{"id":3425,"date":"2020-05-30T11:45:54","date_gmt":"2020-05-30T10:45:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3425"},"modified":"2020-05-30T11:45:54","modified_gmt":"2020-05-30T10:45:54","slug":"covid-19-klassengesellschaft-und-anarchistische-selbstreflexion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3425","title":{"rendered":"Covid-19, Klassengesellschaft und anarchistische Selbstreflexion"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/covid-19-klassengesellschaft-und-anarchistische-selbstreflexion\/\">https:\/\/www.ajourmag.ch\/covid-19-klassengesellschaft-und-anarchistische-selbstreflexion\/<\/a><br><br><strong>Wie k\u00e4mpfen? Diese grosse Frage bringt die Corona-Krise mit neuer Dringlichkeit aufs Parkett. Gastautor M.\u00a0Lautr\u00e8amont hat sich dazu grunds\u00e4tzliche Gedanken gemacht und unterzieht einige aktuelle Erscheinungen des Linksradikalismus der Kritik.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Erstaunen war gross, als Anfang Mai 2020 in den Medien die Nachricht kursierte, dass in Genf 2500 Menschen stundenlang im Regen ausharrten, um kostenlose Lebensmittelpakete zu erhalten. Armut und Prekarit\u00e4t hierzulande? Das passt doch nicht ins Selbstbild der modernen Schweiz! Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass in Genf so viele Leute anstanden und auch in Z\u00fcrich und Basel sind mit dem Fortschreiten der \u00f6konomischen Krise immer mehr Leute auf kostenlose Grundnahrungsmittel und Hygieneartikel angewiesen. Es ist kaum verwunderlich, dass aus dem b\u00fcrgerlichen Lager die Bilder der kilometerlangen Menschenschlange kleingeredet wurden. Die noch miserablere Lage in anderen L\u00e4ndern diente als willkommener Relativierungsfaktor.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Selbst der Nachklang all jener Stimmen von Aktivist*innen und marginalisierten Menschen, die seit Jahren versuchen mit dem ideologischen Selbstbild des Wirtschaftsstandorts Schweiz zu brechen, schien im Strudel der sozialen Medien ungeh\u00f6rt zu verhallen. Dass diejenigen Leute, die keine Aufenthaltsbewilligung haben oder dazu gezwungen sind, sich im Billiglohnsektor zu verdingen, am h\u00e4rtesten von den wirtschaftlichen Einbr\u00fcchen betroffen sein w\u00fcrden, war zu erwarten. Meist sind es migrantische Frauen \u2013 egal ob in einem formellen oder informellen Arbeitsverh\u00e4ltnis. Dass b\u00fcrgerliche Politiker*innen die elende Situation so vieler Menschen relativieren, ist ebenfalls nicht \u00fcberraschend. \u00dcberraschend ist einzig die Passivit\u00e4t der Linken und der Anarchist*innen. Auf analytischer Ebene erfassen sie zwar meistens die soziale Dimension der Corona-Krise, doch auf praktischer Ebene scheinen sie, mit einigen Ausnahmen, vollkommen gel\u00e4hmt \u2013 und das nicht nur aufgrund der staatlichen Lockdown-Massnahmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Selbstreferenzieller Aktivismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist klar, dass die momentane Lage den Radius widerst\u00e4ndiger Aktionen reduziert. Da sich aber eine \u00f6konomische Krise anbahnt, t\u00e4ten Linke und Anarchist*innen gut daran, sich auf kommende K\u00e4mpfe vorzubereiten und die eigenen theoretischen und praxisbezogenen M\u00e4ngel zu reflektieren. Die missliche Lage der selbsternannten Revolution\u00e4r*innen hierzulande hat Programm, weil die linksradikale und anarchistische Szene jahrzehntelang durch einen selbstreferenziellen Aktionismus gekennzeichnet war. Durch das momentane Ausbleiben einer revolution\u00e4ren Massenbewegung und die Unm\u00f6glichkeit eines Aufstands sieht sich die revolution\u00e4re Aktivist*in einmal mehr auf