{"id":3394,"date":"2020-03-29T12:56:39","date_gmt":"2020-03-29T11:56:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3394"},"modified":"2020-03-29T12:56:39","modified_gmt":"2020-03-29T11:56:39","slug":"seuche-schulden-solidaritat-uber-die-pandemie-und-die-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3394","title":{"rendered":"Seuche, Schulden, Solidarit\u00e4t. \u00dcber die Pandemie und die Krise."},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Derzeit bricht die Weltwirtschaft regelrecht ein. Das Ende \ndes Desasters ist nicht abzusehen. Wir m\u00fcssen uns dar\u00fcber ins Vernehmen \nsetzen. Und wir m\u00fcssen uns auf die kommenden Verwerfungen und die \nAngriffe auf unsere Leben vorbereiten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das neue Corona-Virus hat weite Teile\nder Welt fest im Griff. W\u00e4hrend in Italien die Lage weiter eskaliert und\nmassenhaft Menschen sterben, nehmen auch in der Schweiz die Fallzahlen rapide\nzu. Auch das hiesige Gesundheitssystem wird weit \u00fcber Kapazit\u00e4ten belastet, das\nsteht mittlerweile fest. Die Regierung h\u00e4lt Pressekonferenzen im Akkord ab und\nschr\u00e4nkt das \u00f6ffentliche Leben sukzessive ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Gef\u00e4ngnisinsass*innen werden gezwungen,\nhektoliterweise Desinfektionsmittel abzuf\u00fcllen, d\u00fcrfen es aber selber nicht\nbenutzen. Von Flugh\u00e4fen heben Flugzeuge ohne einen einzigen Passagier ab, damit\ndie Airlines ihre Flug-Slots nicht verlieren. Vielerorts sind Toilettenpapier,\nFiebermesser und Laptops Mangelware. Der Chef der SBB r\u00e4t, den \u00f6ffentlichen Verkehr\nzu meiden. Auf Spitalangestellte, aber auch auf Care-Arbeitende kommt ein\nTsunami an \u00dcberstunden zu. W\u00e4hrenddessen haben Taxifahrer*innen, Stagehands und\nServicepersonal kaum mehr ein Einkommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Was hat das alles gemein? All dies sind News aus jener Welt, die \ngemeinhin als \u00abWirtschaft\u00bb bezeichnet wird. Es sind offenbar Dinge, die \ngeschehen, wenn eine Pandemie auf eine kapitalistische Wirtschaft \ntrifft. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Warum wir schon heute \u00fcber die Krise reden m\u00fcssen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wieso sollte man sich aber in dieser akuten und brutalen Situation \ndazu \u00fcberhaupt Gedanken machen? Daf\u00fcr gibt es mindestens zwei triftige \nGr\u00fcnde:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. <\/strong><br>Momentan entstehen an vielen Orten \nNachbarschaftshilfen und Solidarit\u00e4tsgruppen, fundamentale Fragen werden\n diskutiert. Es wird in der Hochphase der Epidemie wichtig sein, dass \nman Risikogruppen, aber auch Arbeitende im Gesundheitswesen unterst\u00fctzt.\n Dar\u00fcber hinaus m\u00fcssen wir in den neuen Gruppen aber auch daf\u00fcr werben, \ndass man die ganze Entwicklung politisch versteht und sich l\u00e4ngerfristig\n organisiert. Denn mitten im Corona-Unwetter zieht ein weiterer Sturm \nauf: Eine \u00f6konomische Krise ungesehenen Ausmasses. Und ihr folgen \nAngriffe auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Fuss.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2.<\/strong> <br>Die Produktion aller G\u00fcter f\u00fcr unser Leben \nist kapitalistisch organisiert. Sie werden hergestellt, um damit Geld zu\n verdienen. Wir sind aber nicht nur Gegner*innen dieser \nWirtschaftsweise, sondern zugleich auf Gedeih und Verderben auf sie \nangewiesen \u2013 bis wir sie gemeinsam \u00fcberwunden haben. Eine Krise des \nKapitalismus heisst ab einer gewissen Tiefe nicht \u00abnur\u00bb, dass die \nArbeitslosenzahlen nach oben schnellen und das Leben vieler Menschen \nsich dramatisch verschlechtert, sondern dass es auch zu Engp\u00e4ssen bei \nder Versorgung kommt. Dies kann man bei bestimmten Medikamenten bereits \nbeobachten. Ausserdem wissen wir sp\u00e4testens aus der Krise nach 2008, \ndass wirtschaftliche Verwerfungen auch durch Hunger, Armut, Kriege oder \nschiere Verzweiflung Menschleben fordern.