{"id":2893,"date":"2017-12-13T13:03:24","date_gmt":"2017-12-13T12:03:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2893"},"modified":"2017-12-13T13:03:24","modified_gmt":"2017-12-13T12:03:24","slug":"anarchismus-russische-revolution-und-die-schweizer-arbeiterinnenbewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2893","title":{"rendered":"Anarchismus, Russische Revolution und die Schweizer Arbeiter*innenbewegung"},"content":{"rendered":"<p><strong>In den aktuellen Debatten um die Russische Revolution wird der Anarchismus kaum ber\u00fccksichtigt. Dabei hatten die libert\u00e4ren Stimmen vor 100 Jahren durchaus Gewicht \u2212 auch in der Schweiz. Hier reagierten Anarchist*innen und Linksradikale in vielf\u00e4ltiger und manchmal gegens\u00e4tzlicher Weise auf den Triumph der Bolschewiki.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/anarchismus.gif\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2894\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/anarchismus-300x219.gif\" alt=\"anarchismus\" width=\"300\" height=\"219\" \/><\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Landauf, landab wird der russischen Oktoberrevolution gedacht. Alles was sich links versteht, scheint sich zurzeit mit der Problematik einer misslungenen linken Revolution auseinanderzusetzen. In der Schweiz allen voran der \u00absozialkritische Thinktank\u00bb Denknetz, der am 11. November eine Tagung zum Thema 100 Jahre Russische Revolution durchgef\u00fchrt hat. Die zur Veranstaltung herausgegebene Nummer der Zeitung Das Denknetz verk\u00fcndet auf der ersten Seite schon mal falsch, dass sich die Revolution am 24. Oktober zum hundertsten Mal j\u00e4hre, nur irgendwo im Innern wird das Datum korrekt auf den 7. November unserer Zeitrechnung fixiert. Eine in der Zeitung aufgef\u00fchrte B\u00fccherliste zur Russischen Revolution zeigt, welch Geistes Kind die Veranstalter mehrheitlich sind: So gilt ihnen Leo Trotzkis verstaubte Geschichte der Russischen Revolution noch immer \u00abals ein Meisterwerk marxistischer Geschichtsschreibung\u00bb. Auch andere Klassiker \u00fcber die Russische Revolution werden angef\u00fchrt. Was fehlt, sind alle Klassiker der anarchistischen Kritik an der Russischen Revolution wie Emma Goldmans My Disillusionment in Russia (1923) und Grigori Maximoffs The Guillotine at Work (1940). Als einziger vermeintlich anarchistischer Zeitzeuge wird Victor Serge mit seinem Buch Erinnerungen eines Revolution\u00e4rs (1951) aufgelistet. Zu der Zeit, als er das Buch schrieb, war er aber l\u00e4ngst kein Anarchist mehr, sondern stand den Trotzkisten nahe. Nur eine einzige neuere Arbeit aus Anarchismus naher Ecke, n\u00e4mlich die des Historikers Ewgeniy Kasakow, wird zitiert. Kasakow wendet sich, anhand der neusten Forschung, verdienstvoll gegen bis heute herumschwirrende anarchistische Mythen \u00fcber die Russische Revolution, streitet aber das Vorhandensein einer starken linken parteiunabh\u00e4ngigen Basisbewegung nicht ab. Doch die Alt-Trotzkisten und ehemaligen und jetzigen Gewerkschaftsfunktion\u00e4re, die an der Literaturliste beteiligt waren, interpretieren Kasakows Aufsatz Bewegung versus Avantgarde? dahingehend um, dass es keine starken linken Basisbewegungen gegeben h\u00e4tte. Kasakow schreibt dies aber nirgendwo, sondern stellt nur fest, dass unter den wirtschaftlichen Sachzw\u00e4ngen und den menschlichen Schw\u00e4chen der Beteiligten es sehr unwahrscheinlich gewesen w\u00e4re, dass die Basisbewegungen eine wirkliche Alternative zu den Bolschewiki geworden w\u00e4ren. Die Interpretation des Aufsatzes durch die Denknetzwerker dient nat\u00fcrlich der Best\u00e4tigung, dass die bolschewistischen F\u00fchrer wie Trotzki alternativlos waren, weshalb eine r\u00e4tekommunistische oder anarchistische Sicht auf die Russische Revolution f\u00fcr eine solche Veranstaltung, die sich scheinbar ideologisch offen gibt (so zum russischen Nationalbolschewismus eines Boris Kagarlitzky), f\u00fcr die Veranstalter*innen nicht relevant erscheint.