{"id":3397,"date":"2020-04-08T14:37:49","date_gmt":"2020-04-08T13:37:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3397"},"modified":"2020-04-08T14:37:49","modified_gmt":"2020-04-08T13:37:49","slug":"die-pandemie-und-das-marchen-der-eigenverantwortung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3397","title":{"rendered":"Die Pandemie und das M\u00e4rchen der Eigenverantwortung"},"content":{"rendered":"\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"375\" class=\"wp-image-3398\" style=\"width: 500px;\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/gesundheit-scaled.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/gesundheit-scaled.jpg 2560w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/gesundheit-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/gesundheit-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/gesundheit-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/gesundheit-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/gesundheit-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><br>Zwischen der COVID-19-Pandemie und vergangenen Grippewellen besteht nicht nur ein Unterschied in der Gef\u00e4hrlichkeit, sondern auch in der individuellen Wahrnehmung \u00fcber die Verbreitung: Nie zuvor haben sich diese Menge an Menschen bei viralen Erkrankungen derart gefragt, wer einen bald anstecken k\u00f6nnte \u2013 oder bereits angesteckt hat. Wie ein Buschfeuer verbreitet sich die Information, wer den neuen Virus schon hat und welche Orte man meiden sollte. Freilich handelt es sich dabei in der Regel um aufgeregten Smalltalk in Zeiten, in denen andere Gespr\u00e4chsthemen in den Hintergrund r\u00fccken. Man w\u00fcrde es auch niemandem ernsthaft \u00fcbelnehmen, wenn er oder sie tats\u00e4chlich Teil der \u00dcbertragungskette war. Dass man sich st\u00e4ndig mit den Virus-\u00dcbertragenden besch\u00e4ftigt, hat dennoch einen Grund. Der mediale wie auch staatliche Diskurs in der Eind\u00e4mmung der Pandemie zielt auf das Individuum und dessen \u201eEigenverantwortung\u201c. Und dies, so die folgende These, ist gef\u00e4hrlich, weil es einen falschen Fokus legt, der uns in dieser Krise \u2013 die nicht nur eine gesundheitliche, sondern auch eine wirtschaftliche und politische ist \u2013 noch nachhaltig besch\u00e4ftigen wird.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gegen die Individualisierung des Virus<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr andere Pandemien wie der Influenza-Grippe fataler Trugschluss oder schlicht nicht haltbar w\u00e4re, scheint bez\u00fcglich COVID-19 pl\u00f6tzlich selbstverst\u00e4ndlich: Wer jetzt nicht sofort zuhause bleibt, ist f\u00fcr die \u00dcbertragung verantwortlich oder riskiere das Leben seiner Mitmenschen, lautet sinngem\u00e4\u00df die weit verbreitete Botschaft. Diejenigen, die diese Botschaft verk\u00fcnden, sind nicht selten dieselben, die sich zugleich l\u00e4cherlich \u00fcber jene machen, die die Vorschrift dann allzu ernst nehmen und sich wie Prepper mit Eink\u00e4ufen eindecken. Es sei betont, dass man sich solidarisch verhalten sollte \u2013 doch ich bin nicht Hauptverantwortlicher f\u00fcr die Viren, die ich in mir trage, und schon gar nicht f\u00fcr die Sterberate, mit der der Virus um sich schl\u00e4gt!<\/p>\n\n\n\n<p>Entgegen vieler Behauptungen trifft der Virus n\u00e4mlich nicht alle gleich. Neben der Art des Virus ist auch der Zugang zum Gesundheitswesen entscheidend, wie viele Menschen letztendlich in Folge des Virus sterben. Und dieser Zugang ist in einer Klassengesellschaft ungleich verteilt \u2013 direkt, weil nicht jede\/r gleicherma\u00dfen versichert ist, indirekt, weil einige ihren Jobs leichter fernbleiben k\u00f6nnen als andere. Diese Ungleichheit gilt auch f\u00fcr jene, die man umgangssprachlich \u201eRisikopatientInnen\u201c nennt. Vorerkrankungen sind immer auch abh\u00e4ngig