{"id":4059,"date":"2023-07-17T07:44:23","date_gmt":"2023-07-17T06:44:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4059"},"modified":"2023-07-17T07:44:23","modified_gmt":"2023-07-17T06:44:23","slug":"rodrigo-lanza-und-die-schlinge-der-justiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.lagota.ch\/?p=4059","title":{"rendered":"Rodrigo Lanza und die Schlinge der Justiz"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Im Dezember 2017 wurde der Anarchist und Antifaschist Rodrigo Lanza in einer Bar in Saragossa von einem stadtbekannten Neonazi angegriffen. Unter Todesangst wehrte er sich und schlug den Neonazi zu Boden. Wenige Tage nach der Auseinandersetzung erlag dieser seinen Verletzungen. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter wird Rodrigo zu drakonischen 18,5 Jahren Haft verurteilt. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die staatliche Repression und rechte Medienhetze gegen Antifaschist:innen in Spanien. Aber die Geschichte von Rodrigo und seinen Leidensgenoss:innen beginnt lange vor jener fatalen n\u00e4chtlichen Begegnung in Saragossa: Sie reicht bis ins Jahr 2006 zur\u00fcck. Ein Res\u00fcmee in elf Akten.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/rodrigo-lanza\/\">https:\/\/www.ajourmag.ch\/rodrigo-lanza\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>I. Ein Viertel wehrt sich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Altstadtviertel Ribera in Barcelona spielte sich ab den 1990er Jahren ein Konflikt ab, der typisch f\u00fcr den modernen kapitalistischen Urbanismus ist. Im Rahmen von Gentrifizierungsprozessen werden innerst\u00e4dtische Viertel mit Altbaubestand aufgewertet. Meistens sind es Immobilienunternehmen, doch in diesem Fall ist es der Staat, der sich Land und Wohnobjekte sichern m\u00f6chte und die proletarischen Viertelbewohner:innen verdr\u00e4ngt. Trotz vehementer Kritik der Einwohner:innen hat er im Jahr 1997 die ersten Wohnungen im Zentrum des Ribera-Viertels aufgekauft und abgerissen. Es entstand eine Leerfl\u00e4che von etwa sechstausend Quadratmetern. Der beim Abriss entstandene Bauschutt wurde von den Beh\u00f6rden \u00fcber Wochen liegengelassen, was der Leerfl\u00e4che den Namen \u00abForat de la Vergonya\u00bb (\u00abSchandfleck\u00bb) einbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst im Jahr 2000 war definitiv klar, was auf der Leerfl\u00e4che entstehen soll: eine Tiefgarage und ein Sportzentrum. In der Nachbarschaft formierte sich alsbald Widerstand: Das Nachbarschaftskollektiv \u00abColectivo del Forat\u00bb verband sich mit Leuten aus der Hausbesetzer:innenbewegung, die Anfang der 2000er Jahre angefangen hatte, H\u00e4user im Viertel zu besetzen. Gemeinsam besetzten sie die Leerfl\u00e4che und erschufen einen kollektiven Garten und Begegnungsort. Was folgte, war ein jahrelanger Konflikt zwischen den Beh\u00f6rden auf der einen und den Quartierbewohner:innen und Hausbesetzer:innen auf der anderen Seite. Im Jahr 2002 zerst\u00f6rte ein grosses Polizeiaufgebot den Garten und umz\u00e4unte ihn. Wenige Tage sp\u00e4ter wurde der Zaun w\u00e4hrend einer Demonstration wieder abgerissen und der \u00abSchandfleck\u00bb erneut kollektiviert. Daraufhin liessen die Beh\u00f6rden \u00fcber mehrere Jahre von ihren Pl\u00e4nen ab und die Einwohner:innen konnten die Fl\u00e4che entsprechend ihren Vorstellungen gestalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Schandfleck-564x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7284\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der \u00abSchandfleck\u00bb im Stadtteil \u00abLa Ribera\u00bb in Barcelona<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>II. Die Stimmung kippt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2006 hatten die Beh\u00f6rden ihre Pl\u00e4ne f\u00fcr den Bau einer Tiefgarage und eines Sportzentrums bereits