{"id":2848,"date":"2017-09-27T09:24:13","date_gmt":"2017-09-27T08:24:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2848"},"modified":"2017-09-27T09:24:13","modified_gmt":"2017-09-27T08:24:13","slug":"usa-antifa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2848","title":{"rendered":"USA, Antifa"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Antifa-Bewegung erh\u00e4lt in den USA zurzeit gro\u00dfe Aufmerksamkeit, die Kritik an ihr ist heftig. Auch US-amerikanische Linke haben einiges an ihr auszusetzen.<\/strong><\/p>\n<p>Die Antifa ist zurzeit en vogue in den Vereinigten Staaten. Einerseits ist es befremdlich zu h\u00f6ren, wie ein Pr\u00e4sident die drei Silben von sich gibt. Andererseits ergibt es durchaus Sinn, da die Wahl Donald Trumps eine faschistische Bewegung entfesselte, die wiederum Anlass zu einer militanten antifaschistischen Gegenmobilisierung gab. Die Scharm\u00fctzel zwischen beiden Bewegungen wurden zunehmend gewaltt\u00e4tig\u00a0\u2013 von den sieben Personen, die im Sommer 2016 in Sacramento bei Auseinandersetzungen zwischen Anh\u00e4ngern der rechtsextremen Traditionalist Worker Party und Gegendemonstranten Stichwunden davontrugen, \u00fcber die Sch\u00fcsse auf einen Mann, der im Januar in Seattle gegen einen Auftritt des rechtsextremen Bloggers Milo Yiannopoulos protestierte, bis zur t\u00f6dlichen Gewalt in Charlottesville. All dies resultierte in einem Medienrummel um \u00bbdie Antifa\u00ab. In Artikeln, die der Geschichte der Bewegung nachgehen, liegt der Fokus unvermeidlich auf den deutschen Autonomen, w\u00e4hrend die Frage nach der richtigen Aussprache zu einer Medienobsession wurde. Viele Amerikaner sind f\u00e4lschlicherweise \u00fcberzeugt, die deutliche Betonung der zweiten Silbe sei die authentische deutsche Version.<\/p>\n<p>Die Antifa wurde zwar nach Charlottesville in den Medien vereinzelt wohlwollend bewertet. Diese geringe Unterst\u00fctzung verfl\u00fcchtigte sich aber schnell, als Filmmaterial von schwarz gekleideten Aktivisten auftauchte, die Leute t\u00e4tlich angriffen, und von b\u00fcrgerlichen und faschistischen Medien gleicherma\u00dfen benutzt wurde, um rechte und linke Gewalt gleichzusetzen. So wurden die Tatsachen verdreht. In den vergangenen 25 Jahren t\u00f6teten einer Untersuchung des in Washington, D. C., ans\u00e4ssigen libert\u00e4ren Cato-Instituts vom August zufolge Rechtsextreme in den USA fast 220\u00a0Menschen\u00a0\u2013 sieben allein im vergangenen Jahr. Hierbei wurde allerdings der Bombenanschlag in Oklahoma 1995 nicht einbezogen. Das US-amerikanische Rechercheportal The Conversation kommt unter Ber\u00fccksichtigung des blutigen Attentats auf 413 Opfer rechtsextremer Gewalt zwischen 1990 und 2017. Im Gegensatz dazu f\u00fchrte Gewaltanwendung von Antifaschisten zu einer Handvoll geringf\u00fcgiger Verletzungen und einem Todesfall nach einer Schl\u00e4gerei mit Skinheads in Oregon. Dieser Unterschied hat die Beh\u00f6rden nicht davon abgehalten, militante Linke zum Ziel der Ermittlungen zu machen, \u00fcblicherweise unter Berufung auf Bildmaterial der Medien. Deshalb wurden in einigen F\u00e4llen in j\u00fcngster Zeit Journalisten gebeten, das Filmen gewaltsamer Zusammenst\u00f6\u00dfe zu unterlassen, oder ihrer Kameras beraubt; in einem Fall wurde ein Reporter verletzt.<\/p>\n<p>Obwohl vereinzelt und angesichts mancher faschistischer Taten durchaus angemessen, zogen diese gewaltt\u00e4tigen Vorf\u00e4lle heftige Kritik mancher linker Str\u00f6mungen nach sich, vom Anarchopazifisten Chris Hedges bis zu Marxisten wie dem Verleger von \u00bbZero Books\u00ab, Douglas Lain. Die Einw\u00e4nde reichen von der absoluten Bef\u00fcrwortung von Redefreiheit und Gewaltlosigkeit bis zu eher strategischen Argumenten zur Medienrezeption linker Gewalt. Abgesehen von der Naivit\u00e4t, auf wohlwollende Berichterstattung der Medien zu hoffen, ignorieren Verfechter der zweiten Position zwei strahlende Gegenbeispiele aus j\u00fcngster Zeit: Sowohl Trump als auch Bernie Sanders sorgten trotz \u00fcberwiegend ablehnender Berichterstattung \u00fcberaus erfolgreich f\u00fcr politischen Aufruhr.<br \/>\nWarum lehnt die US-Linke einen militanten Antifaschismus ab? Zwei Faktoren spuken zurzeit in innerlinken Debatten herum. Einer ist der Geist des Anarchismus, insbesondere der \u00bbSchwarze Block\u00ab, den viele Kritiker der Antifa in der Vergangenheit aus marxistischer oder pazifistischer Sicht verurteilten. Der Journalist und Pulitzer-Preistr\u00e4ger Chris Hedges, der sich selbst als christlichen Anarchisten bezeichnet, nannte militante Anarchisten\u00a0 den \u00bbKrebs\u00ab von \u00bbOccupy Wall Street\u00ab, Marxisten kritisieren Anarchisten wiederum regelm\u00e4\u00dfig wegen ihres vermeintlichen Abenteurertums und ihrer reaktiven Politik. Dabei waren es \u00fcberwiegend Anarchisten und ihnen nahestehende Gruppen wie die Anti-Racist Action, die die letzte gro\u00dfe antifaschistische Mobilisierung gegen eine Welle organisierter rassistischer Gewalt in den Achtzigern und Neunzigern anf\u00fchrten. Dies fand im Zuge der culture wars statt, w\u00e4hrend derer der Multikulturalismus und das neue Ethos der \u00bbpolitischen Korrektheit\u00ab die wei\u00dfe kulturelle Hegemonie herausforderten. In den sp\u00e4ten Neunzigern flo\u00df die militante Energie der Linken in direkte antikapitalistische oder \u00f6kologischer Aktionen, beide Richtungen \u00fcbernahmen die Garderobe und Taktik des \u00bbSchwarzen Blocks\u00ab. W\u00e4hrend die Antifa in den USA immer noch eng mit dem Anarchismus verbunden ist, zeigt sich die j\u00fcngste Inkarnation doch politisch und demographisch weitaus heterogener.