vom sozio-\u00f6konomischen Status einer Person. Freilich k\u00f6nnen sowohl KapitalistInnen als auch ArbeiterInnen beispielsweise an Diabetes erkranken, allerdings <a href=\"https:\/\/www.diabetesde.org\/system\/files\/documents\/fileadmin\/users\/Patientenseite\/PDFs_und_TEXTE\/Stellungnahmen_Positionspapiere\/2015\/Positionspapier_diabetesDE_Soziale_Ungleichheiten_und_Diabetes_Typ_2_2.06.2015.pdf\">korreliert das Risiko<\/a> an Diabetes Typ 2 zu erkranken mit den \u00f6konomischen und sozialen Umst\u00e4nden. So ist es auch mit Corona. Wie wichtig dabei der Klassenunterschied ist, zeigt sich anhand der historischen Pandemien. Die Spanische Grippe zum Beispiel w\u00fctete dort <a href=\"https:\/\/www.wildcat-www.de\/aktuell\/a112_socialcontagion.html?fbclid=IwAR1kob0kMC2mwtVeyYqFIdgS-RJZw5fONNgRVPgIjYHZ9HkZmNz6Kb2Babs#fn3\">ungleich mehr<\/a>, wo sie auf katastrophale Lebensbedingungen und entsprechend auf eine Vielzahl an Vorerkrankungen traf, insbesondere im kolonialisierten und von Hungersn\u00f6ten betroffenen Indien. Die linke Diskussion auf Solidarit\u00e4t mit den Mitmenschen und der entsprechenden Anpassung des individuellen Verhaltens zu reduzieren, ist deshalb aus meiner Sicht gef\u00e4hrlich. Nat\u00fcrlich muss man sich als Individuum den neuen Verh\u00e4ltnissen anpassen. Das individuelle Verhalten kann aber nicht allein verantwortlich gemacht werden f\u00fcr die L\u00f6sung der Krise \u2013 exakt so, wie es die Linke in Umweltfragen die letzten Jahre noch und n\u00f6cher bez\u00fcglich des bewussten individuellen Konsums predigte. Kurzum: Man mag das Verhalten des Skifahrers, der einen Tag l\u00e4nger auf der Piste war und der Partyg\u00e4ngerin, die auch am Samstag noch eine Hausparty schmiss, angesichts der gegenw\u00e4rtigen Lage zu Recht kritisieren \u2013 gerade auch weil der Kapitalismus uns jahrzehntelang egoistisches und konsumorientiertes Verhalten anerzogen hat \u2013 , doch weder er noch sie tr\u00e4gt eine reale Mitschuld an den Todeszahlen. Entscheidend f\u00fcr Leben und Tod ist der Zugang zum Gesundheitswesen und die Verf\u00fcgbarkeit von Ger\u00e4ten und medizinischem Personal, nicht das individuelle Handeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gefahr dieser falschen Fokussierung zeigt ein Blick auf verschiedene von linken Kr\u00e4ften und Personen geteilten Kampagnen in den sozialen Medien. Dazu vorweg: Nat\u00fcrlich ist Twitter und Facebook nicht mit der Realit\u00e4t zu verwechseln. Gleichzeitig sind Meldungen darauf immer auch symptomatisch f\u00fcr bestimmte Tendenzen, die linke Diskurse in den kommenden Monaten pr\u00e4gen k\u00f6nnen. Unter dem Hashtag #staythefuckhome rufen beispielsweise auch einige meiner FreundInnen dazu auf, zuhause zu bleiben, um dadurch \u201eLeben zu retten\u201c. Dass sich derart viele Menschen solidarisch um ihre Mitmenschen sorgen und Teil einer Eind\u00e4mmungsstrategie sein wollen, ist gut. Allerdings f\u00fcrchte ich, dass dadurch simples individuelles Handeln zu einem politischen Akt erkoren wird \u2013 was es nicht ist. Es ist sicherlich klug, angesichts der aktuellen Situation gewissen Ma\u00dfnahmen Folge zu leisten. Fokussiert man jedoch auf die Handlung des\/r Einzelnen, l\u00e4uft man Gefahr, die gegenw\u00e4rtige Krise in ihrem politischen Charakter zu verkennen. Anders gesagt: Man \u00fcbergibt dem Individuum die Verantwortung, der sich der Kapitalismus verweigert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies mag angesichts der solidarischen Intentionen harsch klingen. Tats\u00e4chlich ist es wichtig, all die sch\u00f6nen Momente beziehungsweise Chancen zu betonen, die jeder Krise ebenso inh\u00e4rent sind wie ihre Trag\u00f6dien. In der Corona-Krise sind es die verschiedenen Formen der Selbstorganisierung und Nachbarschaftshilfen, wo Menschen solidarisch mit bedrohlichen Situationen umgehen. Wenn wir es