{"id":3466,"date":"2020-08-18T08:48:33","date_gmt":"2020-08-18T07:48:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=3466"},"modified":"2020-08-18T08:48:33","modified_gmt":"2020-08-18T07:48:33","slug":"wie-der-aufstand-in-belarus-gegen-die-diktatur-begann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3466","title":{"rendered":"Wie der Aufstand in Belarus gegen die Diktatur begann"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wenn ihr anfangs 2020 Menschen in Belarus gefragt h\u00e4ttet, wie lange die Diktatur Lukashenkos noch bestehen wird, h\u00e4tten wir euch f\u00fcr Narr*innen gehalten. In einer angesehenen Diktatur wird eine solche Frage nicht gestellt, weil wir wissen, was passieren kann. Und auch weil es so erschien, als ob die Macht des alten Leaders unbegrenzt sei. Doch die Situation hat sich in den letzten 8 Monaten so radikal ver\u00e4ndert, dass in den letzten Tagen tausende Belarus*innen auf die Strasse gingen und zum ersten Mal in der j\u00fcngeren Geschichte Belarus in mindestens 33 St\u00e4dten den Polizist*innen die Stirn boten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"500\" height=\"280\" class=\"wp-image-3467\" style=\"width: 500px;\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/belarus.png\" alt=\"\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/belarus.png 710w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/belarus-300x168.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><br><br>Heute sind die Menschen in Belarus in einem neuen Land aufgewacht, in dem die Menschen offen \u00fcber den Hass gegen die Herrschenden sprechen und sich auf ernsthafte Auseinandersetzungen mit der Polizei und der Regierung vorbereiten. Sie diskutieren online und erproben effetive Kampfmethoden. Am Tag nach den Wahlen streikten mehrere Fabriken.<\/p>\n\n\n\n<p>Und obwohl die Wahlkommision objektiv einen wiederholten Sieg des Diktatoren verk\u00fcndete, hat Lukashenko diese Wahl verloren &#8211; nicht an einem*einer bestimmten Kandidat*in, sondern an das belarussische Volk, das sagt: 26 Jahre sind genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie hat sich Belarus von einer stabilen Diktatur, in der die friedlichsten Menschen leben, zu einer Brutst\u00e4tte des Protests in Zentraleuropa entwickelt?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wirtschaftliche und politische Krise<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Wirtschaftlich gesehen ist Belarus kein unabh\u00e4ngiges Land. Im Laufe der Jahre konnte das belarussische Wirtschaftswunder ausschliesslich durch billiges \u00d6l von Putin und direkten \u00dcberweisungen aus dem Kreml \u00fcberleben. In Anbetracht dessen, dass Putin und Lukashenko keine Freunde sind, funktionierte dieses System relativ lange, solange die russische Regierung im \u00d6lgeld badete.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch mit dem Preisverfall f\u00fcr das schwarze Gold steht die russische Regierung vor der Frage \u00fcber die Umverteilung der Ressourcen. Es begann eine gr\u00fcndliche Untersuchung, wo das investierte Geld ein Ergebnis brachte. Belarus erbrachte nicht viele Ergebnisse, denn allen Investitionen zum Trotz hielt Lukaschenko an der Macht fest und behinderte die Integration Belarus in die Russische F\u00f6rderation &#8211; ein Prozess, der bereits w\u00e4hrend der Jelzin-\u00c4ra der 90er-Jahr begann.