{"id":2240,"date":"2014-12-22T11:34:02","date_gmt":"2014-12-22T10:34:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2240"},"modified":"2014-12-22T11:34:02","modified_gmt":"2014-12-22T10:34:02","slug":"besetzen-gegen-den-verfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2240","title":{"rendered":"Besetzen gegen den Verfall"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anfang Dezember wurde ein besetztes Stadtteilzentrum in Istanbul ger\u00e4umt. Die Gezi-Bewegung k\u00e4mpft jedoch weiter gegen die autorit\u00e4re und konservative t\u00fcrkische Regierung.<\/strong><\/p>\n<p>Wie jeden Tag seit einer Woche waren auch am Morgen des 9.\u2009Dezember Dutzende Menschen zum Nachbarschaftshaus im Istanbuler Stadtteil Kad\u0131\u00adk\u00f6y gekommen. Vor knapp einem Jahr war das marode, leerstehende Haus besetzt und das Stadtteilzentrum Cafera\u011fa Dayan\u0131\u015fmas\u0131 Mahalle Evi er\u00f6ffnet worden. Anfang Dezember dieses Jahres erhielten die Besetzerinnen und Besetzer einen offiziellen R\u00e4umungsbescheid von der Stadtverwaltung. Seither waren sie und ihre Unterst\u00fctzerinnen und Unterst\u00fctzer in steter Alarmbereitschaft. An jenem Dienstag machte die von der Partei f\u00fcr Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) regierte Stadtverwaltung ernst: die Polizei riegelte die Stra\u00dfen ab und st\u00fcrmte das Geb\u00e4ude. Danach war es verw\u00fcstet, die Einrichtung kurz und klein geschlagen.<\/p>\n<p>Bereits kurz nach der Besetzung am 11.\u2009Januar 2014 wurde das Haus zu einem beliebten Treffpunkt. Die Besetzerinnen und Besetzer hatten es aufger\u00e4umt, geputzt und mit gespendeten M\u00f6beln, B\u00fcchern, Musikinstrumenten, einem Foto\u00adlabor und einem Caf\u00e9 ausgestattet. Au\u00dferdem machten sie Reparaturen und lie\u00dfen St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck den fr\u00fcheren Glanz des Geb\u00e4udes in der Hac\u0131 \u015e\u00fckr\u00fc Sokak wieder aufleben. \u00dcber 100\u00a0Menschen kamen jeden Tag, besuchten Musik- und Sprachkurse, Literaturtreffen und Gartenbaukurse, organisierten Selbsthilfe oder sa\u00dfen bei einem warmen Chai zusammen. Nachts wurde das Haus abgeschlossen, denn die Besetzerinnen und Besetzer waren \u00fcbereingekommen, dass niemand in dem Haus schlafen sollte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Besetzung hatten sie eine rechtliche Grauzone genutzt. Das t\u00fcrkische Recht besagt, dass ein Haus nach 15 Jahren Leerstand an die Stadt \u00fcbergeht. Dieses Haus stand jedoch erst zehn Jahre leer. \u00bbWo kein Eigent\u00fcmer, da keine Beschwerde\u00ab, dachte man sich. Zudem waren sich die Besetzerinnen und Besetzer der Unterst\u00fctzung der Nachbarschaft sicher und hofften auf Hilfe von der Bezirksregierung der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP). Doch sie hatten die Rechnung ohne die Istanbuler Stadtverwaltung unter Oberb\u00fcrgermeister Kadir Topba\u015f (AKP) gemacht, der denkmalgesch\u00fctzte Geb\u00e4ude unterstehen.<\/p>\n<p><b>Die Stadtentwicklung unter der AKP<\/b> kritisiert die Gezi-Bewegung seit ihrer Entstehung im Sommer 2013. Bald schon ging es ihr nicht mehr nur um den Schutz von B\u00e4umen im Gezi-Park, sondern um generelle Kritik an der wachsenden Macht des t\u00fcrkischen Staates. Der Protest verlagerte sich an neue Orte: kollektive Caf\u00e9s wurden gegr\u00fcndet, Stadtteilforen entstanden, Betriebe gingen in Selbstverwaltung \u00fcber. Und einige Menschen fragten sich: Wenn wir schon aus dem \u00f6ffentlichen Raum vertrieben werden, warum nehmen wir uns nicht die H\u00e4user? Im Juli 2013 er\u00f6ffnete das erste politisch besetzte Haus in der T\u00fcrkei, Don Ki\u015fot Sosyal Merkezi. Anfang 2014 folgte das zweite, nun ger\u00e4umte Cafera\u011fa Dayan\u0131\u015fmas\u0131 Mahalle Evi. Beide lagen im linksliberal gepr\u00e4gten Bezirk Kad\u0131k\u00f6y. Dort, auf der asiatischen Seite Istanbuls, gibt es viele historische Geb\u00e4ude, die vor sich hin rotten.<\/p>\n<p><b>Dieser Verfall alter Geb\u00e4ude ist in ganz Istanbul zu beobachten,<\/b> verantwortlich daf\u00fcr ist vor allem die AKP. Sie sichert sich ihre politische Macht durch den wirtschaftlichen Aufschwung und den Bauboom. Viele alte Geb\u00e4ude mit europ\u00e4ischen Einfl\u00fcssen werden dem Verfall preisge\u00adgeben, dann abgerissen und durch Gro\u00dfprojekte ersetzt. Sogar die Bebauung des Gezi-Parks ist trotz gerichtlichen Verbots wieder auf dem Tisch.<\/p>\n<p>Die Hausbesetzerinnen und -besetzer h\u00e4tten vor der R\u00e4umung eigentlich noch einen Termin beim Kaymakam Birol Kurubal, einem hohen Landesbeamten in Istanbul, gehabt. Doch nicht zum ersten Mal setzte sich die AKP-Regierung \u00fcber geltendes Recht hinweg. Der Widerstand gegen die Politik der AKP und Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fans reaktion\u00e4re Pl\u00e4ne d\u00fcrfte jedoch ungebrochen weitergehen, es ist bereits eine Wiederbesetzung geplant.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/51\/51138.html\">http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2014\/51\/51138.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Dezember wurde ein besetztes Stadtteilzentrum in Istanbul ger\u00e4umt. 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