{"id":2252,"date":"2015-01-12T15:21:25","date_gmt":"2015-01-12T14:21:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2252"},"modified":"2015-01-12T15:21:57","modified_gmt":"2015-01-12T14:21:57","slug":"politische-leichenfledderei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2252","title":{"rendered":"Politische Leichenfledderei"},"content":{"rendered":"<h2>Wie die extreme Rechte von dem Massaker in Paris profitieren will<\/h2>\n<h3>Es dauerte nur wenige Stunden, bis die ersten rechten Rattenf\u00e4nger sich daran machten, politisches Kapital aus dem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion des franz\u00f6sischen Satiremagazins Charlie Hebdo zu schlagen.<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/charlie.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2253\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/charlie.jpg\" alt=\"charlie\" width=\"300\" height=\"382\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/charlie.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/charlie-235x300.jpg 235w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Der Publizist J\u00fcrgen Els\u00e4sser gab schon am 7. Januar die entsprechende Parole aus: &#8220;Wer jetzt noch gegen PEGIDA demonstriert, spuckt auf die Gr\u00e4ber der Toten in Paris.&#8221; Die ermordeten Satiriker seien der Beweis daf\u00fcr, dass &#8220;dass PEGIDA mit den Warnungen vor den Gefahren einer weiteren Islamisierung Recht&#8221; habe, es gelte nun, auf ein &#8220;strenges Durchgreifen gegen islamistische Parallelgesellschaften und Hassprediger&#8221; zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Ganz auf dieser Linie mobilisiert die Pegida zu einer &#8220;Trauerkundgebung&#8221; in die Hauptstadt der Bewegung, nach Dresden. Offensichtlich hoffen die Organisatoren dieser xenophoben Massenbewegung, durch die Anschl\u00e4ge weiteren Zulauf zu erhalten. Sch\u00fctzendeckung erhielt Pegida auch durch den AfD-Vize Alexander Gauland, der den Forderungen dieser offen fremdenfeindlichen Bewegung nun &#8220;besondere Aktualit\u00e4t und Gewicht&#8221; beimesen wollte.<\/p>\n<p>Zu dumm nur, dass ein Blick auf das Positionspapier der Pegida sofort klar macht, dass hier vor allem die rechtsextreme Parole &#8220;Ausl\u00e4nder raus!&#8221; die Grundlage nahezu aller Forderungen, die auf eine Versch\u00e4rfung des Asylrechts, Null-Toleranz-Politik gegen\u00fcber Ausl\u00e4ndern und schnellere Abschiebungen abzielen, bildete. Dass es den deutschen Rechten gerade nicht um einen effektiven Kampf gegen den islamistischen Faschismus geht, macht ihre Forderung nach der Unterbindung jeglicher Unterst\u00fctzung f\u00fcr die einzige politische Kraft im Syrien deutlich, die erfolgreich milit\u00e4risch gegen den Islamischen Staat vorgeht &#8211; die PKK samt ihrer syrischen Schwesterparteien.<\/p>\n<p>In Frankreich sehen hingegen die Nazis des Front National (FN) ihre gro\u00dfe Stunde gekommen. Die F\u00fchrerin des FN, Marine Le Pen, forderte Frankreich auf, in einen Krieg gegen den Fundamentalismus zu ziehen. Zudem pl\u00e4dierte Le Pen f\u00fcr ein Referendum \u00fcber die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe. Im nordwestfranz\u00f6sischen Le Mans und s\u00fcdfranz\u00f6sischen Port-la-Nouvelle scheinen Rechtsextremisten bereits dem Aufruf Le Pens gefolgt zu sein: Dort wurde Moscheen mit Handgranaten und Feuerwaffen angegriffen.<\/p>\n<p>Diese Taktik politischer Leichenfledderei seitens der extremen Rechten entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, die ebenfalls Gegenstand einer Satire sein k\u00f6nnte: Das Pr\u00e4dikat &#8220;islamkritisch&#8221; verdient Charlie Hebdo nur deswegen, weil es eins der wenigen Satirebl\u00e4tter war, die sich \u00fcberhaupt trauen, die Absurdit\u00e4ten dieser Religion offen aufs Korn zu nehmen. Weitaus h\u00e4ufiger aber waren gerade die franz\u00f6sischen Rechtsextremisten das Objekt der bei\u00dfenden Satiren Charlie Hebdos, die als KZ-W\u00e4rter, fanatische Antisemiten oder als rassistische Brandstifter das Titelblatt des Magazins bev\u00f6lkerten. Letztendlich haben die ermordeten franz\u00f6sischen Satiriker alle Glaubenskrieger mit Hohn und Spott \u00fcberzogen &#8211; unabh\u00e4ngig davon, ob diese diese nun von einer islamischen oder nationalistischen Ideologie verblendet sind.