{"id":3392,"date":"2020-03-26T11:46:55","date_gmt":"2020-03-26T10:46:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3392"},"modified":"2020-03-26T11:46:55","modified_gmt":"2020-03-26T10:46:55","slug":"covid-19-krise-der-gesellschaftlichen-reproduktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3392","title":{"rendered":"Covid-19: Krise der gesellschaftlichen Reproduktion"},"content":{"rendered":"\n<p>\u00abDie Tradition der Unterdr\u00fcckten belehrt uns dar\u00fcber, <br>\nda\u00df der \u201aAusnahmezustand\u2019, in dem wir leben, die Regel ist.\u00bb<br>\n(Walter Benjamin, 1940)<\/p>\n\n\n\n<p>(az)\n Wem schien vor zwei Wochen die Welt noch in Ordnung? Uns nicht. Vor \nzwei Wochen hatte Erdogan den Fl\u00fcchtlingsdeal mit der EU gek\u00fcndet, weil \ndie t\u00fcrkische Armee sich mit ihrer Offensive in Idlib in Syrien \nverzettelt hatte. Auf Griechenland jagten faschistische Banden \nGefl\u00fcchtete. Angela Merkels EU weigerte sich, 13\u2019000 Menschen \naufzunehmen. In Chile w\u00fcteten die Gewaltexzesse der Repression gegen die\n Aufst\u00e4ndischen. Nein, vor zwei Wochen war die Welt alles andere als in \nOrdnung. Aber all das scheint lange her.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn die Coronakrise \u00fcbertrifft in Europa jede Erfahrung seit dem \nZweiten Weltkrieg. Sie bedeutet einen Einschnitt im t\u00e4glichen Leben, wie\n wir ihn noch nie zuvor erfahren haben. Offensichtlich ist es eine \ngesundheitliche, wirtschaftliche und politische Krise. Was die Zukunft \nbringt, weiss niemand, wir nat\u00fcrlich auch nicht. Aber es ist gut \nm\u00f6glich, dass diese Krise noch tiefer geht und noch weiter reicht als \ndie Finanzkrise von 2008. Was sich vor unseren Augen abspielt, ist eine \nst\u00e4ndig bewegliche Situation, bei der es um Menschenleben gegen Profit \ngeht, um die Art und Weise, wie politische Herrschaft ausge\u00fcbt und wie \ndas Zusammenleben gestaltet wird. Es k\u00f6nnte sein, dass das, was wir \nerleben, eine beispiellose Krise der gesellschaftlichen Reproduktion \nist, das heisst, der Art und Weise, wie Leben und \u00dcberleben in der \nkapitalistischen Weltgesellschaft hergestellt und erhalten werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abKrise\u00bb ist ein urspr\u00fcnglich medizinisches Wort \u2013 es bezeichnet den \nMoment im Krankheitsverlauf, bei dem ein kranker K\u00f6rper entweder den Weg\n in Richtung Gesundung oder in Richtung Tod nimmt. Ein Moment der \nEntscheidung. Wen betrifft es wie \u2013 und welche gesellschaftlichen Kr\u00e4fte\n bringen sich in Stellung? Auf wen soll die Last der Krise abgew\u00e4lzt \nwerden? Wo er\u00f6ffnet die Krise neue Perspektiven \u2013 f\u00fcr die \nKapitalvertreter neue Wege der Ausbeutung, f\u00fcr uns neue Wege der \nSolidarit\u00e4t und des Widerstands?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer bewegt sich?