{"id":3198,"date":"2019-05-08T09:01:44","date_gmt":"2019-05-08T08:01:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3198"},"modified":"2019-05-08T09:01:44","modified_gmt":"2019-05-08T08:01:44","slug":"rebellion-in-london","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3198","title":{"rendered":"Rebellion in London"},"content":{"rendered":"<p><strong>In London haben Tausende Menschen aus Protest gegen die britische Klimapolitik tagelang Verkehrsknotenpunkte besetzt. Die Aktion zeigt bereits Erfolge, die Stimmung im Land \u00e4ndert sich.<\/p>\n<p><\/strong><\/p>\n<div class=\"body-wrapper col-xs-12 col-md-10 col-md-offset-1 col-xl-8 col-xl-offset-2\">\n<div class=\"row_bak\">\n<p>Das rosa Segelboot mit dem Namen \u00bbBerta C\u00e1ceres\u00ab, das durch den morgendlichen Verkehr der Londoner Innenstadt gezogen wurde, fiel zun\u00e4chst wohl kaum jemanden auf. Doch das \u00e4nderte sich sehr schnell, als der Anh\u00e4nger mit dem Boot mitten auf der Stra\u00dfenkreuzung Oxford Circus zum Stehen kam und von Dutzenden Protestierenden umringt wurde, von denen sich einige an den Anh\u00e4nger ketteten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/klimalondon.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3199\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/klimalondon-300x200.jpg\" alt=\"klimalondon\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/klimalondon-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/klimalondon-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/klimalondon.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\nAm Montag vor Ostern, dem Beginn der Osterferien in Gro\u00dfbritannien, besetzten Mitglieder der Umweltschutzgruppe \u00bbExtinction Rebellion\u00ab (XR) gleichzeitig vier zentrale Verkehrswege in London. Am Marble Arch am Rande der westlichen Innenstadt bauten sie ein Protestcamp auf. Die Waterloo Bridge \u00fcber die Themse wurde mit einem quergestellten Laster abgesperrt, die Betonbr\u00fccke mit Dutzenden B\u00e4umen und Blumen geschm\u00fcckt und in eine B\u00fchne verwandelt. Vor dem Parlament in Westminister, wo in den vergangenen Monaten meist Bef\u00fcrworter und Gegner des britischen EU-Austritts protestiert hatten, blockierten die Umweltsch\u00fctzerinnen und Umweltsch\u00fctzer ebenfalls alle Stra\u00dfen, um dort eine \u00bbB\u00fcrgerversammlung\u00ab abzuhalten.An jedem der Orte versammelten sich sofort Gruppen von Protestierenden um die Stra\u00dfenblockaden und machten der allm\u00e4hlich eintreffenden Polizei klar, dass sie sich nicht freiwillig bewegen w\u00fcrden und festgenommen werden m\u00fcssten. Diese \u00bbarrestables\u00ab erkl\u00e4rten ihren zivilen Ungehorsam, w\u00e4hrend hinter ihnen andere Aktivistinnen und Aktivisten mit dem Aufbau der Protestinfrastruktur ungest\u00f6rt weitermachen konnten. So gelang es XR innerhalb einiger Stunden, nicht nur wichtige Teile der Londoner Innenstadt autofrei zu machen. Alle vier Blockaden konnten tagelang gehalten werden. Am Donnerstag vergangener Woche beendete \u00bbExtinction Rebellion\u00ab den zehnt\u00e4tigen Protest. Tausende Menschen hatten sich daran beteiligt.<\/p>\n<p>Mit ihrer versierten Protesttaktik verliehen die Klimasch\u00fctzerinnen und Klimasch\u00fctzer ihren drei zentralen Forderungen Nachdruck: Demnach soll die Regierung den Klimanotstand ausrufen, eine \u00bbB\u00fcrgerversammlung\u00ab zum Klimawandel einberufen und Schritte einleiten, damit der Netto-Treibhausgasaussto\u00df in Gro\u00dfbritannien bis 2025 auf null reduziert wird. Die britische \u00d6ffentlichkeit erfreute sich dank der Proteste einer h\u00f6chst willkommenen Verschnaufpause vom Dauerthema EU-Austritt. Die Aktionen und Argumente der Klimasch\u00fctzerinnen und -sch\u00fctzer \u00e4hneln denen der Schulstreikbewegung \u00bbFridays for Future\u00ab und sind politisch anscheinend ebenso schwer zur\u00fcckzuweisen.<\/p>\n<p>So \u00e4u\u00dferte sich die normalerweise h\u00f6chst geh\u00e4ssige britische Boulevardpresse zwar anfangs noch erwartungsgem\u00e4\u00df abf\u00e4llig \u00fcber die \u00bb\u00d6ko-Mittelschicht mit ihrem Umweltausraster\u00ab und spiegelte die umfangreichen Beschwerden von Londoner Auto- und Taxifahrern. Innenminister Sajid Javid, der sich derzeit als Nachfolgekandidat f\u00fcr die angeschlagene Premierministerin Theresa May positioniert, forderte lautstark ein kompromissloses Vorgehen der Polizei gegen die \u00bbGesetzesbrecher\u00ab. Doch im Laufe der Proteste \u00e4nderte sich die Stimmung deutlich. Immer mehr Kommentare auch in konservativen Zeitungen erkannten die Forderungen der Protestierenden als berechtigt an, wenn sie vielleicht auch unrealistisch seien. Auch bei den Londonerinnen und Londonern, die f\u00fcr einige Tage unter anderem eine autofreie Oxford Street genie\u00dfen konnten, gewannen die Protestierenden immer mehr Zustimmung. Politiker reagierten: Der Vorsitzende der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, traf die Protestierenden mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Oppositionsparteien am Dienstag. Umweltminister Michael Gove k\u00fcndigte am selben Tag an, er wolle mit Vertretern von XR sprechen.