<br \/>\nDie &#8220;abendl\u00e4ndischen Werte&#8221; der Rechten \u00e4hneln verd\u00e4chtig dem schieren Wahnsinn, den die islamistische Ideologie ausgebr\u00fctet hat<\/p>\n<p>Solche Petitessen sind der nun zur gro\u00dfen Hatz auf den Islam mobilisierenden Rechten aber egal. Rund 18.000 neue Fans hat die FN-F\u00fchrerin auf Facebook verbuchen k\u00f6nnen, nachdem sie zum Krieg gegen den Islamismus aufrief. Denn dies ist genau die Konfrontation, auf die der europ\u00e4ische wie islamische Rechtsextremismus zielstrebig hinarbeitet: auf einen Glaubenskrieg, der beiden gleicherma\u00dfen irren Ideologien zur unangefochtenen Hegemonie im jeweiligen Kulturkreis verhelfen soll. Pegida und FN tun letztendlich das genaue Gegenteil dessen, was sie propagieren &#8211; sie wollen den Glaubens- und Kulturkrieg gegen den Islam gegen die blo\u00dfe Einwanderung entfachen, um das Rad der Geschichte zur\u00fcckdrehen zu k\u00f6nnen. Letztendlich w\u00fcrde im Verlauf dieser drohenden Auseinandersetzung der gesamten Gesellschaft die Ideologie der Rechten aufgen\u00f6tigt, das Denken in kulturalistischen oder rassistischen Kategorien verallgemeinert.<\/p>\n<p>In der angespannten gegenw\u00e4rtigen Lage w\u00fcrde es wohl reichen, wenn die Angriffe gegen muslimische Einrichtungen und Moscheen zu Todesopfern f\u00fchren sollten, um die Eskalationsspirale weiter zu treiben. Eine solche Polarisierung der krisengesch\u00fcttelten westlichen Gesellschaften entlang rechtsextremer Frontverl\u00e4ufe w\u00fcrde die Erosion der ohnehin bedrohten zivilisatorischen und demokratischen Errungenschaften massiv beschleunigen. Die Faschisierung der westlichen Postdemokratien kann gerade in einem solchen letztendlich irrsinnigen Glaubenskrieg vollzogen werden. Wie gesagt, schon jetzt stellt der Front National eifrig die Wiedereinf\u00fchrung der Todesstrafe zur Debatte. Beim n\u00e4chsten Anschlag steht vielleicht die Wiedereinf\u00fchrung der Folter auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>Dabei sehen sich europ\u00e4ische und arabische Faschisten zum Verwechseln \u00e4hnlich. Beiden Ideologien ist eine pluralistische, offene und vielf\u00e4ltige Gesellschaft verhasst. W\u00e4hrend der islamistische Faschismus einen religi\u00f6s homogenen Gottesstaat anstrebt, wollen Europas Rechtsextremisten eine rassisch oder kulturell &#8220;reine&#8221; Gesellschaft erk\u00e4mpfen. Die R\u00fcckbesinnung auf zumeist frei erfundene &#8220;traditionelle Werte&#8221; wird in beiden verfeindeten Lagern ausgiebig praktiziert. Mit der hysterischen Kritik an &#8220;Gender Mainstreaming&#8221; und der Emanzipation sexueller Minderheiten kommt in Europa dieselbe Verachtung Schwuler zu Ausdruck, die im arabischen Kulturkreis oft t\u00f6dliche Folgen nach sich zieht. Der islamistische Hass auf Frauen spiegelt sich in der Verachtung des Feminismus, den die neue europ\u00e4ische Rechte kultiviert.<\/p>\n<p>Die &#8220;abendl\u00e4ndischen Werte&#8221;, die die Rechte gerade mitten in der Krise erfindet, \u00e4hneln somit verd\u00e4chtig dem schieren Wahnsinn, den die islamistische Ideologie ausgebr\u00fctet hat. Und selbstverst\u00e4ndlich erfahren beide Ideologien ihren Aufschwung aufgrund der zunehmenden sozio\u00f6konomischen Verwerfungen, die die Krise produziert (dazu siehe: Von gr\u00fcnen und braunen Faschisten. Beide extremistischen Lager reagieren auf den unverstandenen Krisenprozess mit dem Aufbau von Feindbildern und einer Flucht in die Identit\u00e4tsbildung und Identit\u00e4tspolitik. So absurd es klingen mag, aber am Vorabend der nun europaweit dank des deutschen Spardiktats einsetzenden Deflation ist der politische Diskurs pl\u00f6tzlich von den Hirngespinsten und Wahnvorstellungen des Front National, der Pegida-Nazis oder der korrespondierenden islamistischen Ideologien bestimmt.