{"id":3048,"date":"2018-09-05T11:00:48","date_gmt":"2018-09-05T10:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3048"},"modified":"2018-09-05T11:00:48","modified_gmt":"2018-09-05T10:00:48","slug":"auf-die-pauke-gehauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3048","title":{"rendered":"Auf die Pauke gehauen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nach rechten Ausschreitungen: Zehntausende in Chemnitz bei \u00bb#wirsindmehr\u00ab-Konzert. Musiker solidarisieren sich mit Antifaschisten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/wirsindmehr.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3049\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/wirsindmehr-300x176.jpg\" alt=\"wirsindmehr\" width=\"300\" height=\"176\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/wirsindmehr-300x176.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/wirsindmehr.jpg 700w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wenn Faschisten mit einer hohen Dezibelzahl zu vertreiben w\u00e4ren, dann m\u00fcsste der Montag abend in Chemnitz als voller Erfolg gewertet werden. Die innerhalb weniger Tage geplante und aufgebaute B\u00fchne unweit der Stadthalle und des Karl-Marx-Monuments beeindruckte an diesem Tag. Als Reaktion auf die Ereignisse der letzten Tage initiiert, sollte ein Zeichen gegen Rassismus und rechte \u00dcbergriffe gesetzt werden. Die in einen Hashtag verpackte Losung: \u00bbWir sind mehr\u00ab.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick lie\u00df sich nicht erahnen, in welchem politischen Kontext dieses Musikspektakel stand. Die ersten Gr\u00fcppchen, die sich bereits am fr\u00fchen Nachmittag auf den Weg zur B\u00fchne machten, fielen eher durch Bandshirts als durch Transparente mit politischen Botschaften auf. So richtig \u00e4nderte sich das auch nicht im Verlaufe des Abends. Zweifelhafte \u00bbH\u00f6hepunkte\u00ab bildeten geschwenkte Deutschlandfahnen, auf die glitzernde Herzen gemalt worden waren. Oder Pappschilder, auf denen \u00bbGrundgesetz rischtisch geil\u00ab zu lesen war. Die unwirklich anmutende Situation zwischen lauter Musik, Blumen- und Kerzenmeer an einem vermeintlichen Tatort, partyhungrigen Teenagern und \u00bbAlerta alerta\u00ab-Rufen war an diesem Abend nicht aufzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Die Menge an Menschen beeindruckte dagegen durchaus. Am Nachmittag hatten die Veranstalter noch davon gesprochen, gut 20.000 Besucher zu erwarten. Am Dienstag teilte die Stadtverwaltung mit, es seien rund 65.000 gewesen. Auch die Zusammensetzung der Teilnehmer kann als gutes Zeichen gewertet werden. Buchst\u00e4blich jung und alt, Eltern mit Kindern, Punks und Prolls waren zu sehen. Auch eine Kuba-Fahne wurde geschwenkt. Auf seiten der Polizei hie\u00df es, es seien \u00bbmehrere Hundertschaften\u00ab im Einsatz gewesen: aus sechs Bundesl\u00e4ndern sowie von der Bundespolizei.