sich selbst und ihre Szene zur\u00fcckgeworfen. Die Aufrechterhaltung dieser festgesetzten Rolle \u2013 die an ein radikales Auftreten, spezifische sprachliche Ausdr\u00fccke und ritualisierte Aktionsformen gekoppelt ist \u2013 wird im schlimmsten Fall zur identit\u00e4tsstiftenden politischen Praxis und dreht sich nur noch um sich selbst. Dabei stellt sich die Frage, ob eine emanzipatorische politische Praxis den eigenen politischen Zusammenhang (egal ob Affinit\u00e4tsgruppe oder gr\u00f6ssere Organisation) oder die Bed\u00fcrfnisse unserer Klasse ins Zentrum stellen sollte. All diese Einw\u00e4nde sind nichts Neues, doch sie sollten immer wieder aufgegriffen werde, solange die Probleme, auf die sie zielen und aufzeigen, bestehen. Denn der selbstreferenzielle Aktivismus ist Symptom einer Selbstisolation im Szenekuchen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Concrete1-1-600x343.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5509\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Selbst das, was als Theorie und Analyse begriffen wird, fungiert meist als Legitimationsideologie f\u00fcr die eigene Praxis und Selbstisolation. W\u00e4hrend der selbstreferenzielle Aktionismus die Theorie als Legitimierung des eigenen Handelns missbraucht, rechtfertigen die Intellektuellen ihr Nichtstun mit Theoriearbeit. Wer sich nicht in die identit\u00e4tsstiftende und spektakul\u00e4re Welt des Aktivismus st\u00fcrzt, richtet sich eine kleine intellektuelle Nische ein, in der die Resignation mit einer Zur\u00fcckweisung jeglicher Praxis einhergeht. Was schliesslich bis zu einer merkw\u00fcrdigen Nachahmung des so verteufelten Akademismus f\u00fchren kann. Wenn Intellektuelle um ihrer Intellektualit\u00e4t willen \u00fcber die verallgemeinerte Misere des Kapitalismus sinnieren, scheinen sie eine radikale und sozial-revolution\u00e4re Perspektive zu verteidigen. Ihre Kritik bleibt indes idealistisch, weil ihr jeglicher praktischer Handlungshorizont abhanden kommt oder gar nie anvisiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>So schwadronieren Aktivist*innen und Intellektuelle von der sozialen Revolution, als w\u00e4re sie ein rein voluntaristischer Akt der selbsternannten Revolution\u00e4r*innen. Diese sollen durch Handlungen oder Ideen, den revolution\u00e4ren Geist der Arbeiter*innenklasse entfachen. Der holl\u00e4ndische R\u00e4tekommunist <a href=\"https:\/\/anarchismus.at\/ueber-den-tellerrand-blicken\/raetekommunismus\/257-cajo-brendel-die-antiautoritaere-bewegung-und-ihr-weg-in-die-sackgasse\">Cajo Brendel kritisierte Ende der 1970er Jahre solche Positionen<\/a>, als er festhielt, dass nicht diejenigen die Gesellschaft revolutionieren, die \u00abnicht m\u00fcde werden von einer sozialen \u2039Revolution\u203a zu reden\u00bb, sondern jene, \u00abwelche bloss ihre materiellen Interessen verteidigen, ohne \u00fcberhaupt eine Revolution zu beabsichtigen.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lage des hiesigen linksradikalen und anarchistischen Milieus ist zwar alles andere als vielversprechend.&nbsp; Aber wir m\u00fcssen uns fragen: Wann soll es gelingen, die staaten- und klassenlose Gesellschaft international wieder als realistisches Ding der Unm\u00f6glichkeit zu positionieren, wenn nicht zu Zeiten, in denen selbst in der befriedeten Schweiz die Klassenwiderspr\u00fcche in aller Deutlichkeit an die Oberfl\u00e4che katapultiert werden?