<\/p>\n\n\n\n<p>Darum soll hier erkl\u00e4rt werden, wie tief der kommende Fall werden \nk\u00f6nnte und weshalb wir uns unbedingt daf\u00fcr wappnen m\u00fcssen. Vieles ist \nnoch spekulativ, aber es zeichnet sich bereits einiges deutlich ab. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Alles wacklig: viel Geld, viele Schulden, wenig Profit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In China sind die\nExporte w\u00e4hrend der Epidemie in den letzten beiden Monaten um \u00fcber 17 Prozent\neingebrochen, w\u00e4hrend die Industrieproduktion um 13,5 Prozent schrumpfte. Das\nist in einer kapitalistischen Wirtschaft einschneidend. Denn diese ist auf\nWachstum angewiesen, damit alles halbwegs rund l\u00e4uft. <\/p>\n\n\n\n<p>China ist die zweitgr\u00f6sste Wirtschaftsnation der Welt. Diese \nEinbr\u00fcche allein w\u00fcrden ausreichen, um die Weltwirtschaft in arge \nBedr\u00e4ngnis zu bringen. Nun stehen Europa und die USA aber erst noch an \nund auch die restliche Welt z\u00e4hlt mehr und mehr F\u00e4lle von Covid-19. \nZudem ist eine zweite Welle in China laut Epidemiolog*innen \nwahrscheinlich, wenn die Produktion wieder hochgefahren wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/chris-liverani-XLFu0PM5Qsg-unsplash-600x337.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5105\"\/><figcaption>China, die \u00abWerkbank der Welt\u00bb, exportierte 2019 Waren im Wert von rund 2,5 Billionen Dollar. <br>Foto: Chris Liverani auf Unsplash<br><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das w\u00e4re an sich schon dramatisch genug. Doch die Pandemie trifft auf keine vitale Wirtschaft, sondern auf <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/billionen-des-schreckens2\/\">eine Welt, die schon lange in der Krise steckt<\/a>.\n Auf eine Welt in der die Profitabilit\u00e4t, also das was ein Unternehmen \nmit seinem Einsatz an Gewinn machen kann, bereits sehr niedrig war. Und \nauch auf eine Welt, in der die Zentralbanken im grossen Stil Dollar, \nEuro und Franken in die M\u00e4rkte pumpen. Damit versuchen sie sp\u00e4testens \nseit dem <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/billionen-des-schreckens1\/\">letzten grossen Finanzcrash von 2008<\/a> das System am Laufen zu halten. Und dennoch hat sich erst k\u00fcrzlich die Aussicht wieder einmal eingetr\u00fcbt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach den Abst\u00fcrzen in\nden vergangen Tagen und Wochen und angesichts der verzweifelten Notenbanken und\nRegierungen f\u00fchlt man sich an jenen Crash von 2008 erinnert. Einiges ist auch\ntats\u00e4chlich \u00e4hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Laut der Bank f\u00fcr\nInternationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sind 13 Prozent der Firmen weltweit sogenannte\nZombiefirmen. Sie \u00fcberleben nur, weil sie sich immer neu verschulden, um Zinsen\nund Schuldlast zu begleichen. Das k\u00f6nnen sie wiederum nur dank dem billigen\nGeld und den tiefen Zinsen der Zentralbanken. <\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Schulden werden\nin komplizierte Finanzpapiere geb\u00fcndelt und verkauft. Dies wurde vor dem Crash\n2008 mit \u00e4hnlich wackligen Schuldforderungen im Immobilienbereich gemacht. Das\nwar damals der direkte Ausl\u00f6ser des Crashs.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Schuldenberg rund\num den Globus bel\u00e4uft sich auf etwa 250 Billionen Dollar. Das ist drei Mal mehr\nals die Wirtschaftsleistung der gesamten Welt. Die hohe Verschuldung galt schon\nnach dem letzten Crash als wichtige Grundlage f\u00fcr die Krise. Sie lag damals aber\ndeutlich tiefer als heute. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch weitere Probleme\nvon 2008 wie wacklige Banken oder ein \u00fcberhitzter Immobiliensektor bestehen\nweiter fort. Es ist also vieles instabil, die Zentralbanken halten den ganzen\nLaden mit Unsummen zusammen. <\/p>\n\n\n\n<p>Selbst die <em>NZZ<\/em> schrieb, dass die st\u00e4ndigen Interventionen \nder US-amerikanischen Zentralbank eine \u00absystemfremde Dauereinrichtung\u00bb \nsei. Dies nachdem diese im Herbst 2019 mal wieder mit dreistelligen \nMilliarden-Betr\u00e4gen existenzbedrohende Verwerfungen aufgefangen hatte \u2013 \nund zwar auf dem wichtigen Markt f\u00fcr sogenannte Repo-Kredite, der nach \n2008 f\u00fcr den Beinah-Infarkt des Finanzsystems verantwortlich war. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Eind\u00e4mmung rettet Leben und bremst die Wirtschaft aus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wir sehen also viele \u00c4hnlichkeiten.\nUnd wir m\u00fcssen das aktuelle Schlamassel auch in der Kontinuit\u00e4t der Krise nach\n2008 verstehen. Aber es gibt in der aktuellen Krise auch wichtige Differenzen. Und\nsie machen allesamt wenig Hoffnung f\u00fcr die Wirtschaft: Der aktuelle Schock zeigt\nsich zwar an den Verwerfungen an der B\u00f6rse, aber er hat seinen Ausl\u00f6ser in unterbrochenen\nLieferketten, Produktionsausf\u00e4llen und einer krassen Reduktion der Nachfrage. Wenn\nnun einige schreiben, dass nicht das Coronavirus Grund der Krise sei, dann\nhaben sie zwar halbwegs recht, wenn man die obigen Faktoren kennt \u2013 aber eben\nnur halbwegs.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Spermarket-600x360.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5113\"\/><figcaption>Ein Bild der Gegenwart und der Zukunft?<br>Foto: John Cameron auf Unsplash<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische \u00d6konom Pierre-Olivier Gourinchas hat <a href=\"https:\/\/drive.google.com\/file\/d\/1mwMDiPQK88x27JznMkWzEQpUVm8Vb4WI\/view\">in einer Modellierungsstudie berechnet<\/a>,\n dass die drastischen Eind\u00e4mmungs-Massnahmen, wie sie in China oder \nSingapur ergriffen wurden, die wirtschaftlichen Aktivit\u00e4ten krass \nabbremsen: Im ersten Monat um die H\u00e4lfte und in einem weiteren Monat um \n25 Prozent. Die Folgen sind heftig: Der R\u00fcckgang der Wirtschaftsleistung\n \u2013 des ber\u00fchmten Bruttoinlandprodukts (BIP) \u2013 w\u00fcrde fast 10 Prozent \nbetragen. <\/p>\n\n\n\n<p>Laut dem Professor der\nUC Berkeley sind die Zahlen aber nur f\u00fcr eine \u00abperfekte Welt\u00bb&nbsp;g\u00fcltig. F\u00fcr\neine konstruierte Welt in der die oben beschriebenen Probleme nicht existieren,\nin der alle rational handeln und in der es nicht zu einer Verkettung von\nUngl\u00fccken etwa in den komplexen Lieferketten kommt. Zugleich sind einige\nFaktoren \u2013 etwa die konkreten staatlichen Epidemie-Massnahmen \u2013 noch nicht en\nDetail klar. Nehmen wir der Einfachheit halber die 10 Prozent aus der\nModellierungsstudie an. Das Institut f\u00fcr Weltwirtschaft in Kiel st\u00fctzt diese\nEinsch\u00e4tzung ungef\u00e4hr, es rechnet im schlimmsten Fall mit einem\nKonjunktureinbruch von neun Prozent.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Vergleich: In der \u00abgrossen Rezession\u00bb&nbsp;im Jahr nach dem Crash von \n2008 schrumpfte die Wirtschaft in den \u00abentwickelten\u00bb Staaten um etwa 4,5\n Prozent (in der Schweiz um 1,6 Prozent). <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/billionen-des-schreckens3\/\">Die Folgen waren verheerend.<\/a>\n Die Arbeitslosenzahlen schossen in die H\u00f6he. Die Sozialausgaben wurden \nzusammengestrichen. Ganze L\u00e4nder wie Griechenland wurden ins Elend \ngestossen. In der Ukraine eskalierte ein Krieg. <\/p>\n\n\n\n<p>Noch mag sich niemand \u00f6ffentlich ausmalen, was die immensen \nmenschlichen Kosten einer Rezession w\u00e4ren, die doppelt so stark zu Buche\n schl\u00e4gt. \u00d6konom Gourinchas wirbt nun daf\u00fcr, dass man \u2013 wie bei der \nPandemie \u2013 auch wirtschaftlich die Welle mit staatlichen Massnahmen \ngl\u00e4ttet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Krise, die Staatschulden und das grosse\nSparen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Aber