{"id":2801,"date":"2017-08-09T13:17:11","date_gmt":"2017-08-09T12:17:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2801"},"modified":"2017-08-09T13:17:11","modified_gmt":"2017-08-09T12:17:11","slug":"hinterm-wald","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2801","title":{"rendered":"Hinterm Wald"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das \u00d6rtchen Themar entwickelt sich immer mehr zur Partyhochburg der Rechtsrockszene. Doch auch der antifaschistische Protest w\u00e4chst.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Wochen nach der wahrscheinlich gr\u00f6\u00dften Nazi-Veranstaltung in Th\u00fcr\u00adingen seit 1945 kamen am Samstag erneut Neonazis in Massen auf einer Wiese am Rande des 3 000-Seelen-Dorfs Themar zusammen. Diesmal waren es etwa 1 000 Neonazis, die zu dem Rechtsrockfestival mit dem Namen \u00bbRock f\u00fcr Identit\u00e4t\u00ab gekommen waren.<\/p>\n<p>Zwei Wochen zuvor hatte der im Vorland des Th\u00fcringer Walds gelegene Ort w\u00e4hrend eines Konzerts mit dem Titel \u00bbRock gegen \u00dcberfremdung\u00ab 6 000 Neonazis angezogen. Darunter waren sogenannte Freie Kameradschaften, Versandh\u00e4ndler f\u00fcr Nazi-Devotionalien, Kleinstparteien wie \u00bbDer III. Weg\u00ab und \u00bbDie Rechte\u00ab, Mitglieder von Th\u00fcgida sowie der Naziskinhead-Netzwerke Hammerskins und Blood &amp; Honour. Nach Recherchen des Portals \u00bbTh\u00fcringen rechtsau\u00dfen\u00ab waren unter den 200\u00a0Helfern des Ordnungsdienstes viele Neonazis aus Th\u00fcringen, wie etwa die Neonazi-Rockergruppe \u00bbTuronen\/Garde\u00a020\u00ab. Unterst\u00fctzung be\u00adkamen die Veranstalter zudem von der \u00bbBarnimer Freundschaft\u00ab aus Brandenburg und Axel Schlimper, dem Gebietsleiter Th\u00fcringen des Neonazi-Netzwerks \u00bbEurop\u00e4ische Aktion\u00ab.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/themar.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2802\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/themar-300x200.jpg\" alt=\"themar\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/themar-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/themar-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/themar.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\nIm beschaulichen Themar, mit seinen Fachwerkh\u00e4usern, der mittelalterlichen Stadtmauer und bewaldeten Bergen, mutete nicht nur die gro\u00dfe Zahl von Neonazis auf der Versammlung, sondern auch deren europaweite Mobilisierung bedrohlich an. Die Holocaust-Leugner von der \u00bbEurop\u00e4ischen Aktion\u00ab machten erst vor wenigen \u00adTagen Schlagzeilen, als sie wegen paramilit\u00e4rischer Camps mit Schie\u00df\u00fcbungen im Th\u00fcringer Wald ins Visier der Polizeibeh\u00f6rden gerieten. Die im gesamten Bundesgebiet ver\u00fcbten Morde und Sprengstoffanschl\u00e4ge des \u00bbNationalsozialistischen Untergrunds\u00ab (NSU) liegen keine zehn Jahre zur\u00fcck\u00a0\u2013 verstrickt in die NSU-Taten war auch das Netzwerk Blood &amp; Honour. Sein bewaffneter Arm, Combat 18\u00a0\u2013 die Zahl\u00a018 steht f\u00fcr die Buchstaben AH, diese \u00adwiederum f\u00fcr Adolf Hitler\u00a0\u2013, ruft zu Bombenanschl\u00e4gen auf. Das Regiment Asow, ein paramilit\u00e4rischer neofaschistischer Verband in der Ukraine, rekrutierte auf dem \u00bbRock gegen \u00dcberfremdung\u00ab f\u00fcr die \u00bbReconquista Europas\u00ab und forderte die anderen Besucher auf, von der \u00bbMisanthropic Division\u00ab des Regiments zu lernen. Diese will \u00bbarisch-ukrainische Werte\u00ab gegen den \u00bbverjudeten\u00ab Westen, Russen und \u00adandere \u00bbFremdrassige\u00ab verteidigen.