{"id":249,"date":"2010-11-23T16:03:58","date_gmt":"2010-11-23T14:03:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=249"},"modified":"2010-11-23T16:03:58","modified_gmt":"2010-11-23T14:03:58","slug":"feminizid-in-oaxaca","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=249","title":{"rendered":"Feminizid in Oaxaca"},"content":{"rendered":"<p><strong>Straflosigkeit und Staatsverbrechen an Frauen<\/strong><br \/>\nEin Text von Theres Hoechli<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDonnerstag, 16. April 2009, ich starte den Tag mit der schaurigen Zeitungsnotiz: \u201aWieder eine Frau get\u00f6tet!\u2019, die dritte in diesem Monat und bereits die 18. in diesem Jahr. Weinen, sich entr\u00fcsten oder resignieren, was mehr kann man tun? Was tun, wenn die Presse diesen Opfern noch einmal mehr Gewalt antut, indem sie sie auf der Kehrseite der Zeitung oder in den Fernsehnachrichten blutig der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentieren? Nayely Gonzalez war 24 Jahre alt, Mutter eines Kindes. Ihren K\u00f6rper fand man in einer Schlucht, nachdem sie f\u00fcr einen Tag als vermisst gegolten hatte. Vom M\u00f6rder weiss man nichts.<\/p>\n<p>Ich begleite die verzweifelte Familie zur Staatsanwaltschaft, um um mehr Information zu bitten. Der Staatsanwalt kann uns jedoch nicht mehr sagen, als in der Zeitung steht: elf Stichwunden, eine davon t\u00f6dlich im Hals, heraustretende Eingeweide, vermutlich wurde sie vor ihrem Tod vergewaltigt. Weder \u00fcber den M\u00f6rder noch \u00fcber das Handlungsmotiv kann er Auskunft geben. Nichts, weil die Gutachten nicht richtig eingereicht wurden. Bis heute gibt es keine weiteren Untersuchungen und der Fall bleibt in v\u00f6lliger Straflosigkeit. Bis Ende des Jahres 2009 sind noch weitere 40 Frauen ermordet worden, deren Familien Gerechtigkeit f\u00fcr ihre Toten fordern.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dies die Worte von Anabel, einer Oaxaquenerin, die sich seit Jahren f\u00fcr die Frauenrechte einsetzt, und ohnm\u00e4chtig und w\u00fctend die steigende Anzahl ermordeter Frauen beobachtet. Morde, die verhindert werden k\u00f6nnten, wenn die Regierung und zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden ein wirkliches Interesse daran h\u00e4tten, das Leben der Frauen in Oaxaca zu sch\u00fctzen und ihnen mehr Sicherheit zu geben und wenn die T\u00e4ter verfolgt und angemessen bestraft w\u00fcrden.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Huaxyacac.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-250\" style=\"margin-left: 5px; margin-right: 5px;\" title=\"Huaxyacac\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Huaxyacac-300x226.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Huaxyacac-300x226.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Huaxyacac.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Oaxaca ist ein gef\u00e4hrlicher Ort f\u00fcr Frauen, wenn man die Statistiken betrachtet. Der Bundesstaat hat die vierth\u00f6chste Rate an Frauenmorden in Mexiko und auch bei weiteren Formen von Gewalt an Frauen, sexuelle, physische und psychische, liegt er unter den ersten f\u00fcnf R\u00e4ngen. In elf der 31 Bundesstaaten Mexikos spricht man von Feminizid, Oaxaca ist einer davon. Die mexikanische Feministin und Abgeordnete Marcela Lagarde hat den Begriff \u201cFeminizid\u201d wie folgt definiert: \u201eFeminizid ist die Gesamtheit von frauenfeindlichen Umst\u00e4nden und Vorf\u00e4llen. &#8230; Feminizid geschieht, weil die zust\u00e4ndigen Autorit\u00e4ten nachl\u00e4ssig und fahrl\u00e4ssig sind oder mit den Gewaltt\u00e4tern unter einer Decke stecken. Es wird institutionelle Gewalt ausge\u00fcbt, wenn der Zugang der Opfer zur Justiz behindert und somit zur Straflosigkeit beigetragen wird. &#8230; Der Staat versagt darin, im Rahmen des Gesetzes zu handeln und es durchzusetzen, Gerechtigkeit zu suchen und der Gewalt gegen Frauen vorzubeugen und diese Gewalt zu beenden. Feminizid ist also ein staatliches Verbrechen.\u201c<\/p>\n<p>Das Kollektiv Huaxyacac, das aus verschiedenen Frauenorganisationen Oaxacas besteht, hat im Jahr 2004 begonnen den Feminizid, in Oaxaca zu dokumentieren. Da die zust\u00e4ndigen Institutionen verhindern, offizielle Zahlen zu erhalten, wurden entsprechende Zeitungsnotizen gesammelt und ausgewertet. Die so dokumentierten Zahlen liegen weit unter der wirklichen Anzahl vergangener Verbrechen an Frauen, von denen viele nicht einmal angezeigt werden, geschweige denn in der Zeitung erscheinen.