aufgegeben. Dennoch sollte der \u00abSchandfleck\u00bb im Rahmen eines Stadterneuerungsprogramms f\u00fcr verarmte Gegenden umgebaut werden. Die von den Beh\u00f6rden propagierte B\u00fcrger:innenbeteiligung f\u00fcr das Erneuerungsprojekt versprach den Quartierbewohner:innen, den Umbau mitzugestalten. Das f\u00fchrte zu einer Spaltung in der Nachbarschaft, denn nicht alle waren mit dem Vorhaben der Beh\u00f6rden einverstanden, einen Park zu errichten, der den kollektiv verwaltete Bewegungsort und Garten ersetzen sollte. Zudem misstrauten einige Gruppen \u2012 unter anderem auch das \u00abColectivo del Forat\u00bb, das massgeblich an der kollektiven Aneignung des \u00abSchandflecks\u00bb beteiligt war \u2013 der B\u00fcrger:innenbeteiligung. Es war daher kaum verwunderlich, dass eine Demonstration im Viertel organisiert wurde, sobald die ersten Bagger eintrafen. Die \u00fcber Jahre angestaute Wut war nicht mehr zu b\u00e4ndigen. Es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei und die lokalen Medien hatten die Verantwortlichen daf\u00fcr schnell gefunden: die Hausbesetzer:innen. Die im Viertel bereits angespannte Stimmung heizte sich weiter an, als ein Squat in der N\u00e4he des \u00abSchandflecks\u00bb ger\u00e4umt werden sollte. Dessen R\u00e4umung sollte langwierige und unerwartete Konsequenzen mit sich bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>III. Die verheerende R\u00e4umung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 4. Februar 2006, am Abend der R\u00e4umung der mehrst\u00f6ckigen Besetzung \u00abAnarko Pe\u00f1a Cultural\u00bb, organisierten deren Bewohner:innen ein grosse Party mit etwa tausend Leuten. Als die Polizei anr\u00fcckte, kam es zu Ausschreitungen. Im Zuge dessen wurden Pflanzent\u00f6pfe aus den oberen St\u00f6cken des Geb\u00e4udes geworfen. Ein Polizist, der ohne Helm aufger\u00fcckt war, wurde dabei schwer verletzt. Er ist seither querschnittgel\u00e4hmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Rodrigo, Alex und Juan, alle drei S\u00fcdamerikaner mit europ\u00e4ischen P\u00e4ssen in ihren Zwanzigern, waren gegen 6 Uhr morgens auf dem Nachhauseweg, als sie in eine Menschenmenge vor der Besetzung gerieten, die von der Polizei attackiert wurde. Sie wurden im ganzen Durcheinander verhaftet und so brutal mit Schl\u00e4gen traktiert, dass sie von der Polizei noch am selben Morgen in ein Spital gebracht werden mussten. Einem der drei jungen M\u00e4nner wurde die Hand dermassen zertr\u00fcmmert, dass er sp\u00e4ter eine Operation ben\u00f6tigte. Vier weitere Leute wurden ebenfalls am selben Ort verhaftet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>IV. Eine queere Poetin auf dem Fahrrad<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Patricia \u00abPatri\u00bb Heras, eine queere Aktivist:in und Poetin mit einer Faszination f\u00fcr Comics arbeitete als Bartender und war an jenem Abend in Trinklaune. Etwa zur selben Zeit, als es vor dem besetzten Haus zu Auseinandersetzungen mit der Polizei kam, befanden sich Patri und ihr Freund Alfredo an einem anderen Ort der Stadt und entschieden sich daf\u00fcr, ihren Trinkabend zu beenden. Betrunken stiegen sie aufs Fahrrad und wenig sp\u00e4ter befanden sie sich aufgrund eines Sturzes in einer Ambulanz auf dem Weg ins Spital. Dort begegneten sie Rodrigo, Alex und Juan, die nach der Pr\u00fcgelattacke der Polizei ebenfalls behandelt werden mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Patris Aussehen einem subkulturellen, alternativen Kleidungsstil entsprach, entschlossen sich die anwesenden Polizist:innen, sie und ihren Freund Alfredo ebenfalls zu verhaften. Sie durchsuchten Patris Handy und stiessen auf angeblich suspekte Nachrichten, die beweisen sollten, dass sie an den Auseinandersetzungen im Zuge der R\u00e4umung beteiligt war. Patri und Alfredo wurden statt aus dem Spital