<br>\n<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Pandemie zeigt, dass wir alle Menschen und als solche verletzlich\n sind. Ein Mensch, ein bed\u00fcrftiges und verletzliches Wesen zu sein, \ndarin k\u00f6nnte eine fundamentale Grundlage f\u00fcr gesellschaftliche \nGleichheit liegen. Das w\u00e4re eine Basis, auf der eine Gesellschaft die \nAlten und Kranken sch\u00fctzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Was heute aber geschieht, ist so ziemlich das Gegenteil. Zwar sind \neinem Virus Klassen, Geschlechter und Hautfarben egal; das ist die \nbiologische Logik der Krankheit. Daneben gibt es aber die \ngesellschaftliche Logik der Krankheit, und hier ist Gef\u00e4hrdung enorm \nungleich verteilt: ob im Knast, im Fl\u00fcchtlingslager, im Spital, im \nAltersheim, im Verteilzentrum, im Supermarkt, in den Bahnh\u00f6fen, die nun \nregelm\u00e4ssig desinfiziert werden m\u00fcssen. Hier lohnt es, daran zu \nerinnern, dass die ersten Mobilisierungen in dieser Krise die \nKnastrevolten Italiens waren, die in 49 der 189 Gef\u00e4ngnisse des Landes \naufgeflammt waren \u2013 andere Zahlen sprechen von 29 Revolten \u2013 und in \nderen Verlauf 14 Personen get\u00f6tet wurden (Le Monde, 20. M\u00e4rz).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch weitere Gef\u00e4hrdungszonen werden kurzzeitig zu Frontlinien. In \nden Amazon-Verteilzentren Frankreichs kommt es zum Aufruhr, weil die \nSchutzvorschriften systematisch missachtet werden, da seit der \nSchliessung aller Non-Food-L\u00e4den der Online-Dienst Rekordbestellungen \nverzeichnet (Le Monde, 19. M\u00e4rz). Velokuriere sehen sich als \nKanonenfutter. Das Genfer Baustellenverbot wurde nur eingef\u00fchrt, weil \ndie Bauarbeiter gestreikt hatten. Sie waren dem Vorbild italienischer \nArbeiterInnen gefolgt, die bereits seit Anfang M\u00e4rz Fabriken bestreiken.\n Erst als Reaktion auf die Genfer Streiks fuhr Implenia schweizweit die \nArbeit auf den Baustellen herunter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie wird die Krise abgew\u00e4lzt?<br>\n<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Staatschefs, Notenbanken und Patrons koordinieren sich schnell. Auf \neinmal sind Dinge m\u00f6glich, die unter dem Dogma des Neoliberalismus ein \nSakrileg bedeutet h\u00e4tten. In Spanien, wo die Austerit\u00e4tspolitik seit der\n Eurokrise das Gesundheitswesen kaputtgespart hat, sind kurzerhand die \nPrivatspit\u00e4ler verstaatlicht worden. Italien, das europ\u00e4ische Epizentrum\n der Pandemie, wurde auch deshalb so hart getroffen, weil dort seit 2011\n rund 15 Prozent der Spit\u00e4ler geschlossen worden waren. Grund daf\u00fcr war \nder Druck der Europ\u00e4ischen Zentralbank gewesen, die behauptete, dass nur\n brutale K\u00fcrzungen im Service Public die Zinsen f\u00fcr italienische \nStaatsanleihen tief halten w\u00fcrden. Als die Corona-Welle anrollte, \nreagierten die Finanzm\u00e4rkte prompt und der Risikoaufschlag f\u00fcr \nitalienische Staatsanleihen schnellte hoch. Doch dann tat die EZB etwas,\n mit dem sie ihre eigenen Argumente und ihre Politik aushebelte. Sie gab\n EU-Anleihen aus, kaufte italienische Staatsschulden und schaffte innert\n Tagen, was w\u00e4hrend der ganzen Finanz- und Eurokrise f\u00fcr absolut \nunm\u00f6glich behauptet wurde: der italienische Risikoaufschlag liess sich \nEnde letzter Woche von 3,3 auf 2,0% herunter dr\u00fccken. So etwas war den \ns\u00fcdeurop\u00e4ischen Staaten in der Finanz- und Eurokrise stets verweigert \nworden. Seit \u00fcber vier Jahrzehnten behaupten der IWF und seit ihrem \nBestehen die EZB, dass die Risikoaufschl\u00e4ge f\u00fcr Staatsanleihen das \ngottgegebene Zeichen der Finanzm\u00e4rkte seien, nach denen die Staaten \nihren Haushalt auszurichten h\u00e4tten. Aber, das zeigt die Corona-Krise, \nsie sind kein heiliges Preissignal, sondern lassen sich offenbar \nsteuern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verst\u00f6sse gegen Sakrilege bedeuten aber noch kein Ende des Neoliberalismus.