{"id":2871,"date":"2017-11-05T20:39:37","date_gmt":"2017-11-05T19:39:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2871"},"modified":"2017-11-05T20:39:37","modified_gmt":"2017-11-05T19:39:37","slug":"making-cash-from-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2871","title":{"rendered":"Making cash from chaos"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/sexpistols.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2872\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/sexpistols-300x200.jpg\" alt=\"sexpistols\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/sexpistols-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/sexpistols-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/sexpistols.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\n<strong>Vor genau 40 Jahren erschien das erste und einzige Album der Sex Pistols. Anarchie, wie sie Johnny Rotten und seine Mitstreiter forderten, kam dann auch, allerdings in unerwarteter Form.<\/strong><\/p>\n<p>Einen Song ver\u00f6ffentlichen, damit sofort zwei Plattenvertr\u00e4ge ergattern und gleich wieder platzen lassen, um insgesamt 115 000 Pfund Vorauszahlung zu kassieren (was heutzu\u00adtage in etwa einer knappen halben Million Euro entspr\u00e4che)\u00a0\u2013 so hat wohl niemals zuvor oder danach eine Newcomer-Band gleich zwei Gro\u00df\u00adlabels hintereinander zur Ader gelassen. Die Rede ist von der im November 1976 auf dem Label EMI ver\u00f6ffentlichten Single \u00bbAnarchy in the U.K.\u00ab der Sex Pistols, die die Firma bereits Anfang Januar wieder vom Markt nahm und die Band nach einem skandal\u00f6sen Fernsehauftritt feuerte. Zwei Monate sp\u00e4ter nahm das Label A &amp; M die Gruppe unter Vertrag: Die Sex Pistols spielten daraufhin die Single \u00bbGod Save the Queen\u00ab ein, die das anstehende silberne Thronjubil\u00e4um der K\u00f6nigin schockierend r\u00fcde kommentierte. Diese Platte erreichte die L\u00e4den zun\u00e4chst \u00fcberhaupt nicht, A &amp; M stampfte die erste Auflage noch vor Auslieferung ein und schmiss die Band raus. Die Reaktion der Sex Pistols: Sie pr\u00e4sentierten den Song mit maximal m\u00f6glicher Lautst\u00e4rke auf einem Boot, das auf der Themse vor dem Parlamentsgeb\u00e4ude kreuzte und selbstverst\u00e4ndlich von der Flusspolizei gest\u00fcrmt wurde.<\/p>\n<p>Die Sex Pistols f\u00fchrten im Fr\u00fchjahr vor 40\u00a0Jahren alle g\u00fcltigen Regeln der Musikindustrie ad absurdum, indem sie die H\u00e4nde, die sie f\u00fctterten, nach Kr\u00e4ften bissen. Das war wirklich neu, denn bis dahin hatte das Musikbusiness noch jeden teenage rebel entweder so pr\u00e4pariert, dass er die rebellische Attit\u00fcde brav verkaufen half, oder, falls sich der potentielle Star als allzu bockig erwies, darauf setzen k\u00f6nnen, dass er ohne Plattenvertrag wieder in der Obskurit\u00e4t verschwinden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verzweiflung und Wut auf den gesellschaftlichen Konsens<\/strong><\/p>\n<p>Beim Punk\u00a0\u2013 ein Wortgebrauch des englischen Begriffs f\u00fcr Strichjungen, den der Boutiquebetreiber Malcolm McLaren f\u00fcr sich reklamierte, um die Musik der von ihm gemanagten Sex Pistols zu beschreiben\u00a0\u2013 klappte das nicht. Denn in einem waren der Leads\u00e4nger der Band, John Lydon aka Johnny Rotten, und McLaren wahre Meister: in der Inszenierung von Provokationen und \u00c4rgernissen, von denen die britische Boulevardpresse einfach nicht die Finger lassen konnte. Je mehr aber Abscheu und Hass auf die unversch\u00e4mten L\u00fcmmel aus der Schlange beim Arbeitsamt\u00a0\u2013 dole queue, das englische Wort f\u00fcrs Warten auf St\u00fctze, wurde damals synonym f\u00fcr Punkrock gebraucht\u00a0\u2013 die Schlagzeilen beherrschten, desto interessanter wurden genau diese L\u00fcmmel.