{"id":3032,"date":"2018-08-15T09:02:25","date_gmt":"2018-08-15T08:02:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3032"},"modified":"2018-08-15T09:02:25","modified_gmt":"2018-08-15T08:02:25","slug":"die-geister-des-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3032","title":{"rendered":"Die Geister des Faschismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Angesichts der Krise der liberalen Demokratie und der Bedrohung durch einen neuen Faschismus hilft auf Dauer nur die \u00dcberwindung des Kapitalismus.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<p>Europa wird von einer Regression mit faschistischen Dispositionen heim\u00adgesucht. Sie f\u00e4llt nicht zuf\u00e4llig zusammen mit dem Ausklingen der Dominanz des Westens, der starken Migration sowie den Niederlagen und Deformationen von Befreiungsvisionen, wegen derer das Korrektiv fehlt, welches Ressentiments und autorit\u00e4re F\u00fchrungen aufhalten k\u00f6nnte. Medien und \u00adParteien kolportieren die Migration, nicht etwa die Enthumanisierung \u00adEuropas als Problem, im Netz nehmen antisemitische Kommentare \u00fcberhand und bei Wahlen hat die schnelle Vertreibung von Menschen soziale Themen verd\u00e4ngt.<\/p>\n<p>In Deutschland w\u00e4re die Bundeskanzlerin wegen ihrer humanistischen \u00adUmtriebe fast gest\u00fcrzt worden. In Italien grassiert der Mussolini-Kult, der Mit\u00adbegr\u00fcnder der Regierungspartei F\u00fcnf-Sterne-Bewegung, Guiseppe Grillo, setzt Fremde mit \u00bbTBC, Kr\u00e4tze, Aids und Cholera\u00ab gleich, Vict\u00f3r Orban will \u00adUngarn von \u00bbartfremden Kulturen\u00ab s\u00e4ubern.<\/p>\n<p>Andererseits zieht der B\u00fcrger den Verwaltungsakt einem Pogrom vor und es fehlt zu einem kompletten Faschismus an F\u00fchrerkult und an einer Mehrheit, die Parlamente und Gewerkschaften beseitigen, kritische Intellektuelle verhaften, \u00d6konomie und Kultur nationalisieren und die Gesellschaft rassistisch s\u00e4ubern will. Aber die Kooperation mit den Massen, auf die der Faschismus angewiesen ist, ist weit fortgeschritten. Nationen schotten sich gegen die Interessen des Kapitals ab, das die Fesseln der Nationalstaaten sprengt und offene Grenzen ben\u00f6tigt. Die Zeit druckt einen Kommentar, der sich gegen die Seenotrettung ausspricht, weil sie die Fl\u00fcchtlingskrise nur verschlimmere. 25\u00a0Prozent der Deutschen sind daf\u00fcr, an Grenzen auch auf Kinder zu schie\u00dfen.<\/p>\n<p>Alexander Gauland (AfD): \u00bbWir m\u00fcssen (\u2026) die grausamen Bilder \u00adaushalten, wir k\u00f6nnen uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen.\u00ab Hier \u00ad\u00e4u\u00dfert sich ein psychischer Totalitarismus, der f\u00fcr Unschuldige die H\u00f6chststrafe vorsieht: den Tod.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Kriterium f\u00fcr den Quantensprung ist die Ersetzung materi\u00adeller Bed\u00fcrfnisse durch Parolen. Der Faschismus hat die delikate Aufgabe, praktisch denkende Menschen zu einem irrationalen Verhalten zu bewegen, zum Verzicht f\u00fcrs Vaterland. Faschismus l\u00e4uft stets auf die Senkung des Konsums hinaus. Anders funktioniert er nicht, weil die Profite des nationalen Kapitals, das Luxusleben der F\u00fchrungen, Vettern und Beg\u00fcnstigten, die Militarisierung, die Kriege, Beamtenheere und Spitzelsysteme Unsummen verschlingen. Der NS-Staat war am Ende mit 500\u00a0Prozent des Sozialprodukts verschuldet. Dagegen ist der griechische Schuldenberg ein Witz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Motivation<\/strong><\/p>\n<p>Die F\u00fchrer lassen sich Villen \u00fcberschreiben, f\u00fcr andere liegt die Attraktivit\u00e4t des Faschismus in dem Versprechen, mit Fremden tabularasa zu machen, im Mord ohne Schuldgef\u00fchl und in der v\u00f6lkischen Kameradschaft. Sie blenden aus, was sie der Auspl\u00fcnderung des S\u00fcdens und der Einwanderung zu verdanken haben, oder f\u00fcrchten sich vor der Rechnung. Ohne Polen keine Stahlindustrie, ohne 13\u00a0Millionen Ost-Fl\u00fcchtlinge kein Wirtschaftswunder, das dann von Millionen S\u00fcdeurop\u00e4ern und T\u00fcrken (und nicht von Keynes) in Schwung gehalten wurde.