{"id":2648,"date":"2016-10-24T13:01:54","date_gmt":"2016-10-24T12:01:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2648"},"modified":"2016-10-24T13:01:54","modified_gmt":"2016-10-24T12:01:54","slug":"rocktoberfest-als-solidaritatsanlass-fur-thuringer-schlagernazis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2648","title":{"rendered":"\u00abRocktoberfest\u00bb als Solidarit\u00e4tsanlass f\u00fcr Th\u00fcringer Schl\u00e4gernazis"},"content":{"rendered":"<p>Das \u00abRocktoberfest\u00bb in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 2016 lockte \u00fcber 5\u2018000 Neonazis in die Schweiz. Das Konzert im Toggenburg hat auf erschreckende Art und Weise unter Beweis gestellt, dass Rechtsradikale \u00fcber gut vernetzte Strukturen verf\u00fcgen, welche untereinander bestens koordiniert sind und grenz\u00fcberschreitend funktionieren. Im Vergleich selbst zu den gr\u00f6ssten bekannten Rechtsrockkonzerten der letzten Jahre, hatte die Dimension des Konzerts vergangene Woche auch Szenekenner_innen \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Die Strukturen, Verbindungen und Kontakte, um einen solchen Event durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, entstehen jedoch nicht \u00fcber Nacht, sondern sind das Ergebnis jahrelanger enger Zusammenarbeit. Deshalb kann das \u00abRocktoberfest\u00bb nicht isoliert als einzelner Anlass betrachtet, sondern muss in einen gr\u00f6sseren Kontext gestellt werden. Die folgenden Ausf\u00fchrungen beleuchten insbesondere die Verbindungen zwischen der rechten Szene in Th\u00fcringen und der Schweiz, welche massgeblich f\u00fcr das Gelingen des Konzertes waren.<\/p>\n<p><strong> Erste Hinweise in Richtung Th\u00fcringen<\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Flyer, welcher \u00fcber Monate in sozialen Medien kursierte, fand sich als Hinweis auf die Organisator_innen des \u00abRocktoberfestes\u00bb zu Beginn einzig das Logo des Zeughaus-Versandes. Dabei handelt es sich um einen rechten Onlineversand aus Deutschland, der vorwiegend Nachpressungen von vergriffenen Rechtsrock-CDs in Vinyl anbietet und unter anderem auch CDs der am 15. Oktober 2016 aufgetretenen Bands vertreibt. Um an ein Ticket zu kommen, mussten interessierte Konzertbesucher_innen eine Mail an die Adresse live.im.reich@mail.de schicken, wonach ihnen die Daten f\u00fcr ein deutsches Konto zugeschickt wurden, auf welches sie dann im Voraus das Geld f\u00fcr die Eintrittskarten \u00fcberweisen mussten. Unterzeichnet war diese Mail von einer Gruppe, die sich \u00abReichsmusikkammer\u00bb nennt. Gegen\u00fcber der Nachrichtensendung 10vor10 gab diese an, ein Komitee von Bands aus ganz Europa zu sein, deren Auftritte in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern untersagt oder erschwert w\u00fcrden. Gem\u00e4ss den Recherchen des Blogs th\u00fcringenrechtsaussen l\u00e4uft das deutsche Konto, \u00fcber welches die Gelder flossen, auf den Th\u00fcringer Neonazi David Heinlein und wurde bereits f\u00fcr das \u00abRock gegen \u00dcberfremdung\u00bb im August 2016 in Kirchheim (Th\u00fcringen) genutzt. Ebenfalls aus Th\u00fcringen stammt Mario Kelch, der \u2013 unter Anderen \u2013 in den Tagen vor dem Event die Nummer des Infotelefons verbreitete, welches die Besucher_innen zum Konzertort lotsen sollte.<\/p>\n<p>Kelch ist Mitglied der B&amp;H-nahen Band Sonderkommando Dirlewanger (SKD) und aktiver Unterst\u00fctzer der Angeklagten im sogenannten \u00abBallst\u00e4dt-Prozess\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Der \u00abBallst\u00e4dt-Prozess\u00bb<\/strong><\/p>\n<p>Gegenstand des \u00abBallst\u00e4dt-Prozesses\u00bb bildet der organisierte \u00dcberfall auf eine geschlossene Kirmesgesellschaft in der Nacht vom 8. auf den 9. Februar 2014. Rund 20 Vermummte waren damals in Ballst\u00e4dt (Th\u00fcringen) in den Gemeindesaal eingedrungen und verletzten zehn Personen teils schwer. Seit Dezember 2015 l\u00e4uft der Prozess gegen 15 angeklagte Neonazis, 14 M\u00e4nner und eine Frau, am Landgericht Erfurt.