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Relativierungen und Ausnahmezustand<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich werden aus der aktuellen chaotischen Lage nicht automatisch emanzipatorische K\u00e4mpfe entstehen und die Gefahr, dass autorit\u00e4re und nationalistische Positionen noch mehr Aufschwung erhalten, ist gross. Es besteht auch die M\u00f6glichkeit, dass viele Leute sich vermehrt mit \u00abVater Staat\u00bb identifizieren, der seine \u00abhilfsbed\u00fcrftigen B\u00fcrger*innen\u00bb vor dem Virus und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Einbruch sch\u00fctzt. Passiv zu bleiben w\u00e4re aber ein grosser Fehler. Um \u00fcber revolution\u00e4re Interventionsm\u00f6glichkeiten nachzudenken, ist allerdings eine kritische Auseinandersetzung mit fragw\u00fcrdigen gegenw\u00e4rtigen Analysen unentbehrlich. Ansonsten leidet darunter auch die emanzipatorische Praxis.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ende M\u00e4rz dieses Jahres publizierte die Zeitung <em>Le Monde<\/em> <a href=\"https:\/\/www.lemonde.fr\/idees\/article\/2020\/03\/24\/giorgio-agamben-l-epidemie-montre-clairement-que-l-etat-d-exception-est-devenu-la-condition-normale_6034245_3232.html\">ein Interview mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben<\/a>, dessen Analyse zur Corona-Krise vielen anarchistischen Positionen \u00e4hnelt. Der 78-j\u00e4hrige Agamben schien sichtlich \u00fcberfordert mit der aussergew\u00f6hnlichen Lage und hatte nichts Besseres zu tun, als die Pandemie kleinzureden und zu relativieren. Die Medien h\u00e4tten Angst und Panik gesch\u00fcrt, das ganze Leben drehe sich nur noch um das blanke \u00dcberleben. Dies bilde einen perfekten N\u00e4hrboden f\u00fcr den Autoritarismus im Namen der Gesundheit und der Sicherheit. Agamben ist zuzustimmen, dass die Eind\u00e4mmungsmassnahmen einen autorit\u00e4ren Charakter haben. Genauso ist es Tatsache, dass Rechtsbeschr\u00e4nkungen schwer r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden k\u00f6nnen, sobald sie einmal implementiert worden sind. Doch die Pandemie als \u00abMedienhysterie\u00bb zu bezeichnen und sie zu relativieren, indem sie implizit mit einer normalen Grippewelle verglichen wird und dabei auch noch eine pragmatische Abw\u00e4gung zwischen b\u00fcrgerlichen Freiheiten und der Gesundheit zu fordern, bedeutet, zu ignorieren, welche Konsequenzen unz\u00e4hligen Lohnarbeiter*innen drohten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Concrete2-1-600x343.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5510\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die einseitige Fokussierung auf das Vorgehen des Staates, abgekoppelt von wirtschaftlichen Prozessen, ist vor allem <a href=\"https:\/\/anarchistischebibliothek.org\/library\/avis-de-tempetes-an-die-krone-gekettet\">in anarchistischen<\/a> <a href=\"https:\/\/anarchistischebibliothek.org\/library\/finimondo-notizen-des-seucheninstinkts\">Kreisen anzutreffen<\/a>. Auch wenn eine Kritik des Agierens des Staates von enormer Wichtigkeit ist, wird durch eine einseitige Fokussierung auf diesen Aspekt nicht nur eine differenzierte Auseinandersetzung mit der aktuellen Lage vermieden, sondern die Pandemie selbst wird in postmodern anmutender Manier zu einem rein diskursiven Ph\u00e4nomen umdeklariert. <a href=\"https:\/\/rolandoastarita.blog\/2020\/03\/25\/virus-crisis-economica-materialismo\/\">Der argentinische Marxist Rolando Astarita fragt in diesem Kontext<\/a> berechtigterweise: \u00abWenn alles eine \u2039neoliberale Medienhysterie\u203a ist, warum sollte man sich dann mit den materiellen, objektiven Bedingungen befassen, unter denen die Massen leben oder arbeiten und dem Virus ausgesetzt sind?