{"id":3430,"date":"2020-06-05T10:04:38","date_gmt":"2020-06-05T09:04:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3430"},"modified":"2020-06-05T10:04:38","modified_gmt":"2020-06-05T09:04:38","slug":"die-sprache-derer-die-nicht-gehort-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3430","title":{"rendered":"Die Sprache derer, die nicht geh\u00f6rt werden"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd werden die Vereinigten Staaten von ausgedehnten \u00bbriots\u00ab ersch\u00fcttert.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es sind die schwersten Unruhen in den Vereinigten Staaten seit 1968. Am Wochenende kam es in US-amerikanischen Gro\u00dfst\u00e4dten erneut zu heftigen Protesten wegen des Todes von George Floyd. In zahllosen St\u00e4dte, beispielsweise Minneapolis, Washington, Miami, Detroit, Chicago, New York und Los Angeles, fanden <em>riots<\/em> statt, es gab Verletzte und erhebliche Sachsch\u00e4den. CNN zufolge verh\u00e4ngten mindestens 40&nbsp;St\u00e4dte n\u00e4chtliche Ausgangssperren, mindestens 15 der 50&nbsp;Bundesstaaten mobilisierten demnach die Nationalgarde. Anzeige<\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"333\" class=\"wp-image-3431\" style=\"width: 500px;\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/usariot.jpg\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/usariot.jpg 1200w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/usariot-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/usariot-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/usariot-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><br>In den Tagen zuvor waren die Demonstrationen noch friedlich verlaufen. Tausende marschierten wegen des gewaltsamen Todes von George Floyd, einem unbescholtenen B\u00fcrger und Vater zweier T\u00f6chter. Am Abend des 25. Mai hatte eine Polizeistreife auf den Hinweis reagiert, Floyd habe versucht, in einem Laden mit Falschgeld zu bezahlen. Einer der Beamten, der 44j\u00e4hrige Derek Michael Chauvin, gegen den bereits 18 offiziell eingereichte Beschwerden vorlagen, dr\u00fcckte Floyd zu Boden und stemmte mehr als acht Minuten lang sein Knie gegen dessen Genick. Eine Handykamera filmte das Geschehen. Es ist zu sehen, wie Floyd um sein Leben fleht. \u00bbIch kann nicht atmen\u00ab, sagt er mehrmals, doch vergeblich. Ein Krankenwagen brachte den reglosen Mann ins nahegelegene Hennepin County Medical Center, wo er f\u00fcr tot erkl\u00e4rt wurde.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Erstmals seit 1992 sind in der Innenstadt von Los Angeles wieder Panzerfahrzeuge und Soldaten zu sehen. Die schrillen Sirenen und lauten Rufe in der Nacht sind bis in die fr\u00fchen Morgenstunden zu h\u00f6ren.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Floyd war 46&nbsp;Jahre alt. Er war Afroamerikaner, Chauvin ist Wei\u00dfer. Die T\u00f6tung Floyds war der neueste Gewaltakt auf einer langen, unr\u00fchmlichen Liste von \u00dcbergriffen. \u00bbEs ist eine Liste, die mehr als 400&nbsp;Jahre zur\u00fcckgeht\u00ab, sagte der demokratische Pr\u00e4sidentschaftskandidat Joe Biden bei einer Videoansprache am 29. Mai. \u00bbSchwarze M\u00e4nner, Frauen, Kinder&nbsp;\u2013 die Urs\u00fcnde dieses Landes beschmutzt unsere Nation noch heute.\u00ab Jene \u00bbUrs\u00fcnde\u00ab, die systematische Diskriminierung von Afroamerikanern, nahm 1619 ihren Anfang, als die ersten afrikanischen Sklaven nordamerikanischen Boden betraten. Mit dem Ende des amerikanischen B\u00fcrgerkriegs 1865 endete die Sklaverei, doch im selben Jahr wurde auch der Ku-Klux-Klan gegr\u00fcndet. Vom Ende des B\u00fcrgerkriegs bis 1950 wurden in den USA \u00fcber 4 000&nbsp;Lynchmorde dokumentiert. In den sechziger Jahren kam es dank der B\u00fcrgerrechtsbewegung zu wichtigen Reformen wie dem Civil Rights Act von 1964, doch auch heute noch leidet die schwarze Minderheit unter beh\u00f6rdlicher Willk\u00fcr, weil die Machtstrukturen von der wei\u00dfen Mehrheitsgesellschaft gepr\u00e4gt sind. Besonders gilt dies f\u00fcr die Polizei. Ber\u00fcchtigt war beispielsweise Daryl Gates, von 1978 bis 1992 Polizeichef von Los Angeles. 