<\/p>\n<p>Bereits kurz nach der Inhaftierung der ersten Tatverd\u00e4chtigen wurde ein Spendenkonto er\u00f6ffnet. Es sollte Geld f\u00fcr die anfallenden Verteidigungskosten sowie f\u00fcr das \u00abGelbe Haus\u00bb in Ballst\u00e4dt gesammelt werden. Das \u00abGelbe Haus\u00bb ist eine ehemalige B\u00e4ckerei, die seit 2013 von Neonazis als Wohn- und Veranstaltungsort genutzt wird .<\/p>\n<p>Prominenter Bewohner des Hauses und Hauptangeklagter im \u00abBallst\u00e4dt-Prozess\u00bb ist Thomas Wagner. Er ist 41-j\u00e4hrig, spielte in verschiedenen rechtsextremen Bands, war unter anderem S\u00e4nger von SKD und betreibt den Onlineversand \u00abFrontschwein Records\u00bb. Auch Steffen Richter verkehrt im \u00abGelben Haus\u00bb. Er gilt als enger Vertrauter von und Koordinator der Unterst\u00fctzungsaktionen f\u00fcr Ralf Wohlleben, Angeklagter im NSU-Prozess. Zudem wurde das erw\u00e4hnte Konzert in Kirchheim von Steffen Richter angemeldet; gleichzeitig fungiert er im Zusammenhang mit dem \u00abRocktoberfest\u00bb als Betreuungsperson f\u00fcr die Mailadresse der \u00abReichsmusikkammer\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Einzelne Verbindungen ergeben letztlich ein Ganzes<\/strong><\/p>\n<p>Das Konzert in Unterwasser reiht sich in eine Serie von Solidarit\u00e4tsanl\u00e4ssen ein, welche von den Angeklagten im \u00abBallst\u00e4dt-Prozess\u00bb und ihrem Umfeld organisiert wurden \u2013 auch mit Beteiligung aus der Schweiz. So trat beispielsweise <a title=\"Amok\" href=\"http:\/\/info.antifa.ch\/amok\/\">Amok<\/a>, die wohl bekannteste Schweizer Rechtsrockband, am \u00abRocktoberfest\u00bb als einzige nicht-deutsche Band auf. Der Mitbegr\u00fcnder und S\u00e4nger der Band, Kevin Gutmann, wohnt wie der Th\u00fcringer Neonazi Matthias (Matze) Melchner, in R\u00fcti ZH. Weiter war nachtr\u00e4glich bekannt geworden, dass Letzterer die Tennis- und Eventhalle in Unterwasser angemietet hatte. Melchner arbeitet im Tattoostudio Barbarossa (siehe \u00abBlood &amp; Honour geht unter die Haut\u00bb, LS Ausgabe #23), unterh\u00e4lt gute Kontakte in die deutsche Neonaziszene und hatte sich schon vor dem \u00abRocktoberfest\u00bb mit der Produktion von Solishirts, welche \u00fcber das Tattoostudio verkauft wurden, an der Ballst\u00e4dter Unterst\u00fctzer_innenstruktur beteiligt. Die enge Verbindung, die Melchner nach wie vor zur Th\u00fcringer Szene pflegt, hatte sich auch schon im Herbst 2015 gezeigt. Damals hatte Barbarossa Tattoo quasi einen \u00abBetriebsausflug\u00bb nach Th\u00fcringen unternommen und wer sich dort von den Besucher_innen aus der Schweiz t\u00e4towieren lassen wollte, musste mit dem obengenannten Steffen Richter einen Termin vereinbaren. Weiter ist Melchner als Domaininhaber des von Thomas Wagner betriebenen Onlineversandes frontschwein-records eingetragen. Vor einigen Jahren hatte sich auch Steffen Richter noch an diesem Versand beteiligt.<\/p>\n<p><strong> Internationale Zusammenarbeit<\/strong><\/p>\n<p>Die Verbindungen zwischen der Schweizer und der Th\u00fcringer extremen Rechten beschr\u00e4nken sich jedoch weder auf den individuellen Kontakt mit Melchner noch auf das \u00abRocktoberfest\u00bb. B&amp;H Schweiz nimmt in der internationalen Vernetzung einen aktiven Part ein: So forderten sie nach internen Querelen im Herbst 2012 gemeinsame Treffen und verst\u00e4rkte Aktivit\u00e4ten der Gruppierung in ganz Europa sowie eine engere Vernetzung mit ihrem militant-terroristischen \u00abFl\u00fcgel\u00bb Combat 18 (C18). Das erste dieser Vernetzungstreffen fand 2013 in der Schweiz statt; wonach auch in ganz Europa zunehmend Aktivit\u00e4ten unter dem gemeinsamen Label B&amp;H\/C18 stattfanden.