<\/p>\n\n\n\n<p>Anfangs 2020 befand sich Lukaschenko in einer sehr schwierigen Situation. Neue Vertr\u00e4ge f\u00fcr \u00d6l und Gas konnten nur sehr schwer abgeschlossen werden. Die von der belarussische Regierung gew\u00fcnschten minimale Zugest\u00e4ndnisse war Russland erst bereit zu machen, wenn das Projekt eines Unionsstaates mit einer gemeinsamen W\u00e4hrung und anderen Punkten f\u00fcr die \u00dcbernahme von Belarus durch Russland in Angriff genommen werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Politische Schwierigkeiten mir der russischen F\u00f6rderation f\u00fchren traditionellerweise zu wirtschaftlichen Problemen im Land. In den letzten 5 Jahren versuchte Lukaschenko diese Abh\u00e4ngigkeit durch Zusammenarbeit mit dem Westen zu neutralisieren, doch westliche Zusch\u00fcsse und Kredite alleine vermochten die belarussische Wirtschaft nicht aufrecht zu erhalten. Anfangs 2020 verlor der belarussische Rubel gegen\u00fcber andere W\u00e4hrungen stark an Wert. Eine W\u00e4hrungskrise, wie sie Belarus in den letzten 20 Jahren bereits mehrmals erlebte, die einschneidenste davon in 2011. Der Kursfall des belarussischen Rubels bedeutete f\u00fcr viele Belaruss*innen gleichzeitig einen Einbruch ihres Reallohns. Dar\u00fcber hinaus traten Probleme bei Lohnzahlungen in staatlichen Unternehmen auf.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Coronavirus<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Diese wirtschaftlichen Probleme erkl\u00e4ren die Abwesenheit jeglicher Quarant\u00e4nemassnahmen gegen das Coronavirus. W\u00e4hrend zu Beginn der Pandemie Lukaschenko noch behauptete, dass eine Infektion durch Arbeiten auf dem Feld und Saunabesuche abgewendet werden k\u00f6nnte, musste er einen Monat sp\u00e4ter die wahren Gr\u00fcnde f\u00fcr das Fehlen der Massnahmen zugeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Coronavirus wurde zu einer der h\u00e4rtesten Bew\u00e4hrungsproben f\u00fcr die belarussische Diktatur. Anstelle des typischen Populismus und der Sorge um &#8220;ihr Volk&#8221;, haben die Beh\u00f6rden die Bev\u00f6lkerung der Selbstversorgung \u00fcberlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die medizinische Versorgung ist in Belarus kostenlos, doch viele Dienstleistungen m\u00fcssen bezahlt werden, da das Budget nicht f\u00fcr Medikamente und medizinische Ger\u00e4te ausreicht. In vielen F\u00e4llen war es unm\u00f6glich, einen Coronavirus-Test durchzuf\u00fchren. Viele konnten es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben und gingen arbeiten. Das tats\u00e4chiche Ausmass der Pandemie in Belarus ist schwer einzusch\u00e4tzen. Der Staat ist die einzige Institution, die \u00fcber reale Zahlen verf\u00fcgt und h\u00e4lt diese unter Verschluss. Dar\u00fcber hinaus wurden viele F\u00e4lle von Coronavirus, einschliesslich t\u00f6dlicher F\u00e4lle, als Lungenentz\u00fcndung bezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Unterst\u00fctzung des medizinischen Sektors haben kleine Unternehmen und eine grosse Anzahl B\u00fcrger*innen dezentrale Unterst\u00fctzung f\u00fcr medizinisches Personal organisiert. Einige Restaurants und Bars bereiteten mit Spenden Mahlzeiten f\u00fcr Mediziner*innen zu. Wie in vielen anderen L\u00e4ndern haben Basisinitiativen Schutzmasken hergestellt und Taxifahrer*innen nahmen medizinisches Personal unentgeldlich mit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen Monaten der Pandemie f\u00fchlten sich viele Menschen von der Regierung im Stich geassen. Doch andererseits erlebten sie Solidatit\u00e4t und die Gewissenheit, dass ihre Nachbar*innen, Freund*innen und selbst unbekannte Menschen aus dem Internet sie nicht ihrem Schicksal \u00fcberlassen werden. Dies machte den Belaruss*innen die Bedeutung der Gesellschaft im Gegensatz zur Bedeutung der Regierung bewusst. Solidarit\u00e4t wurde von einer Worth\u00fclse zu gelebter Praxis.