{"id":3158,"date":"2019-02-20T11:50:34","date_gmt":"2019-02-20T10:50:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3158"},"modified":"2019-02-20T11:50:34","modified_gmt":"2019-02-20T10:50:34","slug":"klimakapitalismus-wer-sich-um-globale-erwarmung-sorgt-kommt-um-die-systemfrage-nicht-herum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3158","title":{"rendered":"Klimakapitalismus \u2013 Wer sich um globale Erw\u00e4rmung sorgt, kommt um die Systemfrage nicht herum"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit den Klimastreiks haben Sch\u00fcler*innen eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Bewegung gegen das Ignorieren des Klimawandels losgetreten. Dabei werden sie von allen Seiten mit dem Anspruch nach angeblich korrektem individuellem Konsum drangsaliert. Doch wenn die Frage nach Massnahmen gegen den Klimawandel nur individuell beantwortet wird, f\u00fchrt das ins Leere. Die zerst\u00f6rerische Logik des Kapitalismus kann nur durch kollektives Handeln \u00fcberwunden werden.<\/strong><\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise wird 2018 als das Jahr in die Geschichte eingehen, in dem der Klimawandel erstmals signifikanten Teilen der Metropolenbev\u00f6lkerung als etwas Dringliches erschien. Eigentlich ist die globale Erw\u00e4rmung als Folge des erh\u00f6hten CO2-Anteils in der Atmosph\u00e4re aufgrund der Verbrennung fossiler Materialien seit den 1970er Jahren bekannt. Lange fristete das Thema ein Schattendasein oder wurde als Obsession von fortschrittsfeindlichen Hysterikern abgetan. Aber mittlerweile verdichten sich die jedes Jahr heisseren Sommer, die Waldbr\u00e4nde, Sturmfluten und Hurrikane zur beunruhigenden Gewissheit, dass da tats\u00e4chlich etwas aus dem Lot geraten ist. <a href=\"https:\/\/public.wmo.int\/en\/media\/press-release\/wmo-climate-statement-past-4-years-warmest-record\">So vermeldete die Weltorganisation f\u00fcr Meteorologie Anfang 2019, dass die heissesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen allesamt in den vergangenen 22 Jahren gemessen wurden.<\/a><br \/>\n<strong>Die Zukunft wird ungem\u00fctlich<\/strong><\/p>\n<p>Nicht einmal die \u2013 aus mehrheitlich schlechten Gr\u00fcnden und unter t\u00e4tiger Mithilfe von Menschen mit Interesse am Erhalt des Status quo in Verruf gekommenen \u2013 Experten, von denen man sich gemeinhin n\u00fcchterne Appelle zur M\u00e4ssigung erhofft, tragen zur Beruhigung bei. Vielmehr ist das, was sie prognostizieren, auf ganzer Linie katastrophisch und zwar selbst dann, wenn entgegen allen Erwartungen die \u00e4usserst bescheidenen Klimaziele des Pariser Abkommens von 2015, das seit dem Austritt der USA eigentlich schon Makulatur ist, eingehalten werden. Unausgesprochene Grundlage der Verhandlungen dar\u00fcber, um wieviel Grad die Durchschnittstemperaturen in den n\u00e4chsten Jahrzehnten gegen\u00fcber vorindustriellen Zeiten ansteigen werden, ist nicht ob, sondern wie viele Menschen der sich abzeichnenden \u00f6kologischen Katastrophe zum Opfer fallen werden. D\u00fcrre, steigende Meeresspiegel, extreme Wetterereignisse, das massenhafte Unfruchtbarwerden von landwirtschaftlichen Anbaufl\u00e4chen und das Artensterben sind nur eine Seite des Problems \u2013 wie solche Ereignisse politisch verarbeitet werden, steht auf einem anderen nicht weniger beunruhigenden Blatt. Die \u00fcberall grassierende Wende nach rechts, Nationalismus, Chauvinismus und Feindlichkeit gegen\u00fcber Migrant*innen, sind nicht nur eine Folge der Krise des neoliberalen Kapitalismus des letzten Jahrzehnts, sondern auch eine Reaktion auf die sich abzeichnenden \u00f6kologischen Verwerfungen der kommenden Jahrzehnte, in denen sich Migration und ungleicher Zugang zu Ressourcen weiter verallgemeinern werden.