entlassen, zusammen mit Rodrigo, Alex und Juan in ein Polizeiauto gebracht. Wenig sp\u00e4ter erfuhren sie, dass sie verd\u00e4chtigt wurden, f\u00fcr die schweren Verletzungen des querschnittgel\u00e4hmten Polizisten verantwortlich zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>V. Folter und Falschbeschuldigungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Rodrigo, Alex und Juan wussten zun\u00e4chst nicht, was ihnen vorgeworfen wurde. Rodrigo erfuhr es erst, als vermummte Polizisten ihn verh\u00f6rten und folterten. Auf der Polizeistation wurde er zun\u00e4chst verpr\u00fcgelt, bevor er an Armen und Beinen gepackt und gestreckt wurde w\u00e4hrend ein Polizist ihn w\u00fcrgte. Die anderen zwei Verhafteten mussten Morddrohungen und rassistische Beleidigungen \u00fcber sich ergehen lassen. Nach dem \u00abVerh\u00f6r\u00bb wurden sie zur Ermittlungsrichterin Carmen Garc\u00eda Mart\u00ednez gebracht, die nicht daran interessiert war, was den jungen M\u00e4nnern widerfahren war. Ihnen wurde mitgeteilt, dass sie des versuchten Mords bezichtigt wurden, was mit bis zu 25 Jahren geahndet werden kann. Die drei jungen S\u00fcdamerikaner mussten zwei Jahre in Untersuchungshaft. Die anderen sechs Angeklagten, f\u00fcnf Spanier:innen und eine Deutsche, konnten in Freiheit auf den Prozess warten. Als Grund gab die Ermittlungsrichterin Garc\u00eda Mart\u00ednez an, dass bei Rodrigo, Alex und Juan Fluchtgefahr bestand.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-vimeo wp-block-embed-vimeo\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"La lucha por la verdad es la lucha por la libertad\" src=\"https:\/\/player.vimeo.com\/video\/8567068?dnt=1&amp;app_id=122963\" width=\"640\" height=\"480\" frameborder=\"0\" allow=\"autoplay; fullscreen; picture-in-picture; clipboard-write\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Interview mit Rodrigo (2009)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Prozesses wurde behauptet, dass der querschnittgel\u00e4hmte Polizist von einem Stein getroffen worden sei, den einer der drei S\u00fcdamerikaner von der Strasse aus geworfen habe, obwohl es Videos gibt, auf denen zu sehen ist, wie aus dem Geb\u00e4ude heraus Pflanzent\u00f6pfe auf die Polizisten geworfen wurden. Von der Verteidigung beauftragte Gerichtsmediziner:innen haben best\u00e4tigt: Die Sch\u00e4delfraktur des Polizisten kann nur von einem Wurf aus der H\u00f6he passiert sein. Selbst der damalige B\u00fcrgermeister hatte kurz nach dem Vorfall davon gesprochen, dass er einen Bericht erhalten habe, in dem davon die Rede gewesen sei, dass ein Pflanzentopf aus einem Balkon auf den verletzten Polizisten geworfen worden sei. Er zog jedoch wenig sp\u00e4ter seine Aussage zur\u00fcck und durfte vor Gericht nicht befragt werden. Indes wurden weder DNA-Spuren noch Fingerabdr\u00fccke der drei Angeklagten auf einem der Steine \u2013 die angeblichen Tatwaffen \u2013 gefunden. Lediglich die Aussagen der Polizisten Bakari Samyang und V\u00edctor Bayona, die massgeblich an der Folter, den Schikanen und den Misshandlungen w\u00e4hrend den Verhaftungen beteiligt waren, wurden als Beweismittel herangezogen. Beide wurden wenige Jahre sp\u00e4ter in einem anderen Fall wegen schwerer Folter und dem Vort\u00e4uschen einer Straftat verurteilt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einem langen juristischen Prozess wurden schliesslich alle Angeklagten im sogenannten Fall \u00ab4F\u00bb (4. Februar) zu Freiheitsstrafen verurteilt. Nach einem Revisionsverfahren 2009 wurden die Strafen sogar erh\u00f6ht. Die Angeklagten erhielten Freiheitsstrafen zwischen 2,5 und f\u00fcnf Jahren. Rodrigo erhielt die h\u00f6chste Strafe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/rodrigo-1-403x600.