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern, in denen die Solidarit\u00e4t mit dem R\u00fcckgang der Infektionszahlen abnahm, funktionierten die Solidarit\u00e4tsstrukturen in Belarus in anderen Bereichen weiter. Beispielsweise, als im Juni in Minsk die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung den Zugang zu sauberem Wasser verlor. W\u00e4hrend Beamt*innen darauf bestanden, dass es kein Problem mit Wasser gab, organisierten sich die Bewohner*innen von Bezirken mit Wasser und lieferten Wasser an die Bed\u00fcrftigsten in den Problembereichen der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde das wachsende Bewusstsein f\u00fcr die kollektive St\u00e4rke und die Ergebnisse, die durch gemeinsames Handeln erzielt werden k\u00f6nnen, zu den wichtigsten Lehren aus der Coronavirus-Pandemie (die Pandemie ist im Land noch nicht zu Ende).<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wahlen in Zeiten des Virus<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Wahlen im August anfangs Mai, zur Zeit des Coronavirus, zu verk\u00fcnden war ein gravierender Fehlers Lukaschenkos. Zu diesem Zeitpunkt herrschte tiefe Unzufriedenheit mit der Regierung und so gewannen die Wahlkampagnen der Opponent*innen Lukaschenkos in den ersten Tagen an Unterst\u00fctzung. Einer der Pr\u00e4sidentschaftskandidaten, Blogger Sergey Tikhanovsky, organisierte Unterschriftensammlungen mit offenem Mikrofon. Dieses Format zog viele Menschen im ganzen Land an, denen eine Plattform geboten wurde, um ihre Unzufriedenheit auszudr\u00fccken. Bereits innerhalb weniger Wochen wurde Tikhanovsky selbst und andere grosse Oppositionspolitiker*innen festgenommen und aufgrund erfundener Staftatbest\u00e4nde angeklagt.<br>Doch statt den Protest und die Unzufriedenheit mit den Beh\u00f6rden auszul\u00f6schen, befeuerte die Repression die Gr\u00fcndung weiterer Organisationen um einen weiteren Kandidaten &#8211; den Bankier Viktor Babariko der Bank &#8220;Belgazprombank&#8221; (einer Tochtergesellschaft von Gazprom). Im Gegensatz zu den anderen f\u00fchrte Babariko keinen politischen Kampf und sah f\u00fcr viele wie ein &#8220;gem\u00e4ssigter&#8221; Kandidat aus, der faire Wahlen forderte und keine illegalen Versammlungen plante. Da dies auch den gem\u00e4ssigten Teil der Bev\u00f6lkerung ansprach, wuchs die Popularit\u00e4t Babarikos.<\/p>\n\n\n\n<p>Die darauffolgende Entscheidung der Regierung, Babariko und seine Unterst\u00fctzer*innen wegen Korruptionsvorw\u00fcrfen zu verhaften, l\u00f6ste eine weitere Welle der Unzufriedenheit aus und gipfelte in der Ank\u00fcndigung, dass die beiden gr\u00f6ssten Oppositionskandidaten sich nicht f\u00fcr die Wahl registrieren lassen k\u00f6nnen. Die dadurch entstandenen Proteste im ganzen Land f\u00fchrten zu ersten Zusammenst\u00f6ssen mit der Polizei in Minsk: Die Demonstrant*innen entkamen einer Verhaftung und erkannten, dass OMON (Riot-Cops) \u00fcberhaupt nicht auf eine milit\u00e4rische Konfrontation mit der Bev\u00f6lkerung vorbereitet war.<\/p>\n\n\n\n<p>Zusammenst\u00f6sse mit OMON im Juli dieses Jahres waren f\u00fcr viele in der Gesellschaft ein Wendepunkt. Die Diktatur, deren Unbesiegbarkeit 26 Jahre lang teilweise auf der Unterst\u00fctzung der Sicherheitskr\u00e4fte beruhte, erwies sich pl\u00f6tzlich als \u00e4usserst fragil.<\/p>\n\n\n\n<p>Lukaschenko erlaubte nur einer*einem ernstzunehmenden Gegner*in, der Frau von Sergey Tikhanovsky, Svetlana Tikhanovskaya, die Registrierung zur Wahl. Tikhanovskaya hatte urspr\u00fcnglich vor, f\u00fcr das Amt zu kandidieren, um ihrem Ehemann und anderen Gegner*innen des Regimes eine Stimme zu geben. Doch nach der Verhaftung der meisten Politiker*innen blieb sie die einzige Kandidatin, auf die sich die W\u00e4hler*innen einigen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Tikhanovskaya ist keine Politikerin und versucht auch nicht, eine zu werden. Das Hauptanliegen ihrer gesamen Wahlkampagne waren Neuwahlen. Sie sprach offen dar\u00fcber, dass sie kein