{"id":39,"date":"2010-09-03T19:12:45","date_gmt":"2010-09-03T17:12:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.lagota.ch\/?p=39"},"modified":"2010-09-03T20:12:25","modified_gmt":"2010-09-03T18:12:25","slug":"zum-krieg-in-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=39","title":{"rendered":"Zum Krieg in Afghanistan"},"content":{"rendered":"<h2><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright\" title=\"Wikileaks\" src=\"\/pic\/Wikileaks_logo.gif\" alt=\"\" width=\"71\" height=\"164\" \/>Warum WikiLeaks den Krieg nicht stoppen wird<\/h2>\n<address>von Noam Chomsky<\/address>\n<p>Die &#8216;Kriegstageb\u00fccher&#8217;, die von der Organisation WikiLeaks im Internet ver\u00f6ffentlicht wurden &#8211; ein Archiv mit Geheimdokumenten des US-Milit\u00e4rs \u00fcber sechs Jahre Krieg in Afghanistan -, zeigen, aus amerikanischer Perspektive, wie ein grimmiger Kampf immer grimmiger wird. F\u00fcr die Afghanen bedeutet dies weitere Schrecken.<\/p>\n<p>Doch so kostbar die &#8216;Kriegstageb\u00fccher&#8217; auch sind, vielleicht werden sie nur das alte Sprichwort belegen, dass Kriege nur dann als Fehler gelten, wenn sie verloren gehen &#8211; man denke an die Nazis in Stalingrad.<\/p>\n<p>Im vergangenen Monat ereignete sich das Fiasko mit General Stanley A. McChrystals erzwungenem R\u00fccktritt als Kommandeur der US-Truppen in Afghanistan. McChrystal wurde durch seinen Vorgesetzten, General David H. Petraeus, ersetzt.<\/p>\n<p>Eine m\u00f6gliche plausible Folge dieses Wechsels k\u00f6nnte eine laschere Auslegung der Verhaltensregeln f\u00fcr Soldaten im Einsatz (rules of engagement) sein, so dass es ihnen leichter fallen wird, Zivilisten zu t\u00f6ten sowie die zeitliche Ausdehnung des Krieges bis weit in die Zukunft. Schlie\u00dflich setzt General Petraeus seinen Einfluss im Kongress ein, um dies zu erreichen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Pr\u00e4sident Obama ist &#8216;Afghanistan&#8217; sein wichtigster Krieg derzeit. Das offizielle Ziel lautet, uns vor al-Kaida zu sch\u00fctzen. Doch al-Kaida ist eine virtuelle Organisation, ohne spezifische Basis &#8211; sie besteht aus einem &#8220;Netzwerk von Netzwerken&#8221; und ist ein &#8220;Widerstand ohne F\u00fchrer&#8221;. So steht es in der professionellen Literatur. Das gilt heute mehr denn je, da al-Kaida mittlerweile aus verschiedenen, relativ unabh\u00e4ngigen Fraktionen besteht, die \u00fcber die Welt verstreut sind und in loser Verbindung stehen.<\/p>\n<p>Die CIA geht davon aus, dass sich derzeit zwischen 50 und 100 Aktivisten der al-Kaida in Afghanistan aufhalten, und nichts deutet darauf hin, dass die Taliban den Fehler erneut begehen wollen, al- Kaida Asyl zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Im Gegensatz hierzu scheinen sich die Taliban in weiten Teilen der Paschtunen-Gebiete etabliert zu haben &#8211; in einer weitl\u00e4ufigen, unwirtlichen Landschaft.<\/p>\n<p>Im Februar erprobte Pr\u00e4sident Obama erstmalig seine neue Strategie: Er schickte die US-Marines in die Provinz Helmand &#8211; in den kleinen Bezirk Mardschah -, um ihn zu erobern. Dieses Gebiet war das Hauptzentrum des Aufstands.<\/p>\n<p>Richard A. Oppel Jr. von der New York Times berichtete von dort: &#8220;Die Marines stie\u00dfen auf eine derart starke Identifizierung (der Menschen) mit den Taliban, dass es eher so schien, als sei die Bewegung gut Freund mit der einzigen politischen Organisation, die es in dieser Stadt mit nur einen Partei gab und die alle beeinflusste&#8221;.<\/p>\n<p>&#8220;Wir m\u00fcssen unsere &#8220;Feind&#8221;-Definition \u00fcberpr\u00fcfen&#8221;, sagte Brigadegeneral Larry Nicholson, der die MEB (Marine Expeditionary Brigade) in Helmand kommandierte. &#8220;Die meisten Leute hier bezeichnen sich selbst als Taliban. Entsprechend m\u00fcssen wir unser Denken anpassen &#8211; so dass wir nicht versuchen, die Taliban aus Mardschah zu verjagen, sondern versuchen, den Feind zu verjagen&#8221;.<\/p>\n<p>Die Marines sehen sich mit einem Problem konfrontiert, mit dem sich alle Eroberer herumqu\u00e4len mussten und m\u00fcssen. Es \u00e4hnelt sehr dem Problem, das die USA in Vietnam hatten. 1969 jammerte Douglas Pike, der f\u00fchrende Vietnam-Experte der US-Regierung, dass der Feind &#8211; die &#8216;Nationale Befreiungsfront&#8217;  (NLF) &#8211; die einzige &#8220;politische Partei in S\u00fcdvietnam mit einer wirklichen Massenbasis&#8221; sei.<\/p>\n<p>Jeder Versuch, mit diesem Feind auf politischer Ebene zu konkurrieren, w\u00fcrde dem Kampf  einer Elritze mit einem Wal gleichen, so Pikes Einsicht damals. Daher mussten wir die politische Macht der NLF mit etwas brechen, bei dem wir besser waren &#8211; mit Gewalt. Die Folgen waren verheerend.