<\/p>\n<p>Unerh\u00f6rte Emma Goldman: \u00abThere Is No Communism in Russia\u00bb<\/p>\n<p>Diesen verengten Blick ehemaliger Marxisten-Leninisten, die sich in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft gut etabliert haben, w\u00fcrden nat\u00fcrlich Aussagen des marxistischen Philosophen Karl Korsch nur st\u00f6ren. Dieser schreibt, dass der Wiederaufbau einer revolution\u00e4ren Theorie und Praxis nur durch den Bruch mit dem monopolistischen Anspruch des Marxismus auf die theoretische und praktische F\u00fchrung erfolgen kann. Dazu kommt wohl auch, dass die Veranstalter*innen ihren Anspruch, aus der Geschichte revolution\u00e4re Schl\u00fcsse zu ziehen, l\u00e4ngst aufgegeben haben. Genauso wie es sie in ihrer Weltsicht st\u00f6ren w\u00fcrde, zu verstehen, dass die Wirkung der Russischen Revolution auf die Schweizer Arbeiter*innenbewegung und das Schweizer B\u00fcrgertum, ohne Ber\u00fccksichtigung des Anarchismus in- und ausserhalb der Schweizer Sozialdemokratie, nicht verstanden werden kann und unvollst\u00e4ndig ist.<\/p>\n<p>Anarchist*innen in Partei und Gewerkschaft<\/p>\n<p>Vor und w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges galten die Anarchist*innen als vernachl\u00e4ssigbare Minderheit in der Schweizer Arbeiter*innenbewegung. Auf den ersten Blick scheint dies auch richtig, gab es doch nur in ein paar gr\u00f6sseren Schweizer St\u00e4dten organisierte Gruppen. Zu den gr\u00f6ssten geh\u00f6rten bis zum Ersten Weltkrieg der anarchistische Sozialistische Bund (SB), die Gruppen um die Zeitung Le R\u00e9veil und die \u00fcberall verbreiteten italienischsprachigen Gruppen, die sich um die Il Risveglio gruppierten. Die Anarchist*innen des SB waren mehrheitlich Mitglieder in der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz (SPS). Es ist sowohl f\u00fcr Sozialdemokrat*innen und Anarchist*innen bis heute schwer verst\u00e4ndlich, dass sich bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in der Deutschschweiz der revolution\u00e4re Fl\u00fcgel der SPS und der Gewerkschaften nicht nur aus Marxist*innen, sondern auch aus Anarchist*innen zusammensetzte. Die ber\u00fchmtesten Beispiele sozialdemokratischer Anarchist*innen sind nat\u00fcrlich Fritz Brupbacher und die Mitgr\u00fcnderin des SB, Margarete Faas Hardegger. Ebenso standen in dieser Zeit grosse Teile der Sozialistischen Jugendorganisation (SJO) einem Anarchismus kropotkinscher Pr\u00e4gung nahe. Die franz\u00f6sisch- und italienischsprachigen Gruppen standen jedoch ausserhalb der Sozialdemokratie und wurden von einem Kreis um Luigi Bertoni gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Brupbacher, Hardegger, Bertoni.<\/p>\n<p>Lenin: \u00abNur mit der Jugend lohnt es sich zu arbeiten\u00bb<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs waren es denn auch die Anarchist*innen, mit und ohne sozialdemokratischem Mantel, nebst einigen revolution\u00e4ren Marxist*innen, die den steigenden Unmut der st\u00e4dtischen Arbeiter*innenschaft, der sich in Teuerungs- und Hungerdemonstrationen manifestierte, aktiv unterst\u00fctzten. Sie erhofften sich eine Neue Gesellschaft durch Erschaffung einer revolution\u00e4ren Stimmung in der Bev\u00f6lkerung. Der damals in Z\u00fcrich arbeitende Anarchist Enrico Arrigoni erinnert sich sp\u00e4ter: \u00abWir italienischen Anarchisten hatten die Idee eine Revolution zu machen.