{"id":2466,"date":"2015-12-02T10:06:27","date_gmt":"2015-12-02T09:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2466"},"modified":"2015-12-02T10:06:27","modified_gmt":"2015-12-02T09:06:27","slug":"nie-wieder-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2466","title":{"rendered":"Nie wieder Heimat"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbIch will ich sein, anders kann ich nicht sein\u00ab, sang der wunderbare Rio Reiser einst. Das klingt furchtbar naiv, und klang es auch damals schon. Und war es auch. Dennoch k\u00f6nnte genau dies eine notwendige Antwort auf den \u00fcberall um sich greifenden Nationalismus und Tribalismus sein.<\/p>\n<p>Wie viel Panik wurde doch einst verbreitet, die Welt steuere mitten hinein in den totalen Individualismus: Eine Welt von Einzelnen, die sich nicht mehr organisieren, die nicht mehr zusammenr\u00fccken, wenn es drau\u00dfen kalt wird. Im eisigen Wettbewerb der M\u00e4rkte geformte Egoisten, denen nichts mehr heilig ist. Doch was wir erleben, ist das Gegenteil. Der Islam ist heute f\u00fcr unfassbar viele Menschen ihr mentales Zuhause, ihr Ich. F\u00fcr andere, ob in Putins Russland oder bei Pegida in Dresden, ob in Le Pens Frankreich oder bei den Lafod\u00f6dels in der Linkspartei, sind es das Volk und die Nation. In der T\u00fcrkei ist es alles zusammen. Wohin wir blicken, scheinen sich die Menschen vor allem und in erster Linie zu etwas zugeh\u00f6rig f\u00fchlen zu wollen. Ihr Ich k\u00f6nnen sie nicht in der Befreiung von Normen und Systemen begreifen, sondern sie wollen sich anschlie\u00dfen, Teil sein, sich definieren k\u00f6nnen. Wir Deutschen, wir Araber, wir Abendl\u00e4nder, wir Muslime, wir Volk. V\u00f6llig zu Recht nennt sich die neue Bewegung der Nationalisten \u00bbIdentit\u00e4re\u00ab. Denn um Identit\u00e4ten geht es, allerdings nicht individuelle. Freiheit und Selbstverwirklichung\u00a0\u2013 das gilt hier nicht f\u00fcr Menschen, sondern f\u00fcr V\u00f6lker, St\u00e4mme, Religionen.<\/p>\n<p><b>War die Linke je antiidentit\u00e4r?<\/b> Was den einen ihr Volk, war den anderen ihre Arbeiterklasse, Uniformen trugen beide, Parteiabzeichen, Hymnen. Man wollte irgendetwas sein, das mehr ist als Ich, und schob dabei das Ich pragmatisch zur Seite. Die Neue Linke war in dieser Hinsicht nicht viel besser. Der Befreiungsnationalismus wurde zum linken Leitbild, Che Guevara zu Gott und der Individualismus der Achtundsechziger, den es auch gab, nahm schnell die Gestalt des schn\u00f6den Liberalismus oder der Esoterik an. Die antideutsche Linke dann, oder auch die antinationale, sollte in den Neunzigern eine Gegenbewegung zum damaligen nationalistischen Aufbrausen werden. Und wenn die Antinationalen schon nicht weltpolitisch Einfluss nehmen konnten, durften sie doch hoffen, wenigstens in der deutschen Linken ein wenig zu bewegen. Haben sie auch. Dennoch muss das Res\u00fcmee heute deprimierend ausfallen. Auch in der Linken ist die Suche nach der Identit\u00e4t das pr\u00e4gende Wesensmerkmal dieser Generation.<\/p>\n<p>\u00bbWer bin ich?\u00ab fragt man sich\u00a0\u2013 und schaut im K\u00fchlschrank nach. Ach ja, Veganer. Oder Flexitarier. Hauptsache, man kann es benennen und man geh\u00f6rt irgendwo dazu. Soll sich jemand vorstellen, wird er nicht mehr seinen Namen nennen, geschweige denn ein Bild davon im Kopf haben, wen er da vorzustellen gedenkt, welches singul\u00e4re, wunderbare Ich er erschaffen haben k\u00f6nnte in seinem bisherigen Leben oder auch, im ung\u00fcnstigeren Fall, welche armselige und dennoch einzigartige Pers\u00f6nlichkeit die Umst\u00e4nde aus ihm formten. Er oder sie wird vielmehr sagen: \u00bbIch bin LBTQ***\u00ab oder \u00bbIch bin ein wei\u00df-positionierter, von Rassismus positiv betroffener Cis-Mann\u00ab. Sogar die Queer-Szene und die Gendertheorie, die mit dem guten Vorsatz angetreten waren, nicht nur Rollenbilder, sondern Identit\u00e4ten als gesellschaftlich konstruiert zu enttarnen und zu zerschlagen, verkehrten ihr Projekt ins Gegenteil und stellten eine monstr\u00f6se Schubladenschrankwand auf, wo jede und jeder sein Ich in vorgefertigte, exakt deklarierte K\u00e4stchen ablegen kann. Statt keine Geschlechter gibt es inzwischen mehr als jemals zuvor. Der Dekonstruktion folgte die Neukonstruktion\u00a0\u2013 so schnell und bruchlos, dass man die 180-Grad-Wende, die sich da vollzog, kaum registrierte.<\/p>\n<p>Selbst in der antirassistischen Bewegung, die mit der antinationalen eng verbunden ist, bl\u00fcht die Identit\u00e4tshuberei. Die sch\u00e4rfsten Rassismuskritiker haben l\u00e4ngst ihre eigenen Kriterien gefunden, die Menschen einzuteilen, aufzuteilen\u00a0\u2013 und sich selbst zu definieren, indem sie sich in ihren Setzkasten einordnen. Und auch im anti\u00addeutschen Milieu dient die Israel-Beflaggung nicht nur zur Provokation, zur Abgrenzung und als politische Aussage, sondern bildet nicht selten den Ersatz f\u00fcr Parteibuch, Pass oder andere Identit\u00e4tsbescheinigungen.<\/p>\n<p><b>Aber ist Nationalismus nicht ein Nebenwiderspruch, kapitalistisches Begleitwerk?<\/b> In Russland sieht man an der Beliebtheit Putins, dass nicht wenige Menschen bereit sind, auf Wohlstand, auf soziale Entwicklung zu verzichten, nur um das Gef\u00fchl zu haben, als Nation, als Volk stark zu sein. Beim Nationalismus, ebenso wie beim Rassismus, geht es nicht nur um Sozialchauvinismus und nationalstaatlichen Egoismus, nicht nur um die \u00d6konomie, sondern um mehr; um Metaphysik, um\u00a0\u2013 vermeintlichen\u00a0\u2013 Sinn.<\/p>\n<p>Um dem Nationalismus, der sich\u00a0\u2013 auch in vielen linken Parteien und Bewegungen\u00a0\u2013 in Europa gerade Bahn bricht, wirksam entgegentreten zu k\u00f6nnen, bedarf es also auch der Kritik des Identit\u00e4ren. Europa\u00a0\u2013 das schien eine Weile lang ein antiidentit\u00e4res Projekt zu sein, soweit es nationalstaatliche und ethnische Rahmen zu sprengen versprach. Und als solches wird es gerade von rechts\u00a0\u2013 v\u00f6llig zu Unrecht, ironischerweise\u00a0\u2013 kritisiert. Leider gibt es so gut wie keine Argumente mehr, weder antiidentit\u00e4re noch \u00f6konomische oder humanit\u00e4re, auf die europ\u00e4ische Idee zu setzen. Die Idee Europa ist tot. Die Linken sind auf der Suche nach einem Zuhause, einer Heimat. Kaum die richtige Einstellung, um anderen Heimatt\u00fcmlern entgegenzutreten<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2015\/48\/53056.html\">http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2015\/48\/53056.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die antinationale Linke schafft es nicht, dem grassierenden Nationalismus etwas entgegenzusetzen, weil sie selbst zu identit\u00e4r ist. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2466\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,328,108],"tags":[710,854,855,679],"class_list":["post-2466","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antifa","category-antira","category-wirtschaftskrise","tag-antinationalismus","tag-identitare","tag-individualismus","tag-nationalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2466"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2467,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2466\/revisions\/2467"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}