die T\u00fcrkei w\u00fcrde dann das Kurdengebiet kontrollieren und der IS k\u00f6nnte sich ruhig und friedlich nach Mossul und Raqqah zur\u00fcckziehen.<\/p>\n<p>Die YPG in Syrien hat bislang milit\u00e4risch mehr geleistet als die irakisch-kurdischen Peshmerga und die US-amerikanische Luftwaffe zusammen. Es gelang ihr kurz vor dem islamischen Opferfest am Freitag voriger Woche, einen Panzer und Artillerie vom IS zu erbeuten. Hunderte K\u00e4mpfer des IS sollen dabei get\u00f6tet worden sein. Dieser Erfolg hat die Kurdinnen und Kurden zun\u00e4chst angespornt, sich weiter mit aller Kraft zu widersetzen. Doch es gibt keinen Anlass zu Euphorie. Auch die K\u00e4mpfer des IS sind \u00dcberzeugungst\u00e4ter.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrkei beginnt jetzt allerdings unter internationalem Druck, die Einreise von Jihadisten aus dem Ausland strenger zu \u00fcberwachen. Ein Jihadist aus Deutschland erz\u00e4hlte der S\u00fcddeutschen Zeitung und dem WDR-Magazin Monitor, dass die Polizei in Kayseri, wo einer seiner Onkel wohne, die Busbahnh\u00f6fe kontrolliere. Das wird Jihadisten aus der T\u00fcrkei allerdings nicht daran hindern, die Grenze nach Syrien zu \u00fcberqueren. Im t\u00fcrkischen Netz kursieren angesichts der US-amerikanischen Luftangriffe jetzt schon Aufrufe, gegen die Einmischung aus dem Ausland vorzugehen. Es ist exemplarisch f\u00fcr die Denkweise von Jihadisten, die eigene Einmischung in andere L\u00e4nder als religi\u00f6s motivierte Heldentat zu bejubeln und gleichzeitig Menschen grausam zu ermorden, weil sie der Zivilbev\u00f6lkerung in Syrien Hilfsg\u00fcter bringen. Alan Henning aus Gro\u00dfbritannien, der als freiwilliger Helfer einen Hilfskonvoi f\u00fcr syrische Fl\u00fcchtlinge begleitete, wurde am Freitag vergangener Woche ermordet. Einen Tag vor dem Opferfest, einem der h\u00f6chsten muslimischen Feiertage. Sicher hat Abu Bakr al-Baghdadi in Mossul die Hinrichtung der Geisel als heroischen Auftakt des IS-Schlachtfestes ger\u00fchmt.<\/p>\n<p><b>Die kurdischen Nachrichtenagenturen Firat (Euphrat) und Dicle (Tigris)<\/b> bezeichnen die Schlacht um Koban\u00ea als historisch. Sie ist es auch in vielfacher Hinsicht. Die YPG hat es geschafft, innerhalb der Kurdengebiete erstmals ein nicht von einem Clanchef geleitetes autonomes Gebiet zu begr\u00fcnden. Zentral daf\u00fcr ist etwa der derzeitige gleichberechtigte Kampf von M\u00e4nnern und Frauen innerhalb der YPG. Darin zeigt sich der Wunsch nach einem anderen Rollenmodell f\u00fcr die Frauen in der Region. Die t\u00fcrkische Soziologin Nazan \u00dcst\u00fcnda\u011f hat in Rojava geforscht und kommt zu dem Ergebnis, dass dort beispiellose dezentrale kommunale Strukturen entstanden sind. Die T\u00fcrkei wird seit Jahren von vielen Journalisten und Regierungsvertretern hinsichtlich ihres angeblichen gesellschaftlichen Erfolgsmodells vollkommen \u00fcberbewertet. In der T\u00fcrkei ist die politische Macht komplett in der Hand der Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Fortschritt (AKP) geb\u00fcndelt. Sie verficht ein islamisch-konservatives Rollenmodell, Kopft\u00fccher wurden gerade an Schulen erlaubt, Tattoos und Piercings hingegen verboten. Begr\u00fcndet werden diese Repressalien und konservativen Ma\u00dfnahmen immer von grinsenden Politikern, die milde verk\u00fcnden, dass sie entscheiden, was gut f\u00fcr ihr Volk ist und was nicht. \u00bbF\u00fcr das Volk trotz des Volkes\u00ab war bereits vor 100 Jahren ein Slogan der Jungt\u00fcrken; leider hat die T\u00fcrkei eine lange Tradition der oligarchischen Bevormundung. Bereits die Kemalisten haben so regiert, jetzt wei\u00df die AKP, was am besten f\u00fcr alle B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der T\u00fcrkei ist.