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst galt das selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr Jugendliche, die ebenfalls Schlange standen; und das waren nicht \u00adwenige, denn die Jugendarbeitslosigkeit stieg Mitte der Siebziger zum ersten Mal in der Nachkriegszeit steil an. Das Gef\u00fchl aber, dass insbesondere der die Charts verheerende Softrock der Wings, Elton Johns oder Leo Sayers die Lebenssituation im krisengebeutelten Gro\u00dfbritannien geradezu verh\u00f6hnte, war noch viel weiter verbreitet\u00a0\u2013 kein Wunder in einem Land, das seinerzeit seine Zahlungsf\u00e4higkeit nur mit IWF-Krediten und den h\u00f6chsten Steuern der westlichen Welt sichern konnte, in dem Benzin rationiert war, ganze Industriezweige im Sterben lagen, Haushalte und Betriebe tagelang auf Strom verzichteten und verzweifelte Streiks daf\u00fcr sorgten, dass Krankenh\u00e4user Patienten abweisen mussten und der M\u00fcll sich meterhoch in den Stra\u00dfen stapelte.<\/p>\n<article class=\"embedded-entity\">\n<div class=\"view-mode-full_image ds-1col clearfix\" data-history-node-id=\"57528\">\n<div class=\"field field-name-field-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"img-responsive\" src=\"https:\/\/www.jungle.world\/sites\/files\/styles\/large\/public\/2017-11\/d-07-Thatcher_0.jpg?itok=VE9GrHKd\" alt=\"d07#44\" width=\"1200\" height=\"768\" \/><\/div>\n<div class=\"caption\">\n<p>Gl\u00fchwein und Betonfrisur: Die Hassikone des Punk, Margaret Thatcher<\/p>\n<div class=\"bildquelle\">\n<div class=\"field-label-inline\">Bild:<\/div>\n<p>picture alliance\u2009\/\u2009empics<\/p><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/article>\n<p>Verzweiflung und Wut auf den Zustand, in den die Krise den britischen post-war consensus gebracht hatte, pr\u00e4gten die Stimmung. Jener gesellschaftliche Konsens, auf den sich Konservative und Labour ge\u00adeinigt hatten\u00a0\u2013 also die Kombination von keynesianischem, auf deficit spending basierendem Wohlfahrtsstaat, verstaatlichten Industrien und starker Rolle der Gewerkschaften samt tariflich abgesicherter Vollbesch\u00e4ftigung\u00a0\u2013, schien sich von dem Versprechen, das er nach dem Krieg bedeutet hatte, in eine Plage mit absurden Ausw\u00fcchsen verwandelt zu haben. Das war der N\u00e4hrboden des Punk, der Sex Pistols und ihres ebenso hellsichtigen wie skrupellosen Managers Malcolm McLaren. Er gab die Stichworte, die er zuvor aus einigen situationistischen Schriften der sechziger Jahre zusammengeklaubt hatte, an Lydon weiter, der wiederum m\u00f6glichst anst\u00f6\u00dfige und provokante Texte drumherumstrickte. Anarchy war der wichtigste dieser Schl\u00fcsselbegriffe, violence ein anderer. Die solcherart entstehende Rhetorik war genial darin, dass sie radikal und ambivalent zugleich war, dass sich in ihr linksradikale Junggewerkschafter und arbeitslose Vorst\u00e4dter ebenso wiederfanden wie Jungakademiker und hedonistische Alternativunternehmer, die\u00a0\u2013 ob nun von klassischen Avantgarde-Konzepten beeinflusst oder nicht\u00a0\u2013 eine als verkrustet erscheinende Konsensgesellschaft und ihre Regeln \u00fcber den Haufen werfen wollten, obwohl die \u00f6konomischen Interessen der Beteiligten gegens\u00e4tzlicher kaum h\u00e4tten sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und nirgendwo ist die f\u00fcr den Urpunk typische rhetorische Vereinheitlichung in der blanken Negation so perfekt ausbuchstabiert und so zielgenau in auf extreme Ruppigkeit getrimmte musikalische Arrangements gegossen worden wie auf dem Ende Oktober vor vierzig Jahren doch noch auf dem damals unabh\u00e4ngigen Label Virgin erschienenen Album \u00bbNever Mind the Bollocks, Here\u2019s the Sex Pistols\u00ab (in etwa: Vergiss den ganzen Schei\u00df, hier kommen die Sex Pistols). Allein schon das Aufmacherst\u00fcck der Platte, \u00bbHolidays in the Sun\u00ab kokettiert mit der Lust an der Katastrophe schlicht aus pers\u00f6nlichem ennui, wie es vorher in der Rockmusik kaum je getan worden war: Das KZ Bergen-Belsen, die Berliner Mauer und die kommunistische \u00adBewegung tauchen in dem Song nurmehr als austauschbare Reize auf, um dem unentrinnbaren Stumpfsinn (\u00bbPretty Vacant\u00ab hei\u00dft denn auch eine andere Nummer der Platte) ein wenig dramatische W\u00fcrze zu ver\u00adleihen.