\u00bb<sup><a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/covid-19-klassengesellschaft-und-anarchistische-selbstreflexion\/#fn-4\">4<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Auch der geforderte Pragmatismus Agambens konzentriert sich in diesem Sinne nur auf das Agieren des Staates, ohne zu beachten, dass im Umkehrschluss eine Zur\u00fcckhaltung des Staates in Zeiten einer Pandemie einen grossen Teil der proletarisierten Massen dazu gezwungen h\u00e4tte, die eigene Gesundheit \u2013 mehr noch als sonst \u2013 auf\u2019s Spiel zu setzen. Arbeiter*innen in verschiedenen L\u00e4ndern <a href=\"https:\/\/jacobinmag.com\/2020\/03\/coronavirus-strikes-italy-workers-health-fiat-auto-plant\">haben diese Gefahr erkannt und die Arbeit verweigert<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Kritik an den staatlichen Massnahmen sollte es vermeiden, ins Fahrwasser der ewigen Apologet*innen des freien Marktes zu geraten, die im Namen der Freiheit ungeniert die Weiterf\u00fchrung der Ausbeutung fordern \u2013 egal was die gesundheitlichen Konsequenzen f\u00fcr die Arbeiter*innen sind: Wir sollen uns bis zum Umfallen als doppelt freie Lohnarbeiter*innen verdingen und unsere Gesundheit auf\u2019s Spiel setzen. <em>Das<\/em> ist das blanke \u00dcberleben. Diejenigen hingegen, die vor\u00fcbergehend von der Arbeit \u00abbefreit\u00bb sind, m\u00fcssen um ihre Existenz bangen. Wer Gl\u00fcck hat, f\u00fcr den wird hierzulande Kurzarbeit angemeldet. Aber zwanzig Prozent weniger Lohn, ist f\u00fcr viele nur schwer zu verkraften. Im selben Zug f\u00fchlen sich viele, die bei vollem oder magerem Lohnausgleich zu Hause bleiben k\u00f6nnen, schlichtweg von der Gesellschaft ausgeschlossen, isoliert und \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissenschaft und Gesundheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie <a href=\"http:\/\/panopticon.blogsport.eu\/2020\/05\/03\/frankreich-koste-es-was-es-wolle-das-virus-der-staat-und-wir\/\">Tristan Leoni und C\u00e9line Alkamar in ihrem Artikel<\/a> \u00abKoste es, was es wolle. Der Virus, der Staat und wir\u00bb \u00fcber die Situation in Frankreich schreiben \u2013 wo die staatlichen Massnahmen strenger sind als hierzulande \u2013 t\u00e4ten wir falsch daran, das staatliche Vorgehen im Zuge der Pandemie rein repressiv und machtpolitisch zu verstehen. Die gesundheitliche Dimension des ganzen Schlamassels darf nicht ausser Acht gelassen werden. Aus dem medizinischen Bereich wurden bereits vor dem Inkrafttreten der staatlichen Massnahmen in verschiedenen L\u00e4ndern Stimmen laut, die eine m\u00f6glichst schnelle und konsequente Einschr\u00e4nkung der wirtschaftlichen Normalit\u00e4t forderten. Aus Angst, den eigenen Wirtschaftsstandort zu gef\u00e4hrden, reagierten jedoch viele Staaten zun\u00e4chst z\u00f6gerlich. Das f\u00fchrte ironischerweise dazu, dass kurze Zeit sp\u00e4ter umso drastischere Massnahmen erforderlich wurden. Doch letzten Endes hatten die Massnahmen einen rationalen Kern: Auch in einer Gesellschaft ohne Staat, in einer vom Kapitalismus befreiten Gesellschaft, h\u00e4tte man weitgehend auf Social-Distancing-Massnahmen zur\u00fcckgreifen m\u00fcssen, um die Pandemie einzud\u00e4mmen. Die Massnahmen w\u00e4ren aber dann hoffentlich nicht von oben nach unten angeordnet worden und die physische Distanzierung w\u00e4re vermutlich an soziale Solidarit\u00e4t gekoppelt gewesen. Dies sei erw\u00e4hnt, weil viele in ihrer Ablehnung gegen den Staat eine Anti-Haltung gegen die Eind\u00e4mmungsmassnahmen einnehmen und das zugrundeliegende gesundheitliche Problem aus den Augen verlieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Concret3-1-600x343.