<\/p>\n<p>Auch andere hatten \u00e4hnliche Probleme &#8211; so die Russen in Afghanistan w\u00e4hrend der 80ger Jahre. Sie gewannen jede Schlacht &#8211; und verloren den Krieg.<\/p>\n<p>Bruce Cumings, Dozent f\u00fcr Asiatische Geschichte an der University of Chicago, hat \u00fcber einen anderen amerikanischen Einmarsch &#8211; den Einmarsch 1898 in die Philippinen -, geschrieben. Er machte dabei eine Bemerkung, die sich nur allzu gut mit der heutigen Situation in Afghanistan vergleichen l\u00e4sst: &#8220;Wenn ein Seemann sieht, dass sein Kurs in die Katastrophe f\u00fchrt, \u00e4ndert er den Kurs, doch wenn Imperialarmeen mit ihren Stiefeln in Treibsand treten, marschieren sie immer weiter &#8211; und sei es auch nur im Kreis herum -, w\u00e4hrend die Politiker das Phrasenbuch der amerikanischen Ideale dreschen&#8221;.<\/p>\n<p>Nach dem Triumph in Mardschah wurde erwartet, dass die Streitkr\u00e4fte, unter F\u00fchrung der USA, nun die gr\u00f6\u00dfte Stadt in Kandahar angreifen w\u00fcrden. Doch laut einer Umfrage der U.S. Army vom April waren 95 Prozent der dortigen Bev\u00f6lkerung gegen eine Milit\u00e4roperation. Von sechs Leuten dort sehen f\u00fcnf die Taliban als &#8220;unsere afghanischen Br\u00fcder&#8221; an. Auch das erinnert an fr\u00fchere Eroberungsprojekte. Die Kandahar-Pl\u00e4ne wurden auf Eis gelegt &#8211; einer der Hintergr\u00fcnde f\u00fcr McChrystals Abschied.<\/p>\n<p>Unter diesen Umst\u00e4nden wundert es nicht, dass die Verantwortlichen in den USA besorgt sind, die Unterst\u00fctzung in der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr den Afghanistankrieg k\u00f6nnte weiter abbr\u00f6ckeln.<\/p>\n<p>Im Mai ver\u00f6ffentlichte WikiLeaks ein Memorandum der CIA vom M\u00e4rz, in dem es darum ging, wie man die Unterst\u00fctzung der Europ\u00e4er f\u00fcr den Krieg aufrechterhalten k\u00f6nne. Das Memorandum trug den Untertitel: &#8216;Warum es (m\u00f6glicherweise) nicht gen\u00fcgen k\u00f6nnte, sich auf Apathie zu verlassen&#8217;. (&#8216;Why Counting on Apathy Might Not Be Enough&#8217;).<\/p>\n<p>&#8220;Der niedrige Stellenwert der Afghanistan-Mission in der dortigen \u00d6ffentlichkeit hat es den F\u00fchrern in Frankreich und Deutschland m\u00f6glich gemacht, die Opposition im Volk zu ignorieren und ihren Truppenbeitrag zur ISAF (International Security Assistance Force) stetig zu steigern&#8221;, so das Memorandum.<\/p>\n<p>&#8220;Zur Zeit stellen Berlin und Paris das dritt- beziehungsweise vierth\u00f6chste Truppen-Level der ISAF, obgleich 80 Prozent der befragten Deutschen und Franzosen gegen eine Erh\u00f6hung der zu entsendenden ISAF-Truppen sind&#8221;. Daher sei es notwendig, &#8220;Informationen zu k\u00fcrzen&#8221;, um &#8220;R\u00fcckschl\u00e4gen vorzubeugen oder (sie) zumindest einzud\u00e4mmen&#8221;.<\/p>\n<p>Dieses Memorandum der CIA sollte uns daran erinnern, dass Staaten einen internen Feind haben: ihre eigene Bev\u00f6lkerung. Wenn diese Bev\u00f6lkerung gegen die staatliche Politik ist, muss sie (die Bev\u00f6lkerung) unter Kontrolle gebracht werden.<\/p>\n<p>Demokratische Gesellschaften st\u00fctzen sich nicht auf Gewalt sondern auf Propaganda. Mithilfe &#8220;notwendiger Illusionen&#8221; und &#8220;emotional kraftvoller \u00dcbersimplifizierungen&#8221; basteln sie einen Konsens &#8211; um Obamas Lieblingsphilosophen Reinhold Niebuhr zu zitieren.<\/p>\n<p>Der Kampf um die Kontrolle des Feindes im Innern bleibt daher hochbrisant &#8211; auch die Zukunft des Kriegs in Afghanistan k\u00f6nnte davon abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/zmag.de\/front-page\/artikel\/warum-wikileaks-den-krieg-nicht-stoppen-wird\" target=\"_blank\">Zmag<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum WikiLeaks den Krieg nicht stoppen wird von Noam Chomsky Die &#8216;Kriegstageb\u00fccher&#8217;, die von der Organisation WikiLeaks im Internet ver\u00f6ffentlicht wurden &#8211; ein Archiv mit Geheimdokumenten des US-Milit\u00e4rs \u00fcber sechs Jahre Krieg in Afghanistan -, zeigen, aus amerikanischer Perspektive, wie &hellip; <a href=\"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=39\">Continue reading <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,6],"tags":[],"class_list":["post-39","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aus-aller-welt","category-news"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=39"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":57,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/39\/revisions\/57"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=39"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=39"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.lagota.ch\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=39"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}