\u00bb Dass es dabei teilweise zu blutigen Zusammenst\u00f6ssen von unbewaffneten Demonstrant*innen mit s\u00e4belschwingenden Polizisten (Kosaken, so deren \u00dcbername in der Arbeiterschaft) kam, hatten nicht zuletzt auch Sozialdemokraten wie der Stadtz\u00fcrcher Polizeivorstand Jakob Vogelsanger mit zu verantworten.<\/p>\n<p>Der Z\u00fcrcher Paradeplatz wird w\u00e4hrend dem Generalstreik 1918 von \u00abKosaken\u00bb besetzt.<\/p>\n<p>Die Anarchist*innen und die SJO waren vehemente Gegner*innen der Milit\u00e4rmaschinerie und ihres zerst\u00f6rerischen Produktes, dem Krieg. So f\u00fchrte eine Gruppe um Luigi Bertoni in der Deutsch- und der Westschweiz antimilitaristische Kampagnen durch und half internierten Deserteuren, sich den f\u00fcr sie errichteten Arbeitslagern zu entziehen. \u00dcberall wo w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs Widerstand gegen die mit unbeschr\u00e4nkten Vollmachten ausgestattete b\u00fcrgerliche Regierung vorhanden war, da waren Anarchist*innen anzutreffen. Dies erkannte auch Lenin, der seit dem Herbst 1914 in der Schweiz wohnte. \u00abNur mit der Jugend lohnt es sich zu arbeiten\u00bb, verk\u00fcndete er \u00fcber die SJO anfangs 1917, erkennend, dass sie das revolution\u00e4re Element war mit dem er seine Revolution f\u00fchren musste. Als \u00fcberzeugter orthodoxer Marxist st\u00f6rte er sich zwar am starken Einfluss des Anarchismus auf die SJO, doch er hoffte, sie einfacher als die erwachsenen Anarchist*innen, vom Anarchismus weg, hin zu seinem Marxismus bringen zu k\u00f6nnen. Dabei half ihm, dass wichtige Symbolfiguren des Anarchismus wie Kropotkin sich \u00f6ffentlich f\u00fcr eine Kriegspartei, die Entente, ausgesprochen und damit dem Ansehen des Anarchismus massiv geschadet hatten. Nicht zuletzt mit diesem anarchistischen Zielpublikum im Auge verfasste er sp\u00e4ter seine Revolutionsschrift Staat und Revolution.<\/p>\n<p>Jetzt ein Promi! Die Schweizer Illustrierte portraitiert \u00abUlianoff\u00bb im Dezember 1917.<\/p>\n<p>Bolschewismus als Synthese von Marx und Bakunin?<\/p>\n<p>Staat und Revolution verfehlte seine Wirkung nicht und viele Anarchist*innen wie Brupbacher glaubten nach der Lekt\u00fcre der Schrift, dass der Bolschewismus jetzt seine schon lange propagierte weltweite Synthese von Bakunin mit Marx sei, die da und dort schon im Oktober 1917, durch neu gebildete Gruppen wie die der Zeitungsgruppe Forderung in Z\u00fcrich, entstanden waren. Die revolution\u00e4re Zeitung Die Forderung wurde von den ehemaligen SB-Mitgliedern Cilla Itschner Stamm und Hans Itschner herausgegeben und vom schon stark von Lenins Ideen beeinflussten anarchistischen Fl\u00fcgel der SJO mitgetragen. Auch einige religi\u00f6se Sozialist*innen um den Theologen Leonhard Ragaz, die sich zu dieser Zeit zu einem tolstoianischen Anarchismus bekannten, halfen mit, die Zeitung herauszugegeben. Als im November 1917 in der Schweiz die russische Oktoberrevolution Schlagzeilen machte und grosse Teile der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung sich ebenfalls eine Oktoberrevolution in der Schweiz erhofften und auf die Strasse gingen \u2212 \u00abIn diesem Glauben befand man sich \u2212 mit Schwankungen \u2212 bis etwa Mitte 1919\u00bb, erinnert sich Brupbacher \u2212 da waren die Forderungs-Leute wichtige Protagonist*innen des Geschehens.