<\/p>\n<p>Die Mitglieder dieser Organisationen tummelten sich in Themar, um Kontakte zu kn\u00fcpfen und ihre Gesinnung \u00fcber die Musik zu verbreiten. Derar\u00adtige Veranstaltungen fungieren zudem als Schnittstelle zwischen Parteien wie der NPD, \u00bbDer III. Weg\u00ab, der neonazistischen W\u00e4hlergemeinschaft \u00bbB\u00fcndnis Zukunft Hildburghausen\u00ab (BZH) und der extrem rechten Subkultur.<\/p>\n<p>Beschaulich ist es in Themar nur noch f\u00fcr die wenigen Themaraner und Themaranerinnen, die nach dem ersten Konzert feststellten, dass die Neonazis nach alter deutscher Tradition die \u00dcberreste ihres Spektakels beseitigten, um den Veranstaltungsort \u00bbbesenrein\u00ab zu hinterlassen.<\/p>\n<p>Nach \u00bbRock gegen \u00dcberfremdung\u00ab fand nun Samstag mit \u00bbRock f\u00fcr Identit\u00e4t\u00ab der \u00bbSturm auf Themar 2.0\u00ab statt, wie es in Neonazikreisen hie\u00df. Unter den 1 000 Rechtsextremen waren \u00adviele Mitglieder von Blood &amp; Honour aus dem Bundesgebiet, aus der Schweiz, Italien, Belgien, der Slowakei und Tschechien.<\/p>\n<p>Der Leiter des Jenaer Instituts f\u00fcr Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ), Matthias Quent, verwies gegen\u00fcber der Jungle World darauf, dass die Besucherzahlen von Rechtsrockveranstaltungen gerade in Th\u00fcringen immer weiter anstiegen. Statistisch belegt das die Antwort auf eine kleine Anfrage der Gr\u00fcnen an das Th\u00fcringer Innenministerium. Demnach hat sich die Zahl der als politische Versammlungen \u00adangemeldeten Rechtsrockkonzerte unter freiem Himmel von 2011 bis 2016 von drei auf zw\u00f6lf Konzerte vervierfacht. An diesen zw\u00f6lf Konzerten nahmen insgesamt etwa 6 500 Neonazis teil, dieses Jahr waren es allein in Themar innerhalb der vergangenen drei Wochen 7 000.<\/p>\n<p>Auf eine weitere Anfrage der Gr\u00fcnen antwortete der th\u00fcringische Innenstaatssekret\u00e4r Udo G\u00f6tze: \u00bbKnapp 74\u00a0Prozent aller rechtsextremistischen Konzertveranstaltungen in Deutschland finden in den ostdeutschen Bundesl\u00e4ndern statt.\u00ab Th\u00fcringen erweise sich wegen seiner zentralen geographischen Lage sowie des Angebots an preisg\u00fcnstigen und leerstehenden Geb\u00e4uden f\u00fcr Veranstalter und Teilnehmer als besonders beliebt. Quent sieht den Erfolg der Rechtsrockkonzerte vor allem darin begr\u00fcndet, dass die Events unter dem Deckmantel des Versammlungsrechts stattfinden und damit kein Zwang zur Klandestinit\u00e4t besteht. Es m\u00fcsse nicht mehr geheim geworben werden, das erm\u00f6gliche viel mehr Menschen den Zugang zu den Konzerten. Politiker und Beh\u00f6rdenvertreter streiten nun \u00fcber die Frage, ob es sich bei den Rechtsrockkonzerten um rein kommerzielle Veranstaltungen oder vom Versammlungsrecht gesch\u00fctzte politische Demonstrationen handelt.<\/p>\n<p>Entscheidenden Anteil daran hat die kontinuierliche Agitations- und Vernetzungsarbeit von Integrationsfiguren der Szene wie Tommy Frenck und \u00adPatrick Schr\u00f6der. Zusammen mit den Neonazirockern der \u00bbTuronen\/Garde\u00a020\u00ab organisierten sie \u00bbRock gegen \u00dcberfremdung\u00ab. Gemeinsam gelang es ihnen, gro\u00dfe Teile der militanten rechten Szene im Bundesgebiet und Europa zu mobilisieren.