<\/p>\n<p>Bitter ist, dass Linke seit geraumer Zeit Kriege, Eroberungen und Krisen nicht mehr dem Kapitalismus und dem Mehrwertraub der Nationen zuschreiben, sondern f\u00e4lschlich der Globalisierung und antisemitisch konnotierten Finanzen. Wenn der Kapitalismus durch das Globale und die Finanzen erst b\u00f6se geworden sein soll, ist der nationale, \u00bbschaffende\u00ab Kapitalismus gut und die Sehnsucht nach Nation und Heimat mit ihren ethnischen, rassis\u00adtischen und faschistischen Bindungen und Wahnvorstellungen w\u00e4chst.<br \/>\nEine andere Theorie geht von der Verderbtheit des Proletariats durch das Ende der Wertproduktion aus. Micha Brumlik schreibt: \u00bbHier der P\u00f6bel, dort exzessiver, dekadenter Reichtum: Das genau ist die Lage, in der sich westliche, postindustrielle Gesellschaften derzeit befinden (\u2026) in derart zugespitzter Form, dass eine neue Form des \u00adFaschismus nicht mehr ausgeschlossen erscheint. Motor dieses Abgleitens (\u2026) ist die durch Digitalisierung und Globalisierung \u203aobjektiv\u2039 \u00fcberfl\u00fcssig werdende Arbeiterklasse.\u00ab (Bl\u00e4tter f\u00fcr Deutsche und internationale Politik 8\/18). Das Abgleiten erfasst alle Gruppen. Die AfD bekommt 19\u00a0Prozent der Stimmen von Arbeitern\u00a0\u2013 so gro\u00df ist deren Anteil an der Bev\u00f6lkerung. In den USA haben das Proletariat im Rostg\u00fcrtel, Bibel\u00adtreue, Nationalkeynesianer, Teaparty-Republikaner, der Ku-Klux-Klan und die Alt-Right-Bewegung gemeinsam Donald Trump zum Sieg verholfen.<\/p>\n<p>Immer wieder wird das Ende der Wertproduktion verk\u00fcndet. 1899 \u00adweissagte Rosa Luxemburg den Kollaps. Der SDS meinte 1967, dass \u00bbdie Tota\u00adlit\u00e4t des Maschinenwesens das Wertgesetz abgeschafft\u00ab habe. Heute soll das Kapital sich erneut \u00bbder wertbildenden Arbeit\u00ab beraubt haben. In Wahrheit \u00aderleben wir keine Postindustrie, sondern den gr\u00f6\u00dften Industrieschub aller \u00adZeiten. Als Marx den Kapitalismus anhand der Daten von 1861 analysierte, gab es in der f\u00fchrenden Industrienation England 1,7\u00a0Millionen Industriearbeiter. Heute sind es in China 300\u00a0Millionen. In den f\u00fchrenden Industriel\u00e4ndern ist die Zahl der Industriearbeiter in 150\u00a0Jahren um 17 000\u00a0Prozent gestiegen\u00a0\u2013 am st\u00e4rksten in den vergangenen 20\u00a0Jahren. Die Annahme, dass diese Menschenmasse keinen Mehrwert produziere, also nicht ausgebeutet werde, ist ebenso esoterisch wie die Andeutung, dass der Mensch ohne Ausbeutung verr\u00fcckt (p\u00f6belig) werde.<\/p>\n<p>Motoren des Abgleitens sind\u00a0\u2013 neben Dummheit, Ideologie und teuflischen Traditionen\u00a0\u2013 die Marktwirtschaft, die Staaten, Unternehmen und Indivi\u00adduen permanent nach \u00bbproduktiv\u00ab und \u00bbunproduktiv\u00ab selektiert und ent\u00adsprechend Bewusstsein pr\u00e4gt, sowie die Entfremdung in der Arbeit. Arbeit hat die Menschheit vorangebracht, sie macht aber auch \u00bbstumpfsinnig und einf\u00e4ltig\u00ab (Adam Smith), konfisziert alle \u00bbgeistige T\u00e4tigkeit\u00ab (Friedrich Engels), schafft \u00bbPal\u00e4ste\u00ab, aber auch \u00bbBl\u00f6dsinn, Kretinismus f\u00fcr den Arbeiter\u00ab (Karl Marx). Der Mensch, der durch die Betriebsdiktatur, in die er jeden Morgen f\u00e4hrt, und andere Zw\u00e4nge um sein Leben betrogen wird, sucht, sofern er seine Lage nicht kritisch reflektiert, nach einem Objekt, an dem er sich schadlos halten kann.<\/p>\n<p>In Hoyerswerda wurden brandschatzende M\u00e4nner 1991 nach Motiven \u00adgefragt. \u00bbNeger zwingen ihre Frauen zu Sext\u00e4nzen in Kellerkneipen\u00ab, sagte einer. Ein anderer giftete: \u00bbDer hat wahrscheinlich im Heim drei Frauen.\u00ab Ein Dritter: \u00bbZigeunerinnen tragen \u00adkeine Unterhosen.\u00ab Die \u00bbNeger standen nur immer da mit ihrer unversch\u00e4mten L\u00e4ssigkeit, selbst nach der Arbeit, wenn sie kaputt waren\u00ab, sagte ein \u00adArbeiter. Die Verk\u00fcmmerten projizieren das ihnen abhanden gekommene lebendige Leben in entstellter Form auf Fremde und k\u00f6nnen erst ruhig schlafen, wenn jene vertrieben oder tot sind. Daran kn\u00fcpft Bj\u00f6rn H\u00f6cke (AfD) an, wenn er \u00fcber den hiesigen \u00bbPlatzhaltertyp\u00ab, der sich nicht vermehre, \u00bbund den afrikanischen Ausbreitungstyp\u00ab, der sich rasant vermehre, sinniert und sagt: \u00bbDas dr\u00e4ngendste Problem unserer Zeit ist der Verlust der M\u00e4nnlichkeit. Nur wenn wir unsere M\u00e4nnlichkeit wiederentdecken, \u00adwerden wir mannhaft.