<\/p>\n<p>\u00abDer Sozialismus bricht an!\u00bb Flugschrift der Gruppe Forderung.<\/p>\n<p>Auch das B\u00fcrgertum, so der sp\u00e4tere Chefredakteur der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung Willy Bretscher, sah im entstehenden Bolschewismus nichts anderes als die Vollstreckung der Ideen Bakunins. Wie wichtig in diesen Kreisen der Anarchismus geblieben war, zeigt sich auch darin, dass der Altanarchist, Jungburschenpapa und enge Freund Brupbachers Edy Meyer Ende 1918 mit Brupbachers Hilfe Kropotkins Der Wohlstand f\u00fcr Alle wieder herausgab. Diese zeitweilige Einheit ist auch in einem Polizeibericht \u00fcber eine Veranstaltung anfangs 1919 dokumentiert, an der Erich Marks \u00abals Angeh\u00f6riger der alten, anarchistisch gerichteten Internationale\u00bb f\u00fcr eine Einigung zwischen Anarchisten, Kommunisten und wirklichen Sozialisten, d.h. Sozialrevolution\u00e4ren geworben habe und an der am Schluss verk\u00fcndet worden sei: \u00abSo m\u00f6gen uns Bakunin und Krapotkin F\u00fchrer sein, wenn wir in die kommende Revolution hineinschreiten.\u00bb<\/p>\n<p>Bombenprozess und Masseninhaftierung 1918<\/p>\n<p>Die Schweizer Regierung erkannte in den Anarchist*innen schon l\u00e4nger eine Gefahr f\u00fcr die herrschenden Verh\u00e4ltnisse. Als im Fr\u00fchling 1918 ein Bombenlager in Z\u00fcrich gefunden wurde, nahm die Schweizer Regierung dies zum Anlass, fl\u00e4chendeckend \u00fcber hundert Anarchist*innen bis Ende 1918 zu verhaften.<\/p>\n<p>Hetze in der Schweizer Satirezeitschrift Nebelspalter, 1895.<\/p>\n<p>Ein Grossteil der Verhafteten waren Mitglieder italienischsprachiger Gruppen in Z\u00fcrich und anderen St\u00e4dten. Die Mehrheit der Inhaftierten wurde unter fragw\u00fcrdigen Anklagen ausgeschafft und Dutzenden der Prozess gemacht. Zwei Personen starben in der Haft. Die gr\u00f6ssten Anarchistengruppen in der Schweiz wurden durch diese Aktionen geschw\u00e4cht und ihrer wichtigsten Personen beraubt oder sogar zerschlagen. So blieb der im Mai 1918 verhaftete Bertoni bis zu seinem Freispruch im Sommer 1919 in Haft. Die Anarchist*innen propagierten schon lange den revolution\u00e4ren Generalstreik, der zur Revolution in der Schweiz f\u00fchren sollte, doch als im November 1918 in der ganzen Schweiz ein Generalstreik ausgerufen wird, sind sie an ihm kaum beteiligt.<\/p>\n<p>Revolution\u00e4re \u00abAltkommunisten\u00bb f\u00fcr eine R\u00e4tedemokratie<\/p>\n<p>Der entt\u00e4uschende Verlauf des Generalstreiks liess darauf einen Teil der Forderungs-Leute, wie Leoni Kascher und Jakob Herzog, sich vermehrt auf den Aufbau einer ersten revolution\u00e4ren kommunistischen Partei in der Schweiz konzentrieren. Mit der Ausweisung Kaschers Ende 1919 und der mehrmaligen Inhaftierung vieler Aktivst*innen wie Herzog, die immer wieder versuchten, durch direkte Aktion ein revolution\u00e4res Feuer zu entfachen, erlahmte aber der Aktionismus zusehends und ging immer mehr in klassische Parteiarbeit \u00fcber.<\/p>\n<p>Leonie Kascher und Joggi Herzog.<\/p>\n<p>Obwohl die Kommunistische Partei (KP oder Altkommunisten, wie sie sp\u00e4ter genannt wurden) ein anarchistisch-r\u00e4tekommunistisches Programm vertrat, f\u00fchrte die zunehmende Strukturierung als Partei dazu, dass sich die reinen Anarchist*innen wieder in eigenen Gruppen zusammenschlossen. Die Gruppen der Altkommunist*innen und der Anarchist*innen blieben aber freundschaftlich verbunden, waren doch die Ziele der Altkommunisten denen der Anarchist*innen nahe. Eine von den Altkommunisten herausgegebene Schrift \u00fcber den kommenden Kommunismus fordert denn auch als ersten Punkt: \u00abNeubildung der Regierung auf der Grundlage des Systems der Arbeiter- und Bauernr\u00e4te und \u00dcbergabe der ganzen Regierungsgewalt an diese.