<\/p>\n<p>Bewegungsunternehmer wie Frenck und Schr\u00f6der verfolgten mit Rechtsrockkonzerten nicht nur politische, sondern auch unternehmerische Ziele, so Quent. Allein \u00bbRock gegen \u00dcberfremdung\u00ab habe der Recherche von \u00ad\u00bbTh\u00fcringen rechtsau\u00dfen\u00ab zufolge bis zu 200 000\u00a0Euro an Einnahmen ge\u00adneriert, die gr\u00f6\u00dftenteils auf dem Konto des Saalfelder Neonazis Maximilian Warstat gelandet seien.<\/p>\n<p>Innerhalb der Neonaziszene ist diese Art von braunem Konzertunternehmertum nicht unumstritten. \u00bbDer III. Weg\u00ab \u00e4u\u00dferte sich zwischen den beiden Konzerten mit einem Beitrag, in dem bei Veranstaltern und Teilnehmern \u00bbasoziales Verhalten\u00ab und \u00bbkapitalistische Ausw\u00fcchse\u00ab kritisiert \u00adwerden. Die Parole \u00bbUmweltschutz ist Heimatschutz\u00ab verkomme angesichts der produzierten Flaschen- und M\u00fcllberge zu einer Farce, es gebe falsche Nachsicht mit den \u00bbbraun lackierten Kapitalisten\u00ab, die so etwas veranstal\u00adteten. Ob sich diese szene\u00adinternen Steitigkeiten auf den Erfolg k\u00fcnftiger \u00adKonzerte auswirken werden, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<p>Im Dorf Themar selbst stie\u00dfen die angereisten Neonazis auf wenig Sym\u00adpathie. Nach einer Phase des Wegschauens formierte sich dort in den ver\u00adgangenen Wochen eine Zivilgesellschaft, wie sie f\u00fcr l\u00e4ndliche Regionen Ostdeutschlands ungew\u00f6hnlich ist. Auch, weil Menschen hier \u00fcber Generationen hinweg keine Erfahrung mit der Organisierung von Opposition gegen Autorit\u00e4ten oder bei Konflikten im Betrieb sammeln konnten und kaum Strategien besitzen, f\u00fcr ihre Interessen politisch zu k\u00e4mpfen. In der Sehnsucht nach Politikern, die sich an die Spitze einer Bewegung stellen, reproduziert sich dieses paternalistische Weltverh\u00e4ltnis.<\/p>\n<p>Katharina K\u00f6nig-Preuss, die Sprecherin f\u00fcr Antifaschismus der Linkspartei im Th\u00fcringer Landtag, hatte einen \u00adpositiven Eindruck von den Gegenprotesten bei \u00bbRock f\u00fcr Identit\u00e4t\u00ab, zu \u00addenen 500\u00a0Menschen kamen. \u00bbEs kann in Themar etwas richtig Tolles ent\u00adstehen, das \u00fcber Themar hinausgeht\u00ab, sagte sie der Jungle World. Vor allem die geschlossene Zur\u00fcckweisung der Extremismustheorie und eine Distanzierung von verbalen Angriffen auf \u00bbdie Antifa\u00ab machten ihr Mut. Es waren kaum organisierte antifaschistische Gruppen angereist, obwohl sich die Menschen in Themar offensichtlich Unterst\u00fctzung w\u00fcnschen. Dem antifaschistischen Demonstrationszug \u00adwurde auf dem Marktplatz applaudiert, ein gro\u00dfer Teil der Einwohner schloss sich der Kundgebung an. Viele Themaraner trugen Aufkleber, auf denen stand: \u00bbWir sind alle Antifa.\u00ab<\/p>\n<p><span class=\"ft\">Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2017\/31\/hinterm-wald\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2017\/31\/hinterm-wald<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das \u00d6rtchen Themar entwickelt sich immer mehr zur Partyhochburg der Rechtsrockszene. 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