<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Klimastreik_Schweiz_Schueler_595.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3159\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Klimastreik_Schweiz_Schueler_595-300x171.jpg\" alt=\"Klimastreik_Schweiz_Schueler_595\" width=\"300\" height=\"171\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Klimastreik_Schweiz_Schueler_595-300x171.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/Klimastreik_Schweiz_Schueler_595.jpg 595w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Wenn viele kleine Menschen viele kleine Schritte tun, bringt\u2019s das auch nicht<\/strong><\/p>\n<p>Doch es regt sich Widerstand. In immer mehr St\u00e4dten gehen Menschen auf die Strasse und protestieren. Mehr und mehr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler treten freitags in den Ausstand und streiken gegen eine Politik, die einer der dr\u00e4ngendsten Menschheitsfragen nichts als Lethargie und Sorge ums Wohl des Wirtschaftsstandorts entgegenbringt. <a href=\"https:\/\/www.fridaysforfuture.org\/eventlist\">F\u00fcr den 15. M\u00e4rz 2019 wird zum weltweiten Klimastreik aufgerufen<\/a>. Die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen, die sonst gerne \u00fcber eine nur an Smartphones und Social Media interessierte Jugend den Kopf sch\u00fctteln, sch\u00fctten k\u00fcbelweise H\u00e4me \u00fcber den vermeintlich gr\u00fcn-idealistischen Naivlingen aus. Am h\u00e4rtesten bekommt es die 16-j\u00e4hrige Schwedin Greta Thunberg ab, die im Alleingang die Klimastreiks angestossen hatte: Gegen sie gibt es regelrechte Kampagnen, vor allem von \u00e4lteren M\u00e4nnern, bei denen man sich fragt, was sie mehr f\u00fcrchten: den Verlust des Werts ihrer Aktiendepots oder den der beruhigenden Gewissheit, dass alles immer so weitergehen wird, wie sie es kennen.<\/p>\n<p>In den letzten Jahrzehnten hat die Hegemonie neoliberalen Denkens und Wirtschaftens vor allem eines durchgesetzt: Die Vorstellung, dass man f\u00fcr sein Schicksal ausschliesslich selbst verantwortlich ist. Wie Margret Thatcher einst bemerkte: \u00abThere is no such thing as society!\u00bb Diese Abwertung gesellschaftlichen Denkens und Handelns ging einher mit der Aufwertung individueller Konsumentscheidungen als Ort des Politischen. Damit werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen diese Entscheidungen getroffen werden, kaum mehr zum Thema gemacht. Du bist, was du konsumierst und das sollte am besten gr\u00fcn, nachhaltig und klimaneutral sein. <a href=\"https:\/\/www.nau.ch\/news\/wirtschaft\/tipps-fur-schuler-des-klimastreiks-65479167\">Das Feld der Klimapolitik ist ges\u00e4t mit Vorschl\u00e4gen, wie wir unseren individuellen \u00f6kologischen Fussabdruck reduzieren und welche Produkte wir bevorzugt konsumieren sollten.<\/a><\/p>\n<p>Nun spricht prinzipiell wenig dagegen, das Flugzeug zu meiden, weniger Plastik zu verwenden und seinen Fleischkonsum zu reduzieren, im Gegenteil. Doch die Appelle ans individuelle Konsumverhalten haben einen entscheidenden Sch\u00f6nheitsfehler: <a href=\"https:\/\/6fefcbb86e61af1b2fc4-c70d8ead6ced550b4d987d7c03fcdd1d.ssl.cf3.rackcdn.com\/cms\/reports\/documents\/000\/002\/327\/original\/Carbon-Majors-Report-2017.pdf?1501833772\">Laut dem Carbon Majors Report von 2017 gehen 71 Prozent der klimasch\u00e4dlichen CO2-Emissionen seit 1988 auf das Konto von gerade einmal 100 Firmen, darunter die \u00d6l- und Gasriesen Exxon Mobile, BP und Chevron<\/a>. Auch deren Produkte landen nat\u00fcrlich mehrheitlich beim Endverbraucher, nur ist mein Einfluss darauf, wie die Produkte, die ich konsumiere, hergestellt werden, ziemlich begrenzt. Hinzu kommt: \u00d6kologisches Konsumverhalten ist