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den n\u00e4chsten Wochen wird das Netz nur so rauschen vor Nachrufen \nauf den Neoliberalismus und die Globalisierung. Das ist Polit-Spin der \nschlichten Sorte. Die Wirtschaftsredakteurin Ulrike Herrmann, zwar immer\n gut informiert, aber stets ihren gr\u00fcn-liberalen Vorgaben treu, betreibt\n gleichermassen Ideologie wie Augenwischerei, wenn sie einen Abgesang \nauf den Neoliberalismus schreibt (taz, 21. M\u00e4rz). Was sich zeigt, ist \netwas anderes: Dass Globalisierung immer schon imperalistische \nGlobalisierung gewesen war, in der keine flache Welt, sondern \nnationalstaatliche Interessen, milit\u00e4rische Gewalt und Grenzregimes \nherrschten.<\/p>\n\n\n\n<p>Welche Firmen wo domiziliert sind, wer wieviel Material und \nInfrastruktur hat, das spielt eine enorme Rolle. Grenzen sind auf einmal\n wieder total wichtig; die Erfahrung, die Gefl\u00fcchtete und Menschen aus \nDrittstaaten seit je gemacht haben, betrifft auf einmal alle. Und auch \nin Spanien, wo, wie soeben anget\u00f6nt, die Spit\u00e4ler verstaatlicht werden, \nsind nach wie vor 70% der IndustriearbeiterInnen voll am Arbeiten. Trotz\n Ausgangssperre und fehlender Kinderbetreuung wird der Wirtschaftsmotor \nauf Hochtouren gehalten (La Informaci\u00f3n, 22. M\u00e4rz).<\/p>\n\n\n\n<p>Weiter ist die Krise eine Chance, das politisch Unbequeme \ndurchzudr\u00fccken. In Frankreich kam Macron die Ausgangssperre bei den \nanhaltenden Demos der Gilets Jaunes gerade recht. Auch in der Schweiz \npassen der Regierung Versammlungsverbot und das j\u00fcngst erwogene \nHandytracking.  Wie auch in der Schweiz die \u00fcber 40 Milliarden Franken \nStaatshilfe den Patrons zugute kommen und nicht den ArbeiterInnen und \nAngestellten. Die Banken brachten sich in Stellung, um den Kreditfluss \nabzuwickeln. \u00dcber die Zinsen und Kommissionen, die sie dabei einholen, \nherrscht noch v\u00f6lliges Stillschweigen. Bereits gibt es in der Schweiz \nmehr Antr\u00e4ge auf Kurzarbeit als zum H\u00f6hepunkt der Finanzkrise. Das \nentspricht einem internationalen Muster \u2013 in Philadelphia, einem \ngebeutelten ehemaligen Industrie-Bundesstaat, sind Mitte letzter Woche \n121\u2019000 Antr\u00e4ge auf Arbeitslosenunterst\u00fczung eingegangen, ungleich mehr \nals in der Finanzkrise; die n\u00e4chsth\u00f6chste Zahl, vom Januar 2010, hatte \n61\u2019000 betragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis jetzt ist keine Verlautbarung aus Bern bekannt, in der irgendein \nSchutz vor Entlassung zugesichert wird. Firmen, zumal die grossen, \nwerden gerettet. Aber f\u00fcr die Menschen ist kein Bail-Out vorgesehen. \nDiejenigen, bei denen die Putz-Jobs ausbleiben und die deshalb die Miete\n nicht zahlen k\u00f6nnen, worauf dann das Migrationsamt auf den Plan r\u00fcckt, \ndiejenigen werden keine finanzielle \u00dcberbr\u00fcckung kriegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit ist nicht klar, wie die Lage sich entwickelt. Ein Grossteil \nder Kurzarbeit wird \u00fcber die Arbeitslosenbeitr\u00e4ge, die auch die \nArbeiterInnen berappen, gedeckt werden. Welche Rolle die Banken mit den \n\u00dcberbr\u00fcckungskrediten einnehmen, ist offen. Aber es ist gut m\u00f6glich, \ndass sie ihre Dominanz gegen\u00fcber den mittleren Firmen ausbauen werden, \nweil sie die Gelegenheit bekommen, die kreditsuchenden Sektoren \ndurchzuscannen. Wie weit die Experimente mit Home Office einen \nDigitalisierungsschub bei den B\u00fcrojobs und im Bildungssektor ausl\u00f6sen, \nwird sich zeigen. Nur etwas ist sicher: Wenn es so weitergeht, wie \nbisher, wird in der kommenden Wirtschaftskrise die Lohnarbeit \nrationalisiert, das heisst, die Ausbeutung versch\u00e4rft werden. Es wird \nheissen: \u00abJetzt wird wieder in die H\u00e4nde gespuckt\u00bb (bloss nicht \u2013 \nAnsteckungsgefahr!), und wir steigern wieder das Bruttosozialprodukt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sei denn\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Care im Zentrum<br>\n<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 es sei denn, wir wehren uns. Denn wie ein Blitzschlag erhellt \nCorona die gesellschaftliche Topographie. Auf einmal sind nicht Banken \nsystemrelevant, sondern Krankenpflegerinnen, Kinderbetreuerinnen und \nVerk\u00e4uferinnen. Wenn diese Systemrelevanten zugleich die \nSchlechtbezahlten sind, dann stellt sich die eine oder andere \nSystemfrage. Care-Arbeit r\u00fcckte im Nu ins Zentrum der gesellschaftlichen\n Debatte. Was die letzten Wochen uns vorf\u00fchrten, von der Kinderbetreuung\n \u00fcber die Altenpflege und den Lebensmitteleinkauf bis zur \nGesundheitsversorgung, ist, dass die Kreisl\u00e4ufe des Kapitals erst \nerm\u00f6glicht werden durch die viel weiteren Zyklen, in denen menschliche \nArbeitskraft hergestellt und erhalten wird. Das ist gesellschaftliche \nReproduktion. Wenn der Reichtum der Gesellschaften von der ArbeiterIn \nabh\u00e4ngt, wer produziert dann die ArbeiterIn? Care-Arbeit, die kaum \nbezahlte, nur teilweise \u00fcber M\u00e4rkte abgewickelte und meist von Frauen \nverrichtete Arbeit der Betreuung und Pflege ist im Normalbetrieb der \nkapitalistischen Maschinerie an den Rand verwiesen. \u00c4hnlich wie \nInfrastrukturen, deren Vorhandensein man nur bei einer St\u00f6rung merkt, \nwerden sie kaum beachtet. Jetzt, beim j\u00e4hen Vollstopp, erweist sich \nCare-Arbeit als diejenige Macht, die den Unterhalt der Maschinerie \n\u00fcberhaupt betreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Care-Arbeit ist nicht abgekoppelt, sondern verbunden mit der \nProduktion von Wert. Als reproduktive Arbeit erm\u00f6glicht sie die \nAkkumulation von Kapital. Die gesellschaftliche Unterdr\u00fcckung von Frauen\n ist strukturell verbunden mit der kapitalistischen Produktion. \nUmgekehrt wirkt die Ausweitung der Lohnarbeit auf die Haushalts\u00f6konomie \nzur\u00fcck. Das zeigt sich in der globalisierten Dienstm\u00e4dchenarbeit, aber \nauch in der politischen \u00d6konomie des Fertigsalats (historisch geh\u00f6rte \ndas Zubereiten von Speisen zur zeitaufw\u00e4ndigsten Plackerei im Haushalt, \ndie heute im convenience food durch industrialisierte Lohnarbeit und \nGeldtransaktion ersetzt wird). Care-Arbeit ist auch verbunden mit \npolitischer Herrschaft, dem Staat. \u00abService public\u00bb leistet einen \nDienst, wie das Dienen der Dienstbotinnen, das nicht voll \u00fcber einen \nArbeits-, sondern einen Dienstvertrag geregelt ist, der traditionell dem\n Dienstherr gr\u00f6ssere Rechte einr\u00e4umt als in der freien Lohnarbeit. Es \nverzahnen sich wirtschaftliche Ausbeutung und gesellschaftliche \nUnterdr\u00fcckung entlang der Geschlechterordnung und der rassistischen \nHierarchie. Kapitalismus kann ohne solche Dynamiken nicht auskommen, ja,\n er produziert sie aktiv.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapital lebt von menschlicher Arbeit, es kannibalisiert Leben und \njetzt, wo das Leben ein St\u00fcck weit gesundheitlich bedroht ist, wird das \ndeutlich, und auch, aus welchen weitreichenden gesellschaftlichen \nKr\u00e4ften sich Leben speist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nach der Quarant\u00e4ne die Flut<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und hier, in den Kreisl\u00e4ufen der gesellschaftlichen Reproduktion, tut\n sich was. Trotz social distancing entwickeln sich Formen der \nSolidarit\u00e4t. Leute erkennen, dass Nachbarschaftshilfe wichtiger ist als \nHome Office. Andererseits gibt es allgemeinen Beifall f\u00fcr die \nArbeiterInnen im Gesundheitswesen, die sonst in die \u00abverborgene St\u00e4tte\u00bb \nder Reproduktion relegiert ist. Anerkennung ist wichtig, gerade weil die\n Care-Arbeit in die Unsichtbarkeit gedr\u00e4ngt wird. Aber Solidarit\u00e4t ist \nnicht Wohlt\u00e4tigkeit, sondern das gemeinsame F\u00fcr-einander-Einstehen unter\n Gleichen. Klatschen am Balkon ist nett. Allerdings gibt es auf Deutsch \ndas Sprichwort: Nett ist die kleine Schwester von Scheisse. Solidarit\u00e4t \nsieht anders aus, n\u00e4mlich bei den K\u00e4mpfen mitzuhelfen, dass die \nSchlechtbezahlten in der Pflege, in der Kinderbetreuung im Verkauf und \nin der Logistik einen Lohn bekommen, der dem Wert ihrer Arbeit \nentspricht. Und genau das ist im Rahmen des Kapitalismus nicht m\u00f6glich \u2013\n Kapital muss sich systematisch soziale Beziehungen zunutze machen, die \nausserhalb seiner selbst liegen, um Mehrwert abpressen zu k\u00f6nnen. Ganz \nanschaulich bekommen wir vorgef\u00fchrt, wie eigentlich elementare Dinge \noffenbar System sprengenden Charakter haben. Und hier gilt es weiter zu \nmachen: Soll die Kerosinschleuder Swiss aus dem Konkurs herausgehauen \nwerden, wenn vor kaum zwei Wochen die Kids noch f\u00fcr ihre Klimazukunft \ndemonstriert haben? Diese Woche pr\u00e4sentiert die CS ihren Jahresbericht \u2013\n warum sollen die ihre Dividenden und Boni behalten? Die Gegenseite \nwartet nicht, sie nutzt die Krise, um zuzuschlagen. NZZ-online verlangte\n schon am 18. M\u00e4rz, am Tag drei des Lockdown, eine Lohnk\u00fcrzung bei allen\n ArbeiterInnen im \u00f6ffentlichen Dienst, weil deren L\u00f6hne ja weiterhin \nbezahlt w\u00fcrden, sie deshalb im Vorteil w\u00e4ren und sich solidarisch zeigen\n sollten. Warum nicht Firmen unter der Kontrolle derjenigen, die dort \narbeiten, verstaatlichen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlimmste, was in dieser Pandemie passieren k\u00f6nnte, w\u00e4re, dass \nnachher