{"id":2646,"date":"2016-10-21T12:13:52","date_gmt":"2016-10-21T11:13:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2646"},"modified":"2016-10-21T12:13:52","modified_gmt":"2016-10-21T11:13:52","slug":"das-rocktoberfest-in-unterwasser-sg-5000-neonazis-feiern-ungestort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2646","title":{"rendered":"Das \u00abRocktoberfest\u00bb in Unterwasser (SG) \u2013 5000 Neonazis feiern ungest\u00f6rt"},"content":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 2016 fand in Unterwasser (Gemeinde Wildhaus\/Alt St. Johann, SG) ein Neonazikonzert in einem f\u00fcr die Schweiz bisher unbekanntem Ausmass statt: \u00dcber 5000 Neonazis aus dem In- und Ausland versammelten sich in der Tennis- und Eventhalle, um zu hasserf\u00fcllten Rechtsrockkl\u00e4ngen \u00abungest\u00f6rt abzuhitlern\u00bb. Bereits Monate im Voraus riefen die Veranstalter_innen aus dem Umfeld des internationalen Neonazinetzwerkes <a href=\"http:\/\/info.antifa.ch\/blood-honour\/\">Blood &amp; Honour<\/a> (B&amp;H) \u00fcber die sozialen Medien zum Konzertabend auf.<\/p>\n<p>Mit Exzess (DE), MaKss Damage (DE), <a title=\"Amok\" href=\"http:\/\/info.antifa.ch\/amok\/\">Amok<\/a> (CH), Confident of Victory (DE), Frontalkraft (DE) und Stahlgewitter (DE) setzte sich das Lineup aus einschl\u00e4gig bekannten Szenegr\u00f6ssen zusammen (weitere Informationen im <a href=\"http:\/\/info.antifa.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/Banddossier-Rocktoberfest.pdf\">Hintergrund-Dossier<\/a> zu den Bands). Auf dem Flyer war der Anlass urspr\u00fcnglich im Raum S\u00fcddeutschland angek\u00fcndigt worden, in der Woche vor dem Anlass verdichteten sich jedoch die Hinweise, dass dieser in der Schweiz stattfinden wird. Die gew\u00e4hlte Region ist f\u00fcr Rechtsextreme kein \u00abNeuland\u00bb. Bereits 2013 hatte die Z\u00fcrcher B&amp;H-Sektion im nahegelegenen Ebnat-Kappel (SG) ein Konzert in Gedenken an den B&amp;H-Gr\u00fcnder Ian Stuart Donaldson mit mehreren hundert Teilnehmenden organisiert.<\/p>\n<p><strong>Das ewig gleiche Lied<\/strong><\/p>\n<p>Das Vorgehen rechtsradikaler Konzertorganisator_innen ist eigentlich immer dasselbe: Anmieten eines Veranstaltungsortes, meist unter dem Vorwand eines Privatanlasses \u2013 etwa ein Geburtstagsfest oder ein Spieleabend \u2013, Geheimhaltung der Location und letztlich die Bekanntgabe von Schleusepunkten, Infonummern oder dergleichen. So auch rund um das \u00abRocktoberfest\u00bb vom 15. Oktober 2016. Der in R\u00fcti (ZH) wohnhafte, deutsche Neonazi Matthias (Matze) Melchner hatte die Tennis- und Eventhalle in Unterwasser f\u00fcr ein angebliches Konzert Schweizer Nachwuchsbands angemietet. Lediglich einige hundert Personen aus dem Umfeld der Bands sollten kommen. Auch der harmlose Titel der Veranstaltung sollte zun\u00e4chst nichts Schlimmes vermuten lassen. Auf dem Konzertticket war als erster Schleusepunkt der Raum Ulm angegeben worden, wo die Teilnehmenden auf eine Infonummer anrufen mussten, um den n\u00e4chsten Anfahrtspunkt zu erhalten. Auf diesem Weg wurden die Reisenden schliesslich nach Unterwasser gelotst.<\/p>\n<p>Untypisch war jedoch die mehrt\u00e4gige Eventvorbereitung. Die Veranstaltungsorte werden haupts\u00e4chlich wegen der Bef\u00fcrchtung, der Mietvertrag k\u00f6nnte durch fr\u00fchzeitiges Aufdecken oder Einschreiten der Beh\u00f6rden aufgehoben werden, bis zum letzten Moment geheim gehalten. Aus dem gleichen Grund werden oft mehrere Lokale parallel angemietet und Technik sowie Barmaterial erst am Veranstaltungstag selber eingerichtet, um bei Bedarf schnell auf Backupl\u00f6sungen zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen. Zwar waren auch f\u00fcr das \u00abRocktoberfest\u00bb mehrere Hallen reserviert worden, die Organisator_innen br\u00fcsteten sich aber damit, bereits einige Tage im Voraus mit dem Aufstellen der Infrastruktur begonnen zu haben. Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass sich die Veranstaler_innen ihrer Sache in dem Sinne \u00absicher\u00bb waren, als dass sie nicht bef\u00fcrchteten, die Halle noch kurzfristig zu verlieren.<\/p>\n<p><strong>Konzertparadies Schweiz<\/strong><\/p>\n<p>Der Betreiber der Tennishalle, der verantwortliche Gemeindepr\u00e4sident sowie die zust\u00e4ndige Kantonspolizei beteuerten nach dem Anlass, von dem Konzert \u00fcberrumpelt worden zu sein. W\u00e4hrend es f\u00fcr den Betreiber und die Gemeinde stimmen mag, dass sie zu sp\u00e4t merkten, wen sie sich da ins Haus geholt hatten, gilt dies sicher nicht f\u00fcr die Polizei. Medien berichteten, der Nachrichtendienst des Bundes habe die Kantonspolizei St. Gallen \u00fcber das bevorstehende Konzert informiert. Damit hatten die Beh\u00f6rden im Vorfeld Kenntnis von dem Anlass, trotzdem konnten die Konzerte ohne Weiteres \u00fcber die B\u00fchne gehen. Im Nachgang h\u00fctete sich die Polizei sogar hartn\u00e4ckig davor, \u00f6ffentlich von einem Neonazi-Konzert zu sprechen. Zuerst gab die Polizei am Sonntag an, die Eventhalle nicht betreten zu haben. Am Dienstag wurde gegen\u00fcber den Medien kommuniziert, f\u00fcr einen kurzen Augenschein das Konzert besucht, die Liedtexte jedoch nicht verstanden zu haben. So oder so seien keine Straftaten \u2013 namentlich Verst\u00f6sse gegen die Rassismus-Strafnorm (Art. 261<sup>bis<\/sup> StGB) \u2013 festgestellt worden. Demgegen\u00fcber best\u00e4tigte der Gemeindepr\u00e4sident, welcher sich vor Ort ein pers\u00f6nliches Bild von den Besucher_innen und der Musik gemacht hatte, von Anfang an, es sei ohne Schwierigkeiten festzustellen gewesen, dass es sich bei den Teilnehmer_innen um Zugeh\u00f6rige der rechtsradikalen Szene gehandelt hatte. Auch die Musikfetzen, die er trotz Lautst\u00e4rke und Gegr\u00f6le verstanden habe, seien zweifelsfrei zuzuordnen gewesen.<\/p>\n<p>Da solche Anl\u00e4sse auch wegen fehlender Rechtsgrundlagen selten in irgendeiner Form geahndet werden, gilt die Schweiz in der Szene als Konzertparadies. Entsprechend wenig erstaunlich ist die Aussage der \u2013 als Organisatorin fungierenden \u2013 \u00abReichsmusikkammer\u00bb gegen\u00fcber 10vor10, wonach die Schweiz als Durchf\u00fchrungsort ausgew\u00e4hlt wurde, weil hier \u00abdie Meinungsfreiheit gelte und gesch\u00fctzt werde\u00bb. Gemeint d\u00fcrfte hiermit die Praxis der Schweizer Sicherheitsbeh\u00f6rden sein, rechtsradikale Konzerte als Privatveranstaltungen abzutun \u2013 wie auch jetzt wieder beim \u00abRocktoberfest\u00bb. Relevant ist dies, weil die schweizerische Rassismus-Strafnorm lediglich Diskriminierung unter Strafe stellt, die in der \u00d6ffentlichkeit stattfindet. Somit ist zum Beispiel das Zeigen des Hitler-Grusses nicht verboten, solange es im \u00abprivaten Rahmen\u00bb stattfindet. Bei einem Konzert dieser Gr\u00f6ssenordnung von einem privaten Anlass zu sprechen, entbehrt jedoch nicht nur jeglicher Vernunft und Logik, sondern widerspricht der Rechtsprechung des Bundesgerichts (BGE 130 IV 111, Entscheid aus dem Jahr 2003). Weiter ist das Tragen von Hakenkreuzemblemen in der Schweiz grunds\u00e4tzlich nicht strafbar und die Indizierung einzelner Lieder oder Alben im Ausland stellt f\u00fcr das Bundesamt f\u00fcr Polizei keine gen\u00fcgende Grundlage dar, um eine Einreisesperre zu verf\u00fcgen. Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang aber trotzdem, dass eine derart grosse Anzahl Rechtsradikaler \u2013 teils in ganzen Reisecars unterwegs \u2013 mehr oder weniger ungehindert in die Schweiz einreisen konnte. Zwar hatten einige Reisende Probleme bei der Grenzkontrolle und ein Bus musste die R\u00fcckreise antreten, nichts desto Trotz haben es aber mehr als 5000 Personen bis nach Unterwasser geschafft.<\/p>\n<p><strong>#calmdown?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die meisten Medien, wahrscheinlich schockiert \u00fcber die Gr\u00f6sse des Konzerts, aufmerksam dem Twitter der Antifa Bern folgend, prominent \u00fcber den Neonazi-Anlass berichteten, f\u00fchlte sich der selbsternannte \u00abExtremismusexperte\u00bb Adrian Oertli dazu berufen, einen Konterpunkt zu setzen und twitterte Folgendes: \u00ab5000 Menschen. Ein Konzert. Keine Zwischenf\u00e4lle. Wegen dem ist die Welt nicht schlechter. #calmdown\u00bb. Mit dieser Aussage offenbart Oertli die Berechtigung des Pr\u00e4dikats \u00abselbsternannt\u00bb, indem er die Bedeutung solcher Veranstaltungen vollst\u00e4ndig verkennt. Insbesondere Konzerte dienen der extremen Rechten als wichtige Vernetzungsplattform, der Bindung von Nachwuchs und zur Finanzierung ihrer Strukturen. Wobei auch der Eventfaktor nicht untersch\u00e4tzt werden darf; Konzerte st\u00e4rken das Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, bieten Gelegenheit, Beziehungen zu (gewaltbereiten) Neonazis aus ganz Europa zu kn\u00fcpfen, dienen dem informellen Austausch und bieten, dank der Ungewissheit \u00fcber das Ziel der Reise, zus\u00e4tzlich einen gewissen Nervenkitzel.<\/p>\n<p><strong>Finanzierung f\u00fcr die Szene<\/strong><\/p>\n<p>Beim \u00abRocktoberfest\u00bb handelte es sich um einen der gr\u00f6ssten Neonazi-Events, welcher in der Schweiz je stattgefunden hat. Auch f\u00fcr die Besucher_innen aus dem Ausland stellte das Konzert einen Event der Superlative dar; sie waren daf\u00fcr auch aus ganz Europa angereist. So waren beispielsweise Szeneangeh\u00f6rige aus der Schweiz, Deutschland, \u00d6sterreich, der Niederlande, England, Polen, Tschechien und Russland vertreten.<\/p>\n<p>Insbesondere die finanzielle Bedeutung der Veranstaltung darf nicht untersch\u00e4tzt werden. Mit Eintritt, Bareinahmen, dem Verkauf von Merchandiseartikeln und dem Absatz \u2013 teilweise indizierter \u2013 Tontr\u00e4ger d\u00fcrfte sehr viel Geld generiert worden sein. In Unterwasser haben die Konzertg\u00e4nger_innen pro Ticket 30 Euro, pro Bier 3.50 Euro und pro Wurst mit Semmel 5 Euro bezahlt. Bei einem Anlass dieser Gr\u00f6sse kann somit, auch nach Abzug der verschiedenen Ausgaben (Technik, Bands, Saalmiete, etc.) gut und gerne von \u00fcber 100\u2019000 Franken Gewinn ausgegangen werden. Geld, welches wiederum in die Neonazistrukturen fliesst. So werden weitere Tontr\u00e4ger oder Untergrundmagazine, aber auch die Beschaffung von Waffen oder \u2013 wie in diesem Fall \u2013 Prozesskosten und Immobilien finanziert.<\/p>\n<p>Auch wenn solche Konzertabende in der Regel \u00abohne Zwischenf\u00e4lle\u00bb verlaufen \u2013 wie u.a. die Polizei jeweils gerne betont \u2013, steckt hinter derartigen Anl\u00e4ssen immer weit mehr. Vor diesem Hintergrund erscheinen die nachtr\u00e4glichen Aussagen von Anwohner_innen, die Rechtsextremen seien alle h\u00f6flich gewesen und h\u00e4tten sogar ihren M\u00fcll gewissenhaft entsorgt, sowie Beschwichtigungsversuche \u00e0 la Oertli nicht nur zynisch, sondern als Ausdruck brandgef\u00e4hrlicher Akzeptanz gegen\u00fcber rechtsradikalem Gedankengut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Nacht vom 15. auf den 16. 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