{"id":2949,"date":"2018-03-02T11:40:22","date_gmt":"2018-03-02T10:40:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=2949"},"modified":"2018-03-02T11:40:22","modified_gmt":"2018-03-02T10:40:22","slug":"wettkampf-des-wahnsinns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=2949","title":{"rendered":"Wettkampf des Wahnsinns"},"content":{"rendered":"<p><strong>Im Kampf um das nordsyrische Afrin hat Syriens Diktator Bashar al-Assad der kurdischen Miliz YPG Hilfstruppen geschickt. Das l\u00e4uft Pl\u00e4nen des t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Erdo\u011fan f\u00fcr Syrien zuwider.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<div class=\"body-wrapper col-xs-12 col-md-10 col-md-offset-1 col-xl-8 col-xl-offset-2\">\n<p>Bashar al-Assads Schritt sorgte f\u00fcr Verwunderung. Am Dienstag vergangener Woche wollte der syrische Dik\u00adtator die Kurdinnen und Kurden im nordsyrischen Afrin mit ein paar Hilfstruppen unterst\u00fctzen. Truppen aus dem Lager Assads hatten gerade erst versucht, die Syrischen Demokratischen Kr\u00e4fte (SDF) von einigen \u00d6lfeldern zu vertreiben; dabei bilden die SDF und die kurdische Miliz YPG, die Afrin verteidigt, eine Einheit. \u00dcberrascht mag auch der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident Recep Tayyip Erdo\u011fan gewesen sein, denn kurz bevor die ersten schiitischen Milizion\u00e4re mit ihren Pickups Richtung Afrin aufbrachen, hatte er versichert, er habe sich mit dem iranischen Pr\u00e4sidenten Hassan Rohani und mit dem russischen Pr\u00e4sidenten Wladimir Putin geeinigt, dass keine Truppe nach Afrin verlegt werden solle.<\/p>\n<p>Die t\u00fcrkische Regierung lie\u00df wissen, Assads Truppen w\u00fcrden nur dann in Afrin akzeptiert, wenn sie die YPG entwaffneten. Daraus schlossen einige Kommentatoren, ein solches Szenario sei das eigentliche Ziel der T\u00fcrkei. Man kann es aber auch so lesen: Wer den t\u00fcrkischen \u00bbAntiterrorkampf\u00ab st\u00f6rt, wird angegriffen. Das legitimiert dann auch Attacken auf Assads Truppen.<\/p>\n<p>Assad ist zwar auf Putins Hilfe angewiesen, aber er ist nicht dessen Marionette. Putin kann Assad nicht fallen lassen, denn damit w\u00fcrde auch die russische Politik in Syrien scheitern. Erdo\u00ad\u011fan wiederum verfolgt langfristige \u00adZiele und ist nicht bereit, die t\u00fcrkisch-syrische Grenze wie vor dem syrischen B\u00fcrgerkrieg von Assad sch\u00fctzen zu \u00adlassen.<\/p>\n<p>Entsprechende Vorschl\u00e4ge, ge\u00e4u\u00dfert etwa vom ehemaligen t\u00fcrkischen General\u00adstabschefs \u0130lker Ba\u015fbu\u011f, lehnte Erdo\u011fan strikt ab. Wie die langfristigen Ziele der t\u00fcrkischen Politik in Syrien aussehen, wird an der Errichtung auf Dauer angelegter politischer Strukturen in dem bereits besetzten Gebiet bei al-Bab sichtbar, das die t\u00fcrkische Armee und mit ihr verb\u00fcndete Rebellentruppen vergangenes Jahr vom \u00bbIslamischen Staat\u00ab (IS) erobert hatten. Au\u00dferdem hat Erdo\u011fan K\u00e4mpfer aus etwa 30\u00a0Rebellengruppen unter dem Namen \u00bbNationale Armee\u00ab f\u00fcr den Angriff auf Afrin aufgestellt. Dieser verdeutlicht den Anspruch, dass es sich dabei um die eigentliche Ver\u00adtretung der syrischen Nation handle.<\/p>\n<p>Von der \u00d6ffentlichkeit kaum bemerkt hat die t\u00fcrkische Armee die Beobachtungsposten im Gebiet von Idlib, die der T\u00fcrkei in Verhandlungen mit Russland und dem Iran zugestanden wurden, zu St\u00fctzpunkten ausgebaut und errichtet weitere. Assad musste seine Offensive gegen Idlib deshalb vorerst aufgeben und wendete sich gegen Ghouta. Der nachlassende Druck auf Idlib erm\u00f6glichte es der T\u00fcrkei, von dort weitere Rebellen zum Kampf gegen Afrin abzuziehen.<\/p>\n<p>Mit Idlib und der \u00bbNationalen Armee\u00ab hat Erdo\u011fan ein Faustpfand bei Verhandlungen um die k\u00fcnftige Gestaltung Syriens in der Hand. Der t\u00fcrkische Journalist Kadri G\u00fcrsel meint, in Afrin gehe es Erdo\u011fan darum, das t\u00fcrkisch kontrollierte Gebiet bei al-Bab mit Idlib zu verbinden. Sollte das gelingen, w\u00fcrde die von Assad in jahrelangen K\u00e4mpfen zur\u00fcckeroberte zweitgr\u00f6\u00dfte syrische Stadt Aleppo von einem halbmondf\u00f6rmigen besetzten Gebiet eingefasst, das sich im Westen, Norden und Nordosten der Stadt erstreckt und in dem die aus mehrheitlich islamistischen Syrern bestehende \u00bbNationale Armee\u00ab und t\u00fcrkische Soldaten stehen. Dadurch werde die T\u00fcrkei zum Herrn \u00fcber die Zukunft Syriens. Dies k\u00f6nne aber nicht im Sinne der syrischen, \u00adiranischen und russischen Regierung sein, so G\u00fcrsel.