nicht nur schaffen, dass diese positiven Momente in Erinnerung bleiben, sondern die Krise auch dazu nutzen, uns besser zu organisieren, dann werden am Horizont auch Alternativen einer anders strukturierten Gesellschaft sichtbar. Allerdings muss man sich keine Illusionen machen: Der Kampf um die Deutungshoheit ist schon l\u00e4ngst entbrannt und die Herrschenden werden sich nicht davor scheuen, diesen Kampf ebenfalls mit allen Mitteln zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die nationalistischen Reaktionen auf den Feind<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Viren haben die Eigenart, dass sie als eine Art Fremdk\u00f6rper wahrgenommen werden (im K\u00f6rper sind sie es schlichtweg meistens auch). In dieser Rhetorik ist es kein Wunder, dass die politische Rechte gerade jetzt ihr liebstes \u201eAllheil-Mittel\u201c fordert: Grenzschlie\u00dfungen und st\u00e4rkere Kontrolle, ganz so, als k\u00f6nnte man den Virus \u00e4hnlich wie Migrationsbewegungen repressiv an der Grenze stoppen. Als Fremdk\u00f6rper tauchen Viren allerdings auch in der allgemeinen Mobilmachung auf, die dann pl\u00f6tzlich auch von anderen Kr\u00e4ften mitgetragen wird. Gemeinsam, \u00fcberparteilich, alle zusammen sollen wir gegen den Virus zusammenstehen, ganz so als sei die gegenw\u00e4rtige Pandemie etwas, das uns alle gleicherma\u00dfen \u2013 als Menschen \u2013 trifft. Freilich ist es dem Virus egal, ob er auf KapitalistInnen, Kleinb\u00fcrger oder ProletarierInnen trifft, doch treffen die \u00f6konomischen Konsequenzen der durch den Virus gestoppten Wirtschaft die unteren Klassen ungemein mehr als die obere.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Gemeinwohl des Staates ist im Kapitalismus das Wohl des Kapitals, und dies zeigt sich nicht nur in den Ma\u00dfnahmen, die zuerst die individuelle Freiheit in den Blick nimmt, bevor die Produktion gestoppt wird. Es zeigt sich auch in den kommenden Abw\u00e4lzungen der Krise. Schon heute steigt der <a href=\"https:\/\/revoltmag.org\/articles\/die-corona-krise-als-care-krise\/\">Druck auf die Betreuung<\/a>, sei es in der bezahlten oder unbezahlten Variante, oder auf <a href=\"https:\/\/revoltmag.org\/articles\/viraler-kapitalismus\/\">alle prek\u00e4r Angestellten<\/a>. Dieser Druck wird sich in den kommenden Monaten intensivieren \u2013 und er wird ungleich verteilt und legitimiert werden. Und auch hier werden Unternehmen, PolitikerInnen und staatliche Institutionen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter mit dem Argument auftauchen, dass es doch uns alle betrifft und wir nun zusammenhalten m\u00fcssen. Man wird den Arbeitenden, uns, die Ferien streichen wollen und uns auffordern, freiwillig auf unsere L\u00f6hne zu verzichten. Wieder wird es um das Gemeinwohl gehen, nur dass es dann endg\u00fcltig nicht mehr um das Virus, sondern um die Wirtschaft geht. Ich hoffe, dass wir dann kollektiv f\u00e4hig sein werden, die unterschiedlichen Varianten eines Gemeinwohls sichtbar zu machen und gegen falsche Versprechen zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Corona-Krise ist auch eine Umwelt-Krise<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In den ersten drei Monaten des neuen Jahrzehnts waren wir mit zwei einschneidenden Ereignissen konfrontiert. In Australien brannten gigantische Waldfl\u00e4chen, was eine Klimakatastrophe darstellt, und gegenw\u00e4rtig erleben wir eine globale Pandemie, deren Ausma\u00df sich nicht absch\u00e4tzen l\u00e4sst. Dahinter steckt sowohl ein Zufall, als auch eine Symptomatik. Kapitalistische Widerspr\u00fcche versch\u00e4rfen sich, auch was die Umweltkatastrophen und die biologischen Nebenwirkungen zunehmender Landnahme und intensivierter Nahrungsmittelindustrie \u2013 insbesondere die Massentierhaltung und Wildtierm\u00e4rkte \u2013 betrifft. Das zeigt sich vor allem in der Klimaerw\u00e4rmung und