{"id":3793,"date":"2021-12-27T11:16:33","date_gmt":"2021-12-27T10:16:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3793"},"modified":"2021-12-27T11:16:33","modified_gmt":"2021-12-27T10:16:33","slug":"nur-getraumt-leider-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3793","title":{"rendered":"Nur getr\u00e4umt? Leider nicht!"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Selbst der Weltretter James Bond hat das vergangene Jahr nicht \u00fcberlebt. Daf\u00fcr sind Abba auferstanden. Und Nena ist als Impfgegnerin in der Timeline aufgetaucht. Ein R\u00fcckblick auf 2021.<\/strong><br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2021\/51\/nur-getraeumt-leider-nicht\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2021\/51\/nur-getraeumt-leider-nicht<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die krassesten Bilder des Jahres kamen 2021 weder aus Hollywood noch aus Babelsberg. Es waren die Aufnahmen vom Sturm aufs US-Kapitol am Tag der Heiligen Drei K\u00f6nige. Vor allem der Qanon-J\u00fcnger Jake Angeli in seinem surreal-karnevalistischen Aufzug, irgendwo zwischen Mad Max und Jamiroquai, lie\u00df dem Publikum weltweit den Atem stocken: Geschieht das gerade wirklich?! Ist dies das Ende der Welt?! Das Ende Amerikas?! Anzeige<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbThere once was a ship that put to sea \/ The name of the ship was the Billy of Tea\u00ab, lauten die ersten Zeilen des aus Neuseeland stammenden Walf\u00e4ngerlieds \u00bbSoon May the Wellerman Come\u00ab, das in der Version des britischen S\u00e4ngers Nathan Evans etwa zur selben Zeit auf Tiktok einen unfasslichen Hype ausl\u00f6ste und im Januar die europ\u00e4ischen Radiocharts dominierte. Statt packender Live-Events gab\u2019s also wenigstens ein unwirkliches Medienprogramm: Willkommen im Popjahr 2021, in dem James Bond nach zigfach verschobenen Kinostarts in dem Film \u00bbKeine Zeit zu sterben\u00ab antrat, um genau dies zu tun. <em>Hasta <\/em><em>la vista<\/em>, Daniel Craig!<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong>Wem Danger Dan nicht gefiel, der hing stattdessen wom\u00f6glich in Michael Wendlers Telegram-Gruppe ab. Der Schlagerstar folgte anderen Chef\u00adschwurblern wie Xavier Naidoo auf ihrem Weg in den kompletten Irrsinn.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Hi Corona, this is Nano<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein raffiniertes Nanorobotervirus aus russischer Produktion zwingt den infizierten James Bond dazu, sich von Frau und Tochter fernzuhalten, weil der Kontakt mit dem Erreger f\u00fcr die beiden t\u00f6dlich w\u00e4re. Och nee, schon wieder so ein doofes Virus mit nervt\u00f6tendem Ma\u00dfnahmenkatalog! Auch der 80j\u00e4hrige (Schwieger-)Vater, mit dem die Autoren dieser Zeilen im Herbst endlich mal wieder ins Kino gehen durften, meinte, die Bond-Filme seien fr\u00fcher viel lustiger gewesen, worauf die Tochter der Verfasser nur die Augen verdrehte und entgegnete, dass die Streifen damals nicht witziger, sondern einfach nur mega\u00adsexistisch gewesen seien.<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00fcberzeugendste Action-Heldin des Jahres war sowieso eine Frau: Natasha Romanoff alias \u00bbBlack Widow\u00ab. Der Mavel-Film startete im Sommer nach etlichen Anl\u00e4ufen im Kino sowie bei jenem kostenpflichtigen Streaming-Portal, das in diesem Jahr Filmklassiker wie \u00bbDas Dschungelbuch\u00ab wegen rassistischer Stereotype hinter eine Kindersicherung verbannte. <em>The times they are a-changing.<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p><strong>Viele Teenager f\u00fchlten sich in den Blockbuster-tauglichen Gef\u00fchls\u00adwelten von Olivia Rodrigo, Billy Eilish oder Lana Del Ray (mit gleich zwei Alben) gut aufgehoben. Dabei mussten die Teens auf Discord oder Twitch auch noch die komplette Gamer-Welt im Auge behalten.