{"id":3388,"date":"2020-03-16T20:49:32","date_gmt":"2020-03-16T19:49:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3388"},"modified":"2020-03-16T20:49:32","modified_gmt":"2020-03-16T19:49:32","slug":"corona-solidaritat-ist-auch-eine-medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3388","title":{"rendered":"Corona: Solidarit\u00e4t ist auch eine Medizin"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Artikel aus dem Lowerclass  Magazin zur Frage, wie wir als Antikapitalist*innen einen politischen  Umgang mit der Corona-Krise finden, statt wie im Kino abzuwarten, was  als n\u00e4chstes passiert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Flugzeuge\n fliegen leer hin und her, um ihre Landegenehmigungs-Slots an Flugh\u00e4fen \nnicht zu verlieren. Kapitalisten kaufen Atemschutzmasken auf und \nverkaufen sie dann zu Wucherpreisen. Profitable Gro\u00dfveranstaltungen \nfinden gegen den Rat von Fachleuten statt. In ihrer Liquidit\u00e4t bedrohte \nUnternehmen erhalten schnell und unb\u00fcrokratisch staatliche Hilfe, statt \nden Markt regeln zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"280\" class=\"wp-image-3389\" style=\"width: 500px;\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/corona.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/corona.png 710w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/corona-300x168.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><br><br>Jede Krise l\u00e4sst immer Aspekte des Kapitalismus besonders scharf und  deutlich hervor treten. Die Pandemie des Coronavirus ist da keine  Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Robert-Koch-Institut geht davon aus, dass bis zu 70 Prozent der \nin Deutschland lebenden Bev\u00f6lkerung mit dem Virus infiziert werden. \u00dcber\n welchen Zeitraum das geschieht, ist unklar. Bei einer Sterberate von \n0,7 Prozent der Infizierten (was angesichts der derzeitigen Rate in \nItalien eine vorsichtige Zahl ist), w\u00fcrden \u00fcber 400.000 Menschen alleine\n in Deutschland an diesem Virus sterben. Wer Panik verbreiten will, \nmultipliziert diese Zahl mit 3 oder 4.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Virus sind nicht alle gleich, Corona kennt die edlen Ziele \nder Franz\u00f6sischen Revolution nicht. Es sterben die Menschen aus den \nRisikogruppen: Alte, Menschen mit (bspw. Immunsystem-\/ \nLungen-)Vorerkrankungen, Menschen mit schlechtem Zugang zum \nGesundheitssystem. Und Menschen, die sich durch fehlende Medienkompetenz\n oder Bildungszugang ungen\u00fcgend sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Menschen, denen das \nGeld fehlt, ihr Immunsystem mittels hochwertiger Lebensmittel oder \nPr\u00e4parate zu unterst\u00fctzen. Menschen, die so einsam sind, dass von ihrer \nErkrankung niemand etwas erf\u00e4hrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage von Leben und Tod war und ist eben auch immer eine Klassenfrage.<\/p>\n\n\n\n<p>Es bedarf keiner b\u00f6sartigen Fantasie, sich auszumalen, dass schon \njetzt neoliberale \u00d6konomen eifrig Excel-Tabellen bearbeiten, mit denen \nsie ausrechnen, wie die Toten der Pandemie die Rentenkassen, die \nSozialkassen entlasten werden und wann sich die kurzzeitigen \nMehrausgaben z.B. im Gesundheitswesen durch die langfristigen Ersparnis \nan Renten und Hartz IV-Bez\u00fcgen amortisieren. Es ist billig, diese \n\u00d6konomen als charakterlich v\u00f6llig verdorbene Individuen hinzustellen. \nSie handeln nur konsequent nach der Logik ihres Wirtschafts- und \nGesellschaftssystems.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr alle, die \u00fcber das Nachplappern linksradikaler Parolen hinaus \nsind, ist das keine neue Erkenntnis. Bleibt diese Erkenntnis in der \neigenen Blase, verbindet sie sich nicht mit dem kritischen Blick auf \ngesellschaftliche Abl\u00e4ufe, zu dem ganz \u201enormale\u201c (d.h. nicht \nlinksradikal gepr\u00e4gte) Menschen durch die Corona-Pandemie kommen, ist \nsie v\u00f6llig nutzlos.<\/p>\n\n\n\n<p>Bleibt es bei einer rein agitatorischen Ebene, ist der Nutzen minimal.<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte nicht falsch verstehen: Ich bin kein Anh\u00e4nger der \nMarketingistischen Linken, die jetzt ein \u201ebreites B\u00fcndnis\u201c (mit \nRobert-Koch-Institut und Marburger Bund) unter dem Label \u201eBlock-Covid\u201c \noder \u201eEnde_Epidemie\u201c schaffen soll. Mitsamt Aktionskonsens (\u201ewir werden \ngemeinsam mit vielen Menschen durch Aktionen des ungehorsamen \nH\u00e4ndewaschens den Ablauf der Pandemie zum Stoppen bringen\u201c) und \nAktionstraining (\u201ewir werden gewaltfrei die Infektionsketten \ndurchflie\u00dfen\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht auch nicht um Presseerkl\u00e4rungen, das Vort\u00e4uschen gesellschaftlicher Relevanz durch mediale Pr\u00e4senz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li> Die Verbindung einer antikapitalistischen Analyse \nund Kritik mit der Grundessenz linker Weltanschauung: dem Prinzip der \nSolidarit\u00e4t.