\u00ab Die doppelte Vermannung weist auf Defizite hin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dichter und Denker<\/strong><\/p>\n<p>Auch Intellektuelle, die das gro\u00dfe Brimborium erregt, sind dabei. 1993 machte der Spiegel-Essay \u00bbAnschwellender Bocksgesang\u00ab des Dichters Botho Strau\u00df Furore: \u00bbDass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaubten will und daf\u00fcr bereit ist, Blutopfer zu bringen, verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libert\u00e4ren Selbstbezogenheit f\u00fcr falsch und verwerflich.\u00ab Was sonst? Man war \u00adwieder beim Menschenopfer angelangt, das Gott schon im Alten Testament durch das Schaf ersetzt hatte. Martin Walser klagte \u00fcber die \u00bbMoralkeule Auschwitz\u00ab und der Philosoph Peter Sloterdijk r\u00fchmte Heidegger, der die Epochenfrage gestellt habe: \u00bbWas z\u00e4hmt noch den Menschen, wenn der Humanismus als Schule der Menschenz\u00e4hmung scheitert?\u00ab Der Nationalsozia\u00adlismus, meinte Heidegger. Die Aufkl\u00e4rung begreife nicht, \u00bbdass nicht der Mensch das Wesentliche ist, sondern das Sein als die Dimension des Eksta\u00adtischen der Eksistenz\u00ab. Das Brimborium also. Sodann pries er die \u00bbinnere Wahrheit und Gr\u00f6\u00dfe der nationalsozialistischen Bewegung\u00ab.<\/p>\n<p>Heute legen Politologen, Psychologen und Robert Habeck uns im Fernsehen ein offenes Ohr f\u00fcr Pegida und die Heimat als Grundbed\u00fcrfnis nahe. Habeck will sogar allen Menschen, \u00bbdie sich wegen der Globalisierung heimatlos \u00adf\u00fchlen\u00ab, eine \u00bbHeimat\u00ab spendieren. Die Wirkung ist fatal. Wenn Verblendete annehmen d\u00fcrfen, dass ihr Wahn sachlich zu er\u00f6rtern sei oder alle so d\u00e4chten wie sie, verwandeln sich Vorurteile in Gewissheiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die \u00bbL\u00f6sung\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Das System produziert und reproduziert das B\u00f6se. Dagegen ist jede Bewegung wertvoll, die faschistisches Agieren riskant macht und Solidarit\u00e4t aufblitzen l\u00e4sst. Auf Dauer hilft nur die \u00dcberwindung des Kapitalismus, der pausenlos Empathie killen muss, um zu funktionieren. In der neidvollen Projektion, dass Arbeitslose ihre Tage wohl genie\u00dfen, liegt versch\u00fcttet das Fundament der Befreiung. Erwerbst\u00e4tige m\u00fcssten nur noch so leben, wie sie es Arbeits\u00adlosen neiden, und die vom Sockel st\u00fcrzen, die ihnen den Weg dahin vesperren, statt ihre Entbehrung an Arbeitslosen, Ausl\u00e4ndern und Juden auszu\u00adlassen, die ihnen nichts tun. Arbeitslose wiederum m\u00fcssten tun, was Erwerbst\u00e4tige ihnen unterstellen. Auf diese Weise k\u00f6nnte der auf Entbehrung beruhende Anteil am Rassismus und Antisemitismus sinken.<\/p>\n<p><span class=\"ft\">Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2018\/32\/die-geister-des-faschismus\">https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2018\/32\/die-geister-des-faschismus<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der Krise der liberalen Demokratie und der Bedrohung durch einen neuen Faschismus hilft auf Dauer nur die \u00dcberwindung des Kapitalismus.  <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3032\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,328,14,10,242,406,681,108],"tags":[932,76,1072,1053],"class_list":["post-3032","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-antifa","category-antira","category-arbeitskampf","category-aus-aller-welt","category-emanzipation","category-migration","category-verdrangung","category-wirtschaftskrise","tag-faschismus","tag-kapitalismus","tag-marx","tag-proletariat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3032","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3032"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3032\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3033,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3032\/revisions\/3033"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3032"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3032"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3032"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}