<\/strong><\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Die von Scarlett Johansson dargestellte Natasha, bislang nur sexy Sidekick im Marvel-Universum, erhielt endlich ihre eigene Geschichte. Als Mitglied einer herrlich dysfunktionalen Schl\u00e4fer-Familie legte sie gemeinsam mit ihrer vermeintlichen Schwester Yelena (gro\u00dfartig: Florence Pugh) ihrem Peiniger das Handwerk. Die \u00bbSchwarzen Witwen\u00ab wurden wie eh und je von den Russen unfreiwillig zu Kampfmaschinen herangez\u00fcchtet. Klar, von wem sonst?!<\/p>\n\n\n\n<p>Davon abgesehen \u00fcberzeugte Regisseurin Cate Shortland mit einem mehr als blendend aufgelegten Cast, bondw\u00fcrdigen Action-Szenen und staubtrockenem Humor. Merksatz: \u00bbThe best part of my life was fake and none of you told me.\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hello again<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich erging es wom\u00f6glich der britischen Souls\u00e4ngerin Adele. Zwischen ihrem vorigen Album \u00bb25\u00ab und dem neuen Album \u00bb30\u00ab hat sie eine Scheidung durchlebt und l\u00e4sst uns alle daran teilhaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Den Auszug aus dem gemeinsamen Haus hat im Video zur ersten Single-Auskoppelung mit dem Titel \u00bbHello\u00ab Xavier Dolan gef\u00fchlvoll inszeniert. \u00dcber 500 000&nbsp;Schallplatten hat Sony Music allein f\u00fcr die Startauflage von Adeles viertem Studioalbum gepresst. Das sorgte f\u00fcr weiteren Produktionsstau in den hoffnungslos \u00fcberlasten Presswerken. Der Absatz von Vinyl hat sich w\u00e4hrend der Pandemie weltweit tats\u00e4chlich mehr als verdoppelt! Der mittlerweile im Homeoffice sein Dasein fristende Mensch hat anscheinend verst\u00e4rkt Lust auf analoge Kontemplation. Da passt es, dass Adele bei Spotify bewirkt hat, den Zufallsabspielmodus als Standardeinstellung bei Alben zu eliminieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Werke werden also wieder automatisch in der von den K\u00fcnstlerinnen und K\u00fcnstlern festgelegten Reihenfolge abgespielt. Das hilft gegen das ungute Gef\u00fchl, schon wieder weiterskippen zu m\u00fcssen. Schlie\u00dflich erscheinen t\u00e4glich 60 000&nbsp;neue Tracks! Das macht locker 22&nbsp;Millionen Songs im Jahr. Gerade mal zehn davon geh\u00f6ren zum neuen Album \u00bbVoyage\u00ab von Abba, die 2021 das Pop-Comeback des Jahrtausends f\u00fcr sich beanspruchten. Live soll es, falls die Pandemie es irgendwann wieder zul\u00e4sst, zu Hologramm-Auftritten kommen&nbsp;\u2013 eine interessante Verkn\u00fcpfung von Retromanie und Zukunftsvision.<\/p>\n\n\n\n<p>Das k\u00f6nnte man auch \u00fcber die phantastische Serie \u00bbWanda Vision\u00ab sagen: Realit\u00e4tsmanipulationsmeisterin Wanda und ihre gro\u00dfe Liebe, der ultraschlaue Android Vision, nahmen uns mit auf einen atemberaubenden und zuweilen irre komischen Ritt durch die US-amerikanischen Sitcoms der vergangenen Jahrzehnte. Eingespielte Lacher inklusive.<br><br><\/p>\n\n\n\n<p>In Popdeutschland durfte man sich \u00fcber das Album eines K\u00fcnstlers aus Fleisch und Blut freuen: \u00bbAlles von der Kunstfreiheit gedeckt\u00ab von Danger Dan. Vor allem das juristisch-abgekl\u00e4rte Titelst\u00fcck, in dem der Bruce Hornsby des Deutschrap seine Gewaltphantasien in Richtung Kubitschek, Gauland und Co. artikuliert, war zumindest einen Moment lang ein medialer Triumph \u00fcber Neonazideutschland. Noch nie waren sich Slime und Randy Newman so nahe. Anzeige<\/p>\n\n\n\n<p>Wem Danger Dan nicht gefiel, der hing stattdessen wom\u00f6glich in Michael Wendlers Telegram-Gruppe ab. Der Schlagerstar folgte anderen Chefschwurblern wie Xavier Naidoo auf ihrem Weg in den kompletten Irrsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00bbPure Vernunft muss diesmal siegen\u00ab&nbsp;\u2013 das selbstironische Posting