{"id":3850,"date":"2022-03-21T12:01:05","date_gmt":"2022-03-21T11:01:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3850"},"modified":"2022-03-21T12:42:50","modified_gmt":"2022-03-21T11:42:50","slug":"hungern-dank-putin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=3850","title":{"rendered":"Hungern dank Putin"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Der russische \u00dcberfall auf die Ukraine l\u00e4sst die weltweiten Nahrungsmittelpreise steigen und bedroht die Lebensmittelsicherheit vieler Menschen. Betroffen sind vor allem L\u00e4nder im Nahen und Mittleren Osten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als im Kreml die Entscheidung fiel, die Ukraine zu \u00fcberfallen, war vielen nicht klar, wie weitreichend und heftig die Auswirkungen sein w\u00fcrden: zahlreiche Todesopfer, Millionen Fl\u00fcchtlinge, ein Umbruch in der politischen und strategischen Ordnung Europas und der Welt, Waffenlieferungen zahlreicher L\u00e4nder in ein Kriegsgebiet, die Gefahr einer Ausweitung des Konflikts in der Region bis hin zu einem Atomkrieg. Hinzu kommen die wirtschaftlichen Folgen. In der EU sorgt man sich vor allem wegen der steigenden Erdgas- und \u00adErd\u00f6lpreise sowie der wirtschaftlichen Sch\u00e4den durch westliche Sanktionen gegen Russland. Viele Menschen in der EU sind derzeit noch bereit, diese Nachteile zu erdulden, um der russischen Aggression angemessen zu entgegnen und der angegriffenen Ukraine beizustehen. Doch die wirtschaftlichen Folgen des Angriffskriegs Wladimir Putins treffen auch andere L\u00e4nder, und diese zum Teil weitaus h\u00e4rter. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/14-Ukraine-Weizenexporte.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/14-Ukraine-Weizenexporte-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3851\" srcset=\"https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/14-Ukraine-Weizenexporte-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/14-Ukraine-Weizenexporte-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/14-Ukraine-Weizenexporte-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.lagota.ch\/wp-content\/uploads\/14-Ukraine-Weizenexporte.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Russland hat eine Bev\u00f6lkerung von rund 145&nbsp;Millionen Menschen, die Ukraine ohne die Krim rund 42&nbsp;Millionen (vor Kriegsbeginn). Die russische National\u00f6konomie macht 1,95&nbsp;Prozent der Weltwirtschaft aus, die ukrainische nur 0,14&nbsp;Prozent; die Ukraine ist mit einem nominalen Pro-Kopf-Einkommen von rund 3 800&nbsp;Euro j\u00e4hrlich eines der \u00e4rmsten L\u00e4nder Europas.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Russland ist der gr\u00f6\u00dfte Weizen\u00adexporteur der Welt; 2020 war es f\u00fcr 17,7&nbsp;Prozent der globalen Weizenexporte verantwortlich, die Ukraine f\u00fcr acht Prozent.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Beide L\u00e4nder haben bis zum Ausbruch des Kriegs erhebliche Mengen an g\u00fcnstigen Grundnahrungsmitteln in die ganze Welt exportiert, darunter Weizen, Mais und Speise\u00f6l. Russland ist der gr\u00f6\u00dfte Weizenexporteur der Welt; 2020 war es f\u00fcr 17,7&nbsp;Prozent der globalen Weizenausfuhren verantwortlich, die Ukraine f\u00fcr acht Prozent; bei den weltweiten Maisexporten betrug der Anteil Russlands 1,1&nbsp;Prozent, der der Ukraine f\u00fcr 13,2&nbsp;Prozent; zusammen stellten sie mehr als die H\u00e4lfte der globalen Ausfuhren von Sonnenblumen\u00f6l. Beide L\u00e4nder exportierten auch Rohstoffe und Produkte, die f\u00fcr die Landwirtschaft dringend ben\u00f6tigt werden; deren Fehlen erh\u00f6ht die Erzeuger\u00adpreise nun enorm. Dazu z\u00e4hlt Erd\u00f6l, aus dem unter anderem Treibstoffe hergestellt werden, ebenso wie Erdgas, das f\u00fcr die Synthese von Ammoniak gebraucht wird, einem zentralen Ausgangsstoff von Stickstoffd\u00fcnger. Hinzu kommt Pottasche, die ebenfalls f\u00fcr die Kunstd\u00fcngerproduktion ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund der Schlie\u00dfung der H\u00e4fen in der Ukraine, des Anstiegs der Mieten f\u00fcr Handelsschiffe im Schwarzen Meer wegen der Kriegshandlungen und der weltweiten Sanktionen gegen Russland sind die Preise f\u00fcr diese und andere Rohstoffe in ungeahnte H\u00f6hen geschossen. Panik beherrscht den Markt. Viele Handelsunternehmen kaufen den Markt leer, weil sie einer weiteren Verteuerung zuvorkommen wollten, Spekulanten tun ein \u00dcbriges. Die europ\u00e4ischen Erdgaspreise waren vor\u00fcbergehend auf das Vierfache gestiegen, sanken aber wieder auf ein lediglich erh\u00f6htes Niveau, nachdem Russland die Drohung nicht wahrgemacht hatte, Gaslieferungen einzustellen. Dennoch k\u00fcndigten mehrere D\u00fcngerexporteure in Europa wie Yara International wegen der hohen Gaspreise eine Drosselung ihrer Produktion an, mit weltweiten Folgen. Die Preise f\u00fcr Getreide stabilisierten sich ebenfalls auf hohem Niveau. Der Maispreis stieg seit dem \u00dcberfall um 20&nbsp;Prozent auf rund 350&nbsp;Euro pro Tonne, der Rapspreis um 20&nbsp;Prozent auf rund 900&nbsp;Euro pro Tonne, der Weizenpreis um 25&nbsp;Prozent auf 366&nbsp;Euro pro Tonne, auch Speise\u00f6l wurde teurer. Die Preise f\u00fcr Schlachttiere stiegen ebenfalls an, im Einklang mit den Preisen f\u00fcr manche Futtermittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die diesj\u00e4hrige Weizenernte in der Ukraine wird wohl viel geringer ausfallen als \u00fcblich. F\u00fcr die Aussaat des Sommerweizens, die \u00fcblicherweise im M\u00e4rz beginnt, ist die Lage zu unsicher, D\u00fcnger konnte nicht mehr in ausreichender Menge beschafft werden, ebenso wie Treibstoff, der zudem f\u00fcr die \u00adArmee ben\u00f6tigt wird. Diese Situation wird verschlimmert durch die aufgrund des Klimawandels immer geringeren Ernten, die bereits dazu gef\u00fchrt haben, dass die europ\u00e4ischen Silos nicht ausreichend gef\u00fcllt sind, was Exporte beeintr\u00e4chtigt. Die bulgarische Regierung k\u00fcndigte ein Ankaufprogramm f\u00fcr lokal produziertes Getreide und Sonnenblumen\u00f6l an, die ungarische beschr\u00e4nkte vor\u00fcbergehend den Export von Getreide. Beides half nicht, die \u00adPanik auf den Rohstoffm\u00e4rkten zu beruhigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die am st\u00e4rksten von dieser Entwicklung betroffene Region ist der Nahe und Mittlere Osten, denn viele dortige Staaten sind f\u00fcr den Gro\u00dfteil ihres \u00adBedarfes an einigen wichtigen Lebensmitteln wie Weizen und Speise\u00f6l auf Importe angewiesen. Aufgrund des kurzen Seewegs zwischen dem Schwarzen Meer und dem \u00f6stlichen Mittelmeer beziehen viele \u00adL\u00e4nder dieser Region ihre Agrarimporte bevorzugt aus der Ukraine und aus Russland. Nun m\u00fcssen sie auf teurere Herkunftsl\u00e4nder wie Bulgarien, Rum\u00e4nien oder Frankreich ausweichen.<br>Hohe Lebensmittelpreise l\u00f6sen oft soziale Unruhen aus, daher subventionieren viele L\u00e4nder der Region Brot und andere Nahrungsmittel.<\/p>\n\n\n\n<p>Je h\u00f6her die Importpreise f\u00fcr Weizen und an\u00addere Lebensmittel sind, desto st\u00e4rker werden die Staatshaushalte dieser \u00adL\u00e4nder belastet. Die Covid-19-Pandemie hatte die Preise f\u00fcr Lebensmittel in der Region bereits steigen lassen, das sorgte f\u00fcr Unmut. Im Herbst 2021 erreichte die Inflation der Lebensmittelpreise in vielen L\u00e4ndern der Region zehn Prozent und mehr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, was vor allem die \u00e4rmere \u00adBev\u00f6lkerung traf. Mit dem \u00dcberfall Russlands auf die Ukraine wird diese Entwicklung noch weiter versch\u00e4rft.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf reagieren die Staaten der Region auf h\u00f6chst unterschiedliche \u00adWeise. Erd\u00f6l und Erdgas exportierende L\u00e4nder wie die Golfmonarchien k\u00f6nnen die h\u00f6heren Importkosten gut verkraften, da ihre Exporteinnahmen stark gestiegen sind. Die Opec-Staaten beispielsweise, zu denen auch Russland geh\u00f6rt, erh\u00f6hten nach dem Beginn der Kriegshandlungen ihre \u00adF\u00f6rdermengen nicht und profitieren so von der Verknappung.