eine Klassenfrage, <a href=\"https:\/\/translibleipzig.wordpress.com\/2018\/12\/17\/vorlaeufige-gedanken-ueber-die-gilets-jaunes\/\">darauf haben die Gilets Jaunes in Frankreich, deren Bewegung mit Protesten gegen die h\u00f6here Besteuerung von Diesel ihren Anfang nahm, in den letzten Monaten mit Nachdruck hingewiesen<\/a>. Wenn die Regulierung von Treibhausemissionen ausschliesslich in Form von erh\u00f6hter Besteuerung erfolgt, bleibt es eine Frage des Geldbeutels, wer klimaschonend leben kann. Das f\u00e4ngt beim Individualverkehr an, f\u00fcr den es, nicht zuletzt infolge des neoliberalen Angriffs auf \u00f6ffentliche Infrastruktur, vielerorts keine Alternativen gibt. Dieses Muster setzt sich bei der Beheizung der Wohnr\u00e4ume fort und auch bei den Lebensmitteln, die man konsumiert. Und damit ist noch nichts \u00fcber die menschenfeindlichen Bedingungen gesagt, unter denen seltene Erden abgebaut werden, Grundbaustein vieler vermeintlich \u00abgr\u00fcner\u00bb Technologien von der Photovoltaikanlage bis zum Elektroauto.<\/p>\n<div class=\"fluid-width-video-wrapper\"><strong>Der Klimawandel ist kein Betriebsunfall<\/strong><\/div>\n<p>Angefangen mit der Dampfmaschine stand die Verbrennung fossiler Brennstoffe im Zentrum der technologischen Innovationen, die der kapitalistischen Produktionsweise ihre Dynamik verliehen: Transport von G\u00fctern und Personen, Elektrizit\u00e4t, mit der Maschinen aller Art betrieben werden, Kunststoffe \u2013 das alles h\u00e4ngt an fossilen Brennstoffen. Nicht-fossile Energiequellen spielen, abgesehen von der Atomenergie, f\u00fcr deren Restrisiken man bislang ebenso wenig eine L\u00f6sung gefunden hat, wie f\u00fcr die Endlagerung ihrer strahlenden Abf\u00e4lle, eine untergeordnete Rolle. Gleichzeitig ist der Kapitalismus aufgrund der Mechanismen der Konkurrenz, die sich sowohl zwischen Einzelunternehmen wie auch zwischen Nationalstaaten abspielt, darauf angewiesen, st\u00e4ndig zu wachsen. Neben technologischen Innovationen beruht dieses Wachstum vor allem auf der Ausweitung von Absatzm\u00e4rkten nach aussen (Imperialismus) und innen (Erschliessung neuer K\u00e4uferschichten). Wer sich in der Konkurrenz nicht durchsetzt, geht fr\u00fcher oder sp\u00e4ter im Marktgeschehen unter. Dem entspricht ein Denken, in dem Fragen nach der Nachhaltigkeit des Wirtschaftens, der Begrenztheit von Ressourcen oder dem blossen Fortexistieren der Spezies Mensch kurzfristigen Profiterwartungen systematisch untergeordnet werden. Und so setzen diejenigen Vertreter*innen der Kapitalinteressen, die den Klimawandel nicht einfach leugnen, schlicht darauf, dass in den n\u00e4chsten Jahrzehnten irgendwelche klimarettenden technologischen L\u00f6sungen gefunden werden. Derzeit spricht jedoch nichts daf\u00fcr, dass die bislang existierenden Technologien zur Abscheidung und Speicherung von CO2 in dem Masse ausweitbar sind, wie es erforderlich w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Auch aus Katastrophen l\u00e4sst sich Geld machen \u2013 wenn wir es zulassen<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt gute Gr\u00fcnde, daran zu zweifeln, dass diejenigen Profiteure des gegenw\u00e4rtigen Systems, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, einfach nur mit ideologischer Blindheit geschlagen sind. W\u00e4hrend offiziell vermeldet wird, dass es keinen Anlass zur Besorgnis g\u00e4be, werden bereits individuelle Exit-Strategien vorbereitet, um sich ans weniger zerst\u00f6rte andere Ende der Welt zur\u00fcckzuziehen, wenn es dereinst wirklich ungem\u00fctlich wird. <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/news\/2018\/feb\/15\/why-silicon-valley-billionaires-are-prepping-for-the-apocalypse-in-new-zealand\">Seit Jahren kaufen die Steinreichen dieser Welt im grossen Stil Grundst\u00fccke in Neuseeland. Und das in einer Zahl, die die neuseel\u00e4ndische Regierung letztes Jahr dazu bewog, den Verkauf von Wohneigentum an Ausl\u00e4nder*innen zu verbieten, um die grassierende Wohnungsnot einzud\u00e4mmen.