<\/p>\n<p><b>Das sogenannte Kurdenproblem versucht die t\u00fcrkische Regierung gerade<\/b> im Rahmen ihrer Politik als regionale \u00bbOrdnungsmacht\u00ab in sunnitischen Gebieten mit Hilfe des Islamischen Staats zu l\u00f6sen. Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan verk\u00fcndete vor zehn Tagen vor dem t\u00fcrkischen Unternehmerverband ganz offen, dass die T\u00fcrkei ihre Grenze sch\u00fctzen werde und damit gleichzeitig kontrollieren wolle, was in Nordsyrien und dem Nordirak politisch und wirtschaftlich vor sich geht. \u00bbWir respektieren die Autonomie unserer Nachbarn\u00ab, sagte er gro\u00dfspurig, \u00bbaber wir werden entscheiden, was in der Grenzregion passiert.\u00ab Die t\u00fcrkische Wirtschaftswelt wurde s\u00fcffisant darauf hingewiesen, dass sie sich entscheiden m\u00fcsse, ob sie davon profitieren oder verlieren wolle. \u00bbWer uns unterst\u00fctzt, wird gute Gesch\u00e4fte machen, wer es nicht tut, wird gro\u00dfe Nachteile verzeichnen\u00ab, so Erdo\u011fan. Die Gro\u00dfindustriellen sa\u00dfen mit saurer Miene in der ersten Reihe, aber sie kuschen derzeit alle. Und nicht nur sie. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Istanbul erkl\u00e4rte EU-Kommissionspr\u00e4sident Jos\u00e9 Manuel Barroso, dass man sich nicht mehr in Krisengebieten einmische. Das habe ja in der Vergangenheit schon nicht funktioniert. Jetzt m\u00fcsse Europa den lokalen Widerstand unterst\u00fctzen. Vor elf Jahren hatte die Intervention im Irak eine Aufl\u00f6sung der bis dahin bestehenden UN-Schutzzone zur Folge gehabt. Al-Qaida und andere Jihadisten hatten zuvor eine untergeordnete Rolle gespielt. Doch durch die offenkundig auf falschen Vorw\u00fcrfen beruhende milit\u00e4rische Einmischung wurde die B\u00fcchse der Pandora ge\u00f6ffnet. Sich jetzt hinzustellen und zu sagen, \u00bbihr m\u00fcsst euch selbst helfen\u00ab, ist nicht nur zynisch, sondern politisch kurzsichtig. Die Regierung der T\u00fcrkei m\u00fcsste t\u00e4glich internationale Schelte bekommen, weil sie die Konflikte im Nachbarland kr\u00e4ftig sch\u00fcrt, stattdessen wird sie f\u00fcr ihre Fl\u00fcchtlingspolitik gelobt. Der Kampf um Koban\u00ea kann von den Kurdinnen und Kurden aufgrund ihrer unzureichenden Bewaffnung kaum gewonnen werden. Dieser Ort im Norden Syriens ist tragischerweise eine der wichtigsten Keimzellen f\u00fcr eine gesellschaftliche Utopie in der Region. Sollte der IS dort siegen und die T\u00fcrkei ihre Pufferzone einrichten, entst\u00fcnde eine extremistische Enklave unter Protektion eines Nato-Partners, eine komplett absurde politische Konstellation mit der EU als Nachtw\u00e4chter am Rande des Geschehens.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/41\/50694.html\">http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/41\/50694.html<\/a><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im nordsyrischen Koban\u00ea sind die Kurdinnen und Kurden in ihrem Kampf gegen den Islamischen Staat auf sich allein gestellt. 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