<\/p>\n<p>Anfang dieses Jahres gab das Kollektiv den Bericht 2008\/09 \u201eFeminizid in Oaxaca, Straflosigkeit und Staatsverbrechen an den Frauen\u201c heraus, der neben Frauenmorden auch F\u00e4lle von innerfamili\u00e4rer und sexueller Gewalt und verschwundenen Frauen z\u00e4hlt und die institutionelle Gewalt thematisiert. Der Bericht mit harten Zahlen und Fakten soll aufzeigen, in welcher Schuld die Regierung Oaxacas, wie auch Mexikos, bei den Frauen steht.<\/p>\n<p>Die Zahlen sind ersch\u00fctternd. In den zwei untersuchten Jahren kam es zu 101 Morden an Frauen. Dabei stieg die Anzahl vom Jahr 2008 zum Jahr 2009 um 35%, wie auch die F\u00e4lle von sexueller Gewalt. In den letzten zwei Monaten kam es allein in der Mixteca, einer Region Oaxacas, zu f\u00fcnf Ermordungen, wobei es sich bei den T\u00e4tern in allen F\u00e4llen um Familienmitglieder handelt; Ehem\u00e4nner, Schwiegers\u00f6hne oder der Vater. Die h\u00e4usliche Gewalt ist die weitaus meist verbreitete und Oaxaca liegt auf erstem Rang nationalweit. Gl\u00fccklicherweise gipfelt es in den meisten F\u00e4llen nicht in einem Mord, doch die psychische und emotionale Dauerbelastung der Frauen ist enorm. Laut offizieller Umfrage litt in Oaxaca jede zweite Frau mindestens einmal in ihrer momentanen Partnerschaft unter Gewalt, sei es physische, sexuelle, psychische oder finanzielle.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNach dem ersten Schlag bat er mich um Entschuldigung und nat\u00fcrlich musste ich mich ihm beugen. Er tat, wie wenn nichts geschehen w\u00e4re, liess mich aber nicht mehr mit seiner Familie sprechen und erst recht nicht mit der meinen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Oaxaca liegt im S\u00fcden Mexikos und ist einer der \u00e4rmsten Bundesstaaten des Landes. Viele der l\u00e4ndlichen Gemeinden leben in gr\u00f6sster Marginalisierung mit wenig Zugang zu Bildung, Erwerbsarbeit und einem funktionierenden Gesundheitssystem. Oaxaca weist die h\u00f6chste Rate von Tod im Kindsbett auf. Dies ist ein weiteres Indiz f\u00fcr den Feminizid, da diese Tode verhindert werden k\u00f6nnten. J\u00e4hrlich sterben Frauen w\u00e4hrend der Schwangerschaft oder beim Geb\u00e4ren, da sie keinen Zugang zu einem Gesundheitszentrum haben oder dieses schlecht ausgebildetes Personal hat.<\/p>\n<p>Die Frauen sind von der Armut umso h\u00e4rter betroffen, als sie zudem in einer patriarchalischen und machistischen Gesellschaftsstruktur leben und Diskriminierung in der Gemeinschaft erfahren, die sie in ihrer pers\u00f6nlichen Freiheit und Entwicklung einschr\u00e4nken. Gewalt gegen\u00fcber Frauen wird toleriert, welche sich oft nicht bewusst sind, dass sie ein Recht auf ein gewaltfreies Leben haben. Viele Organisationen in Oaxaca arbeiten daran, den Frauen ihre Rechte zu vermitteln und sie soweit zu st\u00e4rken, dass sie sich daf\u00fcr einsetzen und sie verteidigen k\u00f6nnen. Ein Beispiel ist ein Diplomkurs, in dem 28 Frauen aus verschiedenen indigenen Gemeinden zu juristischen Mentorinnen ausgebildet wurden (siehe unten).<\/p>\n<p>In Mexiko und besonders in Oaxaca befindet sich der Rechtsstaat in einer schweren Krise. Rechtliche Mittel greifen nicht, Korruption, Straflosigkeit von Gewalttaten, Repression von sozialen Bewegungen und Protesten sind an der Tagesordnung. In den F\u00e4llen von Gewalt gegen\u00fcber Frauen zeigt sich zudem ein Desinteresse der meist m\u00e4nnlichen Beamten, die T\u00e4ter zur Rechenschaft zu ziehen und den Feminizid mit Pr\u00e4ventionsarbeit zu bek\u00e4mpfen. Mit jeder ungestraften Gewalttat zeigen sie sich einverstanden damit und geben freies Feld f\u00fcr weitere Gewalt.