der durch sie ausgel\u00f6sten oder verst\u00e4rkten Naturkatastrophen, aber auch in zunehmenden Pandemien, die wie die Vogel- oder Schweinegrippe meist (noch) auf das Tierreich beschr\u00e4nkt bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden linken Historiker beziehungsweise Biologen Mike Davis und Rob Wallace haben dazu in den letzten Jahrzehnten ausreichend Forschung betrieben. <strong>[1]<\/strong> Sie haben zwar verschiedene Schwerpunkte, folgen aber denselben drei Thesen: Erstens beschleunigt sich die globale Verbreitung von Viren durch Prozesse der kapitalistischen Globalisierungs- und Landnahme. Dadurch intensiviert der Kapitalismus die Gefahr von viralen Epidemien. Dies ist wichtig zu betonen, weil es dem verbreiteten Glauben widerspricht, dass wir jetzt ein wenig Verzicht \u00fcben m\u00fcssen, um das \u00dcbel ein f\u00fcr alle Mal zu beseitigen. Virale Epidemien werden uns jedoch in Zukunft mehr denn je begleiten. Zweitens tr\u00e4gt die kapitalistische Landwirtschaft, insbesondere nach ihrer neoliberalen Reorganisierung, zur t\u00f6dlichen Virenproduktion bei. Die Schweine- und Gefl\u00fcgelindustrie bilden einen idealen N\u00e4hrboden f\u00fcr k\u00fcnftige Epidemien. Hier treffen Viren auf geschw\u00e4chte Wirte und werden aufgrund der gesteigerten Umlaufszeit, in der sie neue Tiere befallen m\u00fcssen, evolution\u00e4r angeregt, sich rascher zu verbreiten. Drittens hat die Klassengesellschaft Auswirkungen auf den Umgang und die Folgen von Pandemien.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Austerit\u00e4t als N\u00e4hrboden der Gefahr<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Als \u201eKatastrophenkapitalismus\u201c <a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Katastrophenkapitalismus-4563390.html?seite=all\">kritisiert<\/a> Tomasz Konicz, wie unvorbereitet die Staaten auf Naturkatastrophen reagieren. Katastrophen treffen auf einen kaputtgesparten oder privatisierten Sozial- und Gesundheitsbereich. 2018 brannten beispielsweise die W\u00e4lder in Griechenland. Aufgrund der Austerit\u00e4t fehlte es an allen Ecken an Personal, insbesondere bei der Feuerwehr. Nat\u00fcrlich hatten die Br\u00e4nde auch ohne Austerit\u00e4t nicht einfach gestoppt h\u00e4tten werden k\u00f6nnen. Doch durch die Sparma\u00dfnahmen verst\u00e4rkte sich die Katastrophe, indem sowohl pr\u00e4ventive Schutzma\u00dfnahmen als auch Personal in der Feuerbek\u00e4mpfung fehlten.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergleichbares zeigt sich in der aktuellen COVID-19-Pandemie. Je schlechter das Gesundheitssystem eines Landes funktioniert, desto katastrophaler wird der Virus w\u00fcten \u2013 zumindest f\u00fcr jene, die es sich nicht leisten k\u00f6nnen. Auch hier ist es nicht so, dass ein optimales System \u2013 oder gar eine andere Gesellschaftsform \u2013 eine virale Pandemie einfach stoppen k\u00f6nnte. Doch je nach Ausgangslage sinkt oder steigt die Sterblichkeitsrate immens. Und nicht nur diese. Auch die Folgekosten sind abh\u00e4ngig von der Verf\u00fcgbarkeit und Organisation des Gesundheitswesens. Gerade hier sieht es weltweit nach Jahren der Sparma\u00dfnahmen und Privatisierungen katastrophal aus. In den USA fehlen zahlreiche Betten, und Menschen mussten erst politischen Druck aus\u00fcben, damit sie f\u00fchr ihre COVID-19-Tests nicht selbst bezahlen m\u00fcssen. \u00c4hnlich verheerend sieht es in England aus, wo der Staat f\u00fcr immens viel Geld Betten von privaten Spit\u00e4lern mieten muss. Zudem leidet das Gesundheitswesen weltweit unter dem Problem, dass dank der postfordistischen Just-in-Time-Bestellungen wenig Vorr\u00e4te an Versorgungs- und Schutzmitteln vorhanden sind. Weitere Beispiele f\u00fcr das Versagen des Kapitalismus werden sich in den kommenden Monaten zu Gen\u00fcge finden lassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der