\u00bb Von den Anarchist*innen in der SPS blieben nur ein paar Theologen \u00fcbrig, die 1919 die anarchische Zeitung Freie sozialistische Bl\u00e4tter herausgaben, die als eine der ersten linken Zeitungen die Bolschewiki und ihre Diktatur des Proletariats kritisierten: \u00abDie Anarchisten aber stehen und lachen auch \u00fcber Lenin und Trotzky.\u00bb<\/p>\n<p>Libert\u00e4re distanzieren sich von der KPS<\/p>\n<p>Als sich 1921 ein Teil der SPS abspaltete und sich mit den Altkommunisten zur Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS) zusammenschloss, wendeten sich die ersten ehemaligen Anarchist*innen von der KPS ab und wieder dem Anarchismus zu, gab die KPS doch alle r\u00e4tedemokratischen Grunds\u00e4tze auf. Nebst den bekannten umtriebigen Westschweizer Anarchist*innen Bertoni und Lucien Tronchet tauchten in der Deutschschweiz nun Namen aktiver Anarchist*innen wie Bourquin, Riethmann und Vogt auf. Im Juli 1925 fand in Z\u00fcrich sogar ein Anarchistenkongress statt, der von den Risveglio-Gruppen organisiert wurde. Auch als 1926 die Komintern die KPS zu stalinisieren begann, traten weitere ehemalige Anarchist*innen aus der Partei aus und gr\u00fcndeten in der ganzen Schweiz anarchistische Gruppen und Gr\u00fcppchen. In der Westschweiz, wo der Anarchismus in Genf wegen der Gruppe um Bertoni stets gut verankert war, nahmen innerhalb der Gewerkschaften<br \/>\nanarchosyndikalistische Ideen zu. Kein Wunder also, dass die KPS, auch wenn sie stets behauptete, dass der Anarchismus keine Rolle mehr spiele, ihn bei jedem Anlass angriff. Ihre Angriffe best\u00e4tigten nur, dass die anarchistische Kritik sie nicht gleichg\u00fcltig liess, waren sie doch die einzigen Kritiker*innen von ganz links, denen sie nicht ernsthaft den Vorwurf machen konnten, b\u00fcrgerlich zu sein, wie sie es den Sozialdemokraten vorwarfen, auch wenn sie den Anarchismus stets als kleinb\u00fcrgerlich beschimpften.<\/p>\n<p>Diese Verflechtungen und Einfl\u00fcsse innerhalb der radikalen Arbeiter*innenbewegung sind aber kein Thema in den aktuellen Debatten \u00fcber die Vorg\u00e4nge in der Schweiz vor und nach der Oktoberrevolution, und dies zeigt nur, wie sehr die Arbeiter*innengeschichtsschreibung in der Schweiz noch immer, von einigen l\u00f6blichen Ausnahmen abgesehen, auf einer zurechtgebogenen sozialdemokratischen, b\u00fcrgerlichen oder orthodoxmarxistischen, auf einer ideologisierten Geschichtsschreibung basiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Vertiefung des Themas empfiehlt sich das 2017 von Philippe Kellermann im Berliner Dietz Verlag herausgegebene Buch<br \/>\nAnarchismus und Russische Revolution. Darin enthalten ein Beitrag von Werner Portmann \u00fcber die Wirkung der Oktoberrevolution auf den Anarchismus in der Schweiz.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/ajour-mag.ch\/anarchismus_russische_revolution_und_die_schweizer_arbeiterbewegung\/\">https:\/\/ajour-mag.ch\/anarchismus_russische_revolution_und_die_schweizer_arbeiterbewegung\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den aktuellen Debatten um die Russische Revolution wird der Anarchismus kaum ber\u00fccksichtigt. Dabei hatten die libert\u00e4ren Stimmen vor 100 Jahren durchaus Gewicht \u2212 auch in der Schweiz. 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