{"id":2216,"date":"2014-11-17T11:48:24","date_gmt":"2014-11-17T10:48:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2216"},"modified":"2014-11-17T11:48:24","modified_gmt":"2014-11-17T10:48:24","slug":"abgehangter-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2216","title":{"rendered":"Abgeh\u00e4ngter Osten"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Israel eskalieren die Konflikte zwischen der j\u00fcdischen und der arabischen Bev\u00f6lkerung. Sie sind unter anderem in der sozialen Ungleichheit begr\u00fcndet. Zudem nehmen Terroranschl\u00e4ge wieder zu.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p>\u00bbHitlakchut\u00ab, das Aufflammen oder Entz\u00fcnden eines Brandes, so lautet das Schlagwort israelischer Medien f\u00fcr die Massenproteste in den arabischen St\u00e4dten des Landes, die vergangene Woche eskalierten. Der entscheidende Anlass war die T\u00f6tung des 22j\u00e4hrigen Kheir Hamdan in der Nacht zum Samstag in der arabischen Stadt Kafr Kanna in Nordisrael. Nachdem Hamdan mit einem Messer auf die Scheiben eines Polizeifahrzeugs eingehackt hatte, streckte ein Polizist den zur\u00fcckweichenden Angreifer mit Sch\u00fcssen in den Oberk\u00f6rper nieder. Als ein Video des Vorfalls auftauchte, das die offizielle Polizeimeldung, es habe sich um Notwehr gehandelt, zu widerlegen scheint, kam es seit dem Wochenende in ganz Israel zu teils gewaltsamen Demonstrationen arabischer Einwohnerinnen und Einwohner. Sie sahen in dem Vorfall ein Beispiel rassistischer Polizeigewalt; wenn es um arabische Einwohner gehe, seien Polizisten \u00bbschnell am Abzug\u00ab. Dass Ministerpr\u00e4sident Benjamin Netanyahu erkl\u00e4rte, denjenigen, die den Staat delegitimierten, m\u00fcsse die Staatsb\u00fcrgerschaft entzogen werden, sorgte nicht f\u00fcr Entspannung. Best\u00e4tigte er doch, was viele arabische Israelis immer wieder behaupten: dass ihre Staatsb\u00fcrgerschaft und ihre Rechte nur pro forma und auf Abruf gelten.<\/p>\n<p>Die wichtigste Ursache f\u00fcr die sich nun entladende Frustration insbesondere der Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die soziale Ungleichheit entlang der ethnoreligi\u00f6sen Grenzen. Mehr als die H\u00e4lfte der arabischen Bev\u00f6lkerung gilt als arm, w\u00e4hrend in der Gesamtbev\u00f6lkerung ein gutes F\u00fcnftel als arm eingestuft wird. Das durchschnittliche Einkommen arabischer Israelis lag 2008 etwa ein Drittel unter dem j\u00fcdischer Einwohner. Die staatlichen Ausgaben f\u00fcr arabische Kinder betrugen in den vergangenen Jahren nur die H\u00e4lfte der entsprechenden Ausgaben f\u00fcr j\u00fcdische Kinder. Insbesondere im Bereich der staatlichen Ausgaben f\u00fcr Infrastruktur und Bildung bestehen gro\u00dfe Unterschiede zwischen beiden Bev\u00f6lkerungsgruppen.<\/p>\n<p><b>In Jerusalem eskalierte die Lage bereits vor Monaten.<\/b> In den vergangenen drei Wochen fanden dort unter anderem zwei nationalistisch-islamistische Terroranschl\u00e4ge mit drei Toten statt, woraufhin der Zugang zum Tempelberg eingeschr\u00e4nkt wurde. Auch in Tel Aviv und der Westbank kam es seitdem zu mehreren Anschl\u00e4gen mit Verletzten und Toten. Als Beginn der Eskalation kann die Entf\u00fchrung und Ermordung der j\u00fcdischen Sch\u00fcler Naftali Frenkel, Gilad Shaer und Eyal Yifrah durch eine Zelle der Hamas Hebrons im Juni gelten, als Vergeltungsschlag ermordeten j\u00fcdische Extremisten Anfang Juli den 16j\u00e4hrigen Pal\u00e4stinenser Mohammed Abu Khdeir. Seit Juni ist keine Woche vergangen, ohne dass es in Ostjerusalem zu Ausschreitungen und folgenden Massenverhaftungen und in Westjerusalem zu Angriffen auf arabische Zivilisten gekommen ist.<\/p>\n<p>Israelischen Medien zufolge ist die Stimmung in der Stadt endg\u00fcltig umgeschlagen. Pal\u00e4stinensische und j\u00fcdische Anwohner berichten dies auch der Jungle World. Habe man etwa in den vergangenen Jahren junge Pal\u00e4stinenser treffen k\u00f6nnen, die neben arabischen auch hebr\u00e4ische Popsongs in den Musikanlagen ihrer Autos spielen, sei das mittlerweile undenkbar, hei\u00dft es unter den Anwohnern. Aus den Lautsprechern dr\u00f6hnten eher nationalistische und Hamas-Propagandalieder. Islamisten w\u00fcrden ihre Propaganda verst\u00e4rken und versuchen, die Auseinandersetzung um den Tempelberg eskalieren zu lassen. J\u00fcdische Israelis w\u00fcrden arabische Stadtviertel meiden, nur eine stetig wachsende Zahl j\u00fcdischer Siedler bewege sich dort\u00a0\u2013 bewaffnet. Gleichzeitig komme