{"id":3278,"date":"2019-09-19T16:25:07","date_gmt":"2019-09-19T15:25:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3278"},"modified":"2019-09-19T16:25:36","modified_gmt":"2019-09-19T15:25:36","slug":"die-stapo-im-kommunikativen-ruckzugsgefecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3278","title":{"rendered":"Die Stapo im kommunikativen R\u00fcckzugsgefecht"},"content":{"rendered":"\n<p> <strong>Tr\u00e4nengas? Nein. Gewalt? Ging nur von den DemonstrantInnen aus. Die  Z\u00fcrcher Stadtpolizei sch\u00f6nte am Wochenende eine h\u00f6chst fragw\u00fcrdige  Realit\u00e4t und h\u00e4lt seither trotzig daran fest. Eine Rekonstruktion. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marco Cortesi war nicht zu beneiden. Der Mediensprecher der \nStadtz\u00fcrcher Polizei, selbst eine Art Medienstar&nbsp;\u2013 \u00abCharmant, \nsonnengebr\u00e4unt und immer zur Stelle\u00bb (\u00abBlick\u00bb)&nbsp;\u2013, stand im Dauereinsatz.\n In Z\u00fcrich waren am Samstagnachmittag gleich drei Kundgebungen \nunterwegs: der von christlich-fundamentalistischen \nAbtreibungsgegnerInnen lancierte \u00abMarsch f\u00fcrs L\u00e4be\u00bb auf dem \nTurbinenplatz im Kreis&nbsp;5, eine unbewilligte Gegendemo auf der nahen \nJosefwiese, die das \u00abB\u00fcndnis f\u00fcr ein selbstbestimmtes Leben\u00bb organisiert\n hatte, sowie eine bewilligte und von der Juso angemeldete Gegendemo auf\n dem Helvetiaplatz.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"400\" height=\"267\" class=\"wp-image-3279\" style=\"width: 400px;\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/bullenz\u00fcrich.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/bullenz\u00fcrich.jpg 604w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/bullenz\u00fcrich-300x200.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/>Am Ende des Tages besch\u00e4ftigte die Z\u00fcrcher Stadtpolizei\u00a0(Stapo) vor  allem die unbewilligte Demo rund um die Josefwiese. Auf Tele Z\u00fcri  beschrieb Cortesi den Polizeieinsatz am fr\u00fchen Abend wie folgt: \u00abMan hat  Polizisten mit Gegenst\u00e4nden beworfen, Container angez\u00fcndet und  Strassenbarrikaden gemacht.\u00bb Die \u00abSchlussbilanz\u00bb verk\u00fcndete  175\u00a0kontrollierte Personen sowie die Festnahme eines Dreissigj\u00e4hrigen  wegen Gewalt und Drohung gegen Beamte. Hinzu kamen zwei durch  Wurfgegenst\u00e4nde \u00abnicht gravierend verletzte\u00bb Polizisten und ein \u00abmassiv  besch\u00e4digtes Polizeifahrzeug\u00bb. Entsprechend die Schlagzeilen vieler  Medien: \u00abKrawallmacher st\u00f6ren Demo der Abtreibungsgegner\u00bb oder  \u00abMeinungsfreiheit mit F\u00fcssen getreten\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Um 15.45 Uhr knallte es<\/h4>\n\n\n\n<p>Doch das Lagebild der Polizei bekam schon bald Risse. Als ein \nTele-Z\u00fcri-Journalist fragte, ob die Polizei auf der Josefwiese auch \nTr\u00e4nengas eingesetzt habe, sagte Cortesi zun\u00e4chst unbeirrt, gem\u00e4ss \nseinen Informationen \u00abhaben wir dort nie Tr\u00e4nengas eingesetzt\u00bb. Eine \nAussage, die der Mediensprecher bereits am Sonntag abschw\u00e4chen musste&nbsp;\u2013 \nangesichts von Medienfragen sowie von ver\u00f6ffentlichten Foto- und \nVideoaufnahmen, die den Einsatz von Tr\u00e4nengas vor Ort dokumentierten: \n\u00abTatsache ist, dass nicht absichtlich Tr\u00e4nengas eingesetzt wurde auf \ndieser Josefwiese. Da bleibe ich dabei.