<\/p>\n<p>So zerschlug Punk zwar r\u00fcde alle utopisch-konstruktiven Konventionen des bisherigen Rock, die sich vor der gesellschaftlichen Realit\u00e4t als \u00bbGreat Rock \u2019n\u2019 Roll Swindle\u00ab entpuppt hatten (so der Titel des Films, mit dem McLaren den Pistols-Hype bediente), zerfiel dabei aber auch selbst fast sofort; die negative Einheit jugendlicher Unzufriedenheit, der vor allem die Sex Pistols f\u00fcr einen kurzen \u00adMoment den passenden \u00e4sthetischen Ausdruck gegeben hatten, zerbrach ebenso wie die Band schon 1978. Die einzelnen Bestandteile der neuen \u00adJugendkultur strebten m\u00e4chtig auseinander: Der proletarische Teil m\u00fcndete eher in die verschiedenen Str\u00f6mungen der Skinhead-Subkultur\u00a0\u2013 vom freundlichen Ska bis zum Nazisound von Skrewdriver\u00a0\u2013, der klassische Linksradikalismus, den The Clash und andere propagierten, ging sp\u00e4testens 1984\/85 zusammen mit den streikenden Bergarbeitern unter, w\u00e4hrend der eher kommer\u00adziell und k\u00fcnstlerisch gepr\u00e4gte Fl\u00fcgel unter der Bezeichnung New Wave \u00adre\u00fcssierte und das m\u00fcde gewordene Musik- und Modebusiness mit neuen Kl\u00e4ngen und schrill recycelten Klamotten und Frisuren aus der Steinzeit des Rock \u2019n\u2019 Roll zumindest f\u00fcr eine Weile revitalisierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Stichwort anarchy: \u00bbSo etwas wie \u00adGesellschaft gibt es nicht!\u00ab (Margaret Thatcher)<\/strong><\/p>\n<p>Die radikale Zerst\u00f6rung der britischen Nachkriegsgesellschaft aber, mit der die Sex Pistols gelieb\u00e4ugelt hatten, \u00fcbernahmen ab 1979 andere. Die Lust am Destruktiven, die Beschw\u00f6rung des Konventionen verachtenden Individuums, aber auch die im prononcierten Amateurismus des Punk lauernde Anspruch, nicht mehr von anderen oder vom Staat abh\u00e4ngig zu sein, sondern sich auf die eigene Kraft zu st\u00fctzen\u00a0\u2013 und sei das Ergebnis noch so d\u00fcrftig\u00a0\u2013, oder die provokante Aufk\u00fcndigung jeder gesellschaftlichen Regulation, Stichwort anarchy\u00a0\u2013 all diese Motive fanden sich in zun\u00e4chst paradox scheinender Weise am ehesten im Programm einer der heftigsten Opponentinnen des Punk und, in sp\u00e4teren Jahren, dessen liebstem Feindbild wieder: im Programm der damaligen konservativen Oppositionsf\u00fchrerin im Unterhaus, Margaret Thatcher, das sie in etwa zur selben Zeit entwickelte, als Malcolm McLaren den Punk als alternative Gesch\u00e4ftsidee konzipierte und b\u00fcndig so definierte: making cash from chaos. Und es war eben auch eine Art Chaos, sprich: die \u00adZerst\u00f6rung unrentabler Infrastruktur und Industrie sowie der Lebensweise ihrer ebenso unrentablen menschlichen Anh\u00e4ngsel, das die 1979 zur Premierministerin gew\u00e4hlte Thatcher anrichtete. Trotz der absolut nicht punkaffinen Neomoralit\u00e4t, die die Lady mit der Betonfrisur vordergr\u00fcndig propagierte, setzte sie doch mit Spr\u00fcchen wie \u00bbSo etwas wie \u00adGesellschaft gibt es nicht!\u00ab auf eine Form von gesellschaftlichem \u00dcberdruss an den Sixties, in dem die Hippie-Aversion des Punk und sein \u00adKoketterie mit dem Nihilismus widerhallte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2017\/44\/making-cash-chaos\">https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2017\/44\/making-cash-chaos<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor genau 40 Jahren erschien das erste und einzige Album der Sex Pistols. 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