Programm hat und dass sie nicht vor hat, an der Macht zu bleiben. Nach dem Sieg gegen Lukaschenko plante sie faire Neuwahlen durchzuf\u00fchrem, die das Land ver\u00e4ndern k\u00f6nnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese simple Forderung vereinte viele Fraktionen. Ihr Wahlkomitee beinhaltete Aktivist*innen aus dem Umfeld anderer Politiker*innen. Das Wahlkomitee umfasste Aktivist*innen aus den Komitees der inhaftierten Politiker*innen. Tikhanovskayas Kampagne selbst beruhte stark auf der Selbstorganisation der Bev\u00f6lkerung in verschiedenen Teilen des Landes. Treffen mit der Kandidatin wurden in vielen Teilen des Landes offiziell registriert, auch dann, wenn die Kandidatin selbt gar nicht vor Ort war. Stattdessen gab es eine B\u00fchne f\u00fcr Performances und ein offenes Mikrofon. Karrierepolitiker*innen traten aus Angst vor Repressalien allerdings selten \u00f6ffentlich auf, wodurch Vertreter*innen der arbeitenden Bev\u00f6lkerung und kleiner Unternehmen zu Wort kamen. In einigen St\u00e4dten traten auch Anarchist*innen auf der B\u00fchne auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Popularit\u00e4t Tikhanovskaya schoss innerhalb weniger Wochen in die H\u00f6he. Im Juli schaffte sie es, eine Versammlung mit 50\u2018000 Menschen in Minsk zu organisieren &#8211; eine der gr\u00f6ssten Versammlungen in der Geschichte des Landes. In anderen St\u00e4dten vereinte sie von einigen hundert bis zu 8\u2019000 Menschen. Lange Zeit ergriff die Regierung keinerlei Massnahmen und liess Versammlungen zu. Wom\u00f6glich spielte dabei die sexistische Einstellung Lukaschenkos einer Rolle, der Frauen* niemals als ernstzunehmende Gegner*innen ansieht. Die Spitze von Tikhanovskayas Team bestand aus Frauen* und Tikhanovskaya trat stets mit zwei anderen Kampagnenkoordinatorinnen* auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenige Tage vor den Wahlen kamen die Beh\u00f6rden pl\u00f6tzlich zur Besinnung. Doch anstatt Versammlungen zu verbieten, entschieden sie sich dazu, die Aktivist*innen zum Narren zu halten &#8211; pl\u00f6tzlich fanden an allen Orten, an denen offiziell Kundgebungen angek\u00fcndigt wurden, Regierungsveranstaltungen oder Renovierungen statt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den letzten Wochen vor den Wahlen begann die belarussischer Polizei aktiv Blogger zu verhaften. Diese Taktik ist nicht neu und wird von der Regierung schon lange angewendet: Kurz vor Protesten werden st\u00e4ndig Journalist*innen und Blogger*innen, die \u00fcber die Proteste berichten k\u00f6nnten, verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die anarchistische Bewegung in Belarus<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Bevor wir auf den Wahltag eingehen, m\u00f6chten wir hier eine kleine Einf\u00fchrung in die anarchistische Bewegung in Belarus geben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion tauchten im Land wieder Anarchist*innen auf. In den fr\u00fchen neunziger Jahren leisteten mehrere Gruppen einen wesentlichen Beitrag zur Bildung der Arbeits- und Umweltbewegung. Anarchist*innen spielten eine Schl\u00fcsselrolle bei der Verl\u00e4ngerung des Moratoriums f\u00fcr den Bau des belarussischen Kernkraftwerks im Jahr 1999 (2009 verloren Anarchist*innen und Umweltsch\u00fctzer*innen den Kampf).