alles gleich bleibt, weil die Angst den politischen \nVorstellungshorizont verriegelt hat. Wir sollten nichts mehr f\u00fcrchten \nals die Furcht davor, Forderungen zu stellen und daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen. Die \nb\u00fcrgerlichen Parteien von SVP bis zu SP und den Gr\u00fcnen haben sich hinter\n den Bundesrat gestellt, SP und Gr\u00fcne fordern knapp ein \nKonjunkturprogramm f\u00fcr die Zeit danach. Die D\u00fcrftigkeit ist \natemberaubend \u2013 und eine beispiellose Chance.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abDiese Situation ist ernst und sie ist offen\u00bb sagte Angela Merkel in \nihrer Fernsehansprache letzte Woche. Sie hat ungewollt recht. Denn \nnichts f\u00fcrchten die Herrschenden mehr als die Offenheit der Situation. \nWir erleben gerade einen Schlingerkurs zwischen der gesundheitlichen \nNotwendigkeit, die Maschinerie Kapitalismus anzuhalten und dem \nstriktesten Diktat, sie weiter laufen zu lassen. Das ist ein Experiment \nin globalem Ausmass. Wir leben in nur einer Welt \u2013 Klima, Migration, \nWeltmarkt verdeutlichen die Vernetzung dieser Welt. Die globale Pandemie\n zeigt, wie der Horizont der gesellschaftlichen Reproduktion die Welt \nals Ganze ist. Richten wir unsere Forderungen danach aus: aufs Ganze.Das\n ist die enorme Aufgabe, trotz social distancing zu kollektivem Handeln \nzu kommen. Unter Bedingungen eines stillgelegten \u00f6ffenlichen Lebens und \ndes social distancing nicht isoliert zu sein. Seit je her \u2013 und auch \nheute \u2013 hatten Frauen, M\u00e4nner und Jugendliche der Internationale mit \nIsolation zu k\u00e4mpfen, beispielsweise, wenn sie ins Gef\u00e4ngnis gesperrt \nwurden. Etwas, was sie taten, war, in diesen Momenten ihre politische \nVorstellungskraft zu bilden und diese Isolation praktisch zu \u00fcberwinden.\n Das ging weit \u00fcber das B\u00fccherlesen und das Verfassen von Schriften \nhinaus \u2013 sie arbeiteten an einer kommunikativen Gegen\u00f6ffentlichkeit und \nan organisatorischen L\u00f6sungen kollektives Handeln wiederzuerlangen. Der \nLockdown ist kein Gef\u00e4ngnis, zum Gl\u00fcck nicht, f\u00fcr die meisten von uns \nsind die Bedingungen weit besser. Er soll die Ruhe vor dem Sturm werden.\n Nutzen wir also die Gelegenheit, die Situation zu analysieren, Wege \nkollektiver Handlungsf\u00e4higkeit zu finden und Gegenmacht aufzubauen. Was \nkommt nach der Pandemie? Das entscheiden wir.<\/p>\n\n\n\n<p>Stand: 22. M\u00e4rz 2020<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/publish.barrikade.info\/IMG\/jpg\/transpis-2.jpg\" alt=\"JPEG - 205.1\u00a0kB\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"> P.S. <\/h4>\n\n\n\n<p>Aus: Aufbau online (<a href=\"https:\/\/aufbau.org\/index.php\/online-zeitung\/2754-covid-19-krise-der-gesellschaftlichen-reproduktion\">https:\/\/aufbau.org\/index.php\/online-zeitung\/2754-covid-19-krise-der-gesellschaftlichen-reproduktion<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDie Tradition der Unterdr\u00fcckten belehrt uns dar\u00fcber, da\u00df der \u201aAusnahmezustand\u2019, in dem wir leben, die Regel ist.\u00bb (Walter Benjamin, 1940) (az) Wem schien vor zwei Wochen die Welt noch in Ordnung? Uns nicht. 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