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5511\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Dann gibt es noch diejenigen <a href=\"https:\/\/ia802907.us.archive.org\/4\/items\/awb_nr059\/awb_nr059.pdf\">Anarchist*innen, die die Wissenschaft verteufeln<\/a> (PDF) und dementsprechend praktisch alles, was Epidemolog*innen und Virolog*innen sagen, zur\u00fcckweisen. Ihnen sei nur Folgendes gesagt: Aus meiner Sicht haben anti-wissenschaftliche Positionen zu diesem historischen Zeitpunkt mehr mit Verschw\u00f6rungstheorien gemein als mit Bakunin. <a href=\"https:\/\/anarchistischebibliothek.org\/library\/michail-bakunin-gott-und-der-staat\">Dieser kritisierte zwar die unhinterfragte Autorit\u00e4t und Machtposition der Wissenschaft<\/a>, gestand aber trotzdem ein, dass es Leute gibt, die in einem bestimmten Gebiet \u00fcber mehr Wissen und Erfahrung verf\u00fcgen als andere. Daraus folgt nicht, dass man sich un\u00fcberlegt der Expertise eines anderen zu unterwerfen hat, sondern, dass sich die eigene Position in der Auseinandersetzung mit Argumenten und verschiedenen Positionen entwickeln sollte. Eine Haltung, die davon ausgeht, dass alles, was nach institutionalisierter Autorit\u00e4t riecht, per se falsch ist, kann damit nicht begr\u00fcndet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus meiner Sicht geh\u00f6rt also zu einer emanzipatorischen Praxis in Zeiten von Covid-19, die Pandemie nicht kleinzureden, die Verschlechterung der Lebensverh\u00e4ltnisse nicht zu ignorieren, kritisch gegen\u00fcber dem Vorgehen des Staates und seinen Institutionen zu bleiben, den Tod von Menschen nicht zu bagatellisieren und die Zwiesp\u00e4ltigkeit der Forderung nach individueller Freiheit anzuerkennen \u2013 weil diese in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft an die Freiheit des Marktes gekoppelt ist. Die R\u00fcckkehr zur wirtschaftlichen Normalit\u00e4t ist keine Freiheit.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Solidarit\u00e4t ist en vogue<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es k\u00e4me einer Anmassung gleich, ein starres Konzept zu pr\u00e4sentieren, was aus sozialrevolution\u00e4rer Perspektive in diesem Moment zu tun ist. Doch einige der grundlegenden S\u00e4ulen des Anarchismus in Erinnerung zu rufen ist essenziell: Selbstorganisation, gegenseitige Hilfe, Anti-autoritarismus und Solidarit\u00e4t. Die Frage ist nur, wie k\u00f6nnen diese Konzepte kombiniert werden, ohne Wohlt\u00e4tigkeitsarbeit nachzuahmen und wie kann daraus eine offensive St\u00e4rke entwickelt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist f\u00fcr Sozialrevolution\u00e4r*innen nat\u00fcrlich irritierend, zu sehen, wie die kleinen Ans\u00e4tze von selbstorganisierter Solidarit\u00e4t, die Nachbarschaftshilfen, die Gabenz\u00e4une, die Essensausgaben, die Unterst\u00fctzung f\u00fcr Gefl\u00fcchtete oder arbeitsrechtliche Beratungen von Basisgruppen bis weit ins b\u00fcrgerliche Lager hinein auf Sympathie stossen. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, mit unseren Ideen, Praktiken und Analysen versuchen in verschiedenen solidarischen Zusammenh\u00e4ngen zu intervenieren und uns \u00fcber die Szeneschranken hinaus zu vernetzen. Sobald es die Zust\u00e4nde erm\u00f6glichen, ist es selbstverst\u00e4ndlich auch wichtig, sich kollektiv den \u00f6ffentlichen Raum wieder zu nehmen und gegen die sich anbahnende Verschlechterung unserer Lebensverh\u00e4ltnisse zu mobilisieren. Doch auch eine breitere Vernetzung an den Arbeitspl\u00e4tzen und in den Quartieren d\u00fcrfte von Bedeutung sein, um die auf uns zurollenden sozialen Angriffe zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Concret4-1-600x343.