<br \/>\nDie bestialische Brutalit\u00e4t, mit denen die T\u00e4ter in Paris vorgingen, spiegelt sich in den Morden der deutschen Rechtsextremisten des NSU<\/p>\n<p>Erinnerungen w\u00fcrden nun aufkommen, falls die sp\u00e4tkapitalistische Gesellschaft noch \u00fcber ein historisches Bewusstsein verf\u00fcgen w\u00fcrde. Der Zusammenbruch der Sowjetunion oder Jugoslawiens vollzog sich ebenfalls in einer \u00e4hnlich irren Form, als Menschen, die \u00fcber Jahrzehnte miteinander &#8211; oder zumindest nebeneinander &#8211; lebten, pl\u00f6tzlich wegen irgendwelcher Nebens\u00e4chlichkeiten \u00fcbereinander herfielen.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrger der Sowjetunion oder Jugoslawiens wurden in deren B\u00fcrgerkriegsgebieten gen\u00f6tigt, sich eine neue Identit\u00e4t zuzulegen, sich nun als Abchase, Armenier, Kroate, Serbe, Bosnier oder Transnistrier zu begreifen. All diesen B\u00fcrgerkriegen ging ein sozio\u00f6konomischer Zerfall und Zusammenbruch der damaligen staatssozialistischen Gesellschaften voraus, der erst den Z\u00fcndstoff f\u00fcr die damaligen Schl\u00e4chtereien lieferte. Das \u00f6konomische Scheitern der autorit\u00e4ren Modernisierungsregime bildete die Grundlage f\u00fcr den politischen Zusammenbruch des &#8220;Real Existierenden Sozialismus&#8221;, auf dem blutige neonationalistische Welle folgte.<\/p>\n<p>Das offiziell in die Deflation abgedriftete Europa steht nun ebenfalls am Rande des wirtschaftlichen Zerfalls. Diese blutigen Zerfallsprozesse im Osten k\u00f6nnten sich in einigen Jahren nur als Vorboten eines regelrechten Weltb\u00fcrgerkrieges erweisen, der &#8211; angefacht durch irre Krisenideologien &#8211; aus der gegenw\u00e4rtigen Krise des kapitalistischen Weltsystems entspringt. Eigentlich tobt dieser Weltb\u00fcrgerkrieg bereits in den Zusammenbruchsgebieten des Weltmarktes, in weiten Teilen Afrikas, des arabischen Raumes oder Mittelamerikas. Es stellt sich nur die Frage, ob er nun auch auf Europa \u00fcbergreifen wird. Die europ\u00e4ische wie islamistische Rechte arbeitet jedenfalls flei\u00dfig daran.<\/p>\n<p>Die Parallelen zwischen Gr\u00fcnen und Braunen Nazis lassen sich \u00fcbrigens auch in deren Praxis m\u00fchelos aufdecken. Die bestialische Brutalit\u00e4t, mit denen die T\u00e4ter in Paris vorgingen, spiegelt sich in den Morden der deutschen Rechtsextremisten des NSU, die ihre willk\u00fcrlich ausgesuchten Opfer &#8211; deren einziges &#8220;Verbrechen&#8221; darin bestand, nicht zur deutschen &#8220;Volksgemeinschaft&#8221; dazuzugeh\u00f6ren &#8211; ebenfalls kaltbl\u00fctig hinrichteten. Vielleicht liegt gerade hier, in dieser Amnesie des \u00f6ffentlichen Bewusstseins, die gr\u00f6\u00dfte Obsz\u00f6nit\u00e4t des gegenw\u00e4rtigen Aufstiegs der extremen, v\u00f6lkischen Rechten in Deutschland. Es sind keine zwei Jahre seit dem Beginn des Prozesses gegen den NSU vergangen, dessen Mordserie neun Einwanderer zum Opfer fielen, und Deutschlands Nazis hetzen wieder mitsamt Massenanhang gegen Ausl\u00e4nder &#8211; und sie spielen sich dabei wieder als die ber\u00fcchtigte verfolgte Unschuld auf.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/43\/43809\/1.html\">http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/43\/43809\/1.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es dauerte nur wenige Stunden, bis die ersten rechten Rattenf\u00e4nger sich daran machten, politisches Kapital aus dem islamistischen Terroranschlag auf die Redaktion des franz\u00f6sischen Satiremagazins Charlie Hebdo zu schlagen. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2252\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,10,242,406,6],"tags":[761,182,763,762],"class_list":["post-2252","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antifa","category-aus-aller-welt","category-emanzipation","category-migration","category-news","tag-charlie","tag-nsu","tag-rechtsextremismus","tag-satire"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2252"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2255,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2252\/revisions\/2255"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}