<\/p>\n<p>Seit Februar 2009 gibt es in Oaxaca zwar ein Gesetz f\u00fcr das Recht der Frauen auf ein gewaltfreies Leben, aber es fehlen die entsprechenden Ausf\u00fchrungsbestimmungen, ohne die das Gesetz nicht wirksam ist. Es fehlt zum Beispiel eine entsprechende Gesetzgebung zum Schutz von Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. Vor allem Opfer famili\u00e4rer Gewalt sind in Gefahr, da die wenigen T\u00e4ter, die \u00fcberhaupt zur Rechenschaft gezogen werden, oft mit einer kleinen Geldbusse wieder nach Hause, zu Frau und Kindern, geschickt werden. Die Straflosigkeit gerade f\u00fcr Delikte an Frauen ist hoch. Viele reichen keine Klage ein, weil sie den Beh\u00f6rden nicht trauen, und von den wenigen Klagen wird gerade mal 1% der T\u00e4ter zur Rechenschaft gezogen. Zudem werden die Frauen h\u00e4ufig mit unsensiblem Personal konfrontiert, vor dem sie erst beweisen muss, dass sie geschlagen wurde und sie keine Schuld daran hat.<\/p>\n<p>Als weiteres Beispiel f\u00fcr die Missachtung der Frauen wird die Gesetzesreform \u00fcber Schwangerschaftsabbruch angesehen, die vor einem Jahr vom Parlament in Oaxaca angenommen wurde und den Frauen das Recht \u00fcber ihren K\u00f6rper zu entscheiden stark einschr\u00e4nkt. Diese Reform wurde bereits in 18 Staaten angenommen und es besteht die Gefahr, dass es zu einer nationalen Verfassungs\u00e4nderung kommt. Durch die Reform w\u00fcrde der Schwangerschaftsabbruch vollst\u00e4ndig verboten, selbst nach Vergewaltigung, oder wenn das Leben der Frau in Gefahr ist. Frauen, die aus Not dennoch ihre Schwangerschaft abbrechen, k\u00f6nnen strafrechtlich verfolgt werden. In anderen Bundesstaaten sitzen bereits mehrere junge Frauen im Gef\u00e4ngnis, mit Strafen bis zu 25 Jahren. Dies in einem Land, wo eine \u00fcberwiegende Mehrheit der Gewaltt\u00e4ter nie bestraft wird. Der Protest nationalweit ist gross und auch die Organisationen von Oaxaca beteiligen sich an verschiedenen Initiativen und Aktionen, um diesen R\u00fcckschritt im Bereich der Frauenrechte zu verhindern.<\/p>\n<p>Was tun, fragt sich Anabel, gegen die Ohnmacht? Was tun gegen die Wut, die einen \u00fcberkommt, beim t\u00e4glichen Lesen von Zeitungsberichten \u00fcber Gewalttaten an Frauen, und dem gleichzeitigen Wissen, dass sie verhindert werden k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Nicht aufh\u00f6ren zu schreien! Die Ungerechtigkeit und sinnlose Gewalt in die Welt hinaus schreien, um Augen und Herzen zu \u00f6ffnen und die Gewaltt\u00e4ter und unf\u00e4higen Beh\u00f6rden anzuprangern, die sie ungestraft laufen lassen.<\/p>\n<p>Der Weg ist steinig, aber jede Frau, die sich traut, Widerstand zu leisten, jeder Beamte, der sensibel die Klage einer Frau anh\u00f6rt und ernst nimmt, ist ein Erfolg.<\/p>\n<p><strong>Juristische Mentorinnen<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\u201eMorgen werden wir zu juristischen Mentorinnen diplomiert. Aber diese Arbeit und unser Wissen werden wir in unsere Gemeinden tragen, um Frauen, die unter den Schl\u00e4gen und Misshandlungen ihrer Partner oder Familienangeh\u00f6rigen leiden, helfen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Carmela, 43 Jahre alt<\/p>\n<p>W\u00e4hrend acht Monaten erhielten 28 indigene Frauen eine Ausbildung in grundlegendem juristischem Wissen und in der Beratungst\u00e4tigkeit, damit sie Frauen ihrer Gemeinde, die unter Gewalt leiden beraten und begleiten k\u00f6nnen auf dem Weg aus der Gewaltspirale. Der Diplomkurs wurde von der NGO \u201eConsorcio para el Dialogo Parlamentario y Equidad Oaxaca\u201c erteilt und von der Autonomen Universit\u00e4t von Oaxaca beglaubigt.<\/p>\n<p>Viele der diplomierten Frauen begleiten bereits F\u00e4lle. Damit die anfallenden Ausgaben, wie Telefon- und Reisekosten gedeckt werden k\u00f6nnen, sind wir auf Spenden angewiesen. Wenn Sie die Mentorinnen in ihrer Arbeit unterst\u00fctzen wollen, finden Sie den Link und weitere Information \u00fcber die Arbeit Consorcios auf der Homepage von Consorcio: <a href=\"http:\/\/www.consorciooaxaca.org.mx\" target=\"_blank\">www.consorciooaxaca.org.mx<\/a> oder per email an theres@consorciooaxaca.org.mx (auf Deutsch m\u00f6glich).<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.chiapas.ch\/index.php\" target=\"_blank\">chiapas.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oaxaca ist ein gef\u00e4hrlicher Ort f\u00fcr Frauen, wenn man die Statistiken betrachtet. Der Bundesstaat hat die vierth\u00f6chste Rate an Frauenmorden in Mexiko und auch bei weiteren Formen von Gewalt an Frauen, sexuelle, physische und psychische, liegt er unter den ersten f\u00fcnf R\u00e4ngen. 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