<\/a> Wenn hierzulande Sch\u00fcler*innen f\u00fcr ihre Zukunft und gegen die herrschende Klimapolitik demonstrieren, dann ist das berechtigt. Doch die Zukunft der Klimakatastrophe ist in anderen Weltgegenden l\u00e4ngst Gegenwart: Vergleichsweise wenig zerst\u00f6rte Wohlstandsenklaven werden hermetisch gegen die Habenichtse abgeriegelt, die selber zusehen m\u00fcssen, wie sie mit den von der herrschenden wirtschaftlichen Ordnung verursachten Sch\u00e4den klarkommen. Vergangenen Dezember wurde die <em>Migrant Caravan<\/em> an der Grenze zwischen Mexiko und den USA mit Waffengewalt zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Diese Migrant*innen flohen nicht nur vor politischer Gewalt in ihren mittelamerikanischen Herkunftsl\u00e4ndern, sondern auch vor Armut und Hunger, die das Ergebnis von klimabedingten Ernteausf\u00e4llen sind. Doch m\u00f6rderische Grenzregimes sind nur das aussenpolitische Symptom einer Dynamik, die sich auch im Inneren der Nationalstaaten fortsetzt. Die gesellschaftlichen Folgen des Hurrikans Katrina 2005 im S\u00fcden der USA, bei dem die D\u00e4mme brachen und weite Teile von New Orleans \u00fcberflutet wurden, zeigen wohin die Reise geht. Beim Wiederaufbau der Stadt wurden Sozialwohnungen und \u00f6ffentliche Einrichtungen weitgehend abgerissen oder privatisiert, die armen (und zumeist schwarzen) Teile der Bewohnerschaft fanden in den neuaufgebauten Stadtteilen schlichtweg keinen bezahlbaren Wohnraum mehr und mussten in den ohnehin durch \u00d6lraffinerien massiv verseuchten K\u00fcstenstreifen im Umland nach einer Bleibe suchen. Ein solcher Katastrophenkapitalismus, bei dem findige Investor*innen den Schock nach einer Naturkatastrophe nutzen, um ebenso unpopul\u00e4re wie lukrative Umstrukturierungsmassnahmen durchzusetzen, war auch im Jahr 2017 nach dem Hurrikan Maria auf Puerto Rico am Werk. Dort findet Wiederaufbau nur statt, wenn es dabei etwas zu verdienen gibt. Das sp\u00e4testens seit der welt\u00f6konomischen Krise 2007\/08 allgegenw\u00e4rtige Muster, Krisenverluste zu vergesellschaften und Gewinne zu privatisieren, findet so seine Fortsetzung auf der Ebene des gesellschaftlichen Umgangs mit Naturkatastrophen. Gerade weil diese Dynamik einen systemimmanent logischen Charakter hat, ist es mit individuellen Konsumentscheidungen nicht getan. Um erfolgreich Widerstand gegen die zerst\u00f6rerische Logik des Kapitalismus zu leisten, m\u00fcssen wir kollektiv handeln. Und jedem Versuch, dieses kollektive Handeln wieder in individuelle Bahnen zur\u00fcckzulenken, widerstehen. Und deshalb, liebe Lehrer*innen der Kantonsschule Wiedikon, ist es auch keine gute Idee, eure streikenden Sch\u00fcler*innen mit Aufs\u00e4tzen \u00fcber ihren individuellen CO2-Ausstoss w\u00e4hrend ihrer Ferien zu bestrafen. <strong>Streikt lieber mit ihnen!<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/ajour-mag.ch\/klimakapitalismus\/\">https:\/\/ajour-mag.ch\/klimakapitalismus\/<\/a><br \/>\n<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den Klimastreiks haben Sch\u00fcler*innen eine l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llige Bewegung gegen das Ignorieren des Klimawandels losgetreten. Dabei werden sie von allen Seiten mit dem Anspruch nach angeblich korrektem individuellem Konsum drangsaliert. Doch wenn die Frage nach Massnahmen gegen den Klimawandel nur individuell beantwortet wird, f\u00fchrt das ins Leere. 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