1982 sagte er in einem Interview, dass Afroamerikaner vor allem deshalb im W\u00fcrgegriff von Polizeibeamten ums Leben k\u00e4men, weil ihr K\u00f6rperbau \u00bbanders\u00ab sei als bei \u00bbnormalen Menschen\u00ab. Es waren Gates und sein Amtsvorg\u00e4nger William Parker, die das Los Angeles Police Department stark militarisierten und die Polizei mit Panzerfahrzeugen und Helikoptern in beziehungsweise \u00fcber der Stadt patrouillieren lie\u00dfen. Parker und Gates schufen ein Modell, dem fast alle US-amerikanischen Gro\u00dfst\u00e4dte bis heute folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>1991 verpr\u00fcgelten im kalifornischen Simi Valley vier Polizeibeamte den schwarzen Bauarbeiter Rodney King mit Schlagst\u00f6cken, sie wurden im folgenden Jahr von einem Geschworenengericht freigesprochen. Auch der Angriff auf King war auf Video festgehalten worden. Die Diskrepanz zwischen dem Freispruch und der Brutalit\u00e4t der Tat&nbsp;\u2013 33&nbsp;Schl\u00e4ge und sieben Tritte&nbsp;\u2013 war klar erkennbar. So kam es nach dem Freispruch in Los Angeles zu den schwersten Unruhen in der Geschichte der Stadt, \u00fcber 60&nbsp;Menschen kamen zu Tode. In den Folgejahren kam es zu einer weitreichenden Polizeireform, heutzutage untersteht die Polizei von Los Angeles einer zivilen Aufsichtskommission.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch viele der Probleme bestehen weiterhin, auch in anderen St\u00e4dten. 2014 wurde in New York City der 43j\u00e4hrige, asthmakranke Eric Garner von einem Beamten des New York Police Department erw\u00fcrgt; die Anwendung des W\u00fcrgegriffs war im Vorjahr verboten worden. Vor seinem Tod sagte auch Garner: \u00bbIch kann nicht atmen.\u00ab Das zust\u00e4ndige Gericht beschloss, keine Anklage zu erheben; 2019 wurde der betreffende Beamte allerdings aus dem Polizeidienst entlassen. Bei einer Verkehrskontrolle au\u00dferhalb von Minneapolis erschoss 2016 ein Polizist den 32j\u00e4hrige Philando Castile vor den Augen seiner Freundin Diamond Reynolds und deren vierj\u00e4hriger Tochter. Reynolds filmte die Sekunden nach der Tat mit ihrem Handy und ver\u00f6ffentlichte das Video auf sozialen Medien, doch der T\u00e4ter wurde sp\u00e4ter freigesprochen. Dass solch schwere polizeiliche \u00dcbergriffen seit der Pr\u00fcgelattacke auf Rodney King 1991 so viel Protest nach sich ziehen, liegt auch an der wachsenden Verbreitung von Videotechnik. Damals war die Aufnahme eines Amateurfilmers im Fernsehen zu sehen gewesen, mittlerweile schaffen die Allgegenwart von Handykameras und die Verbreitung von Aufnahmen im Internet eine neue Art von Transparenz&nbsp;\u2013 zumindest geschehen viele dieser \u00adTaten also nicht mehr unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt auch Bem\u00fchungen, belastbare Statistiken zu erstellen. Die Ergebnisse sind erschreckend: Afroamerikaner werden im Durchschnitt 2,5&nbsp;Mal h\u00e4ufiger von der Polizei get\u00f6tet als Wei\u00dfe, wie aus einer gemeinsamen Studie der Rutgers University, der Washington University, der University of Michigan und des St. Louis Department of Sociology hervorging. Die konservative Zeitschrift <em>National Review<\/em> berichtete am 31. Mai, dass sich vor allem Polizeigewerkschaften gegen jede Form von Transparenz str\u00e4ubten. So unterliegen beispielsweise die bereits erw\u00e4hnten 18&nbsp;Beschwerden, die gegen Derek Chauvin vorliegen, einer Vertraulichkeitsvereinbarung, die die Polizei von Minneapolis mit der zust\u00e4ndigen Gewerkschaft getroffen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenige F\u00e4lle polizeilicher Gewalt kommen tats\u00e4chlich vor Gericht, und selbst dann ist es schwierig, eine strafrechtliche Verurteilung zu erwirken, wie die Nachrichtenagentur <em>Reuters<\/em> am 8. Mai berichtete. Die Gerichte m\u00fcssen in