ist das \u00fcberhaupt\nnoch m\u00f6glich? Die Zentralbanken haben schon sehr, sehr viel Pulver verschossen\nund ihre Zinss\u00e4tze liegen auf historisch niedrigem Niveau. Dadurch k\u00f6nnen sich\ndie Banken billig Geld leihen. An den Produktionsausf\u00e4llen und dem Einbruch der\nNachfrage \u00e4ndern die Billionen aber erst mal wenig, auch wenn sie Firmen \u00fcber\ndie erste harte Zeit helfen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die US-Zentralbank hat als erste Massnahme Mitte M\u00e4rz schon mal 1,5 \nBillionen Dollar locker gemacht, um einige Tage darauf nochmals 300 \nMilliarden nachzulegen. Das ist deutlich mehr als die gesamte Schweizer \nWirtschaft in zwei Jahren in Geld gemessen leistet. Die Zunft der \n\u00d6konom*innen ist zerstritten dar\u00fcber, wie viel Pulver die Zentralbanken \nnoch haben. M\u00f6glicherweise werden wir bald sehen, wie es ausgeht und das\n Kartenhaus zusammenf\u00e4llt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/dimitri-karastelev-kU_JLUIbnf8-unsplash-600x360.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5109\"\/><figcaption>Die Europ\u00e4ische Zentralbank will 2020 Wertpapiere im Wert von rund 1,1 Billionen Euro zusammenkaufen.<br>Foto: Dimitri Karastelev auf Unsplash<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Nationalstaaten schn\u00fcren\nderweil Rettungspakete, um das Gr\u00f6bste zu verhindern. Allerdings scheinen das\nerstmal panische Alleing\u00e4nge. Bundesrat Alain Berset hat an einer Pressekonferenz\nzum urspr\u00fcnglich vorgesehenen Paket von 10 Milliarden Franken gesagt: \u00abWir\nwissen, dass es noch mehr braucht\u00bb und liess die Summe wohl weisslich offen. ETH-Forschende\nmit \u00f6konomischem Sachverstand forderten kurz darauf einen\n100-Milliarden-Fonds f\u00fcr die akute Situation. Mittlerweile hat der Bundesrat 42 Milliarden zugesichert.<\/p>\n\n\n\n<p>In den USA wurde ein historisch beispielloses Paket \u00fcber rund 1,2 \nBillionen Dollar geschn\u00fcrt. Zudem sollen in den n\u00e4chsten zwei Wochen \n\u00fcber 1000 Dollar an alle amerikanischen B\u00fcrger*innen verschickt werden. \nDas sogenannte Helikoptergeld wird aber nach einem Steuerschl\u00fcssel \nverteilt, die Armen erhalten weniger Cash als besser Verdienende. In \nganz Europa werden gerade eifrig Pakete geschn\u00fcrt. Deutschland sieht \noffenbar eine Neuverschuldung von rund 150 Milliarden Euro sowie einen \nRettungsschirm von bis zu 600 Milliarden vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wird alles die\nStaatshaushalte stark belasten, w\u00e4hrend zugleich die Steuereinnahmen einbrechen\nwerden. Italien, das hart von der Pandemie getroffen wird, ist bereits mit \u00fcber\n125 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet. Frankreich und Spanien mit etwa\n99 beziehungsweise 95 Prozent ihres BIPs. Die L\u00e4nder m\u00fcssen dennoch grosse\nRettungspakete f\u00fcr die Wirtschaft versprechen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Schweiz steht zwar mit einer Staatschuld von etwa 40 Prozent des \nBIP relativ gut da. Die gesamte private Verschuldung liegt aber bei 247 \nProzent des BIP, dabei fallen vor allem die privaten Haushalte ins \nGewicht. Wir erinnern uns: In der Schweiz werden selbst Sparmassnahmen \ndurchgeboxt, wenn der Haushalt einen \u00dcberschuss verzeichnet, wenn also \nder Staat mehr einnimmt als ausgibt. Dasselbe Spiel in Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Sprecher des Kapitals: \u00abEs ist wie im\nKrieg\u00bb<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Schon jetzt, aber erst recht, wenn sich die Corona-Angst verzogen \nhat, wird der Virus als Argument herhalten m\u00fcssen. \u00abNun m\u00fcssen alle den \nG\u00fcrtel enger schnallen\u00bb, wird es heissen. Bereits fordert die <em>NZZ<\/em>\n \u00abLohnopfer\u00bb von den Angestellten des Bundes und der Kantone. Wir kennen\n dieses Muster, haben es immer wieder gesehen. Besonders deutlich nach \n2008. Den G\u00fcrtel enger schnallen sollen vor allem die Lohnabh\u00e4ngigen und\n jene, die vom Sozialstaat abh\u00e4ngig sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Es kann allerdings\nsein, dass angesichts der schieren Dimension der aktuellen Krise, ein\nKurswechsel ansteht. Donald Trump hat in den USA diverse sozialstaatliche\nMassnahmen implementiert und nat\u00fcrlich zugleich die nationale Karte gespielt.