der Gruppe Tocotronic im Zuge einer Impfkampagne&nbsp;\u2013 erreichte \u00fcber die eigene Bubble hinaus wohl leider kaum jemanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits 2020 lie\u00df die Hamburger Power-MC-Lady Shirin David einen gemeinsamen Track mit Xavier Naidoo ob seiner Coronaleugnung aus dem Internet l\u00f6schen. Hat auch nichts gen\u00fctzt. Im November dieses Jahres ver\u00f6ffentlichte sie mit \u00bbBitches brauchen Rap\u00ab ein Album gegen Machos und Peniswahn im deutschen Rap-Mainstream. Apropos Rap-Game: Kanye West brach mit seinem neuen Album \u00bbDonda\u00ab mal wieder alle Streaming-Rekorde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt gab es neue Rekorde aus Virtualien zu vermelden: unser sch\u00f6nes neues Leben zwischen Inzidenzwerten, Klickzahlen und Kontost\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zwischendrin taucht ausgerechnet Nena in der eigenen Timeline auf. Sie hatte bei ersten m\u00f6glichen Konzerten unter 3G- und AHA-Bedingungen ihr Publikum dazu aufgerufen, sich tunlichst nicht an die Vorgaben zu halten, und fiel sp\u00e4ter in den sozialen Medien \u00e4u\u00dferst unangenehm auf. Nur getr\u00e4umt?! Leider nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Helge Schneider, der zu Beginn der Pandemie verk\u00fcndet hatte, unter solchen Bedingungen nicht aufzutreten, tat es im Juli dann doch, brach sein Konzert in Augsburg jedoch wieder ab. Die geplante Tour danach fiel auch aus: \u00bbHelge Schneider sagt Strandkorbkonzert ab\u00ab, so lautete eine beliebte Sommer-Schlagzeile 2021.<\/p>\n\n\n\n<p>Die wenigen kleinen Konzerte, die von Sommer bis Herbst unter 3G-Bedingungen stattfinden durften, waren oft so aufregend wie ein Besuch des ZDF-Fernsehgartens. Das Clubpublikum sa\u00df mit Maske und viel Abstand im Discolicht, w\u00e4hrend die PA-Lautsprecher nur auf halber Lautst\u00e4rke dr\u00f6hnten. Zwischendrin zog man kurz den Schnutenpulli runter, um mit schlechtem Gewissen von seinem Bierchen zu nippen. Ohne staatliche Subventionen h\u00e4tte keines dieser Konzerte \u00fcberhaupt jemals stattfinden k\u00f6nnen, aber die Bazooka des Finanzministers hatte Power! So wurden 2021 nicht nur unz\u00e4hlige Album-Produktionen, sondern auch viele Live-Konzerte unter der Flagge \u00bbNeustart Kultur\u00ab gef\u00f6rdert. Zu den erhofften Neustarts kam es aber leider nie. Immerhin sorgte das Erreichen des Bonus-Levels \u00bb2G+\u00ab f\u00fcr ein paar Wochen f\u00fcr Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Veranstaltungen mussten trotzdem weiter abgesagt oder verschoben werden&nbsp;\u2013 kein Wunder bei komplett unterschiedlichen Regeln in nahezu jedem Bundesland. Das brachte alle Booking-Agentinnen und Konzertveranstalter an den Rand des Wahnsinns. Dagegen galt in diesem Land bis Ende November an den vielen anderen Arbeitspl\u00e4tzen nicht mal die 3G-Regel, und die Menschen aus weiter florierenden Branchen im Freundes- und Bekanntenkreis verabschiedeten sich im Sommer im bumsvollen Flieger in den wohlverdienten Erholungsurlaub nach Griechenland oder Kroatien. An dieser Stelle auch nochmal ein gro\u00dfes Dankesch\u00f6n f\u00fcr eure tollen Bilder auf Instagram und Co.!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bingewatching und Arthouse-Glotzing<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einige Menschen entkamen der Pandemierepublik Deutschland in diesem Jahr jedoch nur noch auf Laptop oder Leinwand. Chlo\u00e9 Zhaos hochgelobter und mit Preisen \u00fcberh\u00e4ufter Roadmovie \u00bbNomadland\u00ab mit einer gro\u00dfartigen Frances McDormand in der Hauptrolle und phantastischen Landschaftspanoramen war daf\u00fcr ein Paradebeispiel. Der haupts\u00e4chlich mit Laiendarstellern gedrehte Film \u00fcber die Arbeitsnomaden, die seit der gro\u00dfen Rezession 2007 in den USA zwischen Amazon-Lager und Burgerbratbuden