<\/p>\n\n\n\n<p>Staaten ohne bedeutende Exporte von \u00d6l und Gas stehen dagegen schlecht da. \u00c4gypten, das etwa zwei Drittel seines Weizens importiert, davon 90&nbsp;Prozent aus der Ukraine und Russland, \u00adgelang es im M\u00e4rz nicht, die \u00fcbliche Menge an Weizen auf dem Weltmarkt zu erschwinglichen Preisen zu kaufen. Um weiterhin subventioniertes Brot an Bed\u00fcrftige abgeben zu k\u00f6nnen, muss der Staat nun stark gestiegene Kosten in Kauf nehmen. Der Preis f\u00fcr nicht subventioniertes Brot stieg in einer Woche um 50&nbsp;Prozent, ein Ende der Verteuerung ist derzeit nicht in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders problematisch ist die Lage in denjenigen Staaten, die schon vor der Covid-19-Pandemie in einer schweren Wirtschaftskrise steckten. Die T\u00fcrkei leidet seit einigen Jahren unter einer schwachen W\u00e4hrung und einer beispiellosen Inflation, die im Februar 54&nbsp;Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erreichte. Auch sie importierte bislang viel Weizen aus der Ukraine und Russland. \u00c4hnlich sieht es im Sudan aus, der sich seit den Protesten gegen das Regime 2018 und 2019 in einer po\u00adlitischen und einer wirtschaftlichen Krise befindet. Die Situation in Syrien sieht kaum besser aus, das von Russland milit\u00e4risch, aber nicht \u00f6konomisch gest\u00fctzte Regime von Bashar al-Assad musste weitere Sparma\u00dfnahmen ank\u00fcndigen und hat Weizen rationiert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4u\u00dferst kritisch ist die Lage auch im Libanon, dessen Inflationsrate wegen einer schweren Schuldenkrise schon vor Kriegsausbruch im Februar rund 240&nbsp;Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat erreicht hatte. 2020 stammten \u00fcber 80&nbsp;Prozent der libanesischen Weizenimporte aus der Ukraine, 15&nbsp;Prozent aus Russland, und die verheerende Explosion von schlecht gelagerten Chemiestoffen im Hafen von Beirut 2020 besch\u00e4digte auch Silos. Libanons Wirtschaftsministerium musste deshalb einr\u00e4umen, dass das Land nur noch Weizenreserven f\u00fcr einen bis eineinhalb Monate habe, und berief eine Notfallkommission f\u00fcr Lebensmittelsicherheit ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Am schlimmsten getroffen hat es jedoch den Jemen. Das B\u00fcrgerkriegsland litt schon vor dem russischen Krieg und vor der Pandemie aufgrund einer ausl\u00e4ndischen Blockade unter einer Hungersnot. Es ist nahezu vollst\u00e4ndig von Hilfslieferungen und Importen \u00adabh\u00e4ngig, die von Preissteigerungen direkt betroffen sind; ein Drittel der \u00adNahrungsmittelimporte kam bisher aus der Ukraine und Russland. Das UN-Weltern\u00e4hrungsprogramm hatte bereits in den vergangenen Monaten aufgrund von Geldproblemen die Nahrungsmittelzuwendungen in den \u00adJemen trotz der katastrophalen Versorgungslage drastisch k\u00fcrzen m\u00fcssen, da 2021 nur rund 60&nbsp;Prozent der ben\u00f6tigten Spenden eingeworben worden waren. Die Houthi-Rebellen, die die Hauptstadt Sanaa und einen gro\u00dfen Teil des Landes kontrollieren, beteuern, sie h\u00e4tten genug Weizen f\u00fcr vier Monate, gleichwohl kam es \u00fcberall im Jemen zu panischen Hamsterk\u00e4ufen von Nahrung und Benzin. Die n\u00e4chste UN-Geberkonferenz f\u00fcr den Jemen ist f\u00fcr den 16. M\u00e4rz geplant. Angesichts der enormen Preiserh\u00f6hungen f\u00fcr Lebensmittel ist zu bef\u00fcrchten, dass die UN ihre Hilfen weiter k\u00fcrzen m\u00fcssen.<br><br>Quelle: <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2022\/11\/hungern-dank-putin\">https:\/\/jungle.world\/artikel\/2022\/11\/hungern-dank-putin<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der russische \u00dcberfall auf die Ukraine l\u00e4sst die weltweiten Nahrungsmittelpreise steigen und bedroht die Lebensmittelsicherheit vieler Menschen. Betroffen sind vor allem L\u00e4nder im Nahen und Mittleren Osten. 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