<\/p>\n<p>Der andere entscheidende Faktor ist der Einfluss derzeitiger Debatten \u00fcber die Meinungsfreiheit an den Universit\u00e4ten. Viele derjenigen, die die Antifa kritisieren, bem\u00e4ngeln zugleich heftig die Wende hin zur Zensur, die andere Linke vollzogen haben, und insbesondere die Identit\u00e4tspolitik auf dem Campus. Angesichts von Aktivisten, die die Entlassung eines linksliberalen j\u00fcdischen Professors am Evergreen State College verlangten, oder der gewaltsamen Mobbingkampagne gegen einen Professor am Middlebury College wurde der studentischen Linken vorgeworfen, eine autorit\u00e4re Taktik anzuwenden und die Meinungsfreiheit mit einer unangemessen ausgeweiteten Definition von Rassismus zu beschneiden. Ger\u00fcstet aus diesen fr\u00fcheren Debatten hervorgegangen, verurteilten manche Linke die Antifa im Namen liberaler Werte und einer Zur\u00fcckweisung der Gewalt des Mobs, ohne jedoch vom ver\u00e4nderten Kontext und von den neuen politischen Akteuren Notiz zu nehmen.<\/p>\n<p>Interessanterweise sind die Argumente ann\u00e4hernd identisch mit denen, die in den j\u00fcngsten Debatten der deutschen Linken zum Protest gegen den G20-Gipfel in Hamburg\u00a0\u2013 etwa von den Gruppen Roter Salon Leipzig und TOP Berlin in dieser Zeitung\u00a0\u2013 vorgebracht wurden. Die Gewaltfrage stand ebenso im Mittelpunkt wie die Bef\u00fcrwortung des b\u00fcrgerlichen Staats. W\u00e4hrend sowohl in den USA als auch in Deutschland die Kritik an linker Militanz einen wahren Kern beinhaltet, steht diese doch in keinem Verh\u00e4ltnis zur faschistischen Gewalt einerseits und zur Macht der globalen kapitalistischen Ordnung andererseits. Es ist vielsagend, dass die linken Kritiker der US-Antifa und die antideutschen Kritiker der G20-Proteste liberale und konservative Argumente wiederholen\u00a0\u2013 beide bef\u00fcrworten den Status quo.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr antifaschistischer Politik stellt die US-Linke vor weitere Probleme. Eine Gefahr ist, dass es einer Handvoll Nazis und wei\u00dfer Suprematisten\u00a0\u2013 einem winzigen Bruchteil der Bev\u00f6lkerung, der bereitwillig von fast allen au\u00dfer dem derzeitigen Pr\u00e4sidenten verurteilt wird\u00a0\u2013 gelingt, die linke Aufmerksamkeit zu stark auf race politics zu lenken. Dies k\u00f6nnte bestehende Tendenzen n\u00e4hren, der Anziehungskraft und historischen Kontinuit\u00e4t des wei\u00dfen Suprematismus einen zu gro\u00dfen Stellenwert beizumessen und zugleich wichtige strukturelle und ideologische Ver\u00e4nderungen des Rassismus zu \u00fcbersehen, genau in dem Moment, in dem manche Linke die Vorherrschaft der Identit\u00e4tspolitik wegen deren Unzul\u00e4nglichkeit in Frage stellen.<\/p>\n<p>Hier k\u00f6nnte die Erfahrung der deutschen Antifa Einsichten liefern. Es blieb f\u00fcr sie stets wichtig, sich einer faschistischen Mobilisierung entgegenzustellen. Doch sie erkannte irgendwann, dass die Konfrontation mit Nazis auf der Stra\u00dfe zwar leicht zum Erfolg f\u00fchrt, aber eine tiefere strukturelle Kritik und Ver\u00e4nderung nicht ersetzt.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2017\/38\/usa-antifa\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2017\/38\/usa-antifa<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Antifa-Bewegung erh\u00e4lt in den USA zurzeit gro\u00dfe Aufmerksamkeit, die Kritik an ihr ist heftig. Auch US-amerikanische Linke haben einiges an ihr auszusetzen. <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2848\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,328,10],"tags":[1149,234,902,257],"class_list":["post-2848","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antifa","category-antira","category-aus-aller-welt","tag-antifa","tag-militanz","tag-nazis","tag-usa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2848","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2848"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2848\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2849,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2848\/revisions\/2849"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2848"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2848"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2848"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}