{"id":2907,"date":"2018-01-05T11:13:49","date_gmt":"2018-01-05T10:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2907"},"modified":"2018-01-05T11:13:49","modified_gmt":"2018-01-05T10:13:49","slug":"besetzen-vor-besitzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2907","title":{"rendered":"Besetzen vor besitzen"},"content":{"rendered":"<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-field-blog-post-lead field--type-text-long field--label-hidden field__item\">\n<p><strong>Stadt Luzern, 04.01.2017: Am Dienstagabend ist eine Menschengruppe in das teilweise leerstehende, rosarote Haus an der G\u00fcterstrasse 7 eingezogen. Sie m\u00f6chten die leerstehenden R\u00e4ume f\u00fcr den Betrieb der \u00abAutonomen Schule Luzern\u00bb nutzen. Wer solche Vorhaben kriminalisiert, macht sich schweren Verbrechen an der Menschlichkeit, die nach 2017 vielleicht noch in einigen von uns steckt, strafbar.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"clearfix text-formatted field field--name-field-blog-post-body field--type-text-long field--label-hidden field__item\">\n<p>Ein h\u00fcbsches Wortspiel ziert die Fassade des Hauses an der G\u00fcterstrasse: \u00abSchule Braucht Blatz.\u00bb Doch die Schweizerischen Bundesbahnen, wie der Verein richtig heisst, versteht keinen Spass. In einem ersten Kennenlernmail von \u00abRosa Lavache\u00bb, der Besetzergruppe, \u00a0an die SBB hiess es: \u00ab \u2026 haben wir uns f\u00fcr diese unb\u00fcrokratische Einzugsart entschieden, um lange Wartezeiten und Leerstand zu umgehen \u2026 sind an einer Regularisierung der Situation im Sinne einer solidarischen Nutzung interessiert \u2026 w\u00fcrden uns sehr freuen, wenn ein solcher Vertrag zwischen der SBB Immobilien AG und unserem Verein zu Stande kommen k\u00f6nnte.\u00bb Fern von piratischer Bsetzerli-Attit\u00fcde versuchte man in einen konstruktiven Dialog zu treten.<\/p>\n<p>Die SBB jedoch leitet, wie man bei einem beliebigen der einander abschreibenden Luzerner Medien nachlesen kann, die \u00abnotwendigen rechtlichen Schritte\u00bb ein. Das heisst, sie erstattet Strafanzeige und wartet auf die Luzerner Kavallerie, die momentan von Sparmassnahmen und mit Wind \u00fcberfordert ist. \u00abKriminell\u00bb, \u00abrechtlich\u00bb, \u00abEigentum\u00bb. In der Furzprovinz wird im selben G\u00e4hnjargon gesprochen wie bei der j\u00fcngsten Besetzung an der Obergrundstrasse.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es kriminell, fremdes Eigentum zu besetzen. Nat\u00fcrlich ist das unrechtens. <em>But<\/em> <em>that\u2019s not the point<\/em>. Man kann es nur unendlich wiederholen, bis es auch in die winzigen K\u00f6pfe der 20-Minuten-Kommentarspaltenschreiberlinge passt: Recht und Gesetz sind keine gottgegebenen Strukturen, nach denen wir zu leben haben. Es sind mensch- (wohlbemerkt meist mann-)gemachte Vorgaben, die ein sinnvolles Zusammenleben erm\u00f6glichen. K\u00f6rperverletzungen sollte man nach wie vor ahnden, weil sie weh tun. Es gibt aber auch Dinge, die niemandem weh tun und schon gar nicht der SBB, deren Chef mehr verdient als der Bundesrat (und deren Z\u00fcge trotzdem regelm\u00e4ssig Versp\u00e4tung haben). Bevor also die Achse der B\u00fcrgerlichkeit mit der Rechtskeule um sich schl\u00e4gt, sollte sie sich \u00fcberlegen, ob eine Schule f\u00fcr Asylsuchende in einem leerstehenden Geb\u00e4ude oder ein leerstehendes Geb\u00e4ude der Gesellschaft mehr bringt. Und dann sollte sie sich fragen, ob ein pragmatischer Umgang mit Besetzungen ein gangbarer Weg w\u00e4re.<\/p>\n<p>Man h\u00f6rt sie schon, die Stimme der Gem\u00e4ssigten, die ja eigentlich derartige Nutzungen gutheissen, aber auf die mangelhafte Sicherheit des Geb\u00e4udes hinweisen \u2013\u00a0die SBB hatte allen Mietparteien auf September 2017 gek\u00fcndigt, nachdem ein SBB-Bauingenieur das Geb\u00e4ude begutachtete und auf \u00abRisse in tragenden W\u00e4nden\u00bb hinwies. Erstens: Erinnern Sie sich noch daran, wann das letzte Mal in der Schweiz ein Geb\u00e4ude einfach so zusammengekracht ist? Eben. Zweitens: Drei Mietparteien haben vor dem Schlichtungsgericht Recht erhalten und befinden sich immer noch im Geb\u00e4ude. Gef\u00e4hrlicher als das Gericht erlaubt wird es nicht sein.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr eine Chance f\u00fcr die SBB! Ihre R\u00f6sslimatt\u00fcberbauungspl\u00e4ne stossen bei einem grossen Teil der Stadtbev\u00f6lkerung sauer auf. Hier k\u00f6nnte sie einen gutm\u00fctigen Kompromiss eingehen, es w\u00e4re ja nur vor\u00fcbergehend. Was f\u00fcr eine Chance f\u00fcr die st\u00e4dtische Baudirektion! In einer 3fach-Podiumsdiskussion gab Manuela Jost auf die Frage, wie sie die Situation bez\u00fcglich kreativem Freiraum in Luzern einsch\u00e4tze, zu: \u00abSimmer dranne, aber hemmer velecht nonig gn\u00fcegend.\u00bb In diesem Fall k\u00f6nnte sie ihren Worten Taten folgen lassen und sich zwischen die SBB und die Besetzergruppe schalten.<\/p>\n<p>Und was k\u00f6nnen Sie, gesch\u00e4tzte Leserinnen und Leser, tun? Ich d\u00fcrfte Ihnen nat\u00fcrlich niemals ans Herz legen, die neuen Bewohnerinnen und Bewohner an der G\u00fcterstrasse 7 zu besuchen, weil das ein Aufruf zu einer Straftat w\u00e4re. Und ich w\u00fcrde Ihnen auf keinen Fall ans Herz legen, Ihren Besuch dort zu geniessen, zum Beispiel am Freitag, 5. Januar, ab 18 Uhr bei Ap\u00e9ro, Konzert und Auflegerei oder am Sonntag, 7. Januar, ab 18 Uhr bei Znacht und Film.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.null41.ch\/blog\/besetzen-vor-besitzen\">https:\/\/www.null41.ch\/blog\/besetzen-vor-besitzen<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stadt Luzern, 04.01.2017: Am Dienstagabend ist eine Menschengruppe in das teilweise leerstehende, rosarote Haus an der G\u00fcterstrasse 7 eingezogen. Sie m\u00f6chten die leerstehenden R\u00e4ume f\u00fcr den Betrieb der \u00abAutonomen Schule Luzern\u00bb nutzen. 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