<\/li><li>  \u201eRisikogruppen\u201c ben\u00f6tigen Hilfe z.B. beim Einkauf.<\/li><li>\n Berufst\u00e4tige Eltern (besonders die im Gesundheitssystem t\u00e4tigen) \nbrauchen angesichts zuk\u00fcnftig geschlossener Schulen und KiTas Hilfe bei \nder Kinderbetreuung.<\/li><li>  Arme Menschen brauchen angesichts von Hamsterk\u00e4ufen und leerer Tafeln Hilfe bei der Versorgung mit Lebensmitteln.<\/li><li>  Menschen ohne oder mit wenig deutschen Sprachkenntnissen ben\u00f6tigen Informationen.<\/li><li>  Einsame Menschen ben\u00f6tigen solidarische Mitmenschen, die nach ihnen sehen.<\/li><li>\n Und vielleicht braucht es im April oder Mai Menschen mit medizinischem \nFachwissen, die in Krankenh\u00e4usern das angestellte, \u00fcberlastete Personal \nunterst\u00fctzen und eine Bewegung, die nicht zul\u00e4sst, dass diese Form der \nCare-Arbeit eine quasi-berufliche Doppelbelastung darstellt, f\u00fcr die \n\u201eEhren\u00e4mtler\u201c mit einer wertlosen Urkunde abgespeist werden.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Diese Liste ist nicht vollst\u00e4ndig!<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich haben wir gen\u00fcgend Menschen, die darauf hinweisen k\u00f6nnten, \ndass es angesichts der Pandemie f\u00fcr die Menschen am kl\u00fcgsten w\u00e4re, den \nLaden einfach mal ein paar Wochen dicht zu machen. W\u00fcrde denn das Wohl \nder Menschen im Mittelpunkt stehen \u2013 was es nat\u00fcrlich nicht tut. Sechs \nWochen Corona-Sonderurlaub f\u00fcr (fast) alle \u2013 ein Horrorszenario f\u00fcr \njeden BWL-Studi.<\/p>\n\n\n\n<p>Verbinden wir diesen Horror mit einem Schreck&amp;Graus f\u00fcr die \ndeutsche linksradikale Szene: Die oben genannten praktischen Schritte \nder solidarischen Antwort funktionieren nur, wenn sie eben nicht die WG,\n das alternative Hausprojekt, den Szene-Laden und das Autonome Zentrum \nbetreffen!<\/p>\n\n\n\n<p>Es geht um die Nachbarschaft! Und wer nicht gerade das Pech hat, im \nSchanzenviertel oder \u00e4hnlichen Szene-Kiezen zu wohnen, verl\u00e4sst dann \nautomatisch die linksradikale Blase. Trifft auf Malocher*innen, \nRentner*innen und Hartz-Empf\u00e4nger*innen, echte Migrant*innen (die sind \nnicht so wie im Fernsehen!), Leute ohne, kleinem oder etwas gr\u00f6\u00dferem \nVerm\u00f6gen, Menschen mit ganz unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen\n und Vorurteilen und Marotten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorsicht, Spoiler: es finden sich darunter Menschen, die die Regeln \nund Sprache der political correctness nicht kennen \u2013 und, man mag es \nkaum glauben, wir treffen auf Menschen, die nicht (!) studiert haben, \neventuell nicht einmal Abitur haben (tats\u00e4chlich in Deutschland noch \nknapp \u00fcber 60% der Bev\u00f6lkerung).<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schlie\u00dfe nicht aus, dass es zu folgender Szene kommt: \u201ePfui, die \n60j\u00e4hrige Kurdin aus dem Eckhaus hat Erdogan einen Hurensohn genannt, \ndas ist sexistisch und gar nicht pc \u2013 der bringe ich jetzt keine \nEink\u00e4ufe mehr\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Hoffentlich aber \u00fcberwiegt das Prinzip der Solidarit\u00e4t in der Krise. \nDann erw\u00e4chst daraus die Einsicht, wie sehr die eigene linksradikale \nBlase ein Knast ist, in den man sich selbst sperrt, isoliert vom Leben, \nw\u00e4hrend noch \u00fcber die Folter der Isolationshaft staatlicher Kn\u00e4ste \nschwadroniert wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnis, dass ohne solidarisches Handeln mit den Nachbar*nnen  das derzeitige politische Bewusstsein bei allen Beteiligten bleibt, wie  es ist.<br> Die Erkenntnis, dass ohne solidarisches Handeln mit den Nachbar*innen  die politische Antwort auf Corona von der Rechten kommen wird. In Form  des starken Staates, geschlossener Grenzen, weiterer sozialer  Umverteilung.<br> Die Erkenntnis, dass ohne solidarisches Handeln mit den Nachbar*innen  die bierselige Diskussion abends im AZ \u00fcber Revolution nichts weiter als  perspektivlose Faselei darstellt.<br> Die Erkenntnis, dass solidarisches Handeln mit den Nachbar*nnen jetzt  eine Perspektive f\u00fcr die notwendigen sozialen K\u00e4mpfe darstellt, die nach  dem Peak der Pandemie weltweit erfolgen werden und bei denen es um die  Verteilung der \u00f6konomischen Kosten der Corona-Krise gehen wird.<br><br>Quelle: <em>https:\/\/barrikade.info\/article\/3273<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Artikel aus dem Lowerclass Magazin zur Frage, wie wir als Antikapitalist*innen einen politischen Umgang mit der Corona-Krise finden, statt wie im Kino abzuwarten, was als n\u00e4chstes passiert. 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