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5512\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen versuchen, unsere gesellschaftliche Rolle als atomisierte Subjekte aufzuheben und uns \u00fcber unsere subkulturellen Schranken hinweg zu vernetzten und mit Leuten zu solidarisieren, die nicht zu unserem linksradikalen und anarchistischen Milieu geh\u00f6ren. Nat\u00fcrlich kann es m\u00fchsam sein, wieder Grundsatzdiskussionen f\u00fchren zu m\u00fcssen, doch um einen antiautorit\u00e4ren, feministischen und antikapitalistischen Pol mittel- bis l\u00e4ngerfristig zu etablieren, sollten wir solidarische Beziehungen und Strukturen quer durch die Gesellschaft aufbauen. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Aufbau von Massenorganisationen und dem damit verbundenen Zahlenfetisch. Denken wir etwa an die chilenische Revolte, im Zuge derer sich Territorialversammlungen im ganzen Land verbreiteten: In ihnen sind Koordinierungsinstanzen entstanden, durch die unsere Klasse ihre Bed\u00fcrfnisse artikulieren und die Befriedigung derselben organisieren kann \u2013 von der Solidarit\u00e4t im Quartier in Form von Essensverteilung und Vok\u00fcs bis zur kollektiven Verteidigung gegen Bullenangriffe.<\/p>\n\n\n\n<p>Die kollektive Selbstorganisation ist aus meiner Sicht auch hierzulande essenziell, um aus der aktuellen defensiven Lage herauszufinden. Das entspricht leider oft nicht dem Selbstbild vieler selbsternannter Revolution\u00e4r*innen, die Revolution bloss als Aufstand, Strassen-Action, Heldentum und hollywoodeske Inszenierung von Radikalit\u00e4t verstehen, anstatt als einen Prozess, in welchem neue soziale Beziehungen etabliert werden m\u00fcssen. Dass beispielsweise Basisarbeit in vielen F\u00e4llen viel wichtiger ist, als sich selbst beim Farbanschlag zu filmen, kommt einer Banalit\u00e4t gleich. Doch als neoliberale Subjekte sehnen wir uns nur allzu oft eher nach dem Spektakel, als nach der \u00dcberwindung der eigenen Atomisierung. Um Missverst\u00e4ndnisse zu vermeiden: Das soll nicht heissen, dass ich Militanz ablehne. Die Kritik gilt lediglich einer unreflektierten und selbstreferenziellen Militanz. <a href=\"https:\/\/www.black-rat.ch\/brosch%C3%BCren\/anarchismus\/%C3%BCber-einige-alte-aber-aktuelle-fragen-unter-anarchisten-und-nicht-nur\/\">Einige Anarchist*innen haben das bereits vor mir sch\u00f6n auf den Punkt gebracht<\/a>: \u00abDas Problem ist, dass jene, die denken, dass sie weiter vorne stehen und radikaler sind als die anderen, dies aus einem bestimmten Grund tun. In diesen F\u00e4llen liegt der Grund im Gebrauch von gewissen Instrumenten: diejenigen, die reden, schwatzen bloss, diejenigen, die bewaffnet angreifen, agieren. All diese perfekten bewaffneten K\u00e4mpfer haben sich in ihre Instrumente verliebt. Sie lieben sie so sehr, dass die Waffen aufh\u00f6ren, solche zu sein. Sie werden zum Selbstzweck, sie werden zum Daseinsgrund. Sie w\u00e4hlen nicht die f\u00fcr den Zweck am besten geeigneten Mittel, sie verwandeln das Mittel zum Zweck an sich.\u00bb<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeiten sind scheisse, aber auch zu scheisse um zu resignieren. Und genau in Zeiten wie diesen sollten wir nicht vergessen, dass die soziale Revolution ein realistisches Ding der Unm\u00f6glichkeit ist.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fotos: Uve Sanchez \/ Unsplash<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: https:\/\/www.ajourmag.ch\/covid-19-klassengesellschaft-und-anarchistische-selbstreflexion\/ Wie k\u00e4mpfen? Diese grosse Frage bringt die Corona-Krise mit neuer Dringlichkeit aufs Parkett. Gastautor M.\u00a0Lautr\u00e8amont hat sich dazu grunds\u00e4tzliche Gedanken gemacht und unterzieht einige aktuelle Erscheinungen des Linksradikalismus der Kritik. 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