<\/p>\n<p>Ebenfalls 2013 erschien auch die erste CD der Band \u00abErschiessungskommando\u00bb, einem Gemeinschaftsprojekt von Mitgliedern von Amok und SKD, die beide als B&amp;H-Bands gelten. Das neueste Album mit dem Titel \u00abBlut und Ehre\u00bb wurde am 16. Oktober 2016 \u2013 nur ein Tag nach dem Event in Unterwasser \u2013 ver\u00f6ffentlicht und beinhaltet Lieder wie \u00abHail C18\u00bb oder \u00abIst uns doch egal, ob der N[\u2026] verreckt\u00bb.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren waren Th\u00fcringer Neonazis auch mehrere Male im Z\u00fcrcher Oberland zu Besuch. Einige von ihnen zogen gar f\u00fcr gewisse Zeit in die Schweiz. Unter ihnen Marcus Russwurm, seines Zeichens Model f\u00fcr die Neonazi-Kleidermarke Ansgar Aryan und ebenfalls Mitangeklagter im Ballst\u00e4dt-Prozess. Er wohnte w\u00e4hrend l\u00e4ngerer Zeit gemeinsam mit Alexander Gorges und Erika Pavano in einer Neonazi-WG in Wallisellen (ZH). Pavano betrachtet sich selber als \u00abSzenemutti\u00bb, ist Mitglied der Odioxie Streetfighting Crew und dient oft als Vermittlerin f\u00fcr Rechtsrockbands in ganz Europa. Der dritte im Bunde, Alexander Gorges, hat unter anderem bei der, dem C18-Umfeld zuzurechnenden, Band Oidoxie, wie auch bei Amok gespielt und war 2015 in einen Waffendeal mit dem Kasseler Neonazi Michel Friedrich verwickelt.<\/p>\n<p><strong>Das \u00abRocktoberfest\u00bb \u2013 ein profitables Ergebnis<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt offenbarte sich im Toggenburg das Ergebnis dieser verst\u00e4rkten internationalen Zusammenarbeit. Unter Ber\u00fccksichtigung der vergleichsweise kleinen Gr\u00f6sse der bisher in der Schweiz organisierten Konzerte, ist nicht anzunehmen, dass die Schweizer B&amp;H-Strukturen eine Veranstaltung wie das \u00abRocktoberfest\u00bb ohne tatkr\u00e4ftige Unterst\u00fctzung aus dem Ausland h\u00e4tten durchf\u00fchren k\u00f6nnen. Dies zeigt bereits die Tatsache, dass nicht nur Besucher_innen und Bands, sondern auch Helfer_innen aus dem Ausland angereist waren.<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der Finanzierung der Prozesskosten \u2013 und wahrscheinlich der Unterhaltskosten f\u00fcr das \u00abGelbe Haus\u00bb \u2013 war das \u00abRocktoberfest\u00bb mit Abstand der gr\u00f6sste Unterst\u00fctzungsanlass. Ausgehend von den Eintritts- und Getr\u00e4nkepreisen kann gut und gerne von einem Gewinn von \u00fcber 100\u2019000 Franken ausgegangen werden. Nicht zuletzt in diesem wahrscheinlich enormen finanziellen Profit liegt eine zentrale Bedeutung solcher Anl\u00e4sse f\u00fcr rechtsextreme Kreise. Zur Erinnerung: Auch im Falle des 2011 aufgeflogenen Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) waren dessen Mitglieder unter anderem mit Einnahmen solcher Konzerte unterst\u00fctzt worden.<\/p>\n<p>Bald steht ein n\u00e4chster Grossanlass der Neonazis an. Am 19. November 2016 soll in Mailand (It) ein gemeinsames Konzert von B&amp;H und den<a title=\" Hammerskins\" href=\"https:\/\/info.antifa.ch\/hammerskins-schweiz\/\"> Hammerskins<\/a> stattfinden. Wie der Flyer hervorhebt, spannen die \u2013 historisch verfeindeten \u2013 internationalen Netzwerke zum ersten Mal in ihrer Geschichte \u00f6ffentlich zusammen und es ist entsprechend mit einem grossen Andrang zu rechnen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/info.antifa.ch\/rocktoberfest-als-solidaritatsanlass-fur-thuringer-schlagernazis\/\">http:\/\/info.antifa.ch\/rocktoberfest-als-solidaritatsanlass-fur-thuringer-schlagernazis\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u00abRocktoberfest\u00bb in der Nacht vom 15. auf den 16. Oktober 2016 lockte \u00fcber 5\u2018000 Neonazis in die Schweiz. Das Konzert im Toggenburg hat auf erschreckende Art und Weise unter Beweis gestellt, dass Rechtsradikale \u00fcber gut vernetzte Strukturen verf\u00fcgen, welche untereinander bestens koordiniert sind und grenz\u00fcberschreitend funktionieren. 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