es in Westjerusalem zu verbalen und physischen Attacken auf arabische Israelis und Pal\u00e4stinenser, weshalb viele von ihnen jene Stadtteile meiden w\u00fcrden. Rechtsex\u00adtreme w\u00fcrden mit rassistischer Hetze im Internet und auf der Stra\u00dfe die Lage weiter befeuern. Wegen der Eskalation nicht nur der politischen Hetze und Gewalt in Israel\u00a0\u2013 im Zuge des Gaza-Kriegs im Sommer gab es auch eine neue Qualit\u00e4t rechtsextremer Angriffe auf linke Aktivisten und arabische Zivilisten\u00a0\u2013 sah sich nun der israelische Pr\u00e4sident Reuven Rivlin zu scharfen Worten veranlasst: Es gebe Gewalt auf den Fu\u00dfballpl\u00e4tzen, in sozialen Netzwerken, im Alltag, in Krankenh\u00e4usern und in Schulen. Es sei Zeit, \u00bbehrlich zuzugeben, dass die israelische Gesellschaft krank ist\u00a0\u2013 und dass diese Krankheit behandelt werden muss\u00ab.<\/p>\n<p><b>Die Agitation rechtsextremer beziehungsweise fundamentalistischer,<\/b> teilweise messianistischer Gruppen mit dem Ziel einer j\u00fcdischen \u00bbR\u00fcckeroberung\u00ab des Tempelbergs und der Zerst\u00f6rung der muslimischen Kultst\u00e4tten hat zuletzt weiter zugenommen. Zudem stellten Mitglieder der rechten Regierung verbal und durch Besuche \u00bbden Status quo auf dem Tempelberg\u00ab in Frage, darunter die stellvertretenden Minister Uri Ariel und Tzipi Hotovely sowie Moshe Feiglin und Miri Regev. Die Anh\u00e4nger der Hamas und des Islamischen Jihad in Jerusalem versuchen wiederum seit Wochen, aus der propagandistischen Ausschlachtung der Tempelberg-Debatte politisches Kapital zu schlagen, sich als \u00bbVerteidiger der al-Aqsa-Moschee\u00ab in Szene zu setzen und die Pal\u00e4stinensische Autonomieregierung (PA) unter Mahmoud Abbas zu delegitimieren. Die PA hat im vorigen Jahr nach dem Scheitern der Verhandlungen des Friedensprozesses unter Vermittlung des US-Au\u00dfenministers John Kerry an Ansehen eingeb\u00fc\u00dft und steht in der Westbank unter gro\u00dfem Legitimationsdruck. Wird die Hamas im Gaza-Streifen von einer Mehrheit der Bev\u00f6lkerung kritisiert, gilt das f\u00fcr Abbas\u2019 Organisation Fatah in der Westbank. Der Vorwurf, Abbas gebe al-Aqsa auf\u00a0\u2013 das wohl bedeutendste Symbol f\u00fcr religi\u00f6se, nationalistische und islamistische Identit\u00e4tspolitik in den pal\u00e4stinensischen Gebieten\u00a0\u2013, ist daher eine gef\u00e4hrliche Waffe in der Hand von Hamas und Islamischem Jihad. Es ist kein Zufall, dass gerade der j\u00fcdische Fundamentalist Yehuda Glick auf dem Heimweg von der Konferenz \u00bbIsrael kehrt zur\u00fcck auf den Tempelberg\u00ab Opfer eines Mordanschlags wurde.<\/p>\n<p><b>Doch die Situation wird einigen israelischen Kommentatoren zufolge<\/b> erst durch folgenden Fakt gef\u00e4hrlich: Die j\u00fcngste Eskalation in Ostjerusalem beruhe gerade auf der Mobilisierung gr\u00f6\u00dferer Teile der Jugendlichen und jungen Erwachsenen jenseits von ideologischen oder organisatorischen Strukturen der islamistischen Gruppen, aber auch der Fatah. Auch hier stellt die Frustration der j\u00fcngeren Bewohnerinnen und Bewohner der sozial abgeh\u00e4ngten Stadtviertel den N\u00e4hrboden dar. Im Osten Jerusalems werden Investitionen in Infrastruktur und Bildung vernachl\u00e4ssigt. Existierten in Westjerusalem vor drei Jahren etwa 1\u2009000 Gr\u00fcnanlagen und Parks, gab es im arabischen Osten der Stadt nur etwa 50; 531 Sporteinrichtungen im Westen standen 33 im Osten der Stadt gegen\u00fcber; auf 26 \u00f6ffentliche Bibliotheken im Westen kamen zwei im Osten. Einer Schulabbrecherquote von acht Prozent im Westen steht eine von fast 80\u00a0Prozent im Ostteil gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Die aktuellen Konflikte um den \u00bbTempelberg\u00ab laden die ethnoreligi\u00f6sen und ideologisierten Konflikte zus\u00e4tzlich auf. Es ist diese Gemengelage aus sozialer Frustration, politischen Konflikten und radikaler Hetze auf beiden Seiten, die die Situation unbeherrschbar macht, und auf die die ideologisch motivierten Terroranschl\u00e4ge der vergangenen Tage treffen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/46\/50906.html\">http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/46\/50906.html<\/a><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Israel eskalieren die Konflikte zwischen der j\u00fcdischen und der arabischen Bev\u00f6lkerung. Sie sind unter anderem in der sozialen Ungleichheit begr\u00fcndet. 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