{"id":3141,"date":"2019-01-28T09:09:42","date_gmt":"2019-01-28T08:09:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3141"},"modified":"2019-01-28T09:09:42","modified_gmt":"2019-01-28T08:09:42","slug":"neonazis-morden-der-staat-schaut-nach-links","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3141","title":{"rendered":"Neonazis morden, der Staat schaut nach links"},"content":{"rendered":"<div class=\"body-wrapper col-xs-12 col-md-10 col-md-offset-1 col-xl-8 col-xl-offset-2\">\n<div class=\"row_bak\">\n<p><strong>Vor zehn Jahren ermordeten Neonazis Stanislaw Markelow und Anastasia Baburowa. Danach gingen russische Beh\u00f6rden zun\u00e4chst h\u00e4rter gegen rechtsextreme Gruppen vor, doch j\u00fcngst haben Neonaziangriffe wieder zugenommen.<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/antifarussland.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3142\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/antifarussland-300x200.jpg\" alt=\"antifarussland\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/antifarussland-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/antifarussland-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/antifarussland.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\nEs ist einer jener Jahrestage, an denen man mit Schrecken zur\u00fcckdenkt. Vor genau zehn Jahren, am 19. Januar 2009, ermordeten russische Neonazis in Moskau den Anwalt Stanislaw Markelow und die Journalistin Anastasia Baburowa. Dem Doppelmord waren Hunderte gewaltt\u00e4tige, politisch motivierte Angriffe mit Todesfolge vorausgegangen. Ziel organisierter Neonazigruppen waren nicht nur Antifaschisten und Antifaschistinnen wie Markelow und Baburowa, sondern haupts\u00e4chlich Menschen aus Zentralasien und dem Kaukasus. Dass die Zahl der Todesopfer rechtsextremen Terrors seit 2009 deutlich zur\u00fcckging, liegt in erster Linie daran, dass die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden, seither h\u00e4rter gegen diesen vorgingen, wohl aus Angst, die teils gut bewaffneten Banden k\u00f6nnten v\u00f6llig au\u00dfer Kontrolle geraten. Mehrj\u00e4hrige Haftstrafen bis hin zu lebensl\u00e4nglich\u00a0\u2013 was in Russland tats\u00e4chlich Freiheitsentzug bis zum Lebensende bedeutet\u00a0\u2013 f\u00fcr Angeh\u00f6rige des extrem rechten Milieus folgten.<\/p>\n<p>Im hohen Norden Russlands, in der Strafkolonie Nummer\u00a018, besser bekannt unter dem Namen \u00bbPolareule\u00ab, verb\u00fc\u00dft Nikita Tichonow, der M\u00f6rder von Markelow und Baburowa, seine Haftstrafe. Ebenfalls dort inhaftiert ist sein Freund Ilja Gorjatschew, der als intellektueller Kopf der Kampforganisation russischer Nationalisten (Born) galt und ambitionierte Pl\u00e4ne verfolgte. Er und Tichonow hatten Born als militanten Ableger der legalen rechtsextremen Vereinigung Russkij Obras gegr\u00fcndet. Gorjatschew verf\u00fcgte zwar \u00fcber Kontakte in die Pr\u00e4sidialverwaltung, ein Freischein f\u00fcrs T\u00f6ten vermeintlicher \u00bbFeinde des russischen Volkes\u00ab, war dies jedoch nicht. Wenngleich die russische F\u00fchrung jahrelang Nationalisten gew\u00e4hren und im Stadtzentrum aufmarschieren lie\u00df, ging Born mit dem Attentat auf Markelow und Baburowa zu weit, zumal die t\u00f6dlichen Sch\u00fcsse nur einen Kilometer Luftlinie vom Kreml entfernt abgegeben wurden.So mancher vor Gericht gestellte rechtsextreme M\u00f6rder war zum Tatzeitpunkt noch minderj\u00e4hrig oder kam mit einer weitaus geringeren Strafen davon. Das Urteil gegen Jewgenija Chasis, Tichonows Lebensgef\u00e4hrtin, die am 19. Januar 2009 als Sp\u00e4herin ma\u00dfgeblich an der Ausf\u00fchrung des geplanten Mordes beteiligt war, lautete 18\u00a0Jahre Haft. Wegen guter F\u00fchrung d\u00fcrfte sie in absehbarer Zeit ihre Freilassung beantragen k\u00f6nnen. Der Verantwortliche f\u00fcr den Mord an dem Antifaschisten Timur Katscharawa in St. Petersburg im Herbst 2005, Alexander Senin, tauchte unter und wurde erst vor wenigen Monaten vor Gericht gestellt. Den Mordvorwurf lie\u00df die Anklage jedoch fallen, Senin kooperierte mit den Ermittlern und wird wohl nur kurze Zeit in Haft verbringen.