<\/p>\n<h3>Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Noch vor dem Konzert hatten die Musiker in der Chemnitzer Stadthalle erkl\u00e4rt, warum ihre Bands an diesem Tag spielen. Sie seien hier, um denen den R\u00fccken zu st\u00e4rken, die sich solidarisch f\u00fcr ihre Mitmenschen engagieren und die gegen Neonazis auf die Stra\u00dfe gehen. Letztere hatten in den vergangenen acht Tagen die Schlagzeilen bestimmt: angefangen von Menschenjagdszenen am vorletzten Sonntag, gefolgt von rund 6.000 Rechten, die sich am darauffolgenden Montag am Karl-Marx-Monument versammelten, um ihre St\u00e4rke zu demonstrieren. Ihrer Rhetorik folgend, gehe es ihnen um Trauer um Daniel H., der w\u00e4hrend des Chemnitzer Stadtfestes starb. Weil seine mutma\u00dflichen M\u00f6rder nicht im Nachbarort geboren wurden, sondern ausl\u00e4ndische Staatsb\u00fcrger sind, wurden faschistische Bedrohungsszenarien \u00fcber das \u00bbdeutsche Volk\u00ab als Opfer vermeintliche Wirklichkeit. Menschen, deren nichtdeutsche Herkunft in den Augen der Rechten ihre Minderwertigkeit belegten, wurden zum Ziel gewaltt\u00e4tiger Angriffe. Dass diese um die Welt gegangenen Szenen nicht auf ewig das Bild der s\u00e4chsischen Stadt pr\u00e4gen, darum seien sie heute hier.<\/p>\n<p>Dabei spielte Herkunft f\u00fcr die Musiker durchaus eine Rolle. Felix Kummer von der Band \u00bbKraftklub\u00ab betonte, er sei geb\u00fcrtiger Karl-Marx-St\u00e4dter. Ebenso wie \u00bbTrettmann\u00ab, der in Chemnitz als Stefan Richter geboren wurde. Der Rostocker Marten Laciny aka \u00bbMarteria\u00ab berichtete, wie er als Kind die Ausschreitungen in Lichtenhagen miterlebt hatte. Und Jan \u00bbMonchi\u00ab Gorkow von \u00bbFeine Sahne Fischfilet\u00ab sprach \u00fcber die Provinz in Mecklenburg-Vorpommern. Sie alle h\u00e4tten ihre eigenen Erfahrungen gemacht, was es hei\u00dft, mit Rassisten und Rechten vor der eigenen Haust\u00fcr umgehen zu m\u00fcssen. Naiv sei er nicht, sagte \u00bbKraftklub\u00ab-S\u00e4nger Kummer. Ein Konzert allein werde strukturelle Probleme nicht l\u00f6sen. Dennoch sei es wichtig, sich zu solidarisieren.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t betonten die Musiker auch untereinander. Das war f\u00fcr anwesende Medienvertreter insofern ein Grund zum \u00bbkritischen\u00ab Nachhaken, als im Vorfeld \u00fcber den Auftritt von \u00bbFeine Sahne Fischfilet\u00ab diskutiert worden war. Hintergrund ist die Beobachtung der Band durch den Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern wegen \u00bblinksextremistischer Bestrebungen\u00ab. S\u00e4nger Monchi erwiderte auf erwartbare Nachfragen, es sei das Bundesamt f\u00fcr Verfassungsschutz gewesen, das mit seinen V-Leuten Neonazistrukturen um den NSU erst erm\u00f6glicht habe. \u00bbWenn die uns schei\u00dfe finden, ist das ein Kompliment\u00ab, so das Fazit des Musikers \u2013 woraufhin etliche Medienvertreter applaudierten. Nicht auf dem Podium, daf\u00fcr sp\u00e4ter auf der B\u00fchne war die Berliner HipHop-Kombo \u00bbK.I.Z\u00ab. Rapper Maxim Dr\u00fcner betonte zwischen zwei Songs, dass es nicht darum gehen d\u00fcrfe, \u00bbbessere Deutsche\u00ab als die Neonazis zu sein. Rechte seien Bestandteil der deutschen Geschichte.