<\/p>\n<p>Zuvor hatte Greta Thunberg, die ohnehin zu Besuch in London war, ihre Solidarit\u00e4t mit der XR erkl\u00e4rt. Viele der Beteiligten an den Londoner Protesten wiesen auf die Sch\u00fclerstreiks als Inspiration ihrer Aktionen hin, auch wenn XR einen anderen Ursprung hat. Die Gruppe wurde im Oktober\u00a02018 von einer Handvoll Veteranen der radikalen britischen Umweltbewegung und Klimawissenschaftlern gegr\u00fcndet, die auch die Strategie entwarfen. Im November veranstaltete die Gruppe eine erste Runde von Blockaden in der Londoner Innenstadt, die allerdings nur \u00adeinen Tag dauerten und wenige Festnahmen nach sich zogen.<\/p>\n<p>Vergangene Woche nahm die Polizei im Laufe der Proteste \u00fcber 1 100\u00a0Menschen fest. Das durchweg friedliche Vorgehen der Protestierenden machte \u00fcbliche polizeiliche Aufstandsbek\u00e4mpfungsmittel wie die Verwendung von Schlagst\u00f6cken, das Einkesseln von Demonstrierenden oder den Einsatz von Pferdestaffeln politisch wenig opportun. Die Protestierenden hatten wiederholt betont, dass sie die Polizei nicht als Gegner ans\u00e4hen. Einige linke Gruppen kritisierten dieses Verhalten vehement. XR sei weitgehend von Personen gepr\u00e4gt, die aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres sozialen Hintergrunds keine Erfahrung mit Polizeigewalt h\u00e4tten, hie\u00df es.Mitglieder von XR hielten dagegen, dass sie ihre \u00bbPrivilegien\u00ab bewusst nutzen w\u00fcrden. Viele andere Menschen, auch in anderen politischen Kontexten, k\u00f6nnten nicht so vorgehen, und genau deswegen m\u00fcssten sie es tun. Das rosa Segelboot vom Oxford Circus hatte XR nach der 2016 ermordeten Umweltsch\u00fctzerin Berta C\u00e1ceres aus Honduras benannt.<\/p>\n<p>Wichtig ist in diesem Zusammenhang allerdings auch die Rolle von Jahren intensiver Antirepressionsarbeit durch kritische Journalisten und Linke in Gro\u00dfbritannien. 2009 hatte es bei einem vergleichbaren Versuch von Klimasch\u00fctzern, ein Protestcamp in der Innenstadt von London w\u00e4hrend des damaligen G20-Gipfels zu errichten, brutale Polizei\u00fcbergriffe gegeben. Das damalige Camp mitsamt seinen durchweg friedlichen Protestierenden wurde unter Schlagstockeinsatz binnen weniger Stunden aufgel\u00f6st. Dabei wurde der an den Protesten unbeteiligte Zeitungsverk\u00e4ufer Ian Tomlinson von einem Polizisten get\u00f6tet. Politischer Druck und kritische Aufkl\u00e4rungsarbeit f\u00fchrten danach zu einer \u00c4nderung der Richtlinien f\u00fcr Eins\u00e4tze der Londoner Polizei.<\/p>\n<p>Davon profitierten nun die Mitglieder von XR. Sie nutzten auch die Erfahrungen fr\u00fcherer Protestcamps in der Stadt, wie Occupy London Stock Exchange von 2011. So wurde zwar gr\u00f6\u00dfter Wert auf Massendemokratie und offene Versammlungen gelegt, zugleich legten die Organisatorinnen und Organisatoren der Camps aber ihr Verst\u00e4ndnis von \u00bbpost-consensus\u00ab dar. Damit meinten sie, dass wichtige Entscheidungen zwar von allen diskutiert und beschlossen werden, Organisatorinnen und Organisatoren aber strategische und taktische Vorschl\u00e4ge machen, die die Diskussionen eingrenzen. Auch der kompromisslose Verzicht auf Alkohol und Drogenkonsum wurde in den Camps von XR durchgesetzt.<\/p>\n<p>Doch die wohl wichtigste Lehre aus der \u00bbOccupy\u00ab-Bewegung zog XR durch die selbstgew\u00e4hlte \u00bbPause\u00ab der Proteste denn die ununterbrochenen \u00bbOccupy\u00ab-\u00adProteste verliefen letztlich im Sande. Anstatt nun die Camps auf Dauer zu halten, zogen sich die Protestierenden nach zehn Tagen zur\u00fcck\u00a0\u2013 mit dem Versprechen, bald wiederzukommen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2019\/18\/rebellion-london\">https:\/\/www.jungle.world\/artikel\/2019\/18\/rebellion-london<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In London haben Tausende Menschen aus Protest gegen die britische Klimapolitik tagelang Verkehrsknotenpunkte besetzt. 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