<\/p>\n<p>F\u00fcr Putin gab es gute Gr\u00fcnde, Erdo\u00ad\u011fan den Angriff auf Afrin zu gestatten. Dass die Spannungen zwischen der T\u00fcrkei und den USA sich versch\u00e4rft haben, kann er als Erfolg verbuchen. Doch langfristig k\u00f6nnte er sich ver\u00adkalkuliert haben, denn bereits seine Syrien-Konferenz in Sotschi Ende Januar ist de facto geplatzt. Weder kamen die Kurden, noch hat die t\u00fcrkische Regierung aus Dankbarkeit daf\u00fcr gesorgt, dass eine vorzeigbare Beteiligung der syrischen Opposition zustande kam. Die USA sind trotz der t\u00fcrkischen Drohung nicht aus Syrien abgezogen und Putin muss nun mehr R\u00fccksicht auf Erdo\u011fan nehmen.<\/p>\n<p>Assad war vom ersten Tag an wegen des Einmarschs seines ehemaligen Verb\u00fcndeten Erdo\u011fan besorgt. Die Ressourcen f\u00fcr eine ernsthafte Verteidigung Afrins hat Assad nicht. Aber auch wenn die Entsendung einer \u00fcberschaubaren Streitmacht nach Afrin an der milit\u00e4rischen Lage nichts \u00e4ndert, so hat er doch klargemacht, dass er nicht willens ist, den t\u00fcrkischen Einfluss in Syrien einfach hinzunehmen.<\/p>\n<p>Die Fronten sind damit abgesteckt. Assad besteht darauf, weiterhin die einzige legitime Macht in ganz Syrien zu sein und diese Stellung gegen m\u00f6glicherweise zu Recht unterstellte neoosmanische Ambitionen Erdo\u011fans zu verteidigen. \u00dcberdies gibt der \u00adsyrische Pr\u00e4sident auch \u00bbden Zionisten\u00ab eine Mitschuld an der t\u00fcrkischen \u00adInvasion.<br \/>\nErdo\u011fan beruft sich nicht nur auf Terrorbek\u00e4mpfung, sondern auch darauf, der syrischen Nation, wie er sie sieht, zu ihrem Recht zu verhelfen. Dass in seiner \u00bbNationalen Armee\u00ab auch Menschen k\u00e4mpfen, die nicht aus Syrien kommen, st\u00f6rt ihn nicht.<\/p>\n<p>Er definiert die syrische Nation als sunnitisch und arabisch. Damit kann er auch die gro\u00dfe Zahl von Araberinnen und Arabern agitieren, die in der von den Kurden mit Unterst\u00fctzung der USA dominierten Zone in Syrien leben. Die USA scheinen f\u00fcr jene Bev\u00f6lkerungsgruppe kein politisches Programm zu haben und lindern auch nicht deren \u00f6konomische Not. Das k\u00f6nnte sich eines Tages bitter r\u00e4chen. Au\u00dferdem kann Erdo\u011fan diese Vers\u00e4umnisse gegen den Aleviten Assad nutzen. Ein Wahlb\u00fcndnis von Parteien, die antikurdisch und sunnitisch ausgerichtet sind, schmiedet Erdo\u011fan derzeit auch in der T\u00fcrkei. So wird die t\u00fcrkische Syrien-Politik auch im kommenden Wahlkampf eine wichtige \u00adRolle spielen.<\/p>\n<p>Allerdings hat sich Erdo\u011fans \u00bbNationale Armee\u00ab in Afrin als ineffektiv \u00aderwiesen. Ihre F\u00fchrer sind zerstritten und h\u00e4ufig korrupt. Russland kontrolliert den Luftraum und kann die T\u00fcrkei jederzeit aussperren. Putin scheint sich indessen, entgegen G\u00fcrsels Annahme, mit dem Gedanken angefreundet zu haben, Assad am Ende einen Frieden mit einer Opposition aushandeln zu lassen, die man international als halbwegs gem\u00e4\u00dfigt verkaufen kann und die finanziell, milit\u00e4risch und \u00adpolitisch von der T\u00fcrkei abh\u00e4ngig ist. Die USA h\u00e4tten keine vorzeigbare Alternative.<\/p>\n<p>Aber es ist nicht erkennbar, auf welchen Kompromiss sich Erdo\u011fan und Assad einigen k\u00f6nnten. Daher k\u00f6nnte Assads Entsendung einiger K\u00e4mpfer nach Afrin eine neue Runde im syrischen Krieg einl\u00e4uten.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2018\/09\/wettkampf-des-wahnsinns\">https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2018\/09\/wettkampf-des-wahnsinns<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Kampf um das nordsyrische Afrin hat Syriens Diktator Bashar al-Assad der kurdischen Miliz YPG Hilfstruppen geschickt. 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