\u00bb Es sei m\u00f6glich, dass der Wind \ngewisse Schwaden auf die Wiese getrieben habe und Unbeteiligte betroffen\n gewesen seien, sagte Cortesi. Hinter ihm standen auf den TV-Bildern gut\n sichtbar zwei offenbar konfiszierte Kinderwagen. Der \nStapo-Twitter-Account meldete am Samstagnachmittag: \u00abUnsere \nEinsatzkr\u00e4fte vor Ort melden, dass im unbewilligten Demonstrationszug \nKinderwagen mitgef\u00fchrt werden, die mit Wurfgegenst\u00e4nden gef\u00fcllt sind.\u00bb \nDavon war im Bild hinter Cortesi nichts zu sehen, stattdessen \nSoundanlagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die WOZ hat versucht, den Polizeieinsatz um die Josefwiese so pr\u00e4zise\n wie m\u00f6glich zu rekonstruieren. Sie wertete exklusives Bild- und \nVideomaterial aus und sprach mit einem Dutzend AugenzeugInnen&nbsp;\u2013 sowohl \nmit unbeteiligten ParkbesucherInnen wie auch mit \nKundgebungsteilnehmerInnen. Die zw\u00f6lf unabh\u00e4ngig voneinander eingeholten\n Schilderungen und das Bildmaterial widersprechen der offiziellen \nLageeinsch\u00e4tzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Absicht hinter der unbewilligten Gegendemo im Vorfeld: den \n\u00abMarsch f\u00fcrs L\u00e4be\u00bb zu verhindern und f\u00fcr das \u00abhart erk\u00e4mpfte Frauenrecht\n auf Abtreibung einzustehen\u00bb. Dem Aufruf folgten \u00fcber tausend Personen \naus feministischen, queeren und antirassistischen Kreisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gem\u00e4ss AugenzeugInnen war die Lage auf der Josefwiese bis um etwa \n15.45&nbsp;Uhr friedlich. Die Situation \u00e4nderte sich schlagartig, als die \nPolizei die DemonstrantInnen aus den umliegenden Strassen auf die \nJosefwiese dr\u00e4ngte.<\/p>\n\n\n\n<p>No\u00e9mi Bartha, die unweit der Josefwiese wohnt und mit FreundInnen \nsowie ihren zwei Kindern zu dem Zeitpunkt vor Ort war, schildert, wie es\n pl\u00f6tzlich in unmittelbarer N\u00e4he des Spielplatzes, wo ihre Kinder waren,\n geknallt habe. \u00abUnd ohne Vorwarnung kam Tr\u00e4nengas zum Einsatz, wir \nh\u00f6rten Gummigeschosse, und Panik brach aus.\u00bb Innert k\u00fcrzester Zeit sei \ndie Situation bedrohlich geworden. Sie h\u00e4tten dann zum Gl\u00fcck rasch in \nder nahen Tangoschule Platz gefunden. \u00abEs waren viele Eltern mit ihren \nKindern da, alle Kinder weinten. Aus meiner Sicht hat sich die ganze \nSituation als unn\u00f6tige Angstmacherei der Polizei angef\u00fchlt. Sie waren \n\u00fcberall sichtbar und machten einen bedrohlichen Eindruck.\u00bb Diese \nDarstellung best\u00e4tigen alle befragten AugenzeugInnen, die zum fraglichen\n Zeitpunkt direkt involviert waren: Als bedrohlich wurde das \nPolizeiaufgebot wahrgenommen, nicht die DemonstrantInnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kathrin, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen m\u00f6chte,\n war als Teilnehmerin auf der Josefwiese. Sie beschreibt, wie die \nStimmung gekippt sei, als \u00abein Sechserteam der Polizei in Vollmontur mit\n weissen Helmen am Rand der Josefwiese aggressiv wirkend \nherummarschierte\u00bb. Diese seien daraufhin auf dem Weg einer Hecke entlang\n von Anwesenden mit Kies beworfen und beschimpft worden. \u00abZeitgleich \ntraf dort eine Demonstrationsgruppe ein, die vor Polizisten fl\u00fcchtete, \ndie Gummigeschosse und Tr\u00e4nengaspetarden abfeuerten. Ein Teil davon \nlandete auf dem Spielplatz\u00bb, sagt Kathrin. Dann sei es un\u00fcbersichtlich \ngeworden: \u00abNoch mehr Tr\u00e4nengaspatronen flogen \u00fcber die Hecke auf die \nJosefwiese. Mehrere Patronen landeten direkt neben noch spielenden \nKindern und Kinderwagen. Eine Frau zerrte ein Kind weg, die Kinderwagen \nwurden von umstehenden Leuten in Sicherheit gebracht. Alle rannten, \nKinder schrien, Eltern schrien, alle schrien die Polizisten an, die \nendlich zur\u00fcckwichen.