<\/p>\n<h3>Schr\u00e4ge Zwischent\u00f6ne<\/h3>\n<p>Als letzte Band spielten an diesem Abend \u00bbDie Toten Hosen\u00ab. Ihr S\u00e4nger Campino hatte am Nachmittag erkl\u00e4rt, es gehe nicht um ein \u00bbrechts gegen links\u00ab. An diesem Tag w\u00fcrden alle gemeinsam gegen \u00bbrechtsau\u00dfen\u00ab auf die Stra\u00dfe gehen. In seinen Worten ist die Kritik schon angelegt, derer er sich seit l\u00e4ngerem Stellen muss: n\u00e4mlich die \u00bbRegierungskapelle von Frau Merkel\u00ab zu sein, wie er es selbst formulierte. Zwei Dinge seien ihm f\u00fcr den weiteren Verlauf des Abends wichtig: eine \u00bbRiesenzahl\u00ab an Menschen und \u00bbGewaltfreiheit\u00ab. Sein Ton fiel etwas ab von dem der anderen. Wenn die \u00bbHosen\u00ab jedoch als Zuschauermagnet mit ins Boot genommen worden sein sollten, muss der Plan wohl als Erfolg gewertet werden.<\/p>\n<p>Unweit der gro\u00dfen B\u00fchne legten am \u00bbNischel\u00ab, wie das Karl-Marx-Monument auch genannt wird, verschiedene DJs des Berliner Elektroclubs \u00bbAbout Blank\u00ab auf. Ein Mitglied der Gruppe berichtete, das urspr\u00fcnglich vor der kleinen B\u00fchne aufgeh\u00e4ngte Transparent mit der Aufschrift \u00bbAntifa statt Deutschland\u00ab sei von der Polizei untersagt worden. Dieses sei \u00bbprovozierend\u00ab, so die Beamten. Wenige Minuten vor neun Uhr abends, dem offiziellen Veranstaltungsende, entrollten einige das urspr\u00fcngliche Transparent, woraufhin die Menge jubelte. Auf <em>jW<\/em>-Nachfrage erkl\u00e4rte eine Polizeisprecherin am Dienstag, es sei ihren Kollegen lediglich um den Ort des Plakats (direkt am Karl-Marx-Monument) gegangen, nicht um den Inhalt der Aussage. Von solchen Kleinigkeiten abgesehen, blieb es an dem Abend ruhig. Dies galt auch f\u00fcr die Musik: Mit erschreckender P\u00fcnktlichkeit stoppte diese um Punkt neun Uhr.<\/p>\n<p>Zwischen \u00bbNischel\u00ab und B\u00fchne lagen Blumen und Kerzen an dem Ort, an dem Daniel H. mutma\u00dflich ermordet wurde. Darum herum standen ein paar Dutzend Menschen. W\u00e4hrend des Konzertes sperrten Polizisten den Bereich pl\u00f6tzlich ab. Auf Nachfrage hie\u00df es, einige Personen \u2013 gemeint waren offenbar Linke \u2013 h\u00e4tten sich zu vermummen versucht. Die Beamten h\u00e4tten dies untersagt und in der Folge Platzverweise ausgesprochen. Um m\u00f6gliche Eskalationen zu verhindern, habe man den Bereich abgeriegelt. In der Folge bildete sich um die Polizeikette eine Traube von Menschen. Auf Twitter teilte die s\u00e4chsische Polizei am Abend mit: \u00bbAktuell verhalten sich im Bereich des Gedenkortes Br\u00fcckenstra\u00dfe einige Personen nicht friedlich!\u00ab<\/p>\n<p>Noch am Montag sagte eine Beh\u00f6rdensprecherin gegen\u00fcber <em>jW<\/em>, sie sei f\u00fcr einen \u00bbdemokratischen Meinungsaustausch\u00ab. Allerdings d\u00fcrften sich gemeinsam Trauernde nicht gegenseitig provozieren, auch wenn es sich dabei sowohl um \u00bbRechte\u00ab als auch um \u00bbLinke\u00ab handle. Aus der \u00bbTrauergemeinschaft\u00ab heraus stach ein Mann, der \u00fcber Stunden ein Plakat in den H\u00e4nden trug, auf dem \u00bbWir sind B\u00fcrger, keine Nazis\u00ab stand. Ebenso war dort zu lesen: \u00bbIhr habt Blut an den H\u00e4nden\u00ab \u2013 in den Augen der Beamten wohl keine Provokation.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/339211.soli-konzert-in-chemnitz-auf-die-pauke-gehauen.html\">https:\/\/www.jungewelt.de\/artikel\/339211.soli-konzert-in-chemnitz-auf-die-pauke-gehauen.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach rechten Ausschreitungen: Zehntausende in Chemnitz bei \u00bb#wirsindmehr\u00ab-Konzert. 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