<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der gesamten Existenz der Diktatur haben Anarchist*innen an wichtigen politischen Ereignissen teilgenommen, sei es bei Neuwahlen, der Bewegung gegen den Bau eines Atomkraftwerkes oder gegen ein Gesetz gegen &#8220;Schmarotzer&#8221;. In den meisten F\u00e4llen nahm die Bev\u00f6lkerung die anarchistische Agenda sehr positiv wahr. Sie konnten sie zwar vielleicht nicht vollkommen verstehen, aber sie akzeptierten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 2013-2014 sind Anarchist*innen fast die einzige politische Kraft, die noch auf der Strasse k\u00e4mpft. Die meisten Oppositionsparteien haben nach dem Maidan 2014 aus Angst vor der russischen Besatzung aufgeh\u00f6rt, aktiv gegen die Diktatur zu k\u00e4mpfen. Noch heute vertreten einige Oppositionspolitiker*innen die Position &#8220;besser Lukaschenko als Putin&#8221;. Ein Teil der Opposition ertrank in Unterdr\u00fcckung. Dies war viel einfacher, da die Unterdr\u00fcckung einzelner F\u00fchrungspersonen die Bewegung stoppen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch ihren Aktivismus ziehen anarchistische Gruppen st\u00e4ndig die Aufmerksamkeit von Strafverfolgungsbeh\u00f6rden auf sich. Einige Aktivist*innen sind jetzt wegen symbolischer Aktionen im Gef\u00e4ngnis, andere sind auf der Flucht. Doch da die Oppositionsmedien \u00fcber die Unterdr\u00fcckung von Anarchist*innen berichten, bringt die Repression keineswegs das gew\u00fcnschte Ergebnis. Im Gegenteil: Die Unterdr\u00fcckung zieht dadurch mehr Aufmerksamkeit auf die Bewegung und gibt ihr neue Energie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausserdem ist, gerade weil es abgesehen Anarchist*innen keine politischen Bewegungen mehr gibt, die Popularit\u00e4t von Anarchist*innen in gewissen Jugendkreisen sehr hoch.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Neuwahlen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Schon vor Beginn des Wahlkampfs erwarteten viele aufgrund der Wirtschaftskrise und dem Coronavirus Proteste in Belarus. F\u00fcr viele war es logisch, die Protestbem\u00fchungen auf den Wahltag und die darauffolgenden Tage zu konzentrieren. So hatten grosse Medienplattformen in sozialen Netzwerken und Telegrammgruppen bereits einige Wochen vor den Wahlen zu Protesten am Wahltag aufgerufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl Demonstrant*innen als auch Beh\u00f6rden bereiteten sich auf diese Wahl vor. Bilder von milit\u00e4rischer und polizeilicher Ausr\u00fcstung wurden im Internet verbreitet. Lukaschenko nahm an einer Ausbildung zur Aufl\u00f6sung von Protesten der OMON teil. Es war klar, dass die Beh\u00f6rden nicht versuchen w\u00fcrden, den Grad der Unzufriedenheit zu verringern, sondern die Bev\u00f6lkerung mit Gewalt unter Druck setzen w\u00fcrden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenig \u00fcberraschend gingen am Abend des 9. August Tausende von Menschen im ganzen Land auf die Strasse. Nach Angaben der Beh\u00f6rden selbst fanden in 33 St\u00e4dten des Landes zeitgleich Demonstrationen statt. Mehr als 50\u2019000 Menschen nahmen an diesen Protesten teil. Die gr\u00f6\u00dften Demonstrationen fanden in Brest, Baranovichi und Minsk statt. In anderen regionalen Zentren gingen mehrere tausend Menschen auf die Strasse.<\/p>\n\n\n\n<p>Interne Truppen und Polizist*innen aus dem ganzen Land wurden zusammengetrieben, um gegen die Demonstrant*innen in Minsk vorzugehen. Am Tag vor den Wahlen zogen Konvois von abgelegeneren Regionen nach Minsk. Am Wahltag wurde die Stadt abgesperrt. Busse ohne Nummern durchstreiften die Stadt und hielten Fussg\u00e4nger*innen oder Journalist*innen nach dem Zufallsprinzip fest. Der Internetzugang wurde im ganzen Land abgeschnitten oder stark eingeschr\u00e4nkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend hatte sich die Situation radikal ge\u00e4ndert. Wie auch in anderen St\u00e4dten des Landes gingen Tausende auf die Stra\u00dfe und bewegten sich in Richtung Zentrum. Gegen Abend begannen die ersten Zusammenst\u00f6\u00dfe mit OMON, als Menschen versuchten, festgenommene Personen zu befreien. OMON selbst lief zun\u00e4chst in T-Shirts und mit Schlagst\u00f6cken, ohne spezielle Uniformen, durch die Stadt. Die Angriffe auf OMON machten schnell klar, dass an diesem Tag nicht einfach Menschen aus der Menge gerissen und eingesperrt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur eine Stunde nach den ersten Zusammenst\u00f6ssen begann das Zentrum von Minsk einem Kriegsgebiet zu \u00e4hneln. Die Demonstrant*innen wurden mit Hilfe tschechischer L\u00e4rmgranaten, kanadischer Wasserwerfer und belarussischer MAZs zerstreut. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes begannen die Menschen, Barrikaden zu errichten und sich direkt auf Zusammenst\u00f6\u00dfe mit Strafverfolgungsbeh\u00f6rden einzulassen. Eine gro\u00dfe Anzahl von Menschen wurde nachts in verschiedenen Teilen des Landes aus den H\u00e4nden von Strafverfolgungsbeamt*innen befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Solidarit\u00e4t w\u00e4hrend der Proteste zeigte erneut die unglaubliche Kraft der kollektiven Opposition gegen die Diktatur. Menschenmassen l\u00e4hmten trotz aller Vorbereitungen jegliche Aktionen von OMON und des Milit\u00e4rs. Der mangelnde Internezugang stellte sich als negativ f\u00fcrs Regime heraus &#8211; die Menschen gingen auf die Stra\u00dfe, um herauszufinden, was los war.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Stunden lang k\u00e4mpften die Menschen im Zentrum von Minsk und anderen St\u00e4dten mit den belarussischen Beh\u00f6rden &#8211; mit jener enormem Energie, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatte. Die erfolgreiche Konfrontation zeigt einmal mehr die Fragilit\u00e4t der belarussischen Diktatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Die heutige Bewegung ist keine traditionelle politische Partei, welche die Menschen in Belarus in eine gl\u00e4nzende Zukunft f\u00fchrt. Proteste werden \u00fcber Medienplattformen organisiert und haben keine ausgesprochene F\u00fchrungspersonen. Gruppen von Menschen versammeln sich auf der Strasse und entscheiden erst vor Ort, wohin sie gehen und was als n\u00e4chstes zu tun ist. Das Fehlen eines klaren Plans kann die Wirksamkeit eines Protestes zwar beeintr\u00e4chtigen, aber das Fehlen klarer F\u00fchrungspersonen macht eine einfache Unterdr\u00fcckung unm\u00f6glich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterdr\u00fcckung in dieser Nacht war brutal. Es gibt viele Opfer. OMON-Beamt*innen warfen L\u00e4rmgranaten direkt auf Menschen. Mindestens einmal rammte ein Reisewagen eine Menschenmenge im Zentrum von Minsk und t\u00f6tete eine Person. Menschenrechtsaktivist*innen zufolge wurden in dieser Nacht mindestens drei Menschen vom Regime get\u00f6tet. Das erste Blut wurde vergossen, aber die Menschen denken nicht daran, aufzugeben. Es ist geplant, bis zum Fall der Diktatur jeden Tag um 19:00 Uhr auf die Strassen der St\u00e4dte zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">P.S.<\/h4>\n\n\n\n<p>Originalartikel: <a href=\"https:\/\/avtonom.org\/freenews\/kak-belarusy-prishli-k-vosstaniyu-protiv-diktatury\">https:\/\/avtonom.org\/freenews\/kak-belarusy-prishli-k-vosstaniyu-protiv-diktatury<\/a><br>Die \u00dcbersetzung enth\u00e4lt einige (wenige) Auslassungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ihr den Kampf in Belarus unterst\u00fctzen wollt, findet ihr auf <a href=\"https:\/\/abc-belarus.org\/?lang=en\">https:\/\/abc-belarus.org\/?lang=en<\/a> Infos dazu.<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/barrikade.info\/article\/3781\">https:\/\/barrikade.info\/article\/3781<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ihr anfangs 2020 Menschen in Belarus gefragt h\u00e4ttet, wie lange die Diktatur Lukashenkos noch bestehen wird, h\u00e4tten wir euch f\u00fcr Narr*innen gehalten. 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