solchen F\u00e4llen die Frage stellen, ob die Beamten bei ihrer Gewaltanwendung wissentlich und vors\u00e4tzlich gegen den vierten Zusatzartikel der Verfassung versto\u00dfen haben, der die B\u00fcrger vor staatlichen \u00dcbergriffen sch\u00fctzt. Falls das Gericht das verneint, erhalten die angeklagten Beamten automatisch eine \u00bbeingeschr\u00e4nkte Immunit\u00e4t\u00ab, die sie vor weiteren Klagen sch\u00fctzt. Seit der Grundsatz der eingeschr\u00e4nkten Immunit\u00e4t 1967 erstmals rechtskr\u00e4ftig angewandt wurde, hat er Tausende Beamte vor strafrechtlicher Verfolgung gesch\u00fctzt. Kein Wunder, dass die Anzahl t\u00f6dlicher \u00dcbergriffe durch Polizisten immer weiter zu steigen scheint. Dem Online-Projekt \u00bbFatal Encounters\u00ab des Journalisten D. Brian Burghart zufolge, der Zwischenf\u00e4lle dieser Art seit 2000&nbsp;akribisch katalogisiert, droht das Jahr 2020 in Hinblick auf t\u00f6dliche Polizeigewalt das blutigste seit Beginn der Dokumentation zu werden; bis zum 1. Juni wurden 819&nbsp;polizeiliche T\u00f6tungen registriert. Das Vertrauen in den Rechtsstaat ist ersch\u00fcttert. \u00bbIch m\u00f6chte endlich Taten sehen\u00ab, sagte Tera Brown, die Cousine von George Floyd, der <em>New York Times<\/em>. \u00bbDas war eindeutig Mord.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Als die Staatsanwaltschaft in Minneapolis am Donnerstag voriger Woche bekanntgab, gegen Chauvin keine Anklage zu erheben, entlud sich die geballte Wut. In Minneapolis st\u00fcrmten Protestierende ein zuvor evakuiertes Polizeirevier und brannten es nieder. Am Freitag wurde Chauvin zwar doch noch verhaftet, die Unruhen waren aber nicht mehr aufzuhalten. Zahllose Demonstranten str\u00f6mten durch die Gro\u00dfst\u00e4dte der Vereinigten Staaten. Im Lafayette&nbsp;Square, einem Park in Washington,&nbsp;D.C., kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Das Wei\u00dfe Haus, das sich direkt neben dem Park befindet, unterliegt einer Absperrung. Als Protestierende sich Freitagabend vor dem Wei\u00dfen Haus sammelten, brachten Geheimdienstmitarbeiter Pr\u00e4sident Donald Trump in den unterirdischen Bunker, der zuletzt bei den Terrorangriffen vom 11. September 2001 genutzt worden war. Von dort twitterte er eifrig.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch in anderen St\u00e4dten herrscht der Ausnahmezustand. In Los Angeles wurde eine Ausgangssperre verh\u00e4ngt, B\u00fcrgermeister Eric Garcetti hat am Samstag den Einsatz der Nationalgarde autorisiert. Erstmals seit 1992 sind in der Innenstadt wieder milit\u00e4rische Panzerfahrzeuge und Soldaten zu sehen, die in den Stra\u00dfen patrouillieren. Die schrillen Sirenen und lauten Rufe der Nacht sind bis in die fr\u00fchen Morgenstunden zu h\u00f6ren. Eine Apple-Filiale wurde gepl\u00fcndert. Den teuren Rodeo Drive in Beverly Hills sch\u00fctzt eine Polizeiabsperrung. Der Schlachtruf der Demonstranten ist: \u00bbIch kann nicht atmen.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>In der US-amerikanischen Linken ist eine heftige Debatte dar\u00fcber entbrannt, inwieweit solche <em>riots<\/em> politisch sinnvoll sind. \u00bbAmerika muss erkennen, dass solche Unruhen nicht aus dem Nichts entstehen\u00ab, sagte der B\u00fcrgerrechtler Martin Luther King Jr. in einer Rede im April\u00a01967. \u00bbIn unserer Gesellschaft gibt es weiterhin Bedingungen, die ebenso energisch verurteilt werden sollten wie die Unruhen. Letztlich ist ein Aufstand die Sprache derer, die nicht geh\u00f6rt wurden.\u00ab<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/23\/die-sprache-derer-die-nicht-gehoert-werden\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2020\/23\/die-sprache-derer-die-nicht-gehoert-werden<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd werden die Vereinigten Staaten von ausgedehnten \u00bbriots\u00ab ersch\u00fcttert. Es sind die schwersten Unruhen in den Vereinigten Staaten seit 1968. 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