\u00bb Die Aussagen Kathrins decken sich mit \nVideoaufnahmen, die der WOZ vorliegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Teil der befragten ZeugInnen \u00fcbte auch Kritik an der Gegendemo: \nWarum wurde die Josefwiese als Versammlungsort ausgew\u00e4hlt, wo immer \nviele Kinder und andere Unbeteiligte sind? Weshalb waren gewisse \nTeilnehmerInnen vermummt, wieso mussten Container brennen&nbsp;\u2013 Bilder, die \nPolizei und Medien dankbar aufnehmen?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00abMitteleinsatz\u00bb<\/h4>\n\n\n\n<p>Die WOZ hat die Stapo mit den mit Bildmaterial unterlegten Aussagen \nder zw\u00f6lf AugenzeugInnen konfrontiert. Die Stapo h\u00e4lt an folgender \nDarstellung fest: \u00abEin Auftrag, an die Polizeiangeh\u00f6rigen an der Front, \nauf der Josefwiese Tr\u00e4nengas einzusetzen, wurde nie erteilt. Es gibt \nauch keine Hinweise darauf, dass Wurfk\u00f6rper durch die Polizei auf die \nJosefwiese geworfen wurden.\u00bb Jedoch seien im Bereich nahe der Josefwiese\n bei heftigen Angriffen auf die Polizei zur Selbstverteidigung \n\u00abHandwurfk\u00f6rper\u00bb mit Tr\u00e4nengas eingesetzt worden. Nach diesem \n\u00abMitteleinsatz\u00bb h\u00e4tten sich \u00abdie fl\u00fcchtenden gewaltbereiten \nDemonstranten auf die Josefwiese zur\u00fcckgezogen, was auch zur \nVerunsicherung von unbeteiligten Personen gef\u00fchrt haben d\u00fcrfte\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">\u00abAllf\u00e4llige Schwaden\u00bb<\/h4>\n\n\n\n<p>Die WOZ hat bei der Stapo auch wegen der Wurfgegenst\u00e4nde in den \nkonfiszierten Kinderwagen nachgefragt. Gem\u00e4ss Angaben aus dem Umfeld des\n \u00abB\u00fcndnisses f\u00fcr ein selbstbestimmtes Leben\u00bb wurden in den Kinderwagen \nlediglich Soundboxen transportiert. Die Stapo sagt dazu: \u00abDie Polizisten\n stellten w\u00e4hrend eines Einsatzes, als sie von Vermummten angegriffen \nwurden, Wurfgegenst\u00e4nde in Kinderwagen fest. Zu diesem Zeitpunkt war es \naufgrund der kritischen Sicherheitslage jedoch nicht m\u00f6glich, diese \nsicherzustellen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Auch das von der Gr\u00fcnen Karin Rykart gef\u00fchrte Stadtz\u00fcrcher  Sicherheitsdepartement \u00e4usserte sich auf Anfrage: \u00abDer Polizeieinsatz am  vergangenen Samstag wird gesamthaft als korrekt und verh\u00e4ltnism\u00e4ssig  beurteilt. Aus dem Einsatz von Reizstoff wird die Stadtpolizei die  notwendigen Lehren ziehen.\u00bb F\u00fcr das Sicherheitsdepartement sind \u00abdie  beabsichtigte St\u00f6rung einer bewilligten Demonstration und die Gewalt  gegen\u00fcber Angeh\u00f6rigen der Stadtpolizei inakzeptabel\u00bb. Trotz der  vorliegenden AugenzeugInnenaussagen und des Bildmaterials spricht das  Sicherheitsdepartement weiter von \u00aballf\u00e4lligen Schwaden, die  m\u00f6glicherweise vom Wind auf die Josefwiese getragen wurden\u00bb.<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/1938\/marsch-fuers-laebe\/die-stapo-im-kommunikativen-rueckzugsgefecht\">https:\/\/www.woz.ch\/1938\/marsch-fuers-laebe\/die-stapo-im-kommunikativen-rueckzugsgefecht<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>  <\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tr\u00e4nengas? Nein. Gewalt? Ging nur von den DemonstrantInnen aus. Die Z\u00fcrcher Stadtpolizei sch\u00f6nte am Wochenende eine h\u00f6chst fragw\u00fcrdige Realit\u00e4t und h\u00e4lt seither trotzig daran fest. Eine Rekonstruktion. Marco Cortesi war nicht zu beneiden. 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