<\/p>\n<p>Auch bei anderen wegen Mordes, Totschlags oder versuchten Mordes verurteilten Neonazis l\u00e4uft die Haftzeit ab oder sie befinden sich bereits auf freiem Fu\u00df. Artur Ryno, der gestanden hatte, Mitte des vergangenen Jahrzehnts 37\u00a0rassistisch motivierte Morde ver\u00fcbt zu \u00adhaben, und der zweite Kopf der beteiligten Gruppe, Pawel Skatschewskij, z\u00e4hlen zu den Bekanntesten. Ryno war 2008 als zur Tatzeit Minderj\u00e4hriger zu zehn\u00a0Jahren Straflager verurteilt worden. Der \u00fcber ihn und Skatschewskij urteilende Richter Eduard Tschuwaschow fiel im April 2010 selbst dem Neonaziterror zum Opfer. Aleksej Korschunow erschoss ihn, einer der K\u00f6pfe von Born und urspr\u00fcnglich auch auf Markelow angesetzt. Einer lebensl\u00e4nglichen Gef\u00e4ngnisstrafe entging er nur dadurch, dass er sich rechtzeitig in die Ukraine besetzte, wo er bei der Explosion einer mit sich gef\u00fchrten Handgranate w\u00e4hrend des Joggens ums Leben kam.<\/p>\n<p>Obwohl zahlreiche Neonazis durch die Haft f\u00fcr immer oder vor\u00fcbergehend davon abgehalten werden konnten, ihrem m\u00f6rderischen Treiben weiter nachzugehen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie unt\u00e4tig bleiben. Gorjatschew bet\u00e4tigt sich publizistisch, Maxim Marzinkewitsch, der Gr\u00fcnder des weitverzweigten Netzwerks \u00bbRestrukt\u00ab, das unter anderem gezielt durch Jagd auf Homosexuelle aufgefallen ist, gibt Interviews. Darin inszeniert sich der immer schon publikumsorientierte bekennende Nationalsozialist als unkonventioneller Abenteurer, der sich inzwischen f\u00fcr die Ideen des freien Markts begeistere. Im \u00dcbrigen tauchen in den Ermittlungsakten der Strafsache gegen Born, deren Anh\u00e4nger insgesamt nicht weniger als elf Morde ver\u00fcbt haben, etliche Personen auf, deren jeweilige Rolle nie gekl\u00e4rt wurde und die selbst nie belangt worden waren, darunter der Anf\u00fchrer von \u00bbBlood and Honour\u00ab in Russland, Sergej Golubew.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die \u00e4lteren Kader an ihrer Selbstinszenierung arbeiten, schreiten die j\u00fcngeren zur Tat. Vor etwa zwei Jahren machte eine an inhaftierte und sich in Freiheit befindende Neonazis per Smartphone verschickte Nachricht die Runde. Darin hie\u00df es: \u00bbEs gibt keinen Weg zur\u00fcck, wir haben nichts zu verlieren.\u00ab Videoclips im Anhang zeigten kurz zuvor ver\u00fcbte brutale Angriffe. Im Sommer tauchten Videos im Internet auf, auf denen zu sehen ist, wie jemand gnadenlos mit einem Messer auf Obdach\u00adlose einsticht und ihnen schwere Verletzungen zuf\u00fcgt. Daraufhin nahm die Polizei einen jungen Mann und eine junge Frau fest. Weitere Videos einer Gruppe, die sich als \u00bbProjekt Sanit\u00e4ter-88\u00ab bezeichnet, zeigen gewaltt\u00e4tige Angriffe auf Obdachlose und Drogenabh\u00e4ngige. Im Oktober gab die Polizei die Festnahme eines Jugendlichen bekannt, der mit seinem Freund einen Obdachlosen in einem Moskauer Park maltr\u00e4tiert hatte.<\/p>\n<p>In Zeiten, in denen in Russland immer mehr gegen jene gehetzt wird, die der schrumpfende Sozialstaat fallen l\u00e4sst, ist diese Entwicklung nicht verwunderlich. Auch Migranten sind betroffen, aber der Schwerpunkt hat sich auffallend verschoben. Das russische LGBT-Netzwerk geht davon aus, dass etwa 15\u00a0Prozent der russischen Homosexuellen bereits Opfer gewaltt\u00e4tiger Angriffe geworden sind.<\/p>\n<p>Nach der antifaschistischen Demonstration in Moskau zum Jahrestag des Mordes an Markelow und Babu\u00adrowa am Samstag, an der sich wie jedes Jahr Hunderte Menschen beteiligten, herrschte Ern\u00fcchterung. Von Kampfstimmung war wenig zu sp\u00fcren, obwohl dieses Jahr die Terrorismusanklagen gegen russische Antifaschisten in Pensa und St. Petersburg anstehen. Die Neonazis setzen derweil ihren m\u00f6rderischen Feldzug fort.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2019\/04\/neonazis-morden-der-staat-schaut-nach-links\">https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2019\/04\/neonazis-morden-der-staat-schaut-nach-links<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zehn Jahren ermordeten Neonazis Stanislaw Markelow und Anastasia Baburowa. 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