durch das Land pendeln, wirkte zwar auf den ersten Blick beinahe dokumentarisch, letztlich wurde das Leben der Wanderarbeiter jedoch zu sehr romantisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Weitaus realistischer als \u00bbNomadland\u00ab war die Netflix-Miniserie \u00bbMaid\u00ab, die auf dem gleichnamigen autobiographischen Roman von Stephanie Land beruht: Eine junge Frau flieht mit ihrer Tochter aus einer toxischen Beziehung und strampelt sich fortan als unterbezahlte Putzfrau ab, um sich und ihr Kind vor einem Leben auf der Stra\u00dfe zu bewahren. Dennoch hat sie kaum eine Chance, dem Teufelskreis der Armut zu entkommen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Stream des Geldes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um die Perspektivlosigkeit ging es auch in der vielleicht erfolgreichsten Serie des Jahres: \u00bbSquid Game\u00ab von Hwang Dong-hyuk. Nach der Serie \u00bbHaus des Geldes\u00ab, deren endg\u00fcltiges Finale soeben erschienen ist, warf Netflix somit eine weitere Produktion auf den Markt, die dem kollabierenden Kapitalismus den Spiegel vorh\u00e4lt&nbsp;\u2013 und macht damit unfassbar viel Kohle. Derweil diskutieren Schulpsychologen immer noch, ob Grundschulkinder Spiele aus der ultra\u00adbrutalen Serie, die eigentlich erst ab 16 freigegeben ist, auf ihrem Schulhof nachstellen d\u00fcrfen. Jugendgef\u00e4hrdende Netflix-Serien?! Das hat gerade noch gefehlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Uneingeschr\u00e4nkt zu empfehlen ist Dennis Villeneuves d\u00fcster-melancholische Neuverfilmung von \u00bbDune\u00ab. Der Regisseur hat aus dem als unverfilmbar geltenden Romanstoff, an dem bereits David Lynch 1984 grandios gescheitert ist, ein \u00fcberw\u00e4ltigenden Science-Fiction-Epos geformt: Das Publikum wird im ersten Teil einer geplanten Trilogie auf den trostlosen W\u00fcstenplaneten katapultiert, wo Hans Zimmers bombastischer Soundtrack ihm gewohnt zuverl\u00e4ssig das Hirn wegbl\u00e4st. Wir haben statt des Erl\u00f6sers Paul Atreides jetzt immerhin Karl Lauterbach.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pegel der Liebe<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Manch einer floh in diesem Jahr gern in den privaten Rausch, genau wie ein paar Lehrer im gleichnamigen Film von Thomas Vinterberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Long-Isolation-Drinks genehmigte man sich im Pandemiejahr auch gern zu \u00bbSummer of Soul\u00ab. Questlove, der Drummer von The Roots, stellte den gro\u00dfartigen Musikfilm \u00fcber das weitgehend unbekannte New Yorker Festival \u00bbBlack Woodstock\u00ab von 1969 fertig. Unfassbar, dass man das Material der spektakul\u00e4ren Auftritte von Bands wie Sly &amp; The Family Stone, dem blutjungen Stevie Wonder, Gospelk\u00f6nigin Mahalia Jackson und vielen anderen \u00fcber 50 Jahre nicht anfasste.<\/p>\n\n\n\n<p>Des Weiteren konnte man sich im 2G-Home-Entertainment mit mittlerweile unz\u00e4hligen Premium-Abos Musikfilme \u00fcber die Sparks, Velvet Underground und sogar eine sechsst\u00fcndige Beatles-Doku, kuratiert von Peter Jackson, ansehen und -h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei so viel Musik aus vergangenen Tagen und Marvel-Popcorn blieb kaum mehr Zeit f\u00fcr musikalische Neuentdeckungen aus Indiehausen. Dabei gab es unfassbar viel zu entdecken! Allein hierzulande: Sophia Kennedy begeisterte mit ihrem zweiten Album \u00bbMonsters\u00ab, ebenso das Dream-Pop-Kollektiv \u00bbDie neue Leichtigkeit\u00ab mit diversen Singles und EPs. Albertine Sarges legte ein kunstvolles Deb\u00fctalbum vor. Im \u00adangels\u00e4chsischen Raum gab es ein Postpunk-Update von Dry Cleaning, The Weather Station brachten ihr Album \u00bbIgnorance\u00ab heraus. Und das Popduo Dumbo Gets Mad hatte mit \u00bbThings Are Random and Time Is Speeding Up\u00ab nicht nur den genialsten Albumtitel des Jahres parat. Auch nicht schlecht gew\u00e4hlt war der Titel \u00bbSprechfunk mit Toten\u00ab f\u00fcr die Cosmic-Disco-Kraut-EP von Hildegard Von Binge Drinking.