\nIn Europa reden verschiedene Regierungsvertreter bereits von Verstaatlichungen.\nWie weit das reine Propaganda ist und welche h\u00e4sslich-nationalistische Wendung\ndas noch nehmen k\u00f6nnte, wird die Zukunft zeigen m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>Was aber wohl unvermeidlich ist: Es werden viele Firmen Konkurs \ngehen, viele Lohnabh\u00e4ngige werden ihr Einkommen verlieren, Verm\u00f6gen wird\n vernichtet werden \u2013 ein Prozess der im Kapitalismus auch eine \nBereinigung der Widerspr\u00fcche ist. Das Kapital wird alles daran setzen, \ngest\u00e4rkt aus dem Schlamassel herauszukommen. Dazu wird auch beitragen, \nwas der britische Journalist Jeremy Warner offenherzig f\u00fcr das \nGesamtkapital aussprach: \u00abCovid-19 k\u00f6nnte sich aus einer v\u00f6llig \nuninteressierten wirtschaftlichen Perspektive langfristig sogar als \nleicht vorteilhaft erweisen, indem es unverh\u00e4ltnism\u00e4ssig viele \u00e4ltere \nAngeh\u00f6rige t\u00f6tet.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/Coro_K4-600x450.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5100\"\/><figcaption>Foto: Ajour Magazin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der neoliberale Star-\u00d6konom Kenneth Rogoff sagte in einem Interview mit <em>N-TV <\/em>zudem\n k\u00fcrzlich, was wohl viele seiner Zunft denken: \u00abEs ist wie im Krieg\u00bb. \nItalien wende 16 Prozent seiner Wirtschaftsleistung f\u00fcr Renten auf, \nerg\u00e4nzte er und beschrieb damit den Frontverlauf. Dieser Krieg hat einen\n Namen: Klassenkampf. Das Kapital hat seine Kanonen in Stellung \ngebracht.<\/p>\n\n\n\n<p>Zugleich werden wir vermutlich auch wirtschaftliche Prozesse erleben,\n die wir noch nie gesehen haben: In China stiegen in den letzten Wochen \ndie Preise f\u00fcr Lebensmittel teilweise um 25 Prozent. Angesichts der \nTiefe des Falls, der Dauer der Massnahmen und der Wiederkehr des Virus \nwird man m\u00f6glicherweise auch mit Engp\u00e4ssen bei der Versorgung rechnen \nm\u00fcssen. Und je weiter die Zerst\u00f6rung der Produktionsstruktur und die \nUnterbr\u00fcche der Lieferketten, desto schwerer wird es, den Laden wieder \nhochzufahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf all dies m\u00fcssen wir uns vorbereiten. Darum sollte man in den  heutigen Nachbarschaftshilfen, im Freundeskreis und in  Diskussionsgruppen daf\u00fcr Werbung machen, dass wir uns l\u00e4ngerfristig  zusammensetzen. Dass wir uns das nicht gefallen lassen. Und dass wir  endlich Schluss machen mit dem Kapitalismus. Die gewaltigen Verwerfungen  erfordern radikale Antworten.<br><br>Eine Initiative aus der Schweiz, die gerade darauf hinarbeitet, findet man hier: <a href=\"https:\/\/coronasoli.ch\/\">coronasoli.ch<\/a><br><br><em>Ausf\u00fchrlicheres  zum Zustand der Wirtschaft, der Krise von 2008 und den Folgen kann man  in einer dreiteiligen Serie im Ajour-Magazin nachlesen. <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/billionen-des-schreckens1\/\">Den ersten Teil findet man hier<\/a>.<\/em><br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/seuche-schulden-solidaritat\/\">https:\/\/www.ajourmag.ch\/seuche-schulden-solidaritat\/<\/a><br><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit bricht die Weltwirtschaft regelrecht ein. Das Ende des Desasters ist nicht abzusehen. Wir m\u00fcssen uns dar\u00fcber ins Vernehmen setzen. Und wir m\u00fcssen uns auf die kommenden Verwerfungen und die Angriffe auf unsere Leben vorbereiten. 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