Klassencharakter der staatlichen Eingriffe<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der gegenw\u00e4rtige Ausnahmezustand ist wie jede Krise im Kapitalismus zeitgleich eine Rationalisierungsmaschinerie und ein Testfeld f\u00fcr staatliche Interventionen. Das bedeutet nicht, dass der Staat und das Kapital diese Krise heraufbeschworen oder gar selbst aktiviert haben, wie gewisse Verschw\u00f6rungstheorien behaupten. Aber man muss nicht so tun, als w\u00e4re diese Krise eine ganz andere als bisherige, als st\u00fcnden uns nicht wie immer Schockstrategien bevor, die Menschen entlang von Klassengegens\u00e4tzen ungleich treffen werden. Wenn man die gegenw\u00e4rtige Krise auch in ihrem allgemeinen und nicht nur in ihrem speziellen Charakter betrachtet, dann zeigen sich zwei Dinge.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens werden sich bestehende Widerspr\u00fcche verst\u00e4rken, beispielsweise die imperialistischen Spannungen oder die neokolonialen Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse und Ungleichheiten. Das wiederum verst\u00e4rkt andere \u00dcbel der Gesellschaft wie Rassismus (siehe beispielsweise den Alltagsrassismus oder den gegenw\u00e4rtigen Umgang mit Migrationsbewegungen) oder Geschlechterungleichheiten (siehe beispielsweise die erwartete <a href=\"https:\/\/wien.orf.at\/stories\/3039318\/\">Zunahme<\/a> \u201eh\u00e4uslicher\u201c, sprich patriarchaler Gewalt w\u00e4hrend des Lockdown).<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens wird die Krise f\u00fcr die betroffenen Menschen irreversible Sch\u00e4den hervorrufen. F\u00fcr den abstrakten Standpunkt des Kapitals allerdings gibt es diese Irreversibilit\u00e4t nicht. Der wertkritisch inspirierte Politikwissenschaftler William Sewell hat dies einst mit einem einfachen Beispiel erl\u00e4utert: \u201eJeder Verlust ist gleichzeitig ein Gewinn: Der Konkurs einer Firma ist eine Chance f\u00fcr ihren Rivalen; der Misserfolg einer Investition ist ein Zeichen f\u00fcr das Kapital, sich anderswo zu investieren, wo die Erfolgschancen h\u00f6her sind.\u201c <strong>[2]<\/strong> So zeichnet sich bereits heute ab, dass die gegenw\u00e4rtige Krise eine neue Welle der Digitalisierung und Rationalisierung ausl\u00f6sen wird. W\u00e4hrend sich viele Unternehmen vor den Umbr\u00fcchen f\u00fcrchten, hat Amazon bereits angek\u00fcndigt bis zu 100\u2018000 neue Stellen in seinen Verteilzentren schaffen zu wollen, weil Menschen noch mehr dazu \u00fcbergehen, ihre Eink\u00e4ufe online zu t\u00e4tigen. <strong>[3]<\/strong> Und der Staat wird keine Sekunde z\u00f6gern, diese Ma\u00dfnahmen zu f\u00f6rdern. Damit soll nicht gesagt sein, dass der Staat sich nicht um den Ausgleich bem\u00fcht und sich nur f\u00fcr die Wirtschaft interessiert. Denn gerade das ist unter anderem sein Wesen: die Bereitstellung einer funktionierenden Wirtschaft in einer antagonistisch verfassten Gesellschaft. Ebenso wenig ist der Staat in Zeiten der Epidemie aber in eine dem Kapital gegen\u00fcber neutralen Position \u00fcbergegangen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Solidarit\u00e4t und das Aufkommen von neuen K\u00e4mpfen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Es geh\u00f6rt zu den beliebten linken Floskeln der letzten Jahre, dass man mit Widerspr\u00fcchen umgehen muss. In diesem Falle hat sie etwas Wahres und es l\u00e4ge wohl darin: dass Menschen solidarisch sind, diese Solidarit\u00e4t aber auch das Potenzial hat, sich in ihr Gegenteil zu verkehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gut wir damit tats\u00e4chlich umgehen k\u00f6nnen, wird sich zeigen. Eine erste H\u00fcrde hierzu wird sich offenbaren, sobald es darum geht, die staatlichen Ma\u00dfnahmen nicht mehr einfach hinzunehmen. Zu Recht bewunderte man in den letzten Wochen die Aufst\u00e4nde in den italienischen Kn\u00e4sten und Produktionsst\u00e4tten. Es ist zu hoffen, dass wenn im deutschsprachigen Raum vergleichbares geschieht, nicht pl\u00f6tzlich linken Stimmen den moralischen Zeigefinger erheben werden, der den Widerstand zum jetzigen Zeitpunkt als falsch oder gar gesundheitsgef\u00e4hrdend brandmarkt. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird es zum Moment kommen, in dem wir Druck aufbauen und eine militante Position entwickeln m\u00fcssen, die sich nicht um staatliche Verbote k\u00fcmmert. Gerade wenn es um den Umgang mit den durch die Krise versch\u00e4rften Widerspr\u00fcche geht, wird es verantwortungsbewusste, aber doch kollektive Aktionen und Druck von unten brauchen, der kollektiv passieren muss und nicht von zuhause aus oder nur digital laufen kann. Wir d\u00fcrfen andere prek\u00e4re Notlagen wie zum Beispiel in den Lagern in Griechenland nicht vergessen. Und in den kommenden Monaten werden uns neue, durch die kommende Krise angereicherte lokale wie globale Protestwellen erwarten. Wir k\u00f6nnen sicher sein, dass der Staat und die Massenmedien in solchen F\u00e4llen sofort zur nationalen Einheit aufrufen und vermeintlichen GegnerInnen gesundheitsgef\u00e4hrdendes Verhalten unterstellen werden. Inwiefern eine linke Bewegung dann f\u00e4hig sein wird, sich diesem zersetzenden und spaltendem Druck entgegenzusetzen, wird sich zeigen und wesentlich von ihrer Organisierung abh\u00e4ngen. Wir tun allerdings gut daran, bereits jetzt unsere eigenen Positionen zur Krise zu entwickeln und nicht dem staatlichen Krisen- und Pandemie-Diskurs zu verfallen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Anmerkungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p><strong>[1]<\/strong> Davis, Mike: Vogelgrippe: Zur gesellschaftlichen Produktion von Epidemien, Berlin 2005. \/\/ Wallace, Rob: Big Farms Make Big Flu, New York 2016.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[2]<\/strong> Sewell, William H.: The temporalities of capitalism, in: Socio-Economic Review 6 (3), 01.07.2008, S. 517\u2013537<\/p>\n\n\n\n<p><strong>[3]<\/strong> Bei Amazons Ank\u00fcndigungen handelt es sich auch um einen PR-Ma\u00dfnahme: Wer in der gegenw\u00e4rtigen Krise Jobs generiert, verschafft sich damit eine gro\u00dfe Portion politischen Goodwill. Darum sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genie\u00dfen. In der Tendenz zeigen sie allerdings durchaus, wer aktuell von der Krise profitiert.<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/revoltmag.org\/articles\/die-pandemie-und-das-m%C3%A4rchen-der-eigenverantwortung\/\">https:\/\/revoltmag.org\/articles\/die-pandemie-und-das-m%C3%A4rchen-der-eigenverantwortung\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen der COVID-19-Pandemie und vergangenen Grippewellen besteht nicht nur ein Unterschied in der Gef\u00e4hrlichkeit, sondern auch in der individuellen Wahrnehmung \u00fcber die Verbreitung: Nie zuvor haben sich diese Menge an Menschen bei viralen Erkrankungen derart gefragt, wer einen bald anstecken &hellip; <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3397\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1214,108],"tags":[1208,1216,1215,1156],"class_list":["post-3397","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-corona","category-wirtschaftskrise","tag-corona","tag-individualisierung","tag-pandemie","tag-wirtschaftskrise"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3397","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3397"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3397\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3399,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3397\/revisions\/3399"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3397"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3397"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3397"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}