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Teenager f\u00fchlten sich in den Blockbuster-tauglichen Gef\u00fchlswelten von Olivia Rodrigo, Billy Eilish oder Lana Del Ray (mit gleich zwei Alben) gut aufgehoben. Dabei mussten die Teens auf Discord oder Twitch auch noch die komplette Gamer-Welt im Auge behalten. Im <em>real<\/em> HipHop brauchte es 2021 eigentlich nur das kunstvoll verschachtelte neue Album von Little Simz, um irgendwie mitzureden zu k\u00f6nnen: \u00bbSometimes I Might Be Introvert\u00ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Das aufregendste St\u00fcck Popmusik stammte hingegen von Sarah Brand, einer Soziologin mit Hang zum absurden Popexperiment. Ihr Song \u00bbRed Dress\u00ab ist derma\u00dfen kunstvoll daneben gesungen, dass sie das Lebensgef\u00fchl 2021 wunderbar auf den Punkt gebracht hat&nbsp;\u2013 die schleichende Missstimmung und den Realit\u00e4tsverlust an allen Fronten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mutationen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine deprimierende Parabel auf unsere Zeit war auch die Kriminalkom\u00f6die \u00bbI Care a Lot\u00ab, f\u00fcr die die Hauptdarstellerin Rosamund Pike Anfang des Jahres zu Recht einen Golden Globe gewann. Die von ihr verk\u00f6rperte Blondine im Stil Alfred Hitchcocks ergaunert sich die Vormundschaft f\u00fcr betuchte Senioren, um sie nach Strich und Faden auszunehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch es geht auch anders. Das zeigt die Indie-Regisseurin Kelly Reichardt in einem der besten Filme des Jahres: \u00bbFirst Cow\u00ab. In dem Antiwestern freunden sich zwei ungleiche M\u00e4nner an und setzen der brutalen Realit\u00e4t dieser \u00c4ra Freundlichkeit und solidarisches Verhalten entgegen. Ein nachdenklich stimmendes Drama zur Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Vom neuen Hype um Non-Fungible-Tokens (NFT) wollte Quentin Tarantino profitieren und unver\u00f6ffentlichte Szenen aus \u00bbPulp Fiction\u00ab als digitale Sammelobjekte verscherbeln. Aber seine Filmproduktionsfirma leitete rechtliche Schritte dagegen ein. Andere hatten mehr Gl\u00fcck und konnten Musikvideos und GIFs als Originaldateien verkaufen. Der Kapitalismus mutiert also nicht weniger schnell als das Coronavirus.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Dateien h\u00e4tte man durchaus auch aus dem etwas zu lang \u00adgeratenen Film \u00bbDrive My Car\u00ab von Ry\u016bsuke Hamaguchi herausschneiden k\u00f6nnen. Das Drama basiert auf einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami: Ein trauernder Theaterregisseur und seine traumatisierte Chauffeurin stellen sich in einem knallroten Saab den Schatten ihrer Vergangenheit. Im dahingleitenden Beichtstuhl h\u00f6ren sie sich Aufnahmen der verstorbenen Frau des Regisseurs an, die f\u00fcr ihren Mann Anton Tschechows ber\u00fchmtes Drama \u00bbOnkel Wanja\u00ab auf Band gesprochen hat. Der Schl\u00fcsselsatz im vierten Akt lautet: \u00bbMan muss etwas tun!\u00ab<\/p>\n\n\n\n<p>Wohl wahr. Insgeheim hatte man ja gehofft, dass sich demn\u00e4chst irgendein Marvel-Held um all die irdischen Probleme k\u00fcmmern w\u00fcrde. Schade. Zum Trost kann man immer noch \u00bbBarn\u00ab, das neue (!) Album von Neil Young and Crazy Horse, anh\u00f6ren und frisch geboostert in den Schlusschor einstimmen: \u00bbDon\u2019t Forget Love!\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Selbst der Weltretter James Bond hat das vergangene Jahr nicht \u00fcberlebt. Daf\u00fcr sind Abba auferstanden. Und Nena ist als Impfgegnerin in der Timeline aufgetaucht. Ein R\u00fcckblick auf 2021. 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