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7287\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Rodrigo Lanza nach dem Absitzen seiner ersten Gef\u00e4ngnisstrafe. Quelle: revistacontrahistoria.blogspot.com<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>VI. Patris Tod<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Patri wurde zu 3,5 Jahren Haft verurteilt. Ihr wurde vorgeworfen, w\u00e4hrend der Auseinandersetzungen vor dem besetzten Haus einen Zaun auf die Polizei geworfen zu haben. Nach einigen Monaten im Gef\u00e4ngnis wurde ihre Strafe in Halbgefangenschaft umgewandelt. Doch der ganze Prozess und die falschen Beschuldigungen \u2013 sie war w\u00e4hrend der Auseinandersetzungen im Jahr 2006 gar nicht vor Ort und wurde, wie die anderen Verurteilten, lediglich aufgrund \u00e4usserlicher Merkmale verhaftet \u2013 hatten ihre Spuren hinterlassen. In einem Blog publizierte sie regelm\u00e4ssig ihre Poesie und beschrieb in einem langen Post auch detailliert, was an jenem Abend geschehen war und wie ungerecht und absurd die ganze Situation ist. Es gelang ihr jedoch nicht, ihre Ohnmacht und Trauer zu verarbeiten. Am 26. April 2011 beging sie Selbstmord, indem sie sich aus dem 7. Stock ihres Wohnhauses st\u00fcrzte. Ihre engsten Freund:innen hatten kurz zuvor Abschiedsnachrichten erhalten, in dem sie unter anderem die Falschbeschuldigungen beklagte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/patri-600x450.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7285\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Patricia \u00abPatri\u00bb Heras (rechts) <strong>\u271d<\/strong> 26. April 2011<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/solidemo-patri-1-600x507.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7290\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Demo nach dem Suizid von Patricia Heras. Quelle: Diagonal el Periodico<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>VII. Eine tote Stadt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Tod von Patri entz\u00fcndete die Wut vieler Menschen und es kam zu einem langwierigen Kampf, um den Fall sichtbar zu machen und Patri zu gedenken. Freund:innen und Soligruppen organisierten unz\u00e4hlige Infoveranstaltungen und Demonstrationen, w\u00e4hrend Rodri, Alex und Juan, die immer noch im Gef\u00e4ngnis waren, zusammen mit Rodris Mutter in einen Hungerstreik traten. Dennoch interessierten sich die grossen Medienh\u00e4user und die Politiker:innen kaum f\u00fcr den Fall. Die Guardia Urbana, die Stadtpolizei von Barcelona, hat indes nichts zu bef\u00fcrchten, obwohl sie seit langem daf\u00fcr bekannt ist, Sexarbeiter:innen, Migrant:innen und Leute aus der \u00abalternativen Szene\u00bb zu schikanieren, zu misshandeln und zu foltern. Erst als im Jahr 2013 der <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zObJ77Y6VZQ\">Dokumentarfilm \u00abCiutat Morta\u00bb (Tote Stadt)<\/a> \u00fcber die \u00ab4F\u00bb ausgestrahlt wurde, bekam der Fall Bekanntheit \u2013 in ganz Spanien, insbesondere jedoch in Katalonien. Zur Premiere des Films besetzten am 8. Juni 2013 achthundert Menschen das elf Jahre zuvor geschlossene Kino \u00abPalacio del Cine de V\u00eda Layetana\u00bb und tauften es in \u00abCinema Patricia Heras\u00bb um.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/solidemo-fuer-die-4-600x398.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7286\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Solidemo in Barcelona (Jahr unbekannt). \u00abFreiheit f\u00fcr die Gefangenen. Solidarit\u00e4t mit Juan, Mariana, Rodri und Alex im Hungerstreik\u00bb<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>VIII. Von Bar zu Bar<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember 2017 war der als \u00ab4F\u00bb bekannte Fall in der \u00d6ffentlichkeit praktisch in Vergessenheit geraten. Der Name Rodrigo Lanza sollte jedoch bald in aller Munde sein und seine Verurteilung im Fall \u00ab4F\u00bb war gefundenes Fressen f\u00fcr konservative und rechte Journalist:innen und Meinungsmacher:innen. Was war geschehen? Rodrigo war im Dezember 2017 in Saragossa bis tief in die Nacht mit drei Freund:innen in verschiedenen Bars unterwegs. Wie er sp\u00e4ter erz\u00e4hlte, hatte er an jenem Abend zu viel getrunken. In einer der Bars trafen die vier Freund:innen auf den Neonazi V\u00edctor La\u00ednez. Was dann genau geschah, ist unklar, es gibt verschiedene Versionen. Laut Rodrigo und seinen Freund:innen kam es zun\u00e4chst zu einer verbalen Auseinandersetzung, weil Rodrigo von La\u00ednez aufgrund seiner s\u00fcdamerikanischer Herkunft rassistisch beleidigt wurde. Aus Angst, La\u00ednez k\u00f6nnte seine Nazi-Kameraden mobilisieren, versuchten die vier Freund:innen daraufhin die Bar m\u00f6glichst schnell wieder zu verlassen. Dabei wurde Rodrigo vom Faschisten mit einem Messer angegriffen. Panisch versuchte er sich mit Schl\u00e4gen und Tritten zu wehren. Einer seiner Schl\u00e4ge brachte den 120 Kilogramm schweren La\u00ednez zu Boden. Er schlug mit dem Kopf auf und vier Tage sp\u00e4ter erlag er seinen Verletzungen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/nazis-600x338.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7288\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Der Faschist Victor La\u00ednez (links) mit zwei Kumpanen<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>IX. Das Monster und das Unschuldslamm<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Medien st\u00fcrzten sich nach dem Tod von La\u00ednez auf den Fall und Rodrigo wurde aufgrund der Geschehnisse im Fall \u00ab4F\u00bb und seiner mehr als fragw\u00fcrdigen Verurteilung als skrupelloser, ideologisch verblendeter und gewaltt\u00e4tiger Wiederholungst\u00e4ter dargestellt, w\u00e4hrend La\u00ednez als sympathischer Nachbar und Familienvater von nebenan portr\u00e4tiert wurde. Dass er ein gef\u00e4hrlicher und stadtbekannter Neonazi war, der seit den 1980er Jahren Mitglied der \u00abFalange Espa\u00f1ola de las JONS\u00bb war, einer 1934 gegr\u00fcndeten faschistischen Partei, schien niemanden zu interessieren. Der Fall wurde als \u00abVerbrechen der Hosentr\u00e4ger\u00bb bekannt, da angeblich die Hosentr\u00e4ger in den Farben der spanischen Nationalflagge der Grund f\u00fcr den Angriff von Rodrigo auf La\u00ednez gewesen sein sollen. Zudem zitierten rechtsgerichtete Medien Aussagen von Rodrigo im Dokumentarfilm \u00abCiutat Morta\u00bb, um zu zeigen, dass er angeblich ziellos und aus purem Hass eine unschuldige Person umgebracht h\u00e4tte. Angesprochen auf seine Verhaftung und die Falschbeschuldigung, sagte Rodrigo in Bezug auf das Rechtssystem unter anderem: \u00abIch suche nach Rache, das sage ich ganz klar. [\u2026] Ich glaube heute mehr denn je an die rechtm\u00e4ssige Selbstverteidigung, an den Antifaschismus, an meine Br\u00fcder und Schwestern auf den Strassen, an meine Familie, an meine Prinzipien\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>X. F\u00fcnf, achtzehn<\/strong>, <strong>zwanzig Jahre?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rodrigo wurde einige Tage nach dem Vorfall verhaftet und 2019 in einem ersten Prozess der schweren K\u00f6rperverletzung mit Todesfolge bezichtigt und zu f\u00fcnf Jahren Haft verurteilt. Nach einer Berufung kam es im Jahr 2020 jedoch zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens. W\u00e4hrend die Staatsanwaltschaft eine Gef\u00e4ngnisstrafe von zwanzig Jahren und eine Entsch\u00e4digung von 150.000 Euro forderte, war das f\u00fcr die Nebenklage nicht genug. Unterst\u00fctzt von der rechtspopulistischen Partei VOX forderte die Familie von V\u00edctor La\u00ednez 23 Jahre Haft und 500.000 Euro Entsch\u00e4digung. Die VOX-Partei nutzte den Vorfall, um gegen die angebliche Gefahr von Links Stimmung zu machen und organisierte zudem regelm\u00e4ssig Gedenkveranstaltungen f\u00fcr La\u00ednez.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.ajourmag.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/vox-600x337.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-7292\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Politiker der rechtsextremen Partei VOX bei einer Gedenkveranstaltung f\u00fcr den Faschisten La\u00ednez. Quelle: Periodico Heraldo<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im September 2020 wurde Rodrigo zu zwanzig Jahren Haft und zu einer Entsch\u00e4digungszahlung von 200.000 Euro verurteilt. Ausschlaggebend d\u00fcrfte gewesen sein, dass Rodrigo einerseits bereits durch den \u00ab4F\u00bb-Fall bekannt war und andererseits, dass das Messer, mit dem V\u00edctor La\u00ednez Rodrigo angriff, nie gefunden wurde. Aus diesem Grund w\u00fcrdigte das Gericht diesen Umstand nicht. Aus dem Unterst\u00fctzer:innenumfeld von Rodrigo wird gemunkelt, dass der Besitzer der Bar, ein Freund von La\u00ednez, m\u00f6glicherweise daf\u00fcr verantwortlich sein k\u00f6nnte, dass nicht nur das Messer, sondern auch das Mobiltelefon des Neonazis vor dem Eintreffen der Polizei verschwanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Unterst\u00fctzer:innen von Rodrigo weisen zudem darauf hin, dass es zynisch ist, dass er im zweiten Prozess des Mordes und des ideologisch motivierten Verbrechens schuldig gesprochen wurde, denn letzteres gilt als erschwerender Umstand und wurde eigentlich dazu erschaffen, um Minderheiten vor faschistischem, rassistischem und diskriminierendem Gedankengut zu sch\u00fctzen. Mittlerweile wird aber der Gesetzesartikel in Spanien dazu verwendet, Menschen zu verurteilen, die gegen die Monarchie oder die herrschende Ordnung k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2022 kam der Fall schliesslich vor den Obersten Gerichtshof, der das Urteil auf 18,5 Jahre reduzierte. Dabei wird es vorl\u00e4ufig auch bleiben, denn die letzte juristische Instanz in Spanien, das Verfassungsgericht, hat die Berufung abgelehnt. Rodrigo sitzt mittlerweile erneut seit mehr als f\u00fcnf Jahren im Gef\u00e4ngnis. Die ersten zwei Jahre verbrachte er in Einzelhaft ohne jeglichen Kontakt zu anderen H\u00e4ftlingen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>XI. Endstation Strassburg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Rodrigos Anwalt arbeitet derzeit an der Berufung vor dem Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte in Strassburg. F\u00fcr die Familie, Freund:innen und Unterst\u00fctzer:innen von Rodrigo, wie auch f\u00fcr ihn selbst, ist das Verfahren eine emotionale Achterbahn, die auch jede Menge finanzielle Kosten mit sich bringt. Bis jetzt entstanden Kosten von etwa 30.000 Euro und es werden noch mehr hinzukommen. Die Familie und die Unterst\u00fctzer:innengruppe von Rodrigo rufen zur Solidarit\u00e4t und zur finanziellen Unterst\u00fctzung auf. Sie schreiben: \u00abWir m\u00f6chten alle solidarischen Menschen dazu aufrufen, Rodrigo finanziell zu unterst\u00fctzen. Wir, als Unterst\u00fctzungsgruppe, versuchen gerade den Fall international bekannter zu machen. Hier in Spanien gibt es, wie in anderen L\u00e4ndern auch, eine lange Liste von Menschen, die von Neonazis ermordet wurden. Rodrigo h\u00e4tte ein weiterer Name auf dieser Liste sein k\u00f6nnen, doch er hat sein Leben verteidigt. Wir werden unseren Genossen nicht alleine lassen! Selbstverteidigung ist kein Verbrechen!\u00bb<br><br>Die Soligruppe von Rodrigo kann hier erreicht werden: suport2017@riseup.net<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember 2017 wurde der Anarchist und Antifaschist Rodrigo Lanza in einer Bar